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27. Juli 2026

Nichts

„Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“

Zitat: Ludger Lütkehaus

Der folgende Text über „Alles und Nichts“ entstand 2004. Damals wollte ich (wie viele in ihrer Lebensmitte) wissen, wer „ich“ bin.

Mich faszinierte damals die Antwort des Zen-Buddhisten Suzuki: „Ich bin nicht. Na und!“ und auch die des Vedanta-Lehrers Sankara: „Die Welt ist Schein!“

Warum aber war „Ich“ (körperlich deutlich spürbar) trotzdem? Offenbar war dieses „Ich“ mehr als der Teil von mir, der gerade versuchte, über das Nichts nachzudenken.

Also stand ich (nach dem Niederschreiben) vom Sitzkissen auf und begann, mich intensiver für das (wortlose) Spüren des ganzen Körpers und seine Beziehungen zu interessieren:

Die Beschäftigung mit dem Nichts führte noch zu etwas Zweitem: zur Neugier. Ich wollte herausfinden, warum „nichts wirkt“: Ich wollte die Welt der Systemwirkungen, Beziehungen und Wechselwirkungen besser verstehen und daraus praktische Konsequenzen für die Medizin ableiten.

„Herrje, das Nichts ist bodenlos!“ (Hans Arp

Text 2004:

Alles ist möglich. Nichts ist auch möglich.

Die Ausgangsfragen: Sind Sein und Nichts dasselbe? Oder begrenzt das eine das andere?

Physiker erklären uns, dass es ein eindeutiges „Nichts“ nicht geben kann. Selbst in einem absoluten Vakuum, aus dem alles (auch die Strahlung) entfernt sei, entstünden weiterhin fröhlich virtuelle Paare aus Teilchen und Anti-Teichen, die sich gleich wieder zerstörten und so ins (nur scheinbare) Nichts zurückfielen. Vielleicht, so sagen sie, sei unsere Welt aus so einer Quantenfluktuation entstanden, bei der zufällig einige Pünktchen nicht durch Antipünktchen ausgelöscht worden seien.

ochse
Die Geschichte vