Ursprung des Dualismus

Die Gegensätze zwischen Schwarz-Weiß, Null-Eins, Gut-Böse sind relativ jung. Zumindest angesichts der Entwicklungsgeschichte der Arten .

Zwar konstruieren alle Tiere Unterschiede zwischen „sich“ und anderem. Denn ohne eine Beurteilung, ob etwas nützlich oder gefährlich für „sie“ sei, könnten sie keine Rivalen verdrängen, Beute machen oder sich gegen Feinde verteidigen. Trotzdem bleiben Tiere eingebettet in einen Gesamtkontext, von dem sie bedingungslos abhängen, und den sie kaum willkürlich beeinflussen können.

Säugetiere erschaffen sich zusätzlich zur individuellen noch eine Gruppenidentität, die manchmal eine größere Bedeutung erlangt, als das einzelne „Sein“.

Mit dem Auftreten der Primaten, der Früh-Menschen und besonders des Homo sapiens gewannen solche sozialen Zusammenhänge noch weiter an Bedeutung.

Dennoch begann sich das Weltbild des großen, ungeteilten Ganzen ganz allmählich aufzutrennen. Fließend, wie Ionen im Säurebad einer Batterie. So wird Spannung erzeugt. Und für Dynamik gesorgt.

Tiere konstruieren ein Proto-Selbst, Säugetiere erweitern es,, und Menschen werden „sich selber bewusst“. Graphik Jäger, nach Antonio Damasio

Urform der menschlichen Psyche

Polarisierung des weiblichen und des männlichen Prinzips: Der erste Dynamo menschlicher Entwicklung. Eros bedeutet viel „Arbeit & Risiko“ und nur relativ wenig Sex (gegenüber anderen Primaten). Stattdessen viel Sehnsucht (Himeros) & Verlangen (Pothos). Bilder: links und Mitte: Gobustan, Aserbaidjan, rechts: Qala, Aserbaidjan, Jäger 2019
Abbild der Psyche früher Menschen. Der Spannungsbogen zwischen Mann und Frau eingebettet in das ungeteilte Ganze. Bilder: Qala, Aserbaidjan, Fotos Jäger 2019
Frauen, Männer und (links) ein Schamane als Versöhner zwischen sichtbaren und unsichtbaren Welten. Bilder: Jäger 2019, Gobustan, Aserbaidjan, eine heilige Stätte von Nomaden des Mesolithikums (~15.000 Jahre). Eine ähnliche Fundstätte in der Türkei ist Göbekli Tepe
Prähistorische Musik: Naturgeräusche modulieren, um sich so gestaltend zu verbinden. Bilder: Klangsteine (vulkanischen Ursprungs mit inneren Lufteinschlüssen). Links: Gobustan, Aserbaidjan, rechts: Qala, Aserbaidjan, Jäger 2019. Weitere Bilder früher Instrumente: Knochenflöten , Harfen ,  „Neandertal-Musik“ , Bildersammlung
Höhlenbilder und frühe Felszeichnungen spiegeln eine den Menschen umgebende, dynamisch veränderliche Realität. Irgendwann vor 10.000 Jahren erscheinen dann abstrakte Linien und Muster. Spätestens ab dann brauchten Menschen professionelle Vermittler zwischen den Welten des Absoluten, die Alltagssinnen nicht zugänglich sind, und dem, was in der Gegenwart erfahren wird. Schaman*innen konnten in Besessenheits-Trance fallen, was Menschen, die begannen eigene Entscheidungen zu treffen, nicht mehr so gut gelang. Bilder abstrakter Muster: links: Gobustan, Aserbaidjan, rechts: Felsgravur in La Palma, Bild-Quelle Wikipedia
Waren Psychosen und Autismus früher normal? Bilder: Vergleich von Höhlenkunst (oben) & Autismus (unten). Humphrey 1998: Cave Art, Autism, and the Evolution of the Human Mind. In: Cam. Arch. Jnl 8 (02), S. 165. Mehr zu diesem Thema: Clottes, Jean (2016): What Is Paleolithic Art? Cave Paintings and the Dawn of Human Creativity. Univ of Chicago Press. http://gbv.eblib.com/patron/FullRecord.aspx?p=4437849. / Jaynes J: Der Ursprung des Bewusstsein, rororo 1993, pdf-downloadVideo-Vortrag / Williams G: What is it like to be nonconscious? A defense of J. Jaynes. Phenom Cogn Sci 2011, 10:217-239 / Bräuer K: Julian Jaynes und Bewusstsein, Philosophische Aspekte der modernen Physik, Uni Tübingen 2014, pdf-download / McGilchirst: The Master and his Emissary (2010), The Divided Brain and the Search for Meaning: Why We Are So Unhappy (2012)
Kunst im psychischen Ausnahmezustand (in prähistorischen Zeiten möglicherweise der Normalzustand): „Wenn ich arbeite, werfe ich mich ins Leere. In etwas das stärker ist als ich.“ Joan Miró – Fotos: Ateliers-Wände von Joan Miró, Palma de Mallorca, Jäger 2018 / „What gives this art its power, is that it makes us dream.“ Clottes 2016
Kasai Teppiche

