Hoffnungslosigkeit
Angesichts lebensbedrohlicher Krisen stürzt die Psyche in eine Achterbahn. Das Festklammern am Wagenrand ist vergeblich. Der Aufschlag in der Talsohle ist hart. Alles im Körper schmerzt und jammert.
Aber schon kommen die (oft kommerziell motivierten) Retter und versprechen einen raschen Aufstieg, nach dem alles wieder gut werde. Man brauche nur Hoffnung, Mut und Kampfgeist. Dann beginnt der (medizinische oder militärische) Krieg gegen das Übel, die hoffnungsgetriebene Euphorie, der Glaube an den Endsieg. Die kriegerischen Mächte des Guten treiben die Ohnmächtigen an, trainieren ihre Fitness und fordern Opferbereitschaft ein. Sie zeigen auf das hehre Ziel und behaupten, dass viel auch viel helfe. Da es keine Alternative zum Krieg geben könne, seien Kollateralschäden nicht vermeidbar.

Nach viel Mühe, Kraft und Kosten, und nach einigen Etappensiegen, wird schließlich der Gipfel des Glücks erreicht: die Illusion, alles sei wieder gut. Oben am Gipfel des Heils angekommen, zieht plötzlich ein vollkommen unerwarteter Orkan auf und schleudert die Geretteten wieder in den Abgrund. Denn trotz aller Kriege ist das Böse immer noch da. Nur jetzt viel mächtiger, und es hat sich mit vielen anderen Dämonen verbündet.
Wenn das Seil der Achterbahn zerreißt, kann nichts mehr den Absturz bremsen. Alle Hilfssysteme haben offenbar versagt. Und der Krieg hat das Leiden verschlimmbessert. Das Ergebnis des Scheiterns ist endgültig. Die Verletzungen sind zu groß. Alle Hoffnung ist verflogen.
Begriffe für dieses Elend sind „Burn-out“ oder „chronisches Fatigue-Syndrom“ oder „Long-Was-auch-immer“. Oder Atomkrieg – oder besser das, was diesem Irrsinn folgen wird.
Manchmal bedeutet der zweite Absturz das Ende. Wenn aber noch etwas lebt, ist jeder Kampf vergeblich. Denn die Kräfte sind einfach zu schwach.
Aber es ist möglich, die Lage bedingungslos und uneingeschränkt anzunehmen. Die Hoffnungslosigkeit erzwingt es, Kriege zu unterlassen. Manchmal entsteht dann innere Ruhe.
Friede birgt die Möglichkeit von Energie. Anders als Kollaps oder Resignation.
Wenn die Welt so ist, wie sie ist, kann jenseits von Bekämpfungsfantasien etwas keimen. Es offenbart sich, was noch möglich ist. Oder was (trotz allem) noch möglich sein könnte. Zart und allmählich können Heilungsprozesse beginnen. In Oasen der Ruhe.