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Angst-Pandemie

Der Unwissende hat Mut. Der Wissende hat Angst. (Moravia)

Angst ist ansteckend.

Besonders in Zeiten großer Verunsicherung. Die Natur, Schurkenstaaten, Mini-Lebewesen – Alles fällt über uns her.

Schlimmer noch als die Zerstörung der Biosphäre oder die Atomkriegsgefahr: Das Deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut sieht unseren Wohlstand gefährdet (SDZ 21.08.2022). Bei uns schon wäre es (im Gegensatz zu einigen anderen Weltregionen) tatsächlich tragisch, wenn hier einmal das Licht ausginge.

„Trotz abnehmendem Wachstum ist der allgemeine Preisauftrieb in vielen Industriestaaten so hoch wie seit mindestens 40 Jahren nicht mehr. Diese Grundkonstellation sorgt für enorme Nervosität.“ NZZ 22.08.2022)

Um solche „übertriebenen“ Ängste zu beruhigen, und erzählen Politiker:innen Geschichten vom „Wumms„, oder von „Bazookas„, oder von „Waffen für den Frieden„. Unser Finanz- und Wirtschaftssystem werde stabil weiterwachsen wie bisher, aber es gäbe „schnelle und spürbare Entlastungen„:

  «Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.»
„Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, muss sich alles ändern.“
Tomasi de Lampedusa

Die Rettung der Welt ist nahe: „First you must take them to hell, and only then can you show them heaven.“ (Zitat eines Missionars 1985 in Tansania). Bild: Die Zeit 26.03.2020

Die, die sich sorgen, dass es so nur begrenzt gut gehen könne, bekommen Angst. Ein Sicherheit vermittelndes Wertesystem, dem man vertrauen könnte fehlt: Denn dem Westen sind die Visionen abhanden gekommen.

Die Versuche

  • „unbegründete“ Ängste zu dämpfen, zu verdrängen oder zu kontrollieren, und
  • alternative, systemkonforme Ängste zu schüren und zu erhalten,

erscheinen deshalb zunehmend hilflos.

Ohnmacht, Verunsicherung, Ausgeliefertsein sind unerträglich.

Die Sehnsucht nach Sicherheit verlangt schnelle, magische Lösungen. Nach technischen Interventionen, die, mit „grünem Wachstum“, das Klima retten, die mit Medizinprodukten Lebenskrisen stabilisieren oder mit Waffen Böses vernichten sollen. Alles Maßnahmen, die eine aggressiv wachsende Wirtschaft anheizen, und langfristig die Chance friedlicher System-Entwicklungen weiter behindern.

Ängste, die in dieser Dynamik als nicht systemkonform erscheinen, werden als irrational abgetan, verdrängt oder bekämpft.

Dafür wurde die Erzeugung systemkonformer Ängste, die durch Rituale oder Produkte wieder genommen werden können, perfektioniert.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist nina-proll.jpg
Angst kippt in Psychose. Nina Proll: „Ich zeig dich an!“ 2020: https://www.youtube.com/watch?v=fTv66Q3OM2

Seit 2020 leben weltweit viele Menschen in Angst vor einem „Killer-Virus“. Die Sorgen um die medizinischen Folgen der Virus-Bekämpfungs-Maßnahmen wurden dagegen erfolgreich verdrängt (Entwicklungsverzögerungen und Schäden bei Kindern, psychiatrische Störungen (Depression, Sucht, Stress, Panik, Suizid), Verschlechterungen der Versorgung bei chronisch Kranken und Alten, Zunahme häuslicher Gewalt und Missbrauch, orthopädische und Bewegungs-Krankheiten, uva.)

Ablenkungs-Industrie und Todes-Angst-Welle führten bei der Mehrheit zu angepasster Bravheit. Aber auch die Gläubigsten des neuen „Neuen Normal“ mussten (an sich) erfahren, dass die „Zauberkugeln“ (Magic bullets) der Medizin, weniger wirksam waren als propagiert, und dass sie auch schaden können.

Selbst wenn es gelungen wäre, „das Killer-Virus“ zu vernichten, stecken wir weiterhin in der Klemme. Eines der vielen Anzeichen dafür ist die Plastik-Müll-Verseuchung im Rahmen des neuen Gesundheitskultes deutlich.

Fühlen sich Geängstigte getäuscht, entstehen Ärger und Wut

Beide können als Massenphänomene für einen gesellschaftlichen Zusammenhang hochgefährlich sein, da sie

  • leicht in Stress und Aggression abkippen („Randalieren“), oder
  • zu Rückzugsverhalten aus der Gesellschaft führen („Rette sich wer kann“).

Die Schaffung immer neuer Ängste und Feindbilder, die es zu bekämpfen gilt, können immer nur kurzfristig wirksam sein. So wie der Erklärung von Macron („Wir sind im Krieg!“), die die randalierenden, gelb-bewesteten Wutbürger von der Straße fegte. Langfristig steigern endlose „Kämpfe gegen irgendetwas“ aber das Risiko, dass Sicherungen durchbrennen, und der gesellschaftliche Zusammenhalt nachhaltig gefährdet wird.

