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Etikoterapie

Herbst 2025. In Prag trat ein älterer Herr vor heilende Expert:innen. Dr. Vladimír Vogeltanz wirkte konzentriert, in sich ruhend, bescheiden. Nur selten schaute er auf den handgeschriebenen Zettel vor ihm.

Seine Vorredner:innen versuchten zu belegen, warum das, was sie taten, auch erfolgreich sei. Angesichts ihrer Kompetenz seien die Probleme, die ihre Patient:innen plagten, geschrumpft oder verschwunden. Wie bei lösungsorientierten Kongressen üblich, beeindruckten sie durch die Form und Zahlen. Was ihr Theorie-Modell störte, erwähnten sie nicht.

Vogeltanz hatte nur eine Folie mitgebracht. Darauf stand das Wort „Etikoterapie“ neben dem Foto eines 1956 verstorbenen tschechischen Arztes (Ctibor Bezděk).

Eigentlich wollte ich gerade gehen, lauschte dann aber neugierig der Simultan-Übersetzerin. Am Pult stand kein Vertreter einer Theorie, sondern ein Mensch. Er bekannte offen, wonach er sich sehnte. Er stellte Fragen, für die er keine Antworten gefunden hatte.

Als klassisch kurativer Arzt habe er sich vom Behandeln-Wollen verabschiedet. Nicht nur vom klassischen Interventionismus, sondern auch von den alternativen Heilmethoden. Ihn interessierten nicht die einzeln messbaren Teile, sondern die Beziehungen, und Wechselwirkungen.

Die von seinem Lehrer C. Bezděk vorgeschlagene Etikoterapie suche die Ursachen für menschliche Krankheiten in gestörten Beziehungen zu sich selbst und zu anderen. Er betrachte Krankheit als materiellen Abdruck einer kranken Seele, die noch keinen Weg in eine ethische Ordnung gefunden habe. Ein Ethiktherapeut sei nur ein passiver Spiegel, der einen spirituellen Einblick in die Lebenssituation des Kranken erleichtere. Ein Zuhörer, ein Moderator, ein Begleiter. Jemand, der wie bei einem aufgeschüttelten Glas trüber Flüssigkeit, Bedingungen schaffe, damit sich der aufgewirbelte Staub von allein, langsam und in Ruhe als Bodensatz absetzen könne.

Der Kranke fände, durch empathische Begleitung einen Ort, an dem er oder die Gesamtsituation vom „Gesetz der Liebe und Einheit“ abgewichen sei. Erst, wenn grundlegende, kranke Überzeugungen und Einstellungen im Inneren gefunden und vergangen wären, und der Kranke selbst begänne, seine Lebensweise zu ändern, könne es zu einer Heilung des Gesamtzusammenhangs kommen, und damit auch zum Verschwinden der materiell sichtbaren Symptome. Die Etikoterapie heile nicht. Sie sei nur eine Handreichung im Prozess der Genesung durch sich selbst. Sie unterstütze selbstbestimmtes, spirituelles Wachstum, wenn Menschen Verantwortung für ihr Leben in ihre eigenen Hände nehmen und aus sich selbst gesunden wollen.

Auf seiner Web-Site schreibt er:

„Fünfzehn Jahre lang habe ich als Arzt in einem Krankenhaus gearbeitet. Ich habe operiert und die kranken Körper meiner Mitmenschen mit Methoden der Schulmedizin behandelt. Seit 1990 habe ich gleichzeitig viele Methoden der sogenannten Alternativmedizin ausprobiert. Ich habe sie studiert, praktiziert und allmählich aufgegeben, wobei ich nur das Wesentliche des Wissens beibehalten habe. Ich kam zu dem Schluss, dass die wissenschaftliche Medizin und die meisten alternativen Methoden einen gemeinsamen Nenner haben – die Aktivität des Heilenden und die Passivität des unwissenden Kranken.”

Vogelsang betont eine Gemeinsamkeit universitär-gelehrter Medizin und ihrer neo-schamanistischen Alternativen. In beiden Fällen der Anwendung von Pillen oder Ritualen:

  • sei neben (spezifischen) Interventionen auch die Art ihrer (systemischen) Anwendung wirksam.
  • beruhten Anwendungen auf „Expert:innen-Wissen“, dem man vertrauen müsse.
  • folge einer Diagnose (im jeweiligen Krankheitsmodell) eine Therapie aus dem passenden Werkzeugkasten: „Der einen Hammer besitzt, sorgt dafür, dass genagelt wird.“
  • könnten die Patient:innen durch „die Heilung“ (oder die Symptomlinderung) nichts lernen.

Ctibor Bezděk habe, früher als andere, Menschen als psycho-soma-soziale Einheit betrachtet, die eingebettet sei in einen größeren pantheistischen Kontext. Er bestritt die Getrenntheit der Dinge. Beeinflusst durch Nikolai Lossky, einen russischen Philosophen, der die Bedeutung der „Intuition“ betonte: Etwas, was über das empirische, mathematische und rational Denkbare hinausgehe, und Spiritualität, christliche Religion und Ethik einbeziehe. (Naldoniová 2021)

Der ungarische Psychologe Laszlo Merö nannte „Intuition“ eine Fähigkeit, die Experten von Meistern unterscheide. Beim Schach zum Beispiel rechneten die Experten und versuchten, aus der großen Vielzahl angeeigneten Einzelwissens die Situation zu ihren Gunsten zu verändern. Ein Meister dagegen betrachte den Zusammenhang auf dem Spielfeld, verbinde sich mit der Dynamik des Geschehens und handle intentional aus dem Verstehen des Sinnzusammenhanges und wähle das, was störungsfrei zu dem Gesamtbild passe. (Merö 2002)

Bezděk nahm weiter an, dass es eine Lebenskraft gäbe (in anderen Kulturen Pneuma, Anima oder Seele genannt), die bei der rein materialistischen oder empirischen Betrachtung der Realität ignoriert werde. Daraus entwickelte Bezděk seine Vorstellung, die Welt sei ein organisches Ganzes, und das wissende Subjekt sei eng mit der ganzen Welt verbunden. Ähnlich dem, was die Naturwissenschaft beschreibt.

Das für uns nicht Erkennbare, in dem unsere Realität aufgehoben ist, gilt in der vorherrschenden westeuropäischen Auffassung für viele als nicht existent. Nur das, was uns unsere Sinne und unsere Maschinen über die Welt erzählen, gilt als wahr. Die Realität wird auf das Erkennbare reduziert. Sie ist seelenlos. Angesichts komplexer, lebender Zusammenhänge müssen Patient:innen auf Expertenwissen vertrauen, das ein weit größeres Spektrum an Wissen überblicke, als ihnen das möglich sei.

Demgegenüber behaupten esoterische oder neo-schamanistische Systeme, zu wissen, wie es genau in den Dimensionen des Nicht-Erkennbaren aussähe und sich anfühle. Sie seien daher in der Lage, die Ursachen verborgener Probleme genau zu erkennen und sie durch rituelle Handlungen zu beseitigen.

Die Etikoterapie, deren Renaissance Vogelsang vorschlug, gehe einen anderen Weg. Er glaube, die Unterstützung von Menschen könne heilsam sein, wenn sie ihnen helfe, herauszufinden:

  • was ihre einzigartige Natur sei,
  • der Sinn in ihrem Leben, und
  • wie sie Achtsamkeit für sich selbst und ihr Lebensumfeld entwickeln könnten.

Vogelsang blickte in überwiegend ratlose Gesichter. Denn die, die ihn hilflos anschauten, suchten nach klassischen oder alternativen Problemlösungen. Nach dem Vortrag freute er sich über mein Interesse, aber eine Verständigung war aufgrund unserer mangelhaften Sprachkenntnisse nicht möglich. Er schenkte mir sein Buch. Was er aber mit seinen Klient:innen und deren Lebensproblem praktisch tat, erschließt sich mir (ohne tschechische Sprachkenntnisse) nicht.

