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Die Covid-19-Syndemie

Syndemie statt Pandemie

Der Lancet-Editor Richard Horton (s.u.) schrieb im September 2020, dass es sich bei der weltweiten Verbreitung des Virus SARS-CoV-2 nicht um eine gewöhnliche Pandemie handele: Man dürfe nicht nur „ein Virus“ betrachten, sondern müsse auch die beteiligten komplexen Zusammenhänge verstehen. Statt von einer Pandemie, sollte man besser von einer Syndemie sprechen. Also von einem hochkomplexen Systemzusammenhang. Ganz ähnlich, wie angesichts der Ebola-Epidemien in Afrika:

Victor Barbiero: Its not Ebola … its the systems, GHSP (Ed) 2014

Der spanische Philosoph Santiago Alba Rico ging im Februar 2021 einen Schritt weiter (s.u.). Er hielt die Covid-19-Infektion und ihre Folgen eher für eine Symptom für eine grundlegendere Krankheit: den „pandemischen Kapitalismus“. Dabei berief er sich u.a. auf den Epidemiologen Rob Wallace, der aufzeigte, das die profit- und wachstumsgetriebene Umweltvernichtung (industrielle Landwirtschaft, Landschaftszerstörung, Artensterben, Böden-Meer-Klima-Verdreckung …) immer wieder Pandemien mit neuen Erregern auslösen werde.

Beide Autoren betonen die „Gefährlichkeit des Virus“.

Zusätzlich aber nehmen sie auch Wechselwirkungen und Dynamiken wahr, die bei der Verbreitung von Viren, bei Infektionen und bei Krankheitsverläufen von Bedeutung sind. Damit vertreten sie in der Wissenschaft, der Politik und den Medien exotische Minderheitenpositionen. Das Besondere der beiden (im Anhang ins Deutsche übersetzten) Artikel ist daher nicht so sehr was gesagt, sondern dass es überhaupt gesagt wurde.

“ .. Es ist unerheblich, ob man eine Einpunkt-Intervention auf Vorschriften („Gebote“), auf Sanktionen, auf technische Systeme, auf Training, auf wissensbasierte Überzeugungsarbeit oder auf finanzielle Anreize aufbaut – das Ergebnis ist jedes Mal da Gleiche: wenn überhaupt ein Effekt zu beobachten ist, dann ist er klein, nur kurzfristiger Natur und verschlechtert mittelfristig die Stimmung („war ja wieder nichts“). Der Grund für dieses vorhersehbare Versagen von Einpunkt-Interventionen liegt in der Eigenschaft komplexer Systeme, punktuelle Änderungen und Reize aus der Umgebung zu absorbieren und den vorherigen Zustand wieder einzunehmen. Anhaltende Veränderungen können in komplexen Systemen nur durch Mehrfachinterventionen initiiert werden, die zeitgleich oder in zeitlich gut abgestimmter Art und Weise verschiedene Interventionsebenen koordiniert einsetzen. ..“ Matthias Schrappe, Fachgutachten zu Covid-19-Strategie 18.08.2021

Leben fördern

Biolog:innen ist vertraut, dass lebende Systeme, nicht nur deshalb erkranken, weil sie zu stark von außen belastet werden (z.B. im Rahmen einer Infektion). Sondern auch, wenn ihr inneres Gleichgewicht gestört ist. Dann werden sie bereits durch leichte Störungen überfordert.

Die überwältigende Mehrzahl der wissenschaftlichen und medialen Texte im Rahmen der Covid-Pandemie beschäftigt sich aber nur mit (viralen) Einzelfaktoren, die es allerdings nur unter streng isolierten Laborbedingungen in reiner Form geben kann.

Würde man die Virusausbreitung in einem größeren Kontext betrachten, verlören gezielte Abwehrmaßnahmen, Test- und Bekämpfungs-Strategien „gegen etwas“ an Bedeutung. Dafür gewännen system-wirksame Strategien „für etwas“ an Bedeutung. Beispiele:

  • Lebensverhältnisse so gestalten, dass die Wahrscheinlichkeit für Pandemien sinkt.
  • Krankheitsverläufe nach einer Infektion frühzeitig und ambulant so beeinflussen, dass möglichst keine Notwendigkeit für Intensivbehandlungen entsteht.
  • Störungen der Umwelt, die das Risiko von Atemwegsinfektionen erhöhen (wie Smog uva.) vermindern.
  • Kindern und ältere Menschen zu schützen, sie vor Schaden bewahren, sie sichern, unterstützen und fördern.
  • Geeignetes Verhalten anregen (Nicht-Rauchen, Stress reduzieren, Bewegen, weniger Medikamente und Suchtmittel konsumieren, mit Genuss essen, Schlafen, …).

