Covid-19: Angst machen!

Angst vergeht.

Das Angst-Gefühl kann kurzfristig zum Handeln zwingen: „Weglaufen!“ oder „Irgendetwas bekämpfen!“. Führt beides nicht zum Erfolg erstarren wir. Oder verfallen in unerträglich Depression. Keimt aber wieder etwas Lebensenergie, wird das vermeintlich Bedrohliche als normal hingenommen und schließlich verdrängt.

Performance „Breath of Crisis“. Schrader, Oberlé, Tucherl: „Urhof 20“, Kunsthaus Grünbach am Schneeberg, 2020, Tag 21 des Lock down in Österreich

Durch Angst erzwungene Verhaltens-Änderungen verblassen rasch.

Zum Beispiel können strenge Autoritäten (in der Familie, der Schule oder im Religionsunterricht) Jugendliche durch Schreckensnachrichten (Sünde! AIDS!) eine Zeitlang vom Sex abhalten. Bald wird sich aber Angst-Müdigkeit breit machen und Lebensgier zunehmen.

Dann bekommen es die Moral-Apostel mit der Angst zu tun: Denn sie fürchten (oft zurecht) den Rückfall ihrer Schäfchen in das ursprüngliche Verhalten, vor der Angst. Und noch schlimmer: Ihnen droht Machtverlust.

„Der Tiger macht aus Angst Angst“. Bild von Yüan Shih-chen, 1938. Foto: Jäger 1995

Macht-Menschen sind doppelt bedroht

Von den noch Mächtigeren,

„… Die, die entscheiden, sind nicht gewählt,
und die, die gewählt sind, haben nichts zu entscheiden …“.
Horst Seehofer (zu Erfahrungen als Gesundheitsminister 1992-1998)
Interview Frontal 21

und vom Volk, das nicht immer das tut, was es soll:

… Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Heinrich Heine, Ein Wintermärchen

Was tun, wenn der Lümmel die Angst verliert?

  • Die Angst aber unbedingt erhalten werden muss?
  • Wenn sich die Verunsicherten nicht beruhigen dürfen?
  • Und auf keinen Fall selber-zu-denken sollten?

Informations-Chaos und Tunnelblick

Eine beliebte Strategie der Angst-erzeugung besteht darin, immer neue Informationen einzufüttern, die verwirren und nicht sinnvoll verarbeitet werden können.

Wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirre sie!
If you can`t convince them, confuse them. Murphys Law

Alfred Hitchcock, der Altmeister der Gruselfilme, liebte die virtuelle Überfütterungs-Strategie. Immer, wenn die geängstigen Kinobesucher glaubten, sich in neuer Sicherheit zu fühlen, zeigte er ihnen neue Informationen, die sie nicht sinnvoll in ihrer Konstruktion der Zusammenhänge verarbeiten konnten. So blieb die Angst totsicher erhalten.

Allerdings ist die Hitchcock-Strategie nur vorübergehend wirksam. Menschen verlassen nach einem spannungsgeladenen Erlebnis das Kino und entspannen sich beim Bier. Oder sie hören irgendwann nicht mehr hin, wenn sie ihrer Realität nicht entfliehen, und die Verunsicherung nicht mehr ertragen können.

Hochwirksam: Die Verkündung „der Wahrheit!“

Niemand hört es gerne.
Aber es ist die Wahrheit!“
Angela Merkel, (BID 23.04.2020)

Makonde-Tanz-Maske zur Abwehr bösen Zaubers, der die Schwangerschaft bedroht. (Ende des 19. Jahrhunderts, Süd-Tansania. Foto: Jäger 2020) – Angst während der Schwangerschaft ist schädlich. Das Risiko bei der Geburt zu sterben, war (oder ist) in Süd-Tansania sehr real. Also hatten/haben Schwangere (zurecht) Angst. Die Gründe für die Gefahren liegen „im Inneren“ (Folgen von Armut, Fehlernährung, Hygienemangel, Parasitenbefall, Überlastung, uva.). Die äußeren Ursachen dieser inneren Probleme waren aber für viele Schwangere nicht beeinflussbar. Folglich war es für sie nutzlos, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Stattdessen waren sie froh, dass Schaman*innen viel gefährlichere, äußere Feinde entdeckt hatten, gegen die man sehr wohl wirksam vorgehen konnte. Man konnte sie erschrecken, bannen, tanzend bekämpfen und durch Zauber vernichten … Also Rituale durchführen, die das Böse verdrängten („als ob es Geister gäbe“)… Das beruhigte die Schwangeren der Makonde ungemein … Und die Technik funktioniert auch heute noch: Wenn unmittelbar-reale Gefahren drohen, wie Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Absturz, ein medizinischer Lock-down-Kollateralschaden, …). Damit solche direkt-spürbaren Belastungen klaglos ertragen werden können, ist es günstig, die Hoffnung in die Ferne zu lenken. In einen paradiesischen Zustand, in dem es Medizinprodukte gibt, die unsichtbare Gefahren abwehren. Die realen Probleme sind ja leider unabänderlich, aber die „viel wichtigeren Probleme in weiter Ferne“ können dann (virtuell) bekämpft werden. Man muss nur den Experten*innen der „Wahrheit“ vertrauen, die für normale Menschen unsichtbare (Virus-)Geister klar erkennen können können.

