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Dauerwelle & Todesangst

Vermag mich der Tod nicht mehr zu schrecken, was sollte mich dann Verlust noch ängstigen?
Shenzi (385-337 vuZ) Philosoph und Politiker

Die Visionen des Westens sind überschaubar

An der Börse sei die Stimmung gut, sagt man, denn viele Großunternehmen profitierten in den Corona-Zeiten.

Auch diese zyklische Krise des Kapitalismus, werde, wie alle vorherigen, den Markt nur bereinigen. Das sagen uns die, die wissen, wie man krisensicher Geld vermehren kann. Auch jetzt in der Talsohle stünden wir am Beginn einer neuen Wachstumswelle. Der Neo-Kapitalismus des „Neuen Normal“ werde sich – grün, nachhaltig, digital und gesund – stabilisieren und immer gigantischer aufblasen.

Mich erinnert dieser kommerzielle Optimismus an eine alternde Sonne, die ihre letzten Energiereserven verbrennt. An einen Stern, der sich noch einmal riesig aufbläht, bevor er irgendwann zum weißen Zwerg zusammenschrumpfen wird.

Es ist möglich, dass diese Bestimmungen angesichts der ethischen Inkonsequenz unserer Regierenden
von der gleichen Angst diktiert werden, die sie zu provozieren beabsichtigen.

Es ist schwierig, nicht zu denken, dass die Situation, die sie schaffen, genau das ist, was diejenigen, die uns regieren, immer wieder versucht haben zu erreichen: dass Universitäten und Schulen ein für alle Mal geschlossen werden und der Unterricht nur noch online stattfindet, dass wir aufhören, uns aus politischen oder kulturellen Gründen zu treffen und zu reden und nur noch digitale Nachrichten austauschen, dass,
wo immer möglich, Maschinen jeden Kontakt – jede Ansteckung – zwischen Menschen ersetzen.

Giorgio Agamben, 11.03.2020) Weitere Texte: „An welchem Punkt stehen wir?“ Turia 2021, ISBN 9783851329964

Bild „Farbe“, Gerd Trostmann, 1998

Dem Westen ist der Sinn verloren gegangen.

Angesichts von Klima- und Umweltkrise fehlen den Regierungen der großen westlichen Industrieländer Visionen für eine lebenswerte, ökologisch-nachhaltige, friedliche Zukunft der Menschheit.

Das ist gefährlich, weil die Spaßgesellschaft, die für „Brot und Spiele“ sorgte (möglichst unbemerkt und geräuschlos) von angepasster Bravheit abgelöst werden wird. „Mainz wie es singt und lacht“ wird künftig wohl im Wohnzimmer stattfinden. Damit die Gesellschaft (die sozial immer mehr auseinanderdriftet) trotzdem zusammenhält, braucht es einen Ersatz. Eine Art Kit, der aus digitaler Ablenkung und Todes-Ängsten gemischt wird.

Oder ein klebriger Brei, der aus Produkten der digitalen Tranfomation, der medialen Durchdringung und der religiösen Medikalisierung zusammengekocht wird. In einem Topf der Geborgenheit vermittelt: weil er vor allen Feinden schützt, die uns von außerhalb bedrohen.

„… unsere Gesellschaft glaubt an nichts mehr außer an das nackte Leben.“
Giorgio Agamben NZZ 18.03.2020

Seuchen weisen – mitleidslos und brutal – auf mangelhafte Fähigkeiten, sich flexibel an neue Situationen anzupassen.

Seuchen gehören zur Evolution.

Bei einzelnen Organismen oder bei Gesellschaften gehen einer explosionsartigen Vermehrung von Infektionskrankheiten empfindliche Störungen voraus: der natürlichen Vielfalt der inneren Funktionen oder der umgebenden Ökosysteme.