Dietrich Dörner: Die Logik des Misslingens: Ein einfache Erklärung, warum die „Dinge“ immer wieder (bösartigerweise) zurückbeißen. Jüngstes Beipiel: das Fiasko in Afghanistan 2021, nach 20 Jahren Invasion und „Terrorbekämpfung“

Schützen statt bekämpfen

Spezifische Interventionen, die Gesamtzusammenhänge ignorieren und Probleme erschlagen wollen, scheitern immer wieder. Früher oder später. Oft hinterlassen sie Kollateralschäden, die schlimmer sind als das Problem, das sie beseitigen versuchten.

Langfristig wäre es (statt zu intervenieren) immer günstiger, schonender und nachhaltiger, Strategien zu entwickeln, die für alle Lebewesen unserer Biospäre gleichermaßen nützlich wären (Capra, Luisi The system view of Life).

Dazu müssten wir aber einen (im Raubtierkapitalismus verlorenen gegangenen) Sinn für das Leben wiederentdecken (Viktor Frankl), und auch die verdrängte Fähigkeit früher Menschen, Zusammenhänge zu verstehen. (Ian McGilchrist)

Richard Horton: Covid-19 is not a pandemic
(Gekürzte Übersetzung unter Nutzung von deepl.com)

„Covid-19 ist keine Pandemie: Angesichts der durch COVID-19 verursachten Todesfälle, müssen wir uns eingestehen, einen viel zu engen Ansatz verfolgen. Wir haben die Ursache dieser Krise als eine Infektionskrankheit betrachtet. Alle unsere Maßnahmen haben sich darauf konzentriert, die Übertragungswege des Virus zu unterbrechen und so die Ausbreitung des Erregers zu kontrollieren. Die „Wissenschaft“, von der sich die Regierungen leiten ließen, wurde vor allem von Epidemiemodellierern und Spezialisten für Infektionskrankheiten vorangetrieben, die die gegenwärtige Gesundheitskrise verständlicherweise mit den jahrhundertealten Begriffen der Pest umschreiben. Doch die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass die Geschichte von COVID-19 nicht so einfach ist. Zwei Krankheitskategorien stehen in bestimmten Bevölkerungsgruppen in Wechselwirkung – die Infektion mit dem schweren akuten respiratorischen Syndrom Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) und eine Reihe von nicht übertragbaren Krankheiten (NCDs). Diese Krankheiten häufen sich in sozialen Gruppen entsprechend den in unserer Gesellschaft tief verankerten Ungleichheitsmustern. Das Zusammentreffen dieser Krankheiten vor dem Hintergrund sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit verschlimmert die negativen Auswirkungen jeder einzelnen Krankheit. COVID-19 ist keine Pandemie. Es handelt sich um ein Syndrom. Die syndemische Natur der Bedrohung, mit der wir konfrontiert sind, bedeutet, dass ein differenzierterer Ansatz erforderlich ist, wenn wir die Gesundheit unserer Gemeinschaften schützen wollen.

… Um den durch SARS-CoV-2 verursachten Schaden zu begrenzen, muss den nicht-infektiösen Erkrankungen und der sozioökonomischen Ungleichheit viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, als bisher zugegeben wurde. Eine Syndemie ist nicht nur eine Komorbidität. Syndemien sind durch biologische und soziale Wechselwirkungen zwischen Erkrankungen und Zuständen gekennzeichnet, Wechselwirkungen, die die Anfälligkeit einer Person für Schäden erhöhen oder ihre gesundheitlichen Folgen verschlechtern. Im Falle von COVID-19 ist die Bekämpfung von NCDs eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Eindämmung. .. Die Gesamtzahl der Menschen, die mit chronischen Krankheiten leben, nimmt zu. Die Bekämpfung von COVID-19 bedeutet, sich mit Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronischen Atemwegserkrankungen und Krebs zu befassen. Die stärkere Beachtung von nicht-infektiösen Erkrankungen ist nicht nur ein Thema für reichere Länder. Nicht-infektiöse Erkrankungen sind auch in ärmeren Ländern eine vernachlässigte Ursache für Krankheiten. ..