Kasai-Teppiche, abstrakte Muster der Realität, in Trance erschaffen. Trance ist gekennzeichnet durch ungeteilte Verbundenheit. Für auftrennendes (duales) Denken ist dort kein Platz. Dem. Rep . Kongo. Fotos: Jäger, Kinshasa 1990

Die Philosophie des ungeteilten Kreises

Das Symbol der Schlange, die sich selber frisst. Ouroboros, das Bild des ewigen Werdens und Vergehens in einem großen Ganzen. Der Mensch als Teil göttlich durchwebter Natur. Bild: Wikipedia. Zitat: „Erste Darstellung des Ouroboros auf dem zweiten Sarkophagschrein des Tutanchamun („Änigmatisches Unterweltsbuch“) Ägyptisches Museum Kairo: Material aus dem Grabschatz des Königs Tutanchamun, 18. Dynastie, Neues Reich
Der sich selbst fressende Drache. Das ewige (bewegte oder unbewegte) Universum, das Alles (oder auch Nichts) enthält. Links: Neumann 1949 (neu Patmos 2004), rechts: Bild aus Wikipedia von Theodoros Pelecanos aus Synosius, einem alchemistischen Traktat um 1648.
Moderner Ouroborus. Modeschmuck in Aserbaidschan. Bilder: Jäger 2019

Die ewige Flamme

Südlich des Kaukasus tritt Erdgas aus Felsspalten und brennt so seit tausenden von Jahren. Bild rechts: Yanar Dag (brennender Berg), Aserbaidschan, Jäger 2019. Links. Buta: Feuer-Symbol ewig verströmender Energie. Quelle: Buta-Film 2011

Buta im Alltag. Links: Flame-Tour in Baku. Mitte: Alltagskleidung. Rechts: Teppich aus Shirvan, Aserbaidschan. Fotos: Jäger 2019

Zwei Buta’s verschwimmen zu etwas Neuem. Vorlage: Muster für Textildruck aus Aserbaidschan, Zeichnung: Jäger

Die Schlange teilt den Kreis

Die Ouroboros-Schlange hört auf sich selber zu fressen. Sie kriecht durch den Kreis nach oben und teilt ihn in zwei gleiche Hälften. In Aserbaidschan von der Historikerin, die das Objekt in den Händen hält, „Todes-Symbol“ genannt: Der ewige Kreislauf wurde unterbrochen. Ab jetzt gibt es „Anfang & Ende“, „Geburt & Tod“. Das Objekt stammt aus der frühen Eisenzeit Aserbaidschans. Nationales Geschichtsmuseum in Baku. Vielleicht 2.500-3.000 Jahre alt. Bilder Jäger 2019
Ähnlichkeiten und mögliche Beeinflussungen entlang der Seidenstraße: Links außen: Der ewige leere Kreis, der alles umfasst Ouroboros, die Schlange, die sich selber frisst, chinesisch Wuji, das umfassende Nichts). Links innen: Die Schlange, die irgendwann südlich des Kaukasus den Kreis zerteilte und so die Linearität von Geburt zu Tod einleitete. 3. zwei aneinandergelegte Buta-Flammen. 4. Taiji: der höchste Gegensatz maximaler Widersprüche, die ohne inneren Energieverschleiß rundlaufen, weil sie durch ein großes Ganzes zusammengehalten werden. Das Symbol perfekter, reibungsfreier, dynamischer Dualität.

