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Gesundheits-Kult

Ich glaube, dass diese mRNA-Technologie ein ähnlicher Quantensprung ist wie früher die Erfindung der Antibiotika.“

Daniela Behrens, Gesundheitsministerin Niedersachsens dpa 29.07.2021

Glaubensbekenntnisse müssen nicht rational sein. Es reicht die Illusion von Gewissheit zu stärken. Selbst dann, wenn man offensichtlich keine Ahnung hat von dem, was man da redet.

Vermutlich hat sich die Gesundheitsministerin noch nie mit dem Paradigmenwechsel der Physik vor einhundert Jahren beschäftigt. Deshalb verwechselt sie eine grundlegende Veränderung wissenschaftlichen Denkens mit der Entdeckung der Ausscheidung des Schimmelpilzes Pencillium. Besonders peinlich ist, dass sie offenbar noch nicht der Pandemie gehört hat, vor der uns ihr Gesundheitsministerin eigentlich bewahren sollte: Die Verbreitung von Keimen, die gegen alle Antibiotika resistent sind.

Evolutionsgeschichtlich war der von ihr so genannte „Quantensprung der Erfindung der Antibiotika“ möglicherweise ziemlich kurz. Wird es mit der Beglückung der Menschheit mit lukrativen mRNA-Produkten gegen alles Mögliche ähnlich sein?

Taugt Gesundheit als Ersatz-Religion?

Manche Religionen erzeugen paradiesische Visionen. Von Orten, deren Existenz man sich bildlich vorstellen kann. An Gemeinschaften der Gläubigen und Seeligen, die bis in den Tod immer taten, was sie sollten. Andere Religionen, wie der Konfuzianismus, verlangen nur, dass man sich so verhalten solle, als ob es die jeweiligen Vorstellungen übergeordneter Zusammenhänge tatsächlich gäbe. Wieder andere, wie die Vedanta oder der „rein-ursprüngliche“ Buddhismus, verzichten sogar vollständig auf Illusionen und Phantasien.

Die Ethik dieser alten Religionen befindet sich im freien Fall.

Denn sie bieten keine Alternative mehr angesichts gewinn-maximierender Wirtschaftssysteme, die die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten systematisch zerstören. Viele Gesellschaften spalten sich auf und drohen zu zerfallen. In den amerikanisch-europäischen Ländern sind keine Visionen mehr erkennbar, die Menschen anziehen könnten, und für die es lohnte, sich zu engagieren. Das Feuerwerk medialer Ablenkung durch immer neue virtuelle Events wird nur vorübergehend wirksam sein, solange die Krise noch nicht an ihrem Tiefpunkt angekommen ist. Aähnlich wie „Brot und Spiele“ vor dem Untergang Roms. Der mediale Brei kann die spirituelle Leere, , die sich in den Wachstums-Gesellschaften breitmacht, immer weniger verdecken.

Die Neuerfindung des „nachhaltigen“ Kapitalismus („Wirtschaft & Klima ohne Krise“) braucht einen neuen Kult: Die Ausrufung „des menschlichen Lebens an sich“ als höchstes Glaubensziel.

Allerdings hat diese Ideologie außer einer gewaltigen Ankurbelung einer digital-medikalisierten-grünen Wirtschaft nicht viel zu bieten: an Werten, an Sinn oder an Zukunftsperspektiven. Ihr fehlt eine Vision, die Menschen in Handlungsprozesse ziehen würde, die evolutionäre Chancen für für unsere Spezies eröffneten.

Was ist gesund?

Vor sehr langer Zeit galt jemand als gesund, wenn sie oder er keine Schamanen, Hexen, Quacksalber oder Kräuter-Männlein aufsuchen musste.

In der Antike nannte man einen beweglichen Körper (und den mit ihm verbundenen Geist) „gesund“, wenn er fähig sei zu

  • „schwerer Bewegung“ (Bewältigung großer Belastungen), und gleichermaßen zu
  • „leichter Bewegung“ (Müheloser, schwebender Eleganz tänzerischer Anmut) (Fehr1979)

Gesundheit war das Ergebnis sinnvollen Verhaltens und förderlicher Umstände. Aus dieser Lebensphilosophie entwickelte sich allmählich die Medizin. Als eine Form des Nachsinnen, um durch kluges Verhalten den Ausgleich und die Mitte zu finden. (lat. meditatio, medius, altgriechisch: μέδομαι medomai). Die Medizinphilosoph:innen betonten so die Harmonie körperlicher Funktionen (Mehr).

Während sich in dieser Zeit Religionen um das „Heil von Seele und Geist“ sorgten, begannen erste Wissenschafts-Philosoph:innen Alt-bekanntes zu hinter-fragen, fröhlich zu forschen und nachzudenken.

