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500 Jahre nach 1525

Vor 500 Jahren wurden sechstausend Menschen von den Söldnern eines fürstlichen Heeres „niedergemäht“. Der Ort wird heute „Schlachtberg“ genannt. Der Anführer der Rebellen, der Mühlhausener Pfarrer Thomas Müntzer wurde gefoltert. Und schließlich geköpft. Damit war die erste deutsche Revolution in Thüringen beendet.

Bad Frankenhausen. Bauernschlacht 15.05.1525, Bild Jäger 2025

Wozu sich erinnern? Gibt es keine aktuellen Kriegsverbrechen, Massaker, Genozide in zunehmender Dynamik?

Vieles von dem, was wir heute erleben, wurzelt im Aufstieg Europas vor 500 Jahren. Gegründet auf Raub, Mord, Unterdrückung, Ausbeutung und Umweltzerstörung – zum Zweck der Beschaffung und Vermehrung von Geld.

Die Geschichte des Kapitalismus

Vielleicht begann es schon mit der Erfindung von Räderautomaten, wie der Mühle, im 12. Jahrhundert. Oder mit den Kreuzzügen, die u. a. vom Templerorden organisiert und finanziert wurden. Oder mit der Erhebung von Steuern in Florenz (‚castato‘ 1427) für die Anwerbung von Söldnern.

Geld zur Finanzierung von Raubzügen und für den Prunk der Herrschenden entwickelte sich im Mittelalter allmählich zur Triebfeder europäisch-christlicher Dynamik. Im Jahr 1476 wurde das kirchliche Ablasswesen für Alltagssünden durch eine päpstliche Bulle erweitert: auf die Seelen im Fegefeuer der neu erdachten Vorhölle (Purgatorium). Die Erzeugung existenzieller Angst ließ (und lässt) die Kassen klingeln. Zur Vorbeugung vor Fälschungen mussten die Ablassbriefe für das Seelenheil bald mit einer Seriennummer versehen werden, wie sie heute noch auf dem Dollar prangt: „In God we trust!“.

Die katholische Variante des Protokapitalismus erblühte im Rahmen der systematischen Ausraubung Lateinamerikas. (Galeano 1976) Gold und andere Reichtümer wurden gestohlen und angehäuft, um neue Kriege und Eroberungen zu bezahlen. Die Macht der Geldverleiher wucherte. Der Monopolist Jacob Fugger (1459–1525) konnte sich einen Kaiser kaufen.

Dagegen rebellierte der Protestantismus, und machte es schlimmer (Max Weber 1934). Spätestens nach Johannes Calvin (1509–1564) waren Herrschende durch Gottes Gnade privilegiert. Das einzige Gebet und Glück der Armen bestand in der Fronarbeit im Rahmen ihrer Knechtschaft. 1611 wurde die Geldvermehrung durch die Gründung der Amsterdamer Börse revolutioniert. Durch strenggläubige Handelsherren, die durch zu viel Bibellesen zur Auffassung gelangt waren, auserwählt zu sein. In kurzer Zeit erwuchs eine neue Form der Handelskolonisierung und „Besiedlung“ durch ein hocheffizientes Schneeballsystem: Raub – Geld – mehr Raub – mehr Geld – …

Wenig später gründeten Aktienhändler die Londoner Börse (1698). England und Holland hatten jeweils Erfahrungen mit der Besiedlung leerer Landschaften durch tiefgläubige Fundamentalisten, die in Südafrika und Nordamerika nur noch die Einheimischen vertreiben mussten, um das gottverheißene Land für sich erblühen zu lassen. Allerdings verfügte England über eine höhere militärische Kompetenz der Seestreitkräfte. Die Engländer hatten jahrhundertelange Erfahrung als Piraten, die spanische Schatzflotten ausraubten. Der englische Kapitalismus entwickelte sich durch kriegerische Fähigkeiten ungleich erfolgreicher, bis er dann im 20. Jahrhundert durch den amerikanischen in der Weltbeherrschung abgelöst wurde.

Heute leben wir in einer Welt, in der wir uns deren Ende eher vorstellen können, als eine Welt ohne Kapitalismus. Wir staunen über die Umbenennung von gigantischen Schuldengebirgen in Sondervermögen, erleben Umweltkollaps und die Zeitenwende zum Krieg. Es sind Krankheitszeichen, die eine fiktive Geldvermehrung in immer größeren Blasen begleiten. Der Kapitalismus kann heute selbst seinen eigenen Völkern, keine rosigen Visionen mehr vorgaukeln. Er schwächelt. Trotzdem fehlt es uns an Fantasie und Vorstellung, wie es real gelingen könnte, die Welt auch auf andere Art zu gestalten.

Innehalten

WDR Zeitzeichen am 31.12.2025 (15 Minuten Gespräch mit Prof. Annette Kehnel)
www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-die-welt-vor–jahren-so-war-das-jahr–100.html 

Das Prinzip Hoffnung

500 Jahre Weltgeschichte suchtartiger Geldvermehrung sind angesichts der Evolution der Menschheit extrem kurz.

Es ist möglich, sich dem Wahnsinn zu verweigern, und Möglichkeiten zu erkennen, die sich bieten.

Manchmal entsteht dann innere Ruhe. Vielleicht keimt eine Idee. Möglicherweise offenbart sich etwas, was sein könnte.

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Letzte Aktualisierung: 05.01.2026