1. Home
  2. /
  3. Blog
  4. /
  5. Ärztliche Ethik

Ärztliche Ethik


„Gute Rendite statt gute Medizin: Jetzt geht es auch den Arztpraxen an den Kragen.“
 Hontschik, FR, 18.05.2022

„Das industrialisierte Gesundheitswesen ist menschlich und finanziell unhaltbar. Der Weg in die Zukunft erfordert einen radikalen Wandel im Gesundheitswesen, um die Voraussetzungen zu schaffen, für sorgfältige und freundliche Pflege. … In einer Welt, die von Krieg, Inkompetenz, Gier und hasserfüllter Intoleranz geprägt ist, mag unser Glaube an Fürsorge zutiefst naiv erscheinen. … Wir glauben (trotzdem) daran, dass wir die Gleichgültigkeit der Industrie durch Fürsorge vertreiben können. Eine radikale Verpflichtung zur Fürsorge, füreinander, miteinander und für unseren Planeten, ist unser Kompass, ….“ Montori, BMJ 14.12.2022

Ärztlich-ethische Prinzipien

Auslaufmodell Arzt. Bild Jäger

Eine der wenigen Chancen für engagierte, ethisch orientierte Ärzt:innen besteht darin, ihre Rollen radikal neu zu denken. Sie könnten Patient:innen so begleiten, dass deren Nachfrage nach Gesundheitsleistungen sinkt, oder sie den kommerziellen (oder staatlich verordneten) Gesundheitsmarkt nur selten aufsuchen müssen.

Sie könnten sich zurückbesinnen auf die Gesundheits-Philosophie, der produktneutralen, ritualunabhängigen Beratung und Begleitung ohne Heilversprechen.

Wesentliche Prinzipien guten ärztlichen Handelns

  1. Nicht schaden
  2. Einen drohenden Schaden abwenden
  3. Nachfrage nach weiteren Behandlungsleistungen senken
  4. Übertherapie entgegenwirken und Untertherapie aufzeigen
  5. Nicht täuschen
  6. Selbstlösungspotential fördern

Nicht schaden

Das Vorsorgeprinzip „Nicht schaden“ ist die älteste Grundlage ärztlichen Handelns. Es verlangt im Zweifel nicht zu handeln. Sondern zu beobachten („abwartendes Offenhalten“). Oder sehr kontrolliert und sorgsam vorzugehen. In der Realität des Gesundheitsmarktes wird das Vorsorgeprinzip umgekehrt: „Handeln, solange kein Schaden bewiesen und eine Vermutung eines Nutzens Kurzzeitbeobachtungen plausibel erscheint“. Erst im Nachhinein wird die Wirksamkeit von Maßnahmen in Langzeitbeobachtungen verifiziert, z. T. undokumentiert, unsystematisch und unverblindet. In der Zwischenzeit werden häufig Medikamente ohne Beweis eines Nutzens durch systematische, herstellerunabhängige Langzeitbeobachtungen verordnet.

Drohenden Schaden abwenden

Das Abwenden drohenden Schadens ist ein ärztliches Grundprinzip. Der Schutz vor iatrogenen und nosokomialen Schäden darf nicht aufgrund kommerzieller Interessen missachtet werden. Oder aus Profitgründen ausgenutzt werden. Es sollte verhindert werden, dass ein bestehender Schaden (Krankheitsausbruch) durch einen anderen (bspw. die Abhängigkeit von Firmen) ersetzt wird.

Nachfrage nach weiteren Behandlungsleistungen senken

Die Nachfrage nach weiteren Behandlungsleistungen zu senken bedeutet, Behandlungswirksamkeit, Effektivität und Effizienz in den Fokus der Behandlungsqualität zu stellen. Interventionen, die zu immer neuen Interventionen und Abhängigkeiten führen würden, sollten kritisch hinterfragt und abgelehnt werden.

Übertherapie entgegenwirken und Untertherapie aufzeigen

Gut versorgte Patienten in Tansania nach Busunfall, Bild Jäger 1983

Übertherapie und Untertherapie sind im Gesundheitsmarkt eher die Regel als die Ausnahme. Es gehört zu den therapeutischen Aufgaben, Patientinnen und Patienten vor einer Medikalisierung ihrer Lebensprobleme zu schützen und andererseits z. B. bei Migrantinnen und Migranten oder im Zusammenhang mit Global Health Mangelversorgungen aufzuzeigen.

Nicht täuschen

Eine optimale Kommunikation zwischen Patientin/Patient und Behandlerin/Behandler gründet sich auf Einfühlungsvermögen, Offenheit, Wahrhaftigkeit, Transparenz, Vertrauen und auch Selbstreflexion. Bei einem großen Teil der Angebote des Gesundheitsmarktes werden Interessen der Anbieter verfolgt, die nicht genannt werden und in Irreführung und Erzeugung von Abhängigkeit münden, Patientinnen und Patienten werden bewusst und unbewusst über Wirkungszusammenhänge getäuscht. Sie davor zu bewahren, ist ein wichtiges ethisches Ziel.

Selbstlösungspotential fördern

Das Empowerment der Patientinnen und Patienten ist umso dringlicher, je stärker Marktinteressen das Gesundheitswesen bestimmen. Lernen, persönliche Entwicklung, Förderung sinnvollen Verhaltens und gesunder Verhältnisse sollten im Fokus stehen. Im Interesse der Patientinnen und Patienten ist es nötig, Strategien zu entwickeln, die aus Abhängigkeiten befreien, damit sie die eigene Gesundheitssituation selbst bestimmt beeinflussen können. 

Vollständiger Artikel

Letzte Aktualisierung: 05.06.2026