Erst vor einem halben Jahrhundert rückten Gesundheitsziele in den Vordergrund. Gesundheit sollte nun (staatlich gefördert) durch geeignetes Verhalten angeregt und durch schützende Verhältnisse gefördert werden. Zugleich sollten die Praxen und Kliniken durch wirksame und überprüfbare Therapien die Krankheitslast senken. Auch diese Zeit ist vergangen.

Heute gilt es als gesund, wenn bestimmte Labortests günstig ausfallen, und verordnete Medizinprodukte konsumiert werden. Persönliche oder gesellschaftliche „Gesundheitsziele“ sind kaum noch erkennbar, oder gar nicht mehr.

Gesundheits-Kult

Wie jedes ideologische System bringt auch der Gesundheits-Kult einen Strauß von Ritualen, Dogmen, Regeln und Gesetzen mit sich, deren Einhaltung durchgesetzt und erzwungen werden muss. Und ebenso wie bei anderen Kulten, wird er ergänzt durch den Kampf gegen Bedrohungen, Geister, unsichtbare Bedrohungen, Ungläubige und Feinde.

„Der Krieg hat sich geändert: Interne Dokumente der amerikanischen Gesundheitsbehörde verlangen neue Kommunikation,“ (u.a. weil die Delta Variante auch von Geimpften verbreitet werde). “ ‘The war has changed’: Internal CDC document urges new messaging.“

The Washington Post 30.07.2021

Scan: Dt. Ärzteblatt 26.07.2021, 118(29-30): B1180

Das Ambiente der Zelebrierung einprägsamer Rituale ist Teil der Wirkung.

Die Wirkung der Art der Anwendung einer Heil-Methode wird meist unterschätzt. Sie kann (z.B. bei der Mutter-Kind-Beziehung in den ersten Lebenstagen) besonders stark sein und die Wirkung spezifischer Effekte (die auf den Bestandteilen des Arzneimittels beruhen, das die Mutter verabreicht) übertreffen. Später sind es die nicht-spezifischen Effekte der Arzt-Patient-Beziehung, die das Immunssystem stark beeinflussen.

Man sollte sie besser Systemeffekte nennen, da sie alle Körper-Zellen einbeziehen. Die Fähigkeit zur Beruhigung von Organfunktionen ist säugetiertypisch. Bei Menschen sind sie besonders stark ausgeprägt, weil wir uns ein ferne Zukunft ausmalen können. Systemeffekte beruhen auf der unbeussten Auslösung eines Sicherheitsgefühls: z.B. aufgrund des Vertrauens auf die Kompetenz und das Wohlwollen der Ärzt:innen (oder Schaman:innen oder Priester:innen): Durch ihr heilsames Handeln werde es wieder gut sein.

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Für die Auslösung solcher Effekte (die den spezifischen Effekt der Wirksubstanz begleiten) ist es tatsächlich nötig, dass der Arzt auf dem Bild des Ärzteblattartikels wirklich ein „Halbgott in Weiß“ ist, und nicht (gespielt von einer Hilfkraft) nur so ausschaut.

Die Handlung (das Pieksen) könnte jeder Angelernte ausführen. Eigentlich benötigte man Ärzt:innen hier nur zur Aufklärung und in der Rufbereitschaft, falls es zu plötzlichen schwere Nebenwirkungen kommen sollte. Für ärztlich-aufklärende Gespräche wäre aber kein weißer Kittel erforderlich. Und sie finden oft ohnehin nicht statt, weil es für die Einwilligung ausreicht anzukreuzen, dass man den Aufklärungszettel des „Grünen Kreuzes“ gelesen habe.

Trotzdem ist es ein Arzt, der an einem geweihten Ort ein Ritual durchführt. Denn bei Heilritualen ist es erforderlich, dass sowohl Anwender und Patient während der Handlung (unbewusst) an die starke spezifische Wirkung der Intervention glauben (und diese Gewissheit auch unbewusst durch Körperhaltung, Gestik und Mimik zweifelsfrei vermitteln). Heilrituale gehören daher immer „in hochkompetente Hände“.

Alles hoch-spezifisch wirkende (wie z.B. ein hochgereinigter Impfstoff mit mRNA, die in pygelierten Nanopartikeln verpackt ist) muss zwangsläufig auch nicht-spezifische Nebenwirkungen auslösen. Folglich werden der Pieks-Schmerz, die kleine Schwellung Arm, anschließende Müdigkeit oder gar Grippe, und selbst ernstere Erscheinungen, als sinnlich wahrnehmbar-einprägsame Signale der erwünschten spezifischen Wirkung interpretiert. Denn sie würden nicht auftreten, wenn nur eine Handcreme aufgetragen worden wäre. Man muss also unbedingt der ärztlichen Kunst vertrauen, um sich nicht um den Erfolg des Pieksens zu sorgen, wenn keine Nebenwirkungen wahrgenommen wurden.