Die wichtigste Konsequenz, die sich aus der Betrachtung von COVID-19 als Syndrom ergibt, ist die Hervorhebung seiner sozialen Ursachen. Die Anfälligkeit älterer Bürger, schwarzer, asiatischer und ethnischer Minderheiten sowie von Schlüsselarbeitskräften, die in der Regel schlecht bezahlt und weniger sozial abgesichert sind, weist auf eine bisher kaum beachtete Wahrheit hin, nämlich dass die Suche nach einer rein biomedizinischen Lösung für COVID-19 scheitern wird, ganz gleich, wie wirksam eine Behandlung oder ein schützender Impfstoff ist. Solange die Regierungen keine Maßnahmen und Programme zur Umkehrung tiefgreifender Ungleichheiten entwickeln, werden unsere Gesellschaften niemals wirklich COVID-19-sicher sein. Wie Singer und Kollegen 2017 schrieben, „bietet ein syndemischer Ansatz eine ganz andere Orientierung für die klinische Medizin und die öffentliche Gesundheit, indem er zeigt, wie ein integrierter Ansatz zum Verständnis und zur Behandlung von Krankheiten weitaus erfolgreicher sein kann als die bloße Kontrolle einer epidemischen Krankheit oder die Behandlung einzelner Patienten.“ Ich würde einen weiteren Vorteil hinzufügen. Unsere Gesellschaften brauchen Hoffnung. Die Wirtschaftskrise, die auf uns zukommt, wird nicht durch ein Medikament oder einen Impfstoff gelöst. Wir brauchen nichts weniger als einen nationale Wiederbelebung. Die Betrachtung von COVID-19 als Syndrom wird zu einer umfassenderen Vision führen, die Bildung, Beschäftigung, Wohnen, Ernährung und Umwelt mit einschließt. Die Betrachtung von COVID-19 nur als Pandemie schließt eine solche umfassendere, aber notwendige Perspektive aus.“

Ian McGilchrist: Das geteilte Gehirn https://www.youtube.com/watch?v=dFs9WO2B8uI
– Aktuelle Texte und Videos: https://channelmcgilchrist.com/ng

Santiago Alba Rico: Contagio global – Capitalismo pandémico
(Gekürzte Übersetzung unter Nutzung von deepl.com )

„Globale Ansteckung – Pandemischer Kapitalismus: … Im vergangenen September veröffentlichte Richard Horton in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet einen Artikel, dessen Titel provokant oder verdächtig klingen mag: It’s not a pandemic. Natürlich ist es nicht so, dass eine der renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften der Welt die Meinung eines Leugners in ihre Seiten aufgenommen hätte. Horton leugnete nicht die Existenz von Covid-19 oder nährte konspirative Wahnvorstellungen. Ausgehend von einem 1990 von dem Epidemiologen Merrill Singer entwickelten Konzept vertrat Horton die Auffassung, dass wir es heute nicht mit einer Pandemie, sondern mit etwas Komplexerem und daher Gefährlicherem zu tun haben: einer „Syndemie“, d. h. einer Epidemie, bei der eine Infektionskrankheit mit anderen chronischen oder wiederkehrenden Krankheiten verwoben ist, die wiederum mit der ungleichen Verteilung des Wohlstands, der sozialen Hierarchie, dem besseren oder schlechteren Zugang zu Wohnraum oder Gesundheit usw. zusammenhängen, Faktoren, die sich alle mit der Unvermeidbarkeit einer Epidemie überschneiden, die alle unweigerlich von Rasse, Klasse und Geschlecht geprägt sind. Bei der Syndemie handelt es sich um eine Pandemie, bei der biologische, wirtschaftliche und soziale Faktoren so miteinander verwoben sind, dass eine partielle oder spezielle Lösung unmöglich ist, geschweige denn eine magische und endgültige.

