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Afrikanisches Spiel ohne Zufall

Bao ist ein Spiel mit Kugeln

Es wird besonders an der Küste des tansanischen Festlandes und in Sansibar gespielt. Vielleicht entwickelte es sich (als eine komplexere Variante) aus einfacheren Mancala-ähnlichen Spielen, wie sie in vielen anderen Regionen Afrikas verbreitet sind.

Man benötigt für Bao nur Spielfreude, Intelligenz, 32 Mulden (in einem geschnitzten Brett oder in der Erde) und 64 Spielkugeln. Am besten geeignet sind Kete (harte, ungenießbare Nüsse eines Baumes der Küstenregion). In Europa könnte man auch kleine Haselnüsse verwenden. Glasmurmeln passen von der Größe her auch, aber sie hüpfen leicht weg, wenn sie unbedacht in die Mulden geworfen werden.  

Bao
Bao (Eigenbau, kanadisches Kirschholz, Glasmurmeln). Bild: Jäger 2006

Bao-Spielen erfordert Gelassenheit, räumliches Sehen, Kalkulationsfähigkeit und – besonders bei schnellen Spielen – Gewandtheit. Nur bei Anfängern oder etwas (vom Palmwein) benebelten Spielern, kann der Zufall ins Spiel kommen, wenn unkonzentriert oder überhastet gehandelt wird.

Ein Spiel so einfach wie die Evolution.

Der Fruchtbarste, der die meisten der 64 im Spiel eingesetzten Samen erobert, gewinnt.

Ich verwende hier bewusst die männliche Wortform („der Fruchtbarste“), weil Frauen in der islamisch geprägten Küstenregion Tansanias Bao nicht in der Öffentlichkeit spielen. Dort trifft man am Rand von Marktplätzen, oder in Dörfern unter einem schattigen Baum typische Männerrunden, die sich um ein oder zwei Spieler-Paare herum gruppieren und deren Züge kommentieren. Die Spieler selbst sind meist gelassen, wach, nicht-konfrontativ, aufmerksam. Die Zuschauenden schwatzen gerne und lauthals über alles Mögliche, reißen Witze oder fachsimplen. Die angenehme Stimmung der Männergruppe vermischt sich beim Betrachten der Szene mit dem Flirren des Lichtes unter einem Vordach, dem im trägen Wind bewegten Schatten eines Baumes, den Geräuschen des Dorfes, dem Zirpen und Geflatter der Tiere und dem typischen Duft der Kochstellen in der tropischen Schwüle. Es ist diese sinnlich-erlebbare Atmosphäre, in der sich Bao entfaltet, die einen wesentlichen Teil der Faszination ausmacht, die von dem Spiel ausgeht.

Natürlich habe ich auch afrikanische Frauen erlebt, die Bao spielen: allerdings zu Hause oder im Kreis von Freund:innen. Die Atmosphäre ist dann anders: Geselliger, weil es mehr um das Beisammen geht, und weniger darum, wer gewinnt und warum.

Typisches Baospiel mit Kete-Nüssen. Bild: Jäger, Kilwa (Tansania), Januar 2022

Bei Bao werden die Spielsteine nach klaren, eindeutigen Regeln verteilt. Der optimale Spielzug könnte aus den Möglichkeiten berechnet werden, die sich aus der Kombination von 64 Kugel ergeben. In der Realität des schnellen Spielens ist die Zahl der Möglichkeiten aber so hoch, dass auch die erfahrenen Experten, nicht nur rechnen und grübeln, sondern mit Wahrscheinlichkeiten spielen: Die Einschätzung der räumlichen Verteilung der Samen ist oft wichtiger, als das manuelle Durchzählen von Kugeln-Häufchen, die in einer Hand geborgen werden, um sie die andere Hand herüber-rinnen zu lassen.