Wahrheit: Ein übergeordnetes Erklärungsmodell, das nicht angezweifelt werden kann.

Anweisungen, die aus der „Wahrheit“abgeleitet werden können, sind alternativlos. Werden sie befolgt, beruhigen sie. Denn, wenn man brav alle Pflichten erfüllt, und die geforderten Ritual-Opfer bringt, darf man glauben und hoffen, dass „sicher“ alles wieder gut werde.

Es gibt die Willkür der Macht. Es gibt die Arroganz der Macht. Es gibt auch die Arroganz der wohlmeinenden Macht. … Wir werden ermahnt, dass man uns die Freiheiten wieder entziehen müsse, wenn wir uns nicht stärker am Riemen reißen. „Wenn ihr euch nicht benehmt,schicke ich euch wieder in den Lockdown.“ Das war die Botschaft der Kanzlerin ans Volk, nachdem sie sich zuvor schon in kleiner Runde über unsinnige „Lockerungs-Diskussions-Orgien“ beklagt hatte. Fokus 25.04.2020

Hoch-gefährlich ist es für die Mächtigen, wenn bei der Verkündung der quasi-religiösen „Wahrheits-Strategie“(durch Körperhaltung, Gestik oder Mimik), bei den Ängstlichen der Verdacht aufkeimt, die Mächtigen hätten selber Angst. Oder noch schlimmer wenn Sie, wirken, als seien sie getrieben, von etwas, dass sie nicht beherrschen können. Solche unbewusst wahrgenommene Eindrücke wirken zwar auf „das brave Volk“ Angst-verstärkend, können aber die Folgsamkeit schwächen und dazu verleiten, bald weniger hörig zu sein.

Masken-Ritual

Bild: Jäger 2015

„Das jetzt plötzlich von der Politik entdeckte Tragen von „Mund-Nasen-Schutz“ halte ich für Aktionismus. Es sollte klar sein, dass man sich damit nicht schützen kann, weil man weiter die Umgebungsluft ungefiltert atmet. Es gibt hierbei lediglich einen gewissen Effekt, wenn man selbst infiziert und damit Virusausscheider ist. Der „Mund-Nasen-Schutz“ gaukelt eine Sicherheit vor, die nicht existiert und er ist eher eine „Keimschleuder“ für verschiedenste Krankheitserreger, wenn er unsauber wird.“ (Zitat: Prof. Krüger, Virologe, emeritierter Vorgänger von Prof . Drosten, Charité Berlin. 25.04.2020)

Gesichtsmasken sind gefährlich für Menschen mit eingeschränkter Atemfunktion. Denn sie atmen ihr Kohlendioxid zurück. Trotzdem wird das Tragen von Gesichtsmasken jetzt auch bei Patient*innen, z.B. beim Gerätetraining in der Rehabilitation vorgeschrieben. Gegen ärztlichen Rat.

Wie absurd dieses Theater ist, besagen die Ausnahmeregeln: nicht in den Banken oder beim Autofahren, wo weiterhin das Vermummungsverbot gilt.

Aber natürlich sollen kleine Kinder, die großen Verlierer des „Virus-Krieges“, sich auch Lappen vor ihre Gesichter binden, obwohl sie in ihrer Entwicklung gerade versuchen, Emotionen und Gefühle in der Mimik der anderen zu lesen und selbst auszudrücken.

Wozu das Theater?