Allein mit todes-angst-getriebenen Bekämpfungen einer Seuche ist es deshalb nicht getan: Denn entsteht keine neue elastische Widerstands- und Beziehungsfähigkeit, wird die nächste Epidemie weiter-bestehende Krankheiten oder Verfallserscheinungen verschlimmern.

Now let’s end pandemics forever!
Motto der „Coalition for Epidemic Preparedness“ Cepi am 12.03.2021.
Die Entwicklungszeit für neue Impfstoffe soll auf 100 Tage gedrückt werden, durch zusätzliche 3,5 Milliarden Dollar aus öffentlichen Mitteln. (NZZ 10.03.2021)

Erfolgreiche Lebensformen verhalten sich kooperativ

Aggressive Formen der Cholera-Erreger, die ihren Wirt umbringen, sind evolutionär nicht erfolgreich. Sie sterben aus. Langfristig setzen sich Varianten durch, denen es gelingt, sich friedfertig und nützlich in einen neuen Wirtsorganismus zu integrieren (Ewald 2007)

Bild: Paul Ewald: Können wir Keime domestizieren? TED-Vortrag 2007

Naturwissenschaftlicher Erkenntnis zum Trotz, quält uns die Kriegsmedizin des 19. Jahrhunderts bis heute. Mit ihrem quasi-religösen Glaube, dass es erfolgversprechend sei, alle „Feinde, die uns mit dem Tod bedrohen, zu benennen, zu isolieren,zu bekämpfen und zu vernichten!“. Und dass es – wie bei jeder Todesstrategie – notwendig sei, dem Leben Kollateralschäden zuzumuten.

Die Feinde der Kriegsmedizin stehen „da draußen“! Sie erscheinen schicksalhaft. Scheinbar völlig unabhängig von der Art unseres Verhaltens und vom Zustand unserer Verhältnisse. Und Sterben kann nur verhindert werden, wenn man das tut was man soll. Und wenn man Produkte konsumiert, die dafür sorgen sollen, dass alles wieder gut wird.

Gelänge es CEPI tatsächlich, alle uns heute bekannten globalen Viren durch hoch-effektive Impfstoffe auszurotten, dann eröffneten sich evolutionäre Lücken für neue Viren, die wir noch nicht kennen.

Ganz ähnlich ist es mit der Anwendung von Antibiotika. Sie können Leben retten. Aber auch die effektivsten Bakterienvernichter züchten die Bakterienstämme, die gegen genau diese Medikamente resistent sind. Deshalb entwickeln sich Pandemien antibiotikaresistenter Mikroorganismen (WHO 2020). Auf Covid-19 trifft das gleiche zu. Im Gemisch der weltweit verbreiteten Virusvarianten, werden sich die durchsetzen, die sich schnell (von Gesunden auf Gesunde) verbreiten können, und die von den Impfstoffen nicht erfasst werden. Wie auch bei den jährlichen Influenza-Pandemien.

Todesstrategien („etwas ausrotten“) sind in der Evolution selten erfolgreich, zumindest nicht auf lange Sicht. Dagegen entwickeln sich flexibel-angepasste, friedvolle, sich-selbst-regulierende Ökosystemen dynamischer. Zum Beispiel gäbe es uns sonst nicht. Denn unsere Körperzellen stammen von einem Kampf ab der beigelegt wurde. Statt sich gegenseitig zu vernichten schufen Urzellen und Minibakterien eine Einheit, in der beide untrennbar zusammenwirken und doch jeweils Eigenständigkeit bewahrten (s. Ökosystem Zelle)

Gab es vor Covid-19 noch andere Probleme?

Eigentlich müssten unsere Gesellschaften den Warnschuss „Covid-19“ zum Anlass nehmen, das Verhalten und die Verhältnisse so verändern, dass sich unseren Gesellschaften neue Chancen eröffneten. Angesichts der übergeordneten Umwelt-, Sozial- und Finanzkrisen.