Inflations-Angst (Banknote von 1923): Vorderseite: „2 Mill. Mark zahlt die Reichsbank .. gegen diese Banknote … 01.09.1923″. Rückseite: „Glaubensbekenntnis: Ich glaube an den allmächtigen Dollar, Schöpfer des Wuchers …“ Foto: Jäger 2019

Als Kind der Nach-Nazi-Generation versuche ich seit der Schulzeit, gesellschaftliche Angstphänomene zu verstehen. Weil sie offenbar im mörderischen Massenwahn umschlugen. Als „Entwicklungshelfer“ erlebte ich dann angst-ausgelösten Massenwahn direkt, bei sozialen Unruhen und in bürgerkriegsähnlichen Situationen. Ich war erschreckt, wie Angst schlagartig umschlagen konnte in Gewalt-Trance oder Massen-Panik. Wie zielgerichtet alles niedergewalzt wurde, was sich der Masse in den Weg stellte. Ordnungssysteme, wie die der Polizei oder des Militärs, waren dann nur von begrenztem Nutzen.

Die Formen von Massenwahn, die ich erlebte, wurden von „rational-ir-rationalen“ Führern gelenkt. Von Demagogen und Propagandisten, die es verstanden (berechnend oder ideologisch) Angst, Ärger und Wut in bösartige Formen von Irrsinn lenken.

Wir sind bedroht: von uns.

Die Angst vor „Corona“ flaut ab. Sie muss mühsam immer neu entfacht werden. Dafür steigen die Ängste vor Inflation, Stagnation, Arbeitslosigkeit, Insolvenz, sozialem Absturz und endlosem Krieg.

Viele spüren wachsende Risiken für den sozialen Zusammenhalt als Folge des immer größeren sozialen Gefälles zwischen Arm und Reich, für die Demokratie, die Freiheitsrechte, die weitere Erosion des Grundgesetzes.

Die Chancen für eine friedliche Entwicklung des Sozialgefüges sinken, und Visionen für friedvolle Entwicklungen im Einklang mit der Biosphäre ist im Westen noch rar.

Viele haben durch leidvolle Erfahrungen das Vertrauen in die Obrigkeit verloren. Weil sie sich manipuliert und betrogen fühlen. Und weil sie dem, was über Bildschirme flimmert und in Zeitungen steht, nicht mehr trauen.

Einige fürchten, dass

  • angesicht von Militarisierung und Kriegseuphorie alle anderen Themen nachrangig sein werden: Wie u.a. die überfällige ökologische, nachhaltige, friedvolle Transformation der Gesellschaft.
  • die Wahrscheinlichkeit für definitv existenzbedrohende, große Krisen des Planeten steigen: für einen Super-Gau im AKW Saporischschja in der Ukraine, oder einen Atomkrieg oder eine letzte Dynamik der Wachstumsideologie, die Fahrt in den Crash der Biosphäre noch beschleunigt.

Angst ist (eigentlich) nützlich

Die Süddeutsche Zeitung hat seit zwei Jahren intensiv gegen den viralen Weltuntergang angeschrieben. Jetzt kommt sie in der Realität an: „Die kommenden Wochen werden Deutschland einem anhaltenden Stresstest unterziehen …“ – „Die Politik ist dabei, ihrem Volk Herbst und Winter neu zu erklären …“ – „Hitze, Dürre, Brände, Wasserknappheit: .. die Vorboten sind bereits hier.“ und dann nur noch „… Man vermutet einen Schutz vor Infektion.“ (SDZ 17. & 20.08.2022). Kann das Volk allein mit Todesangst-Kult und Kampf gegen das Böse bei der Stange gehalten werden? Brauchen Menschen nicht auch friedvolle Perspektiven und Visionen?

Angst ist eines der wichtigen, menschentypischen Hirn-Zustände, die zu Verhaltensänderungen führen können.

Zu erkennen, dass etwas Gefährliches droht, erfordert Intelligenz. In Ruhe und Sicherheit kann Angst zu Fragen führen und sich in Neugier wandeln. Dann ist es möglich, die Realität zu betrachten, wie sie ist, die Zahl der Möglichkeiten zu erkennen, die sich bieten, und zu überlegen, wie die Zahl dieser Möglichkeiten erweitert werden könnte.

Wer aus guten, naheliegenden Gründen Angst empfände wegen zunehmender Kriege, könnte sich vielleicht für einen bedingungslosen Waffenstillstand und für konsequenten Frieden einsetzen (Kolenda IPPNW, Telepolis 09.08.2022). Oder für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure (connection-ev.org)

Wer Angst hat, dass ungebremstes Wachstums die Biosphäre zerstören, könnte sich dafür einsetzen, die Wirtschaft radikal zu drosseln, auf das Maß, das die Erde ertragen kann. („Postwachstumsökonomie“)

Solche logischen Konsequenzen, die sich aus realen Ängste entwickeln, widersprächen aber dem weltweit vorherrschenden Wirtschaftssystem.

Folglich werden diese Ängste verdrängt bekämpft werden, und im „kalten Herbst und Winter“ wieder neue Ersatzängste und die dazu passenden Medikalisierungs- oder Kriegs-Lösungen aufgebauscht werden.

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Letzte Aktualisierung: 22.08.2022