Sünde muss bestraft werden

Rituale nehmen Ängste. Auch die, die zuvorbewusst (von anderen) erzeugt wurden. Sie wirken um so besser, je stärker der Psyche der Betroffenen leidet. Deshalb treten viele Religionen und Kulte auf die Spaßbremse. Denn es ist günstig, die Gläubigen erst in Hölle führen, bevor man sie mit „dem Paradies“ locken kann (Missions-Weisheit aus Tansania 1982)

Fröhlichkeit und Lebenslust sind den meisten Kulten suspekt. Vieles gilt als sündig, wonach eigene Bedürfnisse spontan verlangen würden. Auch die Ur-Religion des Kapitals, der Protestantismus war schon ziemlich freudlos. (Weber 1904/2010)

Der neue Gesundheits-Kult befördert das Angst-Gefühl. Andere menschentypische Gefühle (wie Neugier, Überraschung, Freude) sind ihm suspekt und werden wenn nötig verdrängt. Denn wer nicht neugierig fragt, wird auch nicht selber-denken.

Angst wird allerdings schnell verdrängt, weil sie als unerträglich empfunden wird. Und wenn das nicht gelingt, schlägt sie um in primitivere Reaktionsweisen wie Stress oder Panik. Politik und Marketing, die mit Angst jonglieren, versuchen daher die Angst stetig auf einem gerade noch erträglichen Niveau zu erhalten. Und das gelingt professionellen Expert:innen zunehmend perfekt durch

  • Propaganda (regelmäßige Wiederholungen und Einzelinformations-Verwirrung),
  • ständige Entdeckung immer neuer Gefahren,
  • Lobeshymnen auf Produkte und rituelle Handlungen, die vorübergehende Sicherheit-Illusionen bieten.

Was tun, wenn der Glaube trotzdem schwächelt?

Wenn ein großer Teil der Bevölkerung durch den neuen Kult nicht erreicht wird, ist der langfristige Erfolg des Glaubenssystems gefährdet.

So vermutete der bayrische Minister Hubert Aiwanger, 20% der Bayern würden sich nicht gegen Corona impfen lassen. Bei propagierten dritten Impfung gegen die Delta-Variante würden es sicher noch mehr sein. Und weil er diese Wähler:innen nicht verlieren wolle, lasse er sich auch nicht impfen. (RKZ 29.07.2021). Sein Ministerpräsident war fassungslos, konnte ihn aber als Koalitionspartner vor der Wahl nicht herauswerfen. In der Schweiz vermuten einige, die Zahl der Covid-Impfverweigerer könne bei 25% liegen. (NZZ 29.07.2021) Wenn es aber so viele sind, die nicht glauben wollen, wie soll dann dieser Glaube (dem eine Vision fehlt) die zunehmen gespaltenen Gesellschaften in der größten Fundamentalkrise seit dem 2. Weltkrieg zusammenhalten?

In Frankreich blieben mehr als 60% der Menschen der letzten Wahl fern, weil sie denen, die über sie bestimmen, offenbar nicht mehr vertrauen. Wenn aber selbst mit der medialen macht des Gesundheits-Kultes gelingt, die Herzen der Menschen zu erobern, bleibt dann nur das Mittel der Repression, damit ein Volk nicht auseinanderläuft oder rebelliert?

Zumindest Charlie Hebdo zweifelt am langfristigen Erfolg dieser Strategie:

Scan aus Charlie Hebdo 21.07.2021: „Impfausweis, schnell! Frankreich in der Diktatur, dieses Mal sind wir drin.“

Ganz so schlimm sei es noch nicht, schreibt der Kommentator Gérard Biard in der gleichen Ausgabe des Charlie Hebdo. Denn in der Zeitung Figaro habe er am 13.07. gelesen, dass in Frankreich weiterhin die Religionsfreiheit gelte. Wenn man also einer anderen als der Gesundheitsreligion anhänge, seien deren Kulte natürlich durch die Verfassung geschützt, und am dürfe daher auch weiterhin den Messwein (ohne Impfpass) schlürfen.

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Literatur

  • Fehr B: Bewegungsweisen und Verhaltensideale. Moreland Editions, Bad Bramstedt 1979
  • Weber M: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Hrsg. Kaesler D Beck, München 2010
Letzte Aktualisierung: 31.07.2021