Die Art, wie die Hände der Spieler die Nüsse halten, ergreifen und wieder verteilen, ist bedeutsam. Denn die Spielkugeln können (wie beim Jonglieren) hochgeworfen werden. Sie fallen dann genau in die richtigen Mulden. Oder sie werden (für Anfänger verwirrend) scheinbar so regelwidrig verteilt, dass genau das Gleiche herauskommt, als wenn man sie regelkonform verteilt hätte. Solche Handfertigkeiten strahlen nicht nur Geschick, sondern auch Kompetenz und Spielerfahrung aus. Damit lassen sich unerfahrene Gegner gerne einschüchtern.

Auch gute Bao-Spieler würden gegen Maschinen verlieren, wenn sie die Züge nur auf Flachbildschirmen ausführen dürften. Denn jeder Algorithmus könnte die elektronischen Bildpunkte so setzen, dass er gewinnt, oder das endlose Spielschleifen entstünden.

Praktisch ist das aber ohne Bedeutung, denn die Art der räumlich-gefühlten Wahrnehmung und der Kunstfertigkeit, mit der die Steine gesetzt oder geworfen werden, ist ungleich komplexer als bei Schach. Mit dieser Handarbeit wären auch modernste Computer komplett überfordert. Bao ist also ein typisch menschliches Spiel, gegenüber anderen Spielen, bei denen auch zwei Rechner gegeneinander antreten könnten.

Bao ist „verkörpert“

Bao Game
Kind mit einfachem Bao Spiel. Bild: Jäger, Tansania 1983

Die Gestik spielt eine große Rolle. Und auch die Beziehung zwischen den Spielenden ist wichtig. Deshalb macht es Spaß, immer wieder von neuem zu beginnen, auch wenn andere über die besseren Kompetenzen verfügen. Es wird nicht um Positionen, Macht oder Geld gerangelt. Es ist auch nicht von Bedeutung, wenn jemand verliert, weil der andere (scheinbar) mehr Glück hatte, oder eben doch besser spielte. Bao ist kein Kriegsspiel.

Zu dem chinesisch-japanischen Wéiqi/Go und dem griechisch-indischen Schach besteht noch ein weiterer, wesentlicher Unterschied: Bis kurz vor dem Verlust der letzten Spielkugel ist es möglich, das Blatt noch zu einmal wenden, und dann sogar zu gewinnen. Denn kurz vor Ende des Spieles muss der vermeintliche Gewinner viele Spielsteine verteidigen, die der andere ggf. noch erobern könnte. Und so frohlockt manchmal schon jemand angesichts seines nahen Sieges, fühlt sich deshalb zu sicher und begeht einen unnötigen Fehler.

Bao hat noch eine weitere, eine kulturelle Komponente.

„Ich bin nicht! Wir sind!“ Desmond Tutu

Augustino, nachdem er unerwartet verlor, obwohl er schon glaubte gewonnen zu haben. Kete waren gerade nicht verfügbar. Mit kleinen Steinen ginge es auch. Bild: Masasi Tansania, Januar 2022

In Afrika zählen Beziehungen und Zusammenhänge oft mehr als Einzelfaktoren, die aus etwas anderem herausgelöst wurden.

Die ostafrikanischen Verkehrssprache Swahili z.B. kennt kein Wort für „haben“. Also einen Begriff, der ein Subjekt (das etwas besitzt) eindeutig trennen würde von einem Objekt (das benutzt wird).

Auch die Bao-Spielkugeln „hat, besitzt oder beherrscht“ man nicht, denn sie wechseln in der Spieldynamik ständig die Seiten. Statt „ich habe“ wird in Swahili das Wort für „sein“ verbunden mit der beschreibenden Silbe „mit“.

So entsteht: „Ich bin – mit Spielkugeln.“ (Ni-na kete)

Bao Regeln

Video: „The game of Bao“ (2009): https://www.youtube.com/watch?v=06cxjWn3P9o – Weiteres Video aus Sansibar (2012): https://www.youtube.com/watch?v=r-DikyWhk_Y

Vollstandiger Artikel

Schach – Go – Bao

Letzte Aktualisierung: 11.03.2022