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Begriffe klären

Werden andere überfallen, könnte man es Krieg nennen.

Oder besser begrenzte Militäroperation, vorbeugende Friedenssicherung, Vaterlandsverteidigung? Oder Gewalt-Verbrechen, Massen-Mord, ethnische Säuberung, Vernichtung? Je nachdem – ob man eine brutale Eroberung beschreiben will, oder eine ersehnte Befreiung.

Wird jemand getötet, umgebracht oder ermordet, bezeichnet man den Verursacher als Totschläger, Mörder, Verbrecher, Faschist, Rassist, Psychotiker, Schlächter, oder als Soldat, Spezialagent, Scharfschütze, Drohnen-Programmierer, Held. Je nachdem, für welche Kriegspartei das Lebenslicht anderer ausgeknipst wurde.

Nahezu synchron tauchen ganz ähnliche Varianten und Bezeichnungen in allen Medien der jeweiligen Kriegspartei auf. Wer Krieg einfach nur „Krieg“ nennt, und dessen Ende fordert, macht sich (auf beiden Seiten) verdächtig.

Die Sprach-Begriffs-Verwirrung begegnet uns in allen Formen von Propaganda-Fake-DeepFake-Kommerz in unendlich vielen Varianten. Es wird dann für die, die Kriege nicht wollen aber erleiden müssen, immer schwieriger, nicht verrückt zu werden. Noch herausfordernder wäre es, weiterhin ruhig zu bleiben, und selber zu denken.

Klarheit-Gewinnen

Begriffe sind Werkzeuge

Begriffe gleichen Messern, die einen Teil aus einem (in der lebenden Realität) Ungetrennten herauslösen. Das ist nützlich, um einen Schinken von einem Knochen, eine Wolke vom Himmel, ein Quark vom Elektron-Wirbeln, oder den Geist vom Körper zu unterscheiden. Das so Abgetrennte lässt sich dann einfacher handhaben und untersuchen. Es wird (wenn es erst einmal benannt wurde) geformt, manipuliert, verändert, bekämpft, repariert, zerstört oder neu geschaffen.

Unsere Worte gleichen kulturell erlernten Mini-Programmen, die Bewegungsfunktionen triggern: Gestik und Sprache mit Kehlkopf, Händen oder Füssen. Man muss zuerst ein inneres Bild für „Stein“ und „Klinge“ aufscheinen lassen, um dann durch Gesten oder Laute einem Artgenossen zu befehlen, aus dem einen (durch Hämmern) das andere herzustellen.

Sind Begriffe erst einmal in der Welt, kann man sich über sie streiten. Oder mit ihnen herrschen. Oder andere betrügen. Oder manipulieren, Macht ausüben, Geld verdienen. Meist wird in den Wortfeuerwerken im Streit um Begriffe vergessen, dass jeder Begriff (zwangsläufig) einen vielgestaltigen Anti-Begriff definiert. Der Begriff Wasser macht nur Sinn, wenn es etwas gibt, dsas nicht Wasser ist. Die Betrachtung dieses scheinbaren Gegensatzes hilft dabei zu verstehen, was mit der Nutzung des Begriffs „eigentlich“ gemeint ist. Denn zwischen dem einen („Finger“) und dem anderen („Nicht-Finger“ – z.B. „Unterarm“ uva.) gibt es (solange etwas lebt) zahllose Verbindungen. Es sei denn, sie würden abgetrennt oder zerstört. Das Benannte („eine Maus“) wechselt und fließt in und mit dem Nicht-Benannten, d.h. mit allem, was „Nicht-Maus“ ist.