Drachen töten

anubani_inanna_naramsin
Das alte Herrschaftskonzept der starken jungen Frau und des männlichen Helden zerfiel mit der Entstehung bäuerlicher Frohn und der Verstädterung. Links: vor 4.300 Jahren schenkte Anubani von Lulubi (Persien: Zagros, Kermānschāh) noch der Kriegs-und-Liebes-Göttin Inanna Gefangene. Allerdings besiegte ihn wenig später Naram Sin (der „Weltherrscher von Akkad“) (Stele rechts). Inanna verschwand in die Unterwelt, und Naram Sim huldigte nun dem männlichen Gott Enil. Bilder: Wikipedia. Das Gilgamesch-Epos erzählt von dieser frühen Bewusstseins-Revolution. Wenige hundert Jahre später wird sie dann in Mesopotamien mit der Vernichtung des weiblichen Tiamet-Drachen durch den männlichen Gott Marduk abgeschlossen. Seither wurden in vielen späteren Kulturen mythischen Schlangen und mythologische Drachen getötet (und so die alten Symbole der nomadischen Herrschaftsprinzipen starker Frauen und Männer beseitigt). Picasso beschrieb diesen bis heute brutal geführten Krieg in einer Stierkampf-Serie. Sie huldigt der Ermordung des alten Eros-Machos der Jäger und Sammler (symbolisiert als gewaltiger Stier) durch den modernen Reiter, der nun die Natur beherrscht. Sein Sieg wird bis heute gefeiert (Picassos obsession with bullfighting. Guardian 2017). Statt Erotik und zirkulärer Weltsicht herrscht nun lineare, zielorientierte Macht.

Dualismus in China

In China durfte der Drache im Himmel überleben. Als Mutter, die den Sohn des Himmels, den Kaiser, beschützt. Ausschnitt einer Nachbildung des Throns des Qin Shi Huang Di. (Foto Jäger, Ausstellung „Die Soldaten des Kaisers“, Bremen 2018)
Die Erfindung der binären Logik aus der ursprünglichen dualen Teilung (in Tag-Nacht, Plus-Minus, Schwarz-Weiß …): . Aus der weiteren Aufteilung in vier Varianten (stark-hell, schwach-hell, stark-dunkel, schwach-dunkel) ergeben sich acht Trigramme (Bagua). Aus deren Zweier-Kombination werden 64 Worte gebildet. Ganz ähnlich wie bei der DNA, die ein Alphabet aus vier Buchstaben besitzt (die Nuklein Basen G, U, A, C). Aus ihnen entstehen ebenfalls 64 Worte. Graphik: Jäger 2015

Dualismus im Westen

Im medisch-persischen Vielvölkerstaat wurde der monotheistische Dualismus vor 2.600 Jahren durch Kyros II und Dareius den I. zur Staatsreligion erhoben. Einige Hundert Jahre zuvor hatte Zarathustra den Kampf des Guten (des Einheitsgottes Ahura Mazda) gegen das Böse (den Teufel Ahriman) beschworen. Der „Eine Gott“ werde zwar siegen, und so den Dualismus einst wieder auflösen, aber bis dahin müsse sich der Mensch aktiv (für das Gute) entscheiden. Nach dieser Weltsicht galt Feuer als Symbol ewig fließender (göttlicher) Energie, das die Elemente, aus denen die Welt bestehe, durchdringe und ineinander verwandele. Zarathustrische Temple wurden viereckig gebaut und bargen in ihrer Mitte eine ewige Flamme: Ateshgar, Aserbaidschan (errichtet über einer natürlich brennenden Erdgasquelle, Bilder: Jäger 2019). In Ateshgar behauptet man heute, die Kanten des Tempels symbolisierten die vier „griechischen“ Elemente „Feuer, Wasser, Luft, Erde“ und die Flamme die „Quintessenz“ (die Wandlung). Allerdings ist die Lehre des Zarathustra einige hundert Jahre älter als die „griechische Elementenlehre“, aus der später das erste Medizinmodell entstand.

Teppich mit Bildern der großen Herrscher des medisch-persichen, monotheistischen Vielvölkerstaates, der den Dualismus von Gut und Böse zur Statsreligion erhob. Oben unter dem Zeichen des Zorastrismus (dem erleuchteten Menschen, dessen gute Gedanken, Taten und Handlungen ihm Flügel verleihen) sitzt Kyros II der erste zoroastrische Herrscher. Er ist für den Westen deshalb von Bedeutung, weil es ohne ihn die drei, auf dem Alten Testament fußenden Religionen (so) nicht gäbe. Denn er war als von Gott gesandter Heilsbringer von der jüdischen Elite im babylonischen Exil empfangen worden, und ermöglichte nicht nur deren Rückkehr. Sondern er schützte auch das Wachstum und die Ausreifung des jüdischen Monothesimus, dessen Wurzeln auf die Herrschaft des Pharao Amenophis IV – Echnaton zurückreichen. Der Gott Zarathustras war allerdings nicht parteiisch. Er glich eher einem energetischen Fluss, der alles durchdringt. Ganz ähnlich der Vorstellung, die Baruch de Spinoza im 17. Jhh. formulierte: „Es gibt nur Eine, alle Determination und Negation von sich ausschließende, unendliche Substanz, welche Gott genannt wird und das Ein-Sein in allem Da-Sein ist.“ Ateshgar, Aserbaidschan (Jäger 2019)
Die Philosophie des Zarathustra bliebt auch nach der Invasion Alexanders in einem kleinen Landesteil des neuen Großreiches unberührt. In den übrigen eroberten Landesteilen wurde stattdessen die Religion der Gottesmutter und des Heilands (Soter) propagiert. Der Herrscher des Südkaukasus, Atropates, ein General der medisch-persischen Armee, konnte dagegen durch geschicktes Verhandeln eine Autonomie für seine Region erreichen. Hier blieb der Monotheisus des Zarathustra weitgehend unberührt, was Jahrhunderte später seine Renaissance unter den Sassaniden ermöglichte, deren Herrschaftsbereich sich im 6. Jhh. bis nach Jerusalem ausdehnte. Bild: Artopates trifft Alexander den Großen. National Museum of History of Azerbaijan.
Zoroastrisch dualistische Ideen prägen alle drei anderen großen Weltreligionen (Gut-Böse, Himmel-Hölle, Gott-Teufel). Aber auch andere östliche Interpretationen des Dualismus sickerten in den Westen. Das ist leicht verständlich, angesichts der wechselnden Herrschaft über den Südkaukasus und der intensiven Handelswege von und nach Indien und China. Die Sassaniden dehnten ihren Herrschaftsbereich im 6. Jhh (in Konkurrenz zu Ost-Rom) bis nach Jerusalem aus. Die zoroastrische Religions-Philosophie war kurz vor der Ausbreitung des Islam im ostlichen Mittelmeerraum und auf der arabischen Halbinsel sehr präsent. Bilder: links: Felsinschrift eines römischen Legionärs, Gobustan, Aserbaidjan. Rechts: Schildwappen der weströmischen Infanterieeinheit armigeri defensores seniores (um 430 n. Chr.) mit dem vermutlich aus China stammenden Yin-Yang-Symbol
In der chinesischen Philosophie vollzog sich die Wandlung der großen Gegensätze im Rahmen eines form- und namenlosen Ganzen. Zarathustra sah (ähnlich wie Heraklit) alle Existenz durchflutet von einer unaufhörlich fließenden Energie. In Europa dagegen zerbrach der Dualismus in kategorische Gegensätze. Die Erschaffung eines trennenden, parteiischen Gottes belohnte Gläubige und bestrafte Ungläubige (Bild links: Jan Assmann, Totale Religion. Wien 2016). Aristoteles erfand ergänzend die begriffliche Wahrheit, das sichere und beweisbare Wissen (Episteme). Bis dahin war die europäische Philosophie „zu gut um wahr zu sein“ (Zitat: Karl Popper, Die Welt des Parmenides, 1998). Seither ist das westliche Weltbild von starken Gegensätzen geprägt, die sich ausschließen: wahr-unwahr, richtig-falsch, gut-böse, materiell-geistig, …. Erstaunlicherweise, denn der technische Fortschritt wäre undenkbar, ohne eine Physik, die seit 100 Jahren ungeteilte Systemzusammenhänge und die Subjektivität von Beobachtungen wahrnimmt.

Eine Aussage kann nicht nur wahr, falsch oder sinnlos sein, sondern auch imaginär. Laws of Form , George Spencer Brown (1923-2016) .

Mehr

Letzte Aktualisierung: 23.09.2019