Das Problem ist also nicht das Coronavirus. Das Problem ist ein „syndemischer“ Kapitalismus, in dem es nicht mehr einfach ist, zwischen Natur und Kultur und damit zwischen natürlichem und künstlichem Tod zu unterscheiden. Der Kapitalismus ist „syndemisch“, man denke nur an die jüngste Vermehrung neuer Viren (Vogelgrippe, SARS), die untrennbar mit der Agrar- und Ernährungsindustrie und der Ausbeutung der Tierwelt verbunden ist. In seinem beunruhigenden und rigorosen Buch Big Farms, Big Flu beschreibt Rob Wallace ein Modell der Fleischproduktion, bei dem der gesamte Prozess – von der Fütterung von Geflügel und Rindern bis zur Überfüllung der Betriebe – die Entstehung neuer Virusstämme und ihre Übertragung auf den Menschen nicht nur erleichtert, sondern unvermeidlich macht. Die neuen Viren sind natürlich in einem Labor entstanden, aber nur in dem Sinne, dass der Kapitalismus die Natur selbst in ein lebendes Labor verwandelt hat, das sich in ständiger pathologischer Gärung befindet und selbst von seinen Managern und Nutznießern nicht kontrolliert werden kann, so Wallace. Der Begriff „iatrogen“ wird im Allgemeinen für Todesfälle verwendet, die ohne böswillige Absicht von einer medizinischen Einrichtung verursacht werden, wie z. B. Krankenhausinfektionen, die jedes Jahr für mehr Todesfälle verantwortlich sind als die gewöhnliche Grippe. Wenn ein Krankenhaus, das als Gesundheitsschutzeinrichtung konzipiert ist und daher allen möglichen aseptischen Garantien unterliegt, dennoch tödliche Infektionen hervorruft, was wird dann nicht auch in landwirtschaftlichen Betrieben passieren, die ausdrücklich dazu bestimmt sind, das Wachstum von Tieren mit Hilfe von Antibiotika-Cocktails und unter buchstäblich höllischen Konzentrationsbedingungen zu beschleunigen? Der Wille könnte die Maschine zwar demontieren, aber die Maschine bewegt sich bereits außerhalb unseres Willens. Wallace sagt: „Wenn man die Natur kapitalistisch macht, wird der Kapitalismus natürlich“, so dass „Ungleichheiten in unserer Gesundheit von unseren Genen oder unseren Eingeweiden herrühren, nicht von Apartheidsystemen“.

Wenn der Kapitalismus ein Syndrom ist, das Bauernhöfe in biochemische Laboratorien und Städte in Brutstätten epidemischer Ungleichheit verwandelt, was ist dann die Lösung für die Rinderpandemie? Eines der untrennbaren Paradoxe dieser „syndemischen“ Dimension ist die Tatsache, dass derselbe Kapitalismus, der die natürlichen Grenzen durchbrochen hat – und weiterhin durchbricht -, von der Illusion der „totalen Sicherheit“ getragen wird.

(Die Debatte geht von) einer doppelten Fehlannahme aus: dass es in einem syndemischen System, wie wir gesagt haben, eine spezialisierte Lösung geben kann und dass, mehr noch, Politiker und Wissenschaftler wirklich bestimmende Kräfte bleiben. Sowohl die Politiker als auch die Wissenschaftler werden, wenn schon nicht von denselben wirtschaftlichen Kräften gesteuert, so doch zumindest von ihnen gezwungen. In den letzten vier Jahrzehnten, vor allem nach der Niederlage der UdSSR im Kalten Krieg, haben die Globalisierungsbewegungen der demokratischen Erneuerung das antikoloniale Konzept der „Souveränität“ wiederbelebt, um die Emanzipation der öffentlichen Sphäre – des Staates und seiner Institutionen – von der Wirtschaft und ihren Unternehmen zu fordern; ein Staat, der die politische und die religiöse Sphäre verwechselt, ist sicherlich nicht säkular, aber ein Staat, der die politische und die wirtschaftliche Sphäre verwechselt, ist auch nicht wirklich säkular. In fast allen Ländern der Welt wurde als Folge dieses „Mangels an Säkularismus“, der in Zeiten der Wirtschaftskrise und des neoliberalen Managements tragisch ist, die Pandemie mit einem stark geschwächten Vertrauen in Politiker und öffentliche Institutionen erreicht, mit den bekannten Auswirkungen. Dies erklärt, warum viele Bürger angesichts des unerwarteten Ausbruchs der Gesundheitskatastrophe ihre Hoffnung auf die Wissenschaft setzten. Was Covid-19 gezeigt hat, ist, dass die Wissenschaft nicht weniger als die Politik vom syndemischen Kapitalismus und seinen zerstörerischen Spontaneitäten bedroht ist.

Kurz gesagt, wenn der Kapitalismus ein Syndrom ist, wird er weiterhin unaufhörlich Viren und Pandemien produzieren; und er wird weiterhin, ebenfalls unaufhörlich, selektive und schlecht verteilte Impfstoffe und Medikamente produzieren. Das ist die Zukunft, und sie ist nicht rosig für die Menschheit. Aber wenn der Kapitalismus ein Syndrom ist, dann sollten Politik und Wissenschaft, die jetzt gefangen sind, dafür kämpfen, die Menschheit und sich selbst vom Kapitalismus zu befreien. Das wäre gut für alle.

Pandemie als komplexes System

Literatur

Mehr

Letzte Aktualisierung: 04.09.2021