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Chaos managen (statt bekämpfen)

Herausforderungen, zur Verhinderung einer grässlichen Zukunft, werden unterschätzt: Das Ausmaß der Bedrohung für die Biosphäre und all ihre Lebensform – einschließlich der Menschheit – ist so groß, dass es selbst für die am besten informierten Expert:innen schwierig zu verstehen ist – die Umweltzerstörung ist unendlich gefährlicher für die Zivilisation als Trumpismus oder Covid-19″ Sinngemäß übersetzt aus: „Underestimating the Challenges of Avoiding a Ghastly FutureBradshaw Front. Conserv. Sci., 13.01.2021.

Ein Problem kann man bekämpfen.

Bei vielen Problemen wäre es sinnvoller, sie zu managen.

Wir stecken in der Klemme.

Ressourcen der Biosphäre werden dynamisch zerstört.

Das Klima heizt sich auf. Meere, Böden und Trinkwaser verdrecken. (Bradshaw, 2021)

Der Raum für alle Lebensformen der Erde (uns eingeschlossen) wird enger. Einige Wissenschaftler:innen diskutieren bereits über ein „Ende der Evolution“ – wie wir sie kennen. (Glaubrecht 2020, Jorion 2018, 2020)

Scan: „Actuel Novapress“ No. 137 (25), Ron Cobb 1937-2020, cartoon: 1968
Die Bedrohung der Biospäre wird seit einem halben Jahrhundert diskutiert. Konsequenzen? Fehlanzeige!

Die globale Krise des Wirtschaftssystems

Seit 2008 blähen sich immer größere Finanzblasen auf. Die Bilanzen der EZB (Europäische Zentralbank) und der FED (Federal Rexerve System) der USA) sind voll von Risikopapieren (Derivaten), nicht marktgängigen (derzeit unverkäuflichen) Staatsanleihen und Kreditaufnahmen.

“Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough.” EZB Präsident Maria Draghi, 26. Juli 2012

Draghi irrte. Es reichte nicht.

  • Ab Früh-Herbst 2019 blähten sich die Bilanzsummen der EZB und der FED in einer bisher ungeahnten Geschwindigkeit auf.
  • Ab Februar 2020 beschleunigte sich die weitere Ausdehnung durch die diverse finanzielle „Corona“-Rettungsprogramme.

Bild: Links Staatsanleihen der EZB (Bild: www.ecb.europa.eu/pub/annual/balance/html/index.en.html), und rechts der FED (USA) 2008-2021. Bild: www.federalreserve.gov/monetarypolicy/bst_recenttrends.htm – abgerufen am 19.01.2021

Die Finanzkrise sorgt für eine Marktbereinigung: Wie in der Evolution eröffnen sich Lücken für einige Großunternehmen (in Deutschland u.a. Lidl, Aldi, SAP, ..), in die sie jetzt wuchern. Andere sterben ab, spätestens dann, wenn sie nicht mehr staatlich gestützt werden. (Schick 2021)

Sollten die Finanz-Blasen platzen, werden einige Gesellschaften und Staaten instabil werden. Denn viele leiden zusätzlich an einem gesellschaftlichen Spaltpilz: Die Reichen werden immer reicher, und Armen ärmer. (Tagesschau 22.10.20)

Die absehbaren Strategien, das überkommene Wirtschaftssystem nach einer „Bereinigung der Märkte“ in einem „Neuen Normal“ durch neues „nachhaltiges“ Wachstums zu stabilisieren, werden die Umwelt weiter zerstören.

Economist 22.01.2021: „Mr Biden’s team is set on another $1.9trn fiscal stimulus, bringing the total budget support since the pandemic hit to 27% of pre-crisis GDP.“ Wikipedia-Beschreibung eines physikalischen Aufbläh-Phänomens: „Eine Supernova … ist das kurzzeitige, helle Aufleuchten eines massereichen Sterns am Ende seiner Lebenszeit durch eine Explosion, bei der der ursprüngliche Stern selbst vernichtet wird. Die Leuchtkraft des Sterns nimmt dabei millionen- bis milliardenfach zu, er wird für kurze Zeit so hell wie eine ganze Galaxie.“

Aber die weitere Verknappung der natürlicher Ressourcen wird, ebenso wie die dadurch ausgelösten sozialen Verwerfungen, die Möglichkeiten zur weiteren Profitmaximierung langfristig begrenzen.

Angesichts innerer Verfallserscheinungen wurden und werden immer wieder Kriege ausgerufen, gegen Feinde, die sich gerade anbieten. Das führt dann zu einem vorübergehenden Aufschwung einer Kriegswirtschaft, die wirksame Munition produziert. Aber auch solche Blasen kollabieren erfahrungsgemäß, wenn das Limit der Ausdehnung erreicht wird. Entschlossene Rufe, wie „Wir sind im Krieg!“, sind daher immer auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

… Momentan beruhigen sich alle damit, dass der Impfstoff uns alle alsbald retten könnte. Bezogen auf das Finanzsystem ist das jedoch nur die nächste Illussion. Denn ohne fundamentale Änderungen steht hier nur eines fest: Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.“ Schick 2021

Die dritte Katastrophe: Covid-19

Wie die ersten beiden Krisen hat auch die SARS-CoV-2-Pandemie etwas mit menschlichem Verhalten zu tun. Neue Viren fallen nicht vom Himmel wie Meteoriten: Die Wahrscheinlichkeit ihres Auftauchens steigt u.a. mit dem Rückgang der Artenvielfalt, der Abholzung, der Umweltverdreckung und der Dynamik chemisch-industrieller Landwirtschaft. (Wallace 2020).

Zudem machen neue Viren nicht nur krank, sondern sie verweisen ebenso auf bestehende Krankheiten. Viele, die mit ihnen in Berührung kommen bleiben gesund.

Die Verbreitung des tödlichen Ebola-Virus ist z.B ein Anzeichen für kranke „Gesundheits“-Systeme. Covid-19 spiegelt eine abnehmende Fähigkeit bestimmter Personen auf neue Herausforderungen effektiv zu reagieren (bedingt durch vorgeschädigte Organe, übererregtes Immunsystem, Alter, Übertherapie, Adipositas, Bewegungsmangel uva.). Oder die Tatsache, dass viele Menschen in krankmachenden Verhältnissen leben müssen (u.a. mit Feinstaub).

Es läge deshalb nahe, sich nicht nur auf die Bekämpfung des Virus zu konzentrieren. Sondern sich ebenso intensiv zu fragen, was getan werden muss, um Gesundheit zu fördern: durch geeignetes Verhalten (Bewegung, Schlaf, Ernährung, u.a.) und geeignete Verhältnisse (Schutz älterer Menschen u.a.).

Im Zusammenhang mit diesen, zurzeit drei, fundamentalen Krisen entwickeln sich weitere:

  • Entwicklungsverzögerungen bei Kinder (Bewegungs- und Sprach-Kompetenz, Handfertigkeiten, soziale Fähigkeiten uva)
  • Zunahme psychiatrischer Erkrankungen,
  • Epidemien von Adipositas, Diabetes, Immunstörungen uva.,
  • weiteres Aufklappen der Schere zwischen Arm und Reich,
  • Demokratieabbau,
  • Gesundheitliche Folgen der Medikalisierung aller Lebensbereiche
  • und viele andere.

„Ein gesundheitlicher Notfall dieses Ausmaßes erfordert einen strategischen und systembasierten Ansatz.“ – „A health emergency of this scale requires a strategic and systems-based approach.“ BMJ 08.01.2020)

Ein Problem vernichten?

Die gängige Strategie angesichts vieler Probleme ist es (wie jetzt in der „Corona-Krise“):

  • eines herauszugreifen, und
  • es der Einfachheit halber (gedanklich), von allem anderen zu trennen.