Eigentlich müsste auf allen Ebenen debattiert werden, wie Menschen sich von todbringenden Hautkrankheits-Erregern der Erde-Oberfläche zu nützlichen, fröhlich-lebensbejahenden Organismen wandeln könnten. Die fähig wären, friedlich, in stabilen, artenreichen Ökosystemen zu leben.

Greta’s Schrei „Ich will, dass ihr in Panik geratet!“ verhallte folgenlos. Von Panik keine Spur. Denn es gab plötzlich viel wichtigeres: einen unmittelbaren Feind, der jetzt sofort „bekriegt“ werden musste (Macron 16.03.2020). Die unmittelbare Todes-Drohung (Leichentransporte in Bergamo!) erwies sich als ungleich wirksamer, als rationale Gedanken an ferne Lebenswelten, die ohnehin nur die Eisbären und die Enkel anderer Leute betreffen würden.

Wir brauchen Lebensmut statt Todesangst!

„Der Tod ist uns ein Nichts, denn was der Auflösung verfiel, besitzt keine Empfindung mehr. Was aber keine Empfindung mehr hat das kümmert uns nicht. Solange wir da sind, ist der Tod nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die gestorbenen, denn wo jene sind ist er nicht und diese sind ja überhaupt nicht mehr da. Freilich, die große Masse meidet den Tod als das größere Übel …“
Epikur 341-270 vuZ. Philosoph (Kröner Verlag 1973)

Der Tod kann nichts wegnehmen, von dem, was bereits geschehen ist. Alles was er „entfernen“ könnte, ist bereits verschwunden, weil es wie alles Vergangene nicht mehr ist. Was wir gestern waren, ist schon gestorben. Nicht einmal Gegenwart existiert für uns, weil alles, was unsere Sinne wahrnehmen und verarbeiten, bereits geschehen ist. Über unser „Ich“, dessen Tod wir fürchten, können wir nur Geschichten erzählen, die wir aktiv erinnernd mehr oder weniger ausschmücken.

Das einzige was wir tatsächlich erleben, sind Entwicklungen in die Zukunft. Wir erfahren die Ergebnisse dessen, was gerade neu entsteht. Leben bedeutet wachsen, wandeln, neu entstehen. All das kann man verhindern: brutal hart, unbarmherzig. Aber man kann nicht nehmen, was nicht „ist“. Eigentlich ist es nicht die Todes-Illusion, die uns ängstigt, sondern die Sorge vor der stetigen Veränderung des Leben.

Alles wird. Solange noch Energie verfügbar ist. Und dafür kann man sorgen:

Es ist die Bewegung, die Körper und Geist gesund erhält. Fließendes Wasser fault nicht.
Türen und Angeln werden nicht wurmstichig, denn sie bewegen sich.
Gleiches gilt für Körper und Geist.
Lü Buwei (Kaufmann, Politiker, Philosoph) 300-235 v.u.Z.

Warum ist die Todes-Angst nur so mächtig?

Und die Lebenslust so schwach?

Ich spreche vom Licht
von Fereydoun Moshiri (1926-2000) Übersetzung aus dem Persischen von Afsane Bahar; 2013

Jeden Morgen, sobald das Sonnenlicht über den fernen Bergen emporsteigt, breite ich die Flügel aus, flinker als die Brise; lasse die Botschaft der Morgendämmerung fliegen, Ich erzähle vom Licht, vom Licht, von lebendigem Leben, von frischem Atem, von neuem Dasein, vom Stolz.

Aber im Gedränge der Straße verlieren sich meine Stimme und meine Lieder. ... Fremd mit diesem ganzen kalten Gerede rufe ich weiterhin geduldig die Menge der Schlafenden mit Liebe, Freude, Leidenschaft. Die Botschaft der Morgendämmerung lasse ich fliegen. Wohin ich auch gehe, spreche ich diesem und jenem ins Ohr, sogar im Gedränge der Straße, vom Licht, vom Licht

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Letzte Aktualisierung: 13.03.2021