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2. Januar 2026

Friedenskunst

Inhalt

  • Friedenslogik ist menschentypisch
  • Warum nicht Frieden? (Link)
  • Verbale Deeskalationstechniken
  • Einheit von Körper, Geist und Umfeld
  • Training friedvoller Bewegungskompetenz
  • Philosophie friedvoller Bewegungskompetenz
  • Friedenskunst, abgeleitet aus Taiji-Prinzipien
  • Links und Literatur

Friedenslogik ist menschentypisch.

Gemeinsam gewinnen alle – gegeneinander kämpfend, gewinnt der Stärkere.

Es ist möglich, angesichts von Konflikten nicht sofort zu reagieren. Sondern stattdessen innezuhalten. Einen Schritt zurücktreten. Die Zusammenhänge zu betrachten. Sich beruhigen. Die Situation anzunehmen, wie sie ist. Und erst dann das Nötige zu tun, um Entwicklungen günstig zu beeinflussen.

Bild Jäger 2010

Die Kompetenz, in Konflikten umsichtig, ruhig und wirksam zu handeln, erfordert Übung und Erfahrung.

Angesichts von Gefahren werden zunächst ultraschnelle (entwicklungsgeschichtlich alte) Programme ausgelöst: Erstarren oder Fliehen oder Angreifen. Schildkröten, Schlangen und Krokodilen gelingt das perfekt, ohne störendes Nachdenken.

Säugetiere können dagegen Notfallreflexe bewusst wahrnehmen und sich beruhigen, wenn sie stillen, kuscheln, spielen oder gemeinsam handeln.

Psychologisch verbirgt sich hinter einer Kampflogik höherer Tiere ein „Ich“, das sich verteidigen muss. Gegen etwas anderes. Verliert die Konstruktion des „Ich“ an Bedeutung, öffnet sich ein Raum für soziale Kommunikation: Verbindung, Wechselwirkung und Beziehung in einem größeren Zusammenhang des Lebens.

Für Neugeborene ist Geborgenheit normal. Sie wachsen in Liebe auf, oder erkranken. Hohe soziale Kompetenz ist menschentypisch. Trennung, Vernachlässigung, Kampf oder Krieg erfahren Kinder erst durch kulturelle Einflüsse. Friedenslogik zu erlernen, bedeutet deshalb, sich körperlich an das zurückzuerinnern, was unmittelbar nach der Geburt war und trotz allem auch im späteren Leben sein könnte. Körperlich verankerte Fehleinstellungen, Gewaltanwendung und kriegerische Verkrampfungen zu verlernen, wäre eigentlich einfach. Besonders bei Kindern. Erfahrungsgemäß verlangt es allerdings in kampfgeprägten Gesellschaften etwas Geduld und Übung.

Vor 750 Jahren empfahl der Dominikanermönch Eckhart
„Nimm dich selber wahr, und wo du dich findest, da lass von dir ab.“

Es reicht nicht aus, zu hören oder zu lesen, was andere darüber sagen oder aufschreiben. Wichtiger ist die Sehnsucht, etwas selbst zu erleben. Damit sich die Erfahrung des Gelassenseins körperlich einprägen kann.

Verbale Deeskalationstechniken

1983 entwickelten Roger Fischer und William Ury eine Grundlage sachgerechten Verhandelns. Positionsgerangel, Feilschen, Gegeneinanderargumentieren oder Sich-bekämpfen seien kräftezehrend, schädlich und wenig effektiv. Effektiver sei es:

  1. Bewertungen (Gefühle, Emotionen …) und Probleme (Tatsachen, Fakten …) zu trennen.
  2. Interessen in den Mittelpunkt zu stellen – statt Positionen und Überzeugungen.
  3. Möglichkeiten zu prüfen, die allen Parteien nutzen.
  4. Überprüfbare Kriterien für Entscheidungen festlegen (Rechtsnormen, Ethik …).

Kämpfe um Überlegenheit gefährden die Entwicklung nützlicher Beziehungen. Sie schaden beiden Seiten, verschlingen unnötig Ressourcen. Bestenfalls führen sie zu faulen Kompromissen.

Marshall Rosenberg ging mit seinem Vorschlag der „Gewaltfreien Kommunikation“ (GFK) weiter:

  1. Tatsachen benennen, die beide Seiten als gegebene Fakten ansehen und akzeptieren.
  2. Gefühle wahrnehmen. Innere Signale spüren. Sie öffnen.
  3. Sich über die eigenen Bedürfnisse klar werden und sie benennen.
  4. Eine Bitte äußern, die jetzt (in der Situation der Begegnung) erfüllt werden kann.

Strategien zu friedlicher Konfliktlösung gründen sich meist auf die gesprochene Sprache. Oder auf niedergeschriebene Begriffe. Ein Wort („Wolke“) definiert das, was es ausschließt („Nicht-Wolke“). jedes Wort wurde von jemandem gesagt, der eine bewusste Trennungsline setzt, weil es ihm nützlich oder wahr erscheint. Darüber kann man streiten, weil andere verschiedenes darunter verstehen können. Zum Beispiel ob ein Begriff ein Gefühl oder doch eine Bewertung beschreibt (was bei der ‚GFK‘ sehr ernst genommen wird).

Die wortlose Kommunikation (Geste, Sprachmelodie, Körperhaltung, Mimik, Bewegung) wird oft unterschätzt, aber gerade sie vermittelt Beziehung. Daher ist der Austausch reiner Begriffe (selbst nach allen Regeln der GFK-Kunst)

in Chat-Kommentaren häufig missverständlich, hart und aggressiv.

Im Rahmen des Trainings von Handlungen, die sich an Friedenslogik orientieren (Birckenbach 2023) wurden viele weitere deeskalierende Kommunikationsmuster analysiert. Ihnen ist gemeinsam, dass ein sicherer Ort gefunden wird, an dem Ruhe herrscht, an dem Emotionen und Gefühle geäußert werden können und schließlich mit allen Sinnen hörend, rational und sachlich kommuniziert werden kann. Erst dann kann allmählich eine Gegnerschaft abgebaut werden (Sicherheitslogik). Und dann allmählich die Idee einer sozialen Beziehung (Friedenslogik)

Der Weg in den Krieg ist aber ungleich einfacher als der zurück an einen Verhandlungstisch. Das liegt u. a. daran, dass die grundlegenden Formen menschlicher Kommunikation unbewusst ablaufen. Die Funktionen des Mittel- und Stammhirns, die sie beherrschen, werden nur in ihren Auswirkungen gespürt, und nur dann, wenn neuere Hirnanteile ihnen achtsam lauschen. GFK fördert ein Sich-selbst-erleben, allerdings nur im sitzenden und ansonsten unbewegten Zustand.

Die noch weiter vom Bewusstsein entfernten Körperfunktionen (Herz-Lunge, Darm-Immunsystem-Mikrobiom) spielen aber ebenfalls eine bedeutende Rolle im Kommunikationsverhalten. Ihre Bedeutung wird bei verbalen Deeskalationstechniken meist unterschätzt. Ob aber eine Kommunikation gelingt oder nicht, hängt im Wesentlichen von der Einstellung und Zugewandtheit zu einer Situation ab. Und die wird geprägt durch alle Körperzellen des Menschen.

Friedensfähigkeit bedeutet daher nicht nur eine psychologische, sondern vor allem auch eine körperliche Kompetenz – die trainiert werden kann. Durch Experimentieren, Spüren und Fühlen. Mit allen inneren und äußeren Sinnen.

Einheit von Körper, Geist und Umfeld

Die Psyche ist nur ein Aspekt des Körpers und seines Umfeldes. Solange ein Organismus lebt, sind alle Nerven-, Darm- und Bewegungsfunktionen miteinander verwoben. Sie wechselwirken miteinander und kommunizieren. Sie klingen, wie ein Orchester in einem Konzertsaal. (Wolpert 2023) Sie können sich einschwingen, sich synchronisieren und mit dem, was geschieht, zusammenwirken. (Parshall 2025)

Die Grundlage der menschlichen Beziehungsfähigkeit ist nicht nur das Gehirn. Sondern auch die menschlichen Schulter- und Hüftgelenke, deren Bedeutung oft unterschätzt wird. Aber ihre Einzigartigkeit ermöglichte es unseren Vorfahren, mit den Händen zu tasten und sich mit Werkzeugen zu verbinden und u. a. gewandt zu töpfern. Menschen sind Werfer, Läufer und Köche – im Gegensatz zu Schimpansen, die nur zielorientiert-geschickt hantieren können.

Wir erweitern unsere Freiräume tastend, fühlend, gestikulierend. Das erforderte enorme Koordinierungs- und Planungsfähigkeiten. Und ist damit die Voraussetzung für die Ausbildung der komplexen Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn.

Die Aufgabe des Gehirns ist es

  • die Zukunft vorherzusagen,
  • Beziehungen einzugehen,
  • Bewegung (optimal angepasst an die Gegebenheiten) zu gestalten.

Gegenstände ergreifen, bewegen, manipulieren und zerschlagen gelingt anderen Tieren auch. Menschen tun mehr: Sie können durch Gegenstände fühlen. Und sich mit ihnen verbinden, um dann gewandt, mit Werkzeugen oder mit Material, etwas zu gestalten. Die Möglichkeiten, den Körper zu nutzen, wurden so erheblich erweitert.

Die körperliche Erfahrung von Bewegungsabläufen kann in natürlich fließenden Prozessen dazu führen, effektiver mit psychischen Belastungen umzugehen.

  • Das körperliche Erleben von Wachheit kann den Geist beruhigen.
  • Die Fähigkeit, sich in Bewegung zu verbinden und gewandt Prozesse zu gestalten, kann den Drang besänftigen, zielorientiert handeln zu müssen.
  • Der Zugang zu körperlichen Funktionen über die Psyche (Verstehen, Fühlen, Spüren) kann im Körper harmonischere, reibungsarme Bewegungsformen anregen.
  • Achtsame Bewegungskunst kann zu Ruhe und Gelassenheit führen (heilsam nach innen und außen).

Die Fähigkeit zu intelligenter, natürlicher, menschentypischer Bewegung ist angeboren. Erwachsene können sich daran erinnern und ihre Fehlhaltungen so wieder verlernen. Selbst unter Belastung können sie sich dann gelöst bewegen: schonend, fröhlich, energievoll und entspannt zugleich. Und so erleben sie, dass Gewalt nicht mit Gewalt beantwortet werden muss. Oder mit auszuhalten, kämpfen oder fliehen. Sie können erleben, dass es möglich ist, innere und äußere Kräfte anzunehmen, sie zu nutzen und sie zu leiten.

Training friedvoller Bewegungs­kompetenz

Im Gegensatz zu militärischem Kampftraining oder Leistungssport, kann eine Bewegungskunst heilsam wirken. Besonders dann, wenn die Natürlichkeit frühkindlicher Bewegungsmuster gefördert wird. Z. B. wie:

  • Sich einrollen: Geborgen in der Beziehung zu sich finden.
  • Sich öffnen: Neugierig sich mit dem verbinden, was geschieht.
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Öffnen. Bild: Jäger, 2010

Kinder kuscheln sich selig ein, oder sie lachen fröhlich und unbekümmert – abwechselnd, im Rhythmus des Lebens. Ausatmend, beruhigt durch den Impuls des Vagusnervs.

Später werden Kindern diese beiden grundlegenden, elastisch-entspannenden Bewegungsmuster wieder ausgetrieben: durch Drill, Zwang und Druck. Dann entsteht aus „dem Muster des Schließens“ verkrampfte Starrheit oder Einfrieren. Und aus dem Öffnen „Gewaltanwendung“ gegen das, was bedrohlich zu sein scheint. Gewandt verbunden sein, wird dann ersetzt durch „gewinnen müssen“ durch zielorientiertes Kämpfen.

Viele intelligente Bewegungsmethoden helfen dabei, den natürlichen Fluss von Körper und Geist prozessorientiert wiederzufinden. Sie entwickeln (eher nebenbei) Fähigkeiten, sich auf Belastungen friedvoll einzustellen.

Philosophie friedvoller Bewegung

Gesundheitsfördernde Bewegungslehren entstanden aus philosophischen oder religiösen Weltbildern. Aus der griechischen Tradition, aus der Dao-Philosophie, dem Konfuzianismus, dem Sufi-Islam, dem Schamanismus, dem Yoga (Jain, Advaita, Buddhismus), dem Zen und vielem anderen.

Jedes dieser Konzepte ging (oder geht) davon aus, dass man sich als Gesamtpersönlichkeit weiterentwickeln sollte: durch ein sorgfältiges körperliches Trainieren, einen geeigneten Atemfluss und eine Reflexion dessen, was man tut. Dabei könne manchmal der Körper die Bewegung anführen. Oder der Geist (wenn die Bewegung folgt) oder der Atem (wenn der Geist folgt). So erweiterte sich der Wahrnehmungs- und Handlungsraum.

Viele der philosophischen oder religiösen Bewegungslehren schließen ‚Anderes‘ als eine ‚Nicht-Wahrheit‘ aus. Das wird untereinander meist freundlich toleriert. Denn vor dem Hintergrund von Bedrohung, Gewalt, Ausbeutung und Krieg suchen viele nach Wegen, wie sie zu einer friedlichen gesellschaftlichen Entwicklung beitragen können.

Einige Yoga-Lehrer:innen betonen die innere Zentrierung von Körper und Geist, die das Umfeld günstig beeinflusse. (Yoga-Journal 2024) Und Buddhisten rufen zur Friedfertigkeit auf. (DBU 2024).

Auch Kampfkunst-Lehrer:innen überlegen, wie eine friedliche und nachhaltig entwickelte Welt Gestalt annehmen könnte. Und wie sie aktiv zur Entwicklung von Friedenskunst beitragen könnten (DDQT 2025, Mögeling 2025)

Die Fähigkeit, in schwierigen Lebenslagen gewaltfrei bestehen zu können, ist nur z. T. eine Frage technischer Kompetenz und Fitness. Wichtiger ist die innere Einstellung. Eine optimale Aktion gleicht der Dynamik des störungsfreien Dualismus (Taiji). Die ideale Einstellung wäre ein leerer Geist (Wuji), ohne Feind, Anhaften oder Gegen-an. Takuan Soho (http://horst-tiwald.de/wisstexte/china/Takuan.pdf) soll zu einem Kämpfer gesagt haben: „Alle wirklich Starken sind freundlich.“

Zitat Klaus Hornetz: “ … Die Daoisten beschreiben diesen inneren Ort der vorausgehenden Stille mit Wu (無) oder Wu-Wei (無為). Das wird oft missverstanden als „nichts tun“. Gemeint ist vielmehr nicht erzwingen. Laozi formuliert es etwa so: 無為而無不為 Handle, indem du nicht erzwingst – und nichts bleibt ungetan. (Daodejing 48) Zhuangzi formuliert es so:
„Höre nicht mit den Ohren, höre mit dem Herzen. Höre nicht mit dem Herzen, höre mit dem Qi. Das Ohr bleibt beim Hören stehen, das Herz bleibt beim Denken stehen. Das Qi aber ist leer und wartet auf die Dinge.“ Zhuangzi, Kapitel 4) Das entspricht genau der Haltung, in der Bewegung „von selbst“ auftaucht, statt gemacht zu werden. Nicht als Absicht des Ichs, sondern als Antworten auf das, was bereits ist. Wenn ich das, was du beschreibst, richtig erfasse, dann entsteht im Tai Chi ein Ablauf, der nicht technisch, sondern relational ist:

  • zuerst innere Ruhe (ohne Selbstbehauptung),
  • dann Intention als Lauschen, nicht als Wollen,
  • daraus Kontakt ohne Bedrohung,
  • dann Verbindung, die ohne Härte bestehen kann,
  • und schließlich Bewegung, die sich ergibt, ohne erzwungen zu sein.

In diesem Sinn scheint Tai Chi das zu verkörpern, was Laozi meint, wenn er sagt: 天下之柔,馳騁天下之堅Das Weiche durchdringt und überwindet das Harte. (Daodejing 76) Weichheit ist hier weder Schwäche noch Rückzug, sondern Durchlässigkeit ohne Verlust der Mitte. Deine Frage nach der Möglichkeit, Tai Chi als Friedenskunst zu verstehen, erinnert an Sunzis berühmten Satz: 不戰而勝為上 Der höchste Sieg ist der, der ohne Kampf erreicht wird. (Sunzi, Kap. 3) Nicht aus moralischem Pazifismus, sondern aus Stabilität, die keinen Gegner benötigt, weil sie den Konflikt verwandelt, bevor er hart wird. Für mich stellt sich also nicht die Frage, ob Tai Chi „Frieden lehrt“, sondern welcher körperliche Zustand Frieden möglich macht. Die philosophische Linie scheint klar — die körperlich-gelebte Erfahrung wäre der nächste Schritt. „Frieden ist keine Idee, Frieden ist Praxis“. Gleichzeitig merke ich, dass ich selbst hier tastend bleibe; die Verbindung von körperlicher Praxis und innerer Haltung ist nicht theoretisch abzuleiten. Aber die Richtung scheint sinnvoll. Vielleicht sind dies die Fragen, die sich für ein Weiterdenken lohnen: Wie kann „Ich-losigkeit“ geübt werden, ohne das Ich zu verdrängen? (Ein Kampf gegen das Ich wäre ja wieder Kampf.) Wie zeigt sich Weichheit in einer Welt, die Selbstbehauptung einfordert? Ist Weichheit Haltung, Übung oder Ergebnis? Entsteht Frieden durch Absicht – oder ist er eine Nebenwirkung von Klarheit im Körper?“ Zitat Ende

Friedenskunst, abgeleitet aus Taiji-Prinzipien

Für Friedfertigkeit sprechen nicht nur moralische und ethische Argumente. (Müller 2023) Sondern primär ihre Wirksamkeit: Gerade in Notsituationen haben Piloten, die sich beruhigen und umsichtig und besonnen handeln, größere Überlebenschancen, als röhrenförmig Gestresste, die angreifen oder fliehen oder erstarren.

Taiji-Quan ist eine der Kampfkünste, die für „Schwache“ entwickelt wurde, um sich effektiv gegen „Starke“ zu wehren. Hochtrainierte und gerüstete Gewalttäter, Räuber oder Soldaten waren definitiv schneller, trickreicher und stärker. Daher entwickelten Frauen und ältere Männer Selbstverteidigungstechniken, bei denen innerlich in sich ruhende Menschen einen deutlichen Vorteil haben. Ihre Kunst beruhte auf äußerer Nachgiebigkeit und innerer Elastizität. So als bestünde das Äußere (zum anderen hinreichende) aus Watte und das Innere aus einem sich drehenden Hartgummiball. Damit war es möglich, sich sehr effektiv zu verteidigen. Daraus abgeleitete Techniken waren für einen Angriff allerdings zunächst vergleichsweise wenig tauglich.

Eines der Prinzipien ist, dass Wasser Erstarrtes umfließt. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, mit roher Gewalt anders umzugehen, als üblicherweise (mit Gegenkraft, Aushalten, Fliehen oder Kollaps). Indirekt verliert so zielorientiertes, geschicktes Gewinnenwollen an Bedeutung.

Stattdessen kann sich die Kunst entwickeln, gewandt und prozessorientiert mit einem Geschehen verbunden sein, vergleichbar mit Segeln oder Surfen. Eine Veränderung einer Situation wird nicht willentlich erzwungen, sondern ergibt sich aus Wechselwirkungen aller Wirkkräfte, die günstig beeinflusst werden.

Viele intelligente Kampfkunstsprinzipien beruhen auf ähnlichen Prinzipien (Hapkido, Aikido, WingTzun, Judo, Escrima, BJJ u. v. a. ). Sie wurden natürlich auch in Kampfeinheiten übernommen, die an schnellen Siegen mit kleinstmöglichem Energieaufwand interessiert waren. Beispiele dafür sind die Kosaken-Kampfkünste (ukrainisch Spas, russisch Systema), TaiBoxen, Mixed Martial Arts oder Krav Maga o. ä. Sie stehen hoch im Kurs bei Militärs, die kraft- und gewaltvoll „gegen“ Böses kämpfen.

Ich habe aber neben Taiji keine andere Kampfkunst erlebt, die den dynamischen, reibungsfreien Fluss diametraler Gegensätze wirklich konsequent ins Zentrum rückt. Die also das Prinzip des Ausgleichs, der Harmonie in störungsfreien Wirkbezügen ineinander verwobener innerer und äußerer Systeme betont. Im Deutschen gibt es für (innere und außen ablaufende Systemdynamiken) das Wort Friede: in sozialen Bezügen, in der Medizin, in der Politik, im persönlichen Leben, in Beziehungen, in Ökosystemen, in der Biosphäre und in Zusammenhängen, die wir nicht verstehen können, die uns aber durchdringen. Im Taiji kann man erleben (wenn man gute Lehrer:innen hat), wie man mit Belastungen auch anders umgehen kann: durch Finden einer günstigen Einstellung (Ruhe und Loslassen, ohne etwas zu wollen), sich (intensions-geleitet) zu verbinden, um dann mühelos eine Dynamik zu begleiten, zu lenken und zu leiten. Also gewinnen, ohne zu kämpfen.

Theoretisch könnte also durch ein Weiterentwickeln des Taiji-Trainings vermittelt werden, dass es in jeder Situation äußerer und innerer Belastung völlig „anders als kriegerisch-üblich“ ablaufen kann: konsequent gewaltlos und (gerade deshalb!) so hocheffektiv.

Durch körperlich-psychisches Training der grundlegenden Prinzipien wird Erfahrung aller Zellen verankert. Deshalb könnte, zu diesem Zweck weiterentwickeltes, körperlich-psychisches Taiji-Training dazu beitragen, Friedensfähigkeit zu entwickeln. Weil körperlich, sinnlich erlebbar verdeutlicht wird, dass gerade in Not, Bedrohung oder Stress, ruhiges, konsequentes, intelligentes Handeln wesentlich effektiver ist, als aus einer schwachen Position gegen rohe Gewalt vorzugehen. Körpererfahrung mit Taiji-Prinzipien verdeutlicht: Es ist möglich, zu gewinnen, ohne zu kämpfen. Und darüber hinaus zu verstehen, dass es keine Gegner gibt, sondern nur Menschen, die sich unterschiedlich verhalten. Für einen Gewinn ist es nicht nötig, über den anderen zu triumphieren. Die Gestaltung einer gelingenden Kommunikation wäre für beide Seiten viel effektiver.

Entscheidend für die Ausgestaltung des Handelns ist die Einstellung, die Qualität des inneren Zustandes, bevor etwas auf ein anderes einwirken kann.

Herrscht eine kriegerische Einstellung vor oder Stress, dann wird die Einleitung des Handelns aggressiv sein. Um dem anderen möglichst viel Schaden zuzufügen. Oder ihn so zu entspannen, dass er sich nicht mehr wehren kann und aufgibt.

Bei einer friedlichen Einstellung gewinnt der Handlungsprozess an Bedeutung. Die Gewandtheit und die Verbindung in körperlicher Kommunikation. Dafür ist es notwendig, Kriegstechniken zu verstehen, um mit ihnen umgehen zu können.

Es erfordert viel Geduld, Lernen und Erfahrung, bis äußere Gewalt ins Leere gelenkt wird. Dann aber ist Pazifismus nicht mehr passiv, sondern effektiv und dynamisch wirksam.

Das Erleben der philosophischen und körperlichen Grundprinzipien des Taiji kann hinführen zu einem friedlichen, harmonischen, bewegten und wechselwirkenden Ganzen. Als Lebenskunst kann Taiji auf viele Bereiche des Alltagslebens übertragen werden: andere Kunstformen, Handwerk, Sport, Heilungsprozesse, Management, Konfliktkommunikation u.v.a.

Taiji-Lehrende können ihren Schüler:innen wirksame Alternativen zur vorherrschenden „Sicherheitslogik“ (s. u.) aufzeigen, die sich gegen etwas richtet, Kriegstüchtigkeit und Hochrüstung verlangt, und letztlich zu Kriegen führt.

Sie können Friedensfähigkeit fördern: die Kunst, unter schwierigsten Bedingungen ruhig zu bleiben, und friedvolle Entwicklungen zu bahnen. Taiji könnte (körperlich spürbar) das Coaching rein sprachlicher Methoden ergänzen (wie GFK oder „Friedenslogik“). Friedenskunst, abgeleitet aus Taiji-Prinzipien.

Aus dem Vertrauen in eine Gesetzmäßigkeit, einen Sinn und die eigene Kompetenz, kann sich eine ruhige Einstellung ergeben, selbst angesichts größter Bedrohung. In jeder Art von Konflikt ist es möglich, in Beziehung zu treten, oder gelassen auszuweichen. Brutale Kraft (Gewalt) muss nicht durch mehr brutale Kraft (Gewalt) beantwortet werden. Die Wirksamkeit solcher Einstellungen kann in spielerischer Bewegung Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, in Schulen und Ausbildungsstätten vermittelt werden.

Anders als bei „Gesundheitsförderung“ oder bei „Selbstverteidigung“ verfügt Taiji hinsichtlich der Entwicklung körperlicher Friedenstauglichkeit vermutlich über ein Alleinstellungsmerkmal.

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Links und Literatur

Links zu Taiji

Diskussion im Dachverband der Taiji-Leher:innen

Reale Wirksamkeit ohne Gewalt

Erlebte Kompetenz

Letzte Aktualisierung: 03.01.2026