Ähnliche Überlegungen spielten eine Rolle bei der Einführung der Null in das Zahlensystem. Die kriegerisch-bürokratischen (etwas phantasie-armen) Römer brauchten keine Null. Entweder es gab einen Sklaven, oder es gab eben keinen. Das Null-Konzept formten indo-asiatische Philosophen aus einem runden Kreis, dem Ur-Symbol für ein „Nichts“, das zugleich alles beinhaltete und umfasste. Null war für sie weder „Etwas“, noch „Nichts“. Sondern beides: eine Wandlungsphase, bei der ein Positives (+) ideal ein Negatives (-) aufhebt. Das asiatisch-philosophische „Nichts“ ist voller Energie und Möglichkeiten, und kennzeichnet einen Zustand der Leere, aus dem Gegensätze aufwirbeln, die sich in Ruhe wieder ausgleichen. Etwa so wie sich Physiker Vakuumfluktuationen oder Quantenschaum vorstellen.

„Nichts ist das Glück des aufgeklärten Pessimisten, denn nichts kommt dem Glück so nahe wie Nichts.“ Ludger Lütkehaus: Nichts. Haffmans, 2003

Keine anderen Worte beschreiben die Relativität der Begriffsbildung so gut wie „Alles“ und „Nichts“. Ein stärkerer Gegensatz ist undenkbar, und doch sie sich gleich. Die Beobachtung der Natur scheint (bisher) Heraklit zu bestätigen: dass alles eins sei und das eine alles. Einschließlich des Nichts (z.B. die Leere zwischen Quark und Elektron). Mir erscheinen Begriffe relativ. Ich möchte die Sicht derer verstehen, die sie benutzen. Und ihre Nützlichkeit als Werkzeug einschätzen, oder ihrer Gefährlichkeit als Waffe.

Begriffe klären

Die Forderung Begriffe „richtigzustellen“ (bevor man sich streitet) bleibt zeitlos aktuell. Konkret empfahl Konfuzius, man solle sich zunächst einigen, was man „eigentlich“ (!) meine oder beabsichtige, wenn man einen bestimmten Begriff verwende.

«Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht …»
Konfuzius vor 2500 Jahren

Diese Art östliche Denken beruht auf aufgemalten Schriftzeichen, die keine scharf trennenden Begriffsbildungnen zulassen. Im Westen wird ein exaktes Alphabet genutzt, das eindeutig und klar zwischen A und B unterscheiden kann. Für Konfuzius waren Begriffe (wie „Menschlichkeit“) aber nichts eindeutig Getrenntes. Er suchte vielmehr nach einer ideale Harmonie von Gegensätzen („Taiji“) in einem Gesamtzusammenhang („Wuji“ = ungetrennt). Seine Begriffe sollten vor allem nützlich sein: Als einfache Werkzeuge, auf deren Handhabung man sich einstellen müsse, bevor man rede.

Seine Begriffe enthielten keine Wahrheiten („Genau so ist es! Und nicht anders!“). Sondern nur Empfehlungen, dass man Rituale so handhaben solle, „als ob“ etwas wahr sei. So solle man Rituale so ausführen, als ob es Götter oder Ahnen gäbe, die das (genau so) befohlen hätten. Ob es diese höheren „Wahrheiten“ aber tatsächlich gibt, ist in der von ihm geprägten östlichen Philosophie uninteressant, weil das meiste was uns an Relalität umgibt „unsagbar“ sei (also nicht in Begriffen eingefangen werden kann).

Klarheit-Gewinnen

Begriffe sind relativ

Der etwas jüngere chinesische Philosoph ZhuangZi (um 330 vuZ) nutzte für die Beschreibung dieser praktischen, östlichen Einstellung das Bild vom Fisch (= Bedeutung oder Sinn) und der Fischreuse (= Wort-Begriff): Wenn man einen Fisch gefangen habe (= Wort verstanden!) und den Fisch dann brate (= die Bedeutung reflektiere), solle man das Wort (= die Fisch-Reuse) besser weglegen.

In Asien gehen, dieser Tradition folgend, Menschen mit Ritualen, die von oben verordnet werden (u.a z.Z. .. Maske, Test, Impfung, Quarantäne, Verlangsamung des Wachstums, Einschränkungen, Wohlverhalten-Bonus-punkte .. ) anders um als in Europa. Es interessiert dort weniger, ob das Angeordnete auch wahr sei („wissenschaftlich bewiesen“). Viele fragen eher, ob man dem großen Ganzen (z.B. der KPCh und dem von ihr geleiteten System) insgesamt vertrauen könne, weil es dafür sorge, dass es für alle besser werde. Wird diese Frage mit „Ja“ beantwortet, erscheinen bestimmte Rituale sinnvoll zu sein. Im Westen funktioniert diese Art des Denkens nicht. Hier beten wir Zahlen, Einzelfakten und Statistiken an, und wir glauben, dass eine unendliche Summe toter Einzelinformationen die System-Dynamiken erklären könne, die wir erleben. (McGilchrist 2021)

Begriffs-Verformungen

Oft könnte eine Klärung der Begriffe (im Sinne des Konfuzius) weitreichende Folgen haben, die unerwünscht sind. Dann ist es nötig, die Begriffe zu verändern. Denn wenn die Realität der Theorie widerspricht, muss es um so schlimmer werden, für die Realität. (nach Watzlawick)

Ein Editor des Britisch Medical Journal (Peter Doshi) bezweifelt, dass man aus früheren Pandemien für den Umgang mit „rettenden“ Pharmaprodukten gelernt habe. Und stellt dann die Frage, wie sich die Nutzung der Produkte verändert hätte, wenn man die neuen mRNA-Injektionen nicht als Impfungen bezeichnet hätte, weil sie ja der bisherigen Begriffs-Definition von Impfungen nicht entsprachen. Sondern wenn man sie (begriffs-konfom) als „gen-therapeutische Medikamente“ bezeichnet hätte (Doshi 2021).

Ganz ähnlich hatte der Biologe Marc Mendelson einige Jahre zuvor gefragt, ob selbst ein so einfaches naturwissenschaftliches Phänomen wie die zunehmende Antibiotika-Resistenz, ihrem Wesen nach, nicht auf einem Sprach-( Verständnis )-Problem beruhe (Mendelson 2017 ). Denn die medizin-beherrschende Sprache benennt Keime, die man „bekämpfen“ und ein Immunsystem, das man für den Krieg „stärken“ müsse. Statt zu schildern, wie man ein Immunsystem „beruhigen“ und ein friedliches Zusammenleben mikrobieller Ökosysteme „fördern“ könne.

Brauchen wir neue Begriffe?

Die verschiedenen Krisen, die uns gerade beuteln (neue Pandemien, sinnlose Kriege, drastische Biosphären-Krankheiten, Zerfall übergeordneter Wertesysteme, …) gleichen sich in der Verwirrung der sprachlichen Versuche, sie zu erklären, oder sie interesse-geleitet zu nutzen. Eigentlich müssten wir (unsere Gattung) anders denken, als die Menschen, die uns in diese Krisen geführt haben. Wir müssten uns dringend sorgen, wie unsere Lebensform ihre verbleibenden evolutionären Chancen nutzen könnte. Stattdessen beharren wir „… innerhalb der Logik des westlichen kapitalistischen Weltbezuges, anstatt das Wachstumsparadigma und den Konsumismus zu überdenken …“. (Schouwink 2022). Noch gilt das beliebteste Motto der Politik:

„Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt wie es ist.“ (Tomasi 1987)

Der Hirnforscher Eugen Roth, hat das, was Viktor Frankl „Sinn“ nannte und Aron Antowsky „Kohärenz“ aus biologischer Sicht neu formuliert: „Nur die intrinsische Belohnung, gespeist aus tiefer Überzeugung erschöpft sich nicht in ihrer Wirkung“ (Roth 2021).

Er hat Recht:

Um aus den Multi-Krisen herauszukommen, brauchen wir Visionen, die auf dem emotional-körperlichen „Es“ gründen. Auf dieser Basis müssen neue, geeignete Begriffe geformt werden für positive Visionen, damit wir nicht immer von Neuem von einem Tsunami des Irrsinns weggespült werden.

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Literatur

Letzte Aktualisierung: 31.03.2022