Ist ein Problem dann erst einmal definiert (zum Beispiel die Verbreitung eines Virus), werden Strategien entwickelt, die das Problem isolieren, eingrenzen und ultimativ beseitigen sollen. Damit soll erreicht werden, dass die Welt nach der Problemlösung so sei, wie sie vorher gewesen war.

Das wird sich auch bei Covid-19 als Illusion erweisen. (Schrappe 10.01.2021) Die verzweifelten Rufe nach immer radikaleren Lösungen, die die „Dauerwelle“ wegzaubern sollen, werden unsere Chancen nicht erhöhen, die anderen beiden großen Krisen zu überleben.

Pat-end-lösungen, mit immer härteren Lockdowns, werden unter anderem immer heftigere Kollateralschäden bewirken, besonders bei Kindern.

Die scheinbar radikale Forderung nach „Zero-Covid“ im Rahmen eines „solidarischen“ Lockdowns, macht allein aus biologischen Gründen keinen Sinn: Denn die Viren sind da, sie verbreiten sich (schneller oder langsamer) weiter, und harmlosere Varianten, die ihren Wirt nicht umbringen, werden bessere Verbreitungschancen haben. So wie bei jeder Virusinfektion. Ein „Null“ kann und wird es daher nicht geben. Die Menschheit wird auch mit diesem Virus leben müssen.

„Ein solidarischer Lockdown ist ein Etikettenschwindel. Dahinter verbirgt sich die Forderung nach einer Verschärfung der Umverteilungspolitik von unten nach oben. … mit ihrem Appell (gießen sie) Öl ins Feuer einer zutiefst unsozialen Politik, die sich weit von demokratischen Prinzipien entfernt hat.“ Multipolar 18.01.2020,

Als Folge der absehbaren Dauer-Lock-downs werden die Fähigkeiten, neue Herausforderungen flexibel zu bewältigen (Resilienz), weiter sinken lassen; insbesondere bei Kindern. Kriege „gegen irgendetwas“ (z.B. Krankheit), führen eben nicht zwangsläufig zum Frieden (zu Gesundheit).

Sich auf die Apokalypse vorbereiten?

Der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist Europa und Nordamerika der ideologische Überbau abhanden gekommen. Die entfesselten Märkte werden weder von Religionen noch von Staaten kontrolliert. Angesichts der unübersehbaren Krisen, denen keine langfristiger Perspektiven gegenübergestellt werden, schwindet das Vertrauen der Bevölkerung in die Weisheit der Mächtigen. Viele basteln sich zurzeit ihr eigenes Weltbild, oder sie laufen anderen hinterher, die einfache Lösungen zu bieten scheinen.

Eines der vielen unguten Phänomene dieser Art ist die Modebewegung der „Prepper“, die sich auf den „Weltuntergang“ vorbereiten (ZDF 17.09.2020, NDR 23.05.2018).

Das Spektrum solcher Bewegungen reicht von harmlos bis faschistoid.

Solange es sich noch gut leben läßt, im reichen Norden, werden auch die „Prepper“ im Lockdown noch brav nach Hause gehen, wo ihre Vorräte lagern. Wenn sie sich aber abgekoppelt fühlen von der Gesellschaft, könnten sie rebellieren. Zum Beispiel, wenn sich die Wirtschaftskrise verschärfte oder eine Finanzblase platzte. Einen unorganisierten Mob wird man dann mit bewaffneter Staatsmacht noch relativ einfach unterdrücken können (CNBC 13.01.2021) . Aber auch Massenpsychosen?

‚Messes‘ managen?

Komplexe Probleme werden im Englischen als „mess“ bezeichnet: als Chaos oder Durcheinander.

Manche Probleme erscheinen (besonders mit Tunnelblick) relativ einfach und isoliert zu sein. Mit etwas Ruhe und Abstand kann man dann aber Wechselwirkungen und Beziehungen erkennen. Verschiedene zusammenhängende Probleme erscheinen dann nicht mehr unabhängig voneinander: Vielmehr wird bewusst, dass sie in der Realität dynamisch interagieren, und so zufällig völlig neue Situationen schaffen.

Einzelne Probleme existieren nur als willkürlich aus komplexen Situationen herausgegriffene Erscheinungen: Sie sind immer Anteile oder Aspekte größerer Zusammenhänge.

Problem-Komplexe („messes“) lassen sich nicht durch Optimierung einzelner Probleme verbessern. Stattdessen ist es notwendig, eine Situation wahrzunehmen und zu akzeptieren, wie sie sich in ihrer Gesamtheit (mit allen Aspekten) darstellt und entwickelt. Erst dann kann man sich ihr anpassen und sie begleiten, einfluss-nehmend und, im günstigen Fall, auch lenkend.

Etwa wie ein Kapitän, der Wolken, Wind, Wellen und den Zustand seines Schiffes gleichermaßen beachtet und unaufgeregt-überlegt handelt.

Bei neuen komplexen Problemzusammenhängen (die z.B. durch eine Epidemie verschlimmert wurden) wäre es günstig, möglichst viele unterschiedliche Sichtweisen einzubeziehen, Möglichkeiten zu prüfen und Strategien zu entwickeln, die die Zahl der Möglichkeiten vermehren, indem getan wird, was die Gesamtsituation erfordert.

Viele Personen einbeziehen, und sie durch eine Vision begeistern. Bild: Julian Pratt eta. Partnership for purpose. Whole system Thinking working paper series. Kings Fund, 2000, ISBN 1-85717-299-9

An Visionen arbeiten

Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. Antoine de Saint-Exupéry (Quelle)

Im Kampfgetümmel ist keine Zeit für Visionen. Ohnehin halten sich „Problemlöser“ lieber an die Empfehlung von Helmut Schmidt

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen,” Schmidt über Willy Brandts Visionen im Bundestagswahlkampf 1980

Wichtiger sind ihnen „Ziele“, denn die sind (eng und einfach) das Gegenteil des Problems: „Viel Covid: schlecht!“ – „Kein Covid: super!“

Visionen dagegen erweitern das Blickfeld auf alle Aspekte einer Situation, die sich verändern und entwickeln. Während Problemlösungen typischerweise mit einer Antwort beginnen („Genau so!“), entstehen Visionen aus Fragen. Zum Beispiel: „Wie wollen wir in 20 Jahren leben?“

Eine mögliche Vision, die vor meinen Augen auftaucht, wäre die einer glücklichen Gemeinschaft, in der sich unsere Kinder und Enkel friedlich, demokratisch, solidarisch, neugierig verwirklichen können – weil sie eingebettet in elastisch-stabiles, artenreiches Ökosystem leben.

Solche Vision muss man gemeinsam ausgestalten. Dann entsteht Sehnsucht. Und der Wunsch etwas zu tun. Und schließlich kommen konkrete Fragen nach der Strategie auf:

Fundamentale Krisen-Komplexe bringen den großen Vorteil mit sich, dass nichts mehr sein kann, wie es war: Sie eröffnen Chancen für grundsätzlich neue Erfahrungen.

Zum Beispiel könnten mehr Menschen entdecken, dass wir in Systemen leben und daraus bestehen. Dann würden

  • Problem-Ausrottungs-Trancen (oder nach Watzlawick „Paten-end-lösungen“) an Bedeutung verlieren, und
  • Wechselwirkungen, Zusammenhänge, Dynamiken größere Aufmerksamkeit erhalten.

Wir würden beginnen, im Interesse unserer Kinder und Enkel handeln. Und nicht mehr gegen sie.

Mehr

Literatur

Letzte Aktualisierung: 23.01.2021