Trotzdem beschäftigte mich seine Herangehensweise an die Medizin während der gesamten Rückfahrt aus Prag. Vermutlich, weil ich ihn durch seine Körpersprache und Ausstrahlung als offen, ruhig, bescheiden und authentisch erlebt hatte.

Für mich gleicht die Etikoterapie dem Ursprung der Medizin, als ein „Medico“ noch als ein Weiser galt, der einen guten Kurs kennt, der begleitet, berät, harmonisiert, versöhnt. Etwa wie die frühen Medizin-Philosophen (Celsus Cornelius oder der Autor des Huang Di Nei Jing). Auch sie forderten gesunde Verhältnisse und Einstellungen im Einklang mit allen offensichtlichen und nicht wahrnehmbaren Einflussfaktoren. Die Behandlung überließen sie damals den Kräuterheilkundigen, Friseuren und Schamanen, so wie Vogelsang heute den Verschulten oder den Alternativen im Medizinbusiness.

2025 untersuchte eine Arbeitsgruppe um Laszlo Merö, ob es Zusammenhänge gäbe, zwischen fühlender Selbst-Achtsamkeit und Indikatoren für emotionale Belastung oder Wohlbefinden. Höhere Grade von Selbstwahrnehmung waren mit höheren Leveln von Wohlbefinden assoziiert. Und bei dysfunktionaler Selbstwahrnehmung war es umgekehrt. Diese Ergebnisse sprächen für Selbstmitgefühl-Angebote, um Kälte (self-coldness) sich selbst gegenüber zu vermindern, um Wohlbefinden zu verbessern und Leiden zu verringern.

Das passt zum Grundgedanken der Etikoterapie (so wie ich sie verstanden habe): Heilung erfordert Frieden. Zuerst mit sich selbst, und dann mit allen und allem anderen.

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Antwort Dr. Vogeltanz, 05.02.2026

„Milý Helmute, moc se omlouvám- jsem věčně pozadu za časem. …“ Übersetzung mit deepl.com:

„Lieber Helmut, es tut mir sehr leid, dass ich immer hinterherhinke. Ihre E-Mail vom 30.10.2025 habe ich erst heute entdeckt. Da ich mich mit Computern nicht so gut auskenne, schreibe ich Ihnen zunächst einen Probeletter, um zu sehen, ob wir uns verständigen können.

Sie schreiben, dass „die Medizin noch immer weitgehend vom mechanistischen Medizinmodell des 19. Jahrhunderts geprägt ist… “

Ich würde hinzufügen, dass die Medizin nach wie vor nicht nur vom mechanistischen medizinischen Modell des 19. Jahrhunderts geprägt ist, sondern vor allem vom Flexner-Report von 1910, der von Rockefeller und Carnegie gesponsert wurde und ein einheitliches System der medizinischen Ausbildung im Westen propagierte, das auf pharmazeutischer Behandlung basierte.

Big Pharma versucht, jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in eine seelenlose, mit Medikamenten vollgestopfte Milchkuh zu verwandeln! Medikamente sind bestenfalls Imitationen von Arzneimitteln, schlimmstenfalls Gift. Helmut, Sie spüren die harte Form der Liebe: die Wahrheit.

Ansonsten nehme ich wahr, dass Ihre Texte von dem aufrichtigen Bestreben geleitet sind, einen vernünftigeren Weg zur Heilung des Menschen zu finden. Ich selbst bemühe mich seit über 30 Jahren darum. Aber für mich sind das zu viele Worte und wissenschaftlich komplizierte Begriffe. Lassen Sie uns den Kern einfach ausdrücken – auf einfache Weise. So werden wir leichter zu einem Geist der Liebe. Ich würde gerne mit Ihnen meinen Vortrag für die geplante Konferenz „Etikotherapie und Psychosomatik“ vom 11. bis 12. April 2026 teilen (Titel: Wahrhaftigkeit, Offenheit, Gleichberechtigung sind Liebe). Ich bin überzeugt, dass es Ihnen gelingen wird, meine Botschaft zu übersetzen und zu verstehen. … Vladimír

Letzte Aktualisierung: 05.02.2026