Möglicherweise, weil die Angst der Politiker*innen vor der Angst-Müdigkeit der Bevölkerung zu groß wurde. Und weil die Maßnahmen immer weniger durch wissenschaftlich-rationale Argumentationen erklärt werden können:

“ … die ergriffenen drastischen Maßnahmen wurden damit begründet werden, dass dadurch ein rasantes Ansteigen der Anzahl der Neuinfektionen verhindert werden soll. …(aber) … Zum einen hat in Wirklichkeit die Anzahl der Neuinfektionen nie rasant zugenommen, zum anderen ist die Anzahl der Neuinfektionen bereits seit in etwa Anfang bis Mitte März rückläufig – das wurde nur dadurch verdeckt, dass die Anzahl der Coronavirus-Tests über die Zeit hinweg so stark zugenommen hat und der zeitliche Abstand zwischen tatsächlichem Infektionszeitpunkt und Testzeitpunk zu wenig beachtet wurde. Insbesondere kann auch keine der ergriffenen Maßnahmen den Rückgang erklären, weil die erste Maßnahme (Absage großer Veranstaltungen mit über 1.000 Teilnehmern) erst am 9. März erfolgte. Ebenso wenig zeichnet sich in Deutschland eine Überlastung der Intensivstationen oder eine höhere Anzahl an Sterbefällen im Vergleich zu den Vorjahren ab, so dass auch damit keine der Maßnahmen gerechtfertigt werden kann. …“ Prof. Christof Kuhbandner : Von der fehlenden wissenschaftlichen Begründung der Corona-Maßnahmen, Telepolis 25.04.2020

Der Maske fehlt die Mimik. Sie ist gefühllos. Ein Schreckensbild unmenschlicher Bedrohung. Das Gegenüber muss ein Dämon sein. So wird sie in Tanz-Ritualen eingesetzt, um durch das Auslösen von Todesangst sozial-erwünschtes Verhalten zu erzwingen. Bild: Jäger, Zaire / Kongo 1991

Die Angst des Westens

Die Kultur des Westens steckt in einer tiefen Krise. Die einschneidende Rezession des protestantisch geprägten Kapitalismus war spätestens seit 2019 absehbar.

Wenn ein Grippevirus eine schwere, lebensbedrohliche Krankheit auslösen kann, gilt für Menschen wie Gesellschaften das Gleiche: Die innere Stabilität muss bereits zuvor sehr gebrechlich gewesen sein. Virus sind meist nicht die Ursache von Zusammenbrüchen. Sind viel öfter ein Symptom für für chronische Krankheiten.

Warum kommt China mit dem Virus wesentlich besser klar, als die USA, die in einen Abgrund rutschen.

Vielleicht weil China etwas erreicht hat, was westliche Staaten jetzt (eher hilflos) nachzuäffen suchen: Die Errichtung einer absoluten Wahrheits- und Kontroll-Dikatur. In China muss sich der Kapitalismus dem religiösen Überbau des „Konfuzianismus 3.0“ unterwerfen. Sozial erwünschte Verhalten wird erzwungen, zugleich Sicherheit angeboten. Konfuzius war es nicht wichtig, ob etwas tatsächlich wahr ist (also ob es wirklich Ahnen-Geister gibt, ob eine Partei, die KPCh heißt, auch „kommunistisch“ ist oder ob Covid-19 wirklich viel gefährlicher ist als Influenza). Das einzig bedeutende war für ihn war, dass die Menschen felsenfest glaubten, dass „es so sei“, und deshalb die strengen Rituale widerspruchslos „genau so“ ausführten, wie es ihnen befohlen wurde.

Im Westen dagegen dominierte die Wachstumideolgie des Kapitals. Während der ideologisch-religiöse Überbau immer mehr an Bedeutung veloren. Werte und Visionen verblassten. Solidarisch zusammenwirken war altmodisch. Als erfolgreich und modern galt zunehmen das Raffen von Geld und Macht. Und jetzt platzt die Wachstumblase. Welcher moralische Überbau kann das Volk im Westen jetzt zusammenhalten?

Eine Quasi-religiöse Gesundheits-Demokratur“?

Offensichtlich haben Politiker*innen Angst.

Die Gesellschaftsumwälzung, die gerade stattfindet wird nicht von ihnen gesteuert. Auch wenn sie „södernd“ oder „merkelnd“ befehlen in welche Richtung die herde laufen soll. Immer weniger Menschen glauben ihnen, wenn sie „Alternativlosigkeit“ beschwören, um zu kaschieren, dass sie sich selbst ohnmächtig fühlen.

Unsere scheinbar Mächtigen wirken auf uns hilflos. Sie suchen nach Wegen, wie sie ohne Gesichtsverlust aus dem Schalmassel, den sie mitverantworten, wieder herausfinden sollen. (Inproportion 18.04.2020)

Mit dem lächerlichen Masken-Schamanismus wird das auf Dauer sicher nicht gelingen.

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Covid 19

Letzte Aktualisierung: 27.04.2020