Corona-Philosophie

Nichts ist so, wie es scheint.
Anaximander von Milet (610-546 vuZ),
nach Rovelli: Die Geburt der Wissenschaft, Rowohlt 2019

Selber denken?

Die Fähigkeit Tabus zu hinterfragen ist jung. Homers Schilderung des listenreichen Odysseus ist erst 2.800 Jahre alt. Dieser Freibeuter hörte – in sich – keine Geister-Stimmen mehr. Auch nicht im Traum. Die Befehle der inneren Götter, die die Menschen vor Troja noch wie Marionetten gesteuert hatten, waren verstummt. Als sie ihn doch einmal betören wollten, verstopfte er sich die Ohren: Ein schlauer Einzelkämpfer, ganz allein auf sich gestellt. Ein ziellos Umherwandernder in wirren Zeiten. Aus sich heraus nach Orientierung ringend. Ohne Wahrheiten, denn die wurden von der Priester und Dogmatikern erst später verkündet.

Nur 300 Jahre später konnte jemand, neu-gierig fragend, herausfinden, dass die Erde schwebt (Rovelli 2009). Genial: Anaximander lies einfach unsinniges Glaubens-Geschwurbele weg. Aber wozu sollten solche gotteslästerlichen Gedanken nützlich sein? Bewegten sie etwa mächtige Armeen? Hielten sie etwa große Reiche zusammen?

Nein. Dazu mussten erst Wahrheiten erfunden werden: Konzepte, die über dem König standen und von niemandem angezweifelt werden durften. Mit Angst verbunden, um das Volk zu zwingen, der richtigen Ideologie zu folgen.

Selber-denken war ab dann wieder lebensgefährlich. Besonders in Krisenzeiten.

Reiner Mausfeld 03.06.2020: Angst und Macht. Ängste haben den Vorteil, dass sie leicht zu erzeugen sind und tiefergehende psychische Auswirkungen auf unser Handeln haben. … Reale Ängste werden in Binnen-Ängste umgewandelt … Apathie, und Status-quo-Neigung steigt, … Solidarität, Handlungsmut, Empathie sinken https://www.youtube.com/watch?v=-S5WhBxQUHg. Techniken der Angsterzeugung 20.04.2020: https://www.youtube.com/watch?v=7LdLaszpO2A

Angesichts gesellschaftlicher Umbrüche wäre es – eigentlich – dringend nötig, damit aufzuhören das zu tun, was schon immer getan wurde. Denn ein Denken, das Krisen erzeugt, kann nicht in der Lage sein, Krisen zu überwinden. Also müsste gerade in Gefahr nach Selber- und Neudenker*innen gesucht werden.

Erfahrungsgemäß geschieht in Krisen zunächst das Gegenteil: Andersdenkende werden bekämpft, weil sie den zerfallenden, aber noch herrschenden Glaubenskonzepten widersprechen. Bis ein Zusammenbruch erfolgt. Und man sie wieder braucht, weil man im Chaos nach einer neuen Orientierung ringt.

Karl Popper (1974): „Das Wichtigste ist, den großen Propheten zu mißtrauen …!“ https://www.youtube.com/watch?v=ZO2az5Eb3H0&feature=youtu.be

Die Unterwerfung

„Gemeinsam haben wir es geschafft: .. Den Triumpf der Menschheit über die Krankhheit!“ Boris Johnsen, Premier Großbritanniens anlässlich der 8,8 Mrd.-Sammelaktion für Covid-19-Impfstoffen, afp 05.06.2020

Es ist fünf vor zwölf.

Eigentlich müsste die Menschheit jetzt über das Wesentliche debattieren: In wenigen Jahren wird das 1,5°-Klimaziel endgültig verfehlt sein. Die Weltwirtschaft befindet sich in der größten Stag-Flation seit 1929. Die Reichen werden immer reicher. Die Armen rutschen ins Elend. Die Weltordnung zerbricht, die Kriegsgefahr steigt.

Die Spezies Homo sapiens steht, nachdem sie ein Erdzeitalter (Anthoprozän) geprägt hat, vor einer Klippe.

Machen wir als Schädlinge der Erdoberfläche so weiter wie bisher, werden wir in einigen Jahrzehnten unsere Lebensgrundlagen endgültig verspielt haben.

Besteht noch eine Chance, dass wir uns vom Schädling zum Nützling der Erde wandeln? Oder müssen wir erst auf den endgültigen Kollaps warten, nach dem sich die wenigen Überlebenden, vielleicht anders verhalten werden.

Für die fundamentale Krise, in der wir uns heute befinden, fantasierte der französische Schriftsteller Houellebecq 2015 eine überraschend einfache Lösung: Die Unterwerfung unter eine „modernisierte“ Einheitsreligion. Houellebecq dachte an eine Variante des Islam. Aber er übersah das Naheliegendere: die Macht des Gesundheitsmarktbetriebes.

Michel Houellebecq spielt mit den Ängsten … und dem Gespenst der Selbstaufgabe … Er hält in „Unterwerfung“ .. der westlichen Gesellschaft, die an ihrem „atheistischen Humanismus“ zugrunde gehe, einen Zerrspiegel vor. SD 16.01.2015

Kommentar von Lucien Scherer, NZZ 03.11.2020:
Niedergang der Diskussionskultur in Zeiten von Angst und braver Gesinnung

Triumph der Medizin

Bereits 1924 hatte ein anderer genialer Schriftsteller (Jules Romain) den heutigen Triumph der Medizin vorausgeahnt. Er beschreibt wie es einem Landarzt in kurzer Zeit gelingt, alle Dörfler in kranke Kund*innen zu verwandeln:

„Werden bei ihrem Vorgehen nicht die Interessen des Patienten denen des Arztes untergeordnet?“ – „Sie vergessen, es gibt noch ein übergeordnetes Interesse.“ – „Welches?“ – „Das der Medizin.“

Ich gebe Menschen eine Bestimmung und führe sie zu einer medizinischen Existenz.“ – „… bis zum Äußersten zu gehen und tatsächlich die ganze Bevölkerung ins Bett zu schicken, nur um zu sehen, was passiert, nur um es zu sehen!“

Das Leben hat einen medizinischen Sinn … Verschone mich mit Gesundheit!“ Jules Romain, 1926

1977 sah ein anderer Visionär, der Soziologe und Priester Ivan Illich voraus, das das Medizinsystem wie ein Krebsgeschwür in alle Bereiche des Lebens wuchern werde:

„… Die Verpflichtung der Gesellschaft, allen Bürgern die Produkte der Medizin in nahezu unbegrenzte Maß zur Verfügung zu stellen, droht die Umwelt und die kulturellen Bedingungen zu zerstören, die der Mensch braucht, um ein Leben in dauernder autonomer Gesundheit zu führen.

… falls eine durch blutige Enthüllungen in Panik versetzte Öffentlichkeit so eingeschüchtert würde, dass sie einer Ausweitung der Spezialisten Kontrolle über Spezialisten in der Gesundheitsindustrie zustimmte, dann würde dies zu einer Vermehrung krankmachender Gesundheitspflege führen …

Die institutionelle Gesundheitsfürsorge ist gleichbedeutend mit einer systematischen Verweigerung von Gesundheit..

Sie sie dient nicht der persönlichen Entfaltung sondern dem industriellen Wachstum … Der Medizinbetrieb könnte leicht zum ersten Ziel eines politischen Handelns werden …

Nur ein politisches Programm, das auf eine Beschränkung der Gesundheitsverwaltung durch Experten abzielt, kann den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Kraft der Gesundheitspflege zurückzugewinnen.“ Ivan Illich 1977

Viele der Vorhersagen von Ivan Illich sind eingetroffen.

Ebenso die Prognosen des Ökonomen Leo A. Nefiodow, der vor einigen Jahrzehnten voraussagte, dass die Kommerzialisierung der „Gesundheit“ alle anderen Märkte an Dynamik übertreffen werde. Dabei bezog er sich auf die Beobachtungen von Nikolai D. Kondratjew (1892-1932), der  kapitalistische  Wachstums-Zyklen beobachtet hatte. Kondratjew beschrieb, wie den Aufschwungs-Phasen der Produktion regelhaft Krisen folgten, die im Zuge technischer Innovationen wieder überwunden werden, und denen dann ein neuer ökonomischer Aufschwung folgt.

Womit Nefiodow allerdings nicht gerechnet hatte ist, dass sich die fünfte Kondratjew-Welle (Digitalisierung) mit der sechsten Kondratjew-Welle (Medikalisierung) zu einem gigantischen Tsunami verbinden würden.

Unterwerfung funktioniert: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/regeln-befolgen-muss-man-den-menschen-so-leicht-wie-moeglich-machen-li.108195

Religiöses Denken hat wieder Hochkonjunktur.

Aber die alten Mittelmeer-Religionen werden davon nicht profitieren:

Gott sagt, für ihn sind tausend Jahre wie ein Tag. Und ein Tag wie tausend Jahre. Dazwischen kommen eben ein paar Tage Corona. Heidemarie Föster, Chrismon 11/2020

Die alten Gottesvorstellungen wirken angesichts der unkontrollierbaren Monster der Weltwirtschaft westlicher Prägung, völlig desorientiert. Ihre Moralsysteme zerfallen. Allerdings bietet die in China wachsende Neo-Religion aus Neo-Konfuzianismus und Tianxia (s.u.), eine Vision der viele Chines*innen folgen werden. Man plant fünf Jahre voraus und strebt einen „dualen Wirtschaftkreislauf“ an. Damit soll es gelingen, den Kapitalismus zu bändigen, die Lebensgrundlagen der Bevölkerung zu verbessern und die Führungsrolle in der Welt auszubauen.

Die Gesundheitsreligion des Westens wirkt im Vergleich erbämlich: Es wird in immer neuen Lock-downs immer mehr Geld verblasen, dem aber kein Warenwert entgegensteht. Und zugleich dem Volk alles entzogen, was es bisher immer so erfolgreich abgelenkt hat. Eine erkennbare Zukunftsvision gibt es nicht, weil es sicher nicht so werden wird, wie es war. Das, was die Gesellschaft zusammenhalten soll, ist immer neue Angst und Panik-Mache.

Depression ist kein Zukunftsmodell, sondern macht die Gesellschaft noch kränker und krisenanfälliger, als sie ohnehin schon war.

NZZ 28.10.2020, 21:00: Klüger wäre es, die Politiker würden ihre eigene Hilflosigkeit eingestehen, anstatt das Land einem Experiment nach dem anderen zu unterziehen.

Es gibt nichts mehr, für das es sich lohnen würde zu kämpfen,

außer

„… Das nackte Leben – und die Angst, es zu verlieren – Das ist nicht etwas, was die Menschen verbindet, sondern was sie trennt und blind macht.

… Der Ausnahmezustand, auf den uns die Regierungen seit geraumer Zeit einstimmen, ist zu unserem Normalzustand geworden. … Die Menschen haben sich daran gewöhnt, unter Bedingungen einer ständigen Krise und eines ständigen Notstands zu leben. Dabei scheinen sie nicht zu bemerken, dass sich ihr Leben auf eine rein biologische Funktion reduziert hat und nicht nur jeder sozialen oder politischen, sondern auch menschlichen oder affektiven Dimension verlustig gegangen ist. Eine Gesellschaft, die im ständigen Ausnahmezustand lebt, kann keine freie Gesellschaft sein. Wir leben in der Tat in einer Gesellschaft, die die Freiheit zugunsten der sogenannten Sicherheitsgründe geopfert und sich selber dazu verurteilt hat, in einem ständigen Angst- und Unsicherheitszustand zu leben.Es wundert nicht, dass man in Bezug auf das Virus von einem Krieg spricht. Die Notmaßnahmen zwingen uns de facto, unter Bedingungen der Ausgangssperre zu leben. Nur ist ein Krieg mit einem unsichtbaren Feind, der sich in jedem Menschen einnisten kann, der absurdeste aller Kriege. Es ist in Wahrheit ein Bürgerkrieg.

Der Feind ist nicht außerhalb von uns, sondern in uns. Besorgniserregend ist nicht in erster Linie und nicht nur die Gegenwart, sondern das, was danach kommt. So wie die Kriege den Friedenszeiten eine Reihe unheilvoller Technologien hinterlassen, so werden sehr wahrscheinlich auch nach dem Notfall der öffentlichen Gesundheit die Experimente fortgesetzt, die die Regierungen vorher nicht durchzuführen vermochten. Sei es, dass Universitäten und Schulen geschlossen werden; sei es, dass der Unterricht nur noch online stattfindet; sei es, dass man endlich einmal aufhört, sich zu versammeln und über politische oder kulturelle Angelegenheiten zu reden, und stattdessen nurmehr digitale Nachrichten austauscht. Sei es, dass Maschinen jeden Kontakt – jede Ansteckung – unter Menschenwesen ersetzen“. Gergio Agamben, italienischer Philosoph

Pandemie- und Kriegsberichterstattung gleichen sich immer mehr an. Das Interesse der Öffentlichkeit speist sich aus tiefgreifenden Ängsten, die eine besondere Intensität erlangen, weil sich die gesamte Bevölkerung bedroht sieht. Aus dem Blickwinkel einer Regierung stellen Epidemien (wie Kriege) existenzielle Bedrohungen dar, weil in beiden Fällen jedes Versagen Rebellionen oder einen Regime-Wechsel herbeiführen kann.

Journalisten zappeln im Spannungsfeld zwischen Propagandisten, Verlautbarungen mächtiger Weisheiten, Falschmeldern, Intriganten und PR-Agenturen. Sauberer Journalismus ist oft auf dem Rückzug. Dabei wäre er gerade jetzt so nötig, um das gigantische Bevölkerungsexperiment zu beobachten und zu dokumentieren.

Stehen wir also, wieder einmal, am Ende der Philosophie?

Ja.

Weil „Spaltung & Polarisierung“ „Dogmen & Ideologien“ fördern. Die einen wollen als neu-digitale Medizinkunden nur das tun, was sie sollen, und die Minderheit kämpft „dagegen“ an – aber ohne bisher erkennbare Alternativ-Vision. Weder die, die sich gerade von Existenz-Angst zerfressen fühlen, noch die anderen, die „was auch immer“ mit aller Kraft bekriegen, werden Spaß daran haben selber zu denken.

Und nein.

Weil gerade jetzt die Chance besteht, dass sich einige Menschen jetzt, in Zeiten maximalen Verunsicherung, grundsätzlich anders selbst erkennen und neu verhalten.

Der Philosoph Hartmut Rosa thematisiert diese Chance, bei seiner Analyse eines Kern-Problems der modernen Zivilisationen,

„… die Welt in Reichweite zu bringen. Sie verfügbar zu machen.

… Dabei droht sie uns jedoch stumm und fremd zu werden: (Denn) Lebendigkeit entsteht nur aus der Akzeptanz des Unverfügbaren.“ Hartmut Rosa

Die westlichen Gesellschaften erkennen zunehmend, dass das, was sie im Äußeren zu halten versuchen, ihnen immer mehr entgleitet, und dass sie im Inneren hohl und leer sind.

Hartmut Rosa empfiehlt, sich deshalb dem was uns und umgibt, und was uns durchdringt, wieder langsam zu nähern, und uns zu versöhnen. Damit könnte sich der Kampf um die Verfügbarkeit (um das Beherrschen und Gewinnen) wandeln in vorsichtige Beziehung und in Resonanz.

In der Evolution wird die Spezies Homo sapiens keine andere Alternative haben, als sich vom Krankheitserreger der Erdoberfläche zu einem harmlosen Nützling zu verändern. Aber keine/r der bisherigen Denkerinnen und Denker hat aufgeschrieben, wie das gelingen könnte.

Es ist jetzt dringender denn je, kreatives und schöpferisches Selber-denken und Selber-handeln anzuregen, und zu ermöglichen.

Mehr

Literatur

  • Carlo Rovelli: Die Geburt der Wissenschaft, Anaximander und sein Erbe, Rowohlt 2019 (Originalausgabe 2009)
  • Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit, Residenz Verlag, 2019
  • Ivan Illich: Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Leben: Beck Verlag 2007 (Originalausgabe 1977)
  • Jules Romain: Knock oder der Triumph der Medizin,1926, Reklam 1995
Die Herrschaft der Cyber-Docs markiert einen Höhepunkt, dem zwangsläufig ein Absturz folgen wird. Der Philosoph Giorgio Agamben fragt deshalb gerade jetzt nach dem Stellenwert des Körperlichen. Denn in allem Lebenden sind Geist-Körper-Umwelt ungetrennt eins. In allem was lebt sind die Beziehungen, Verbindungen und Wechselwirkungen wichtiger als die beteiligten Elemente. Bild: Jäger 2019
Letzte Aktualisierung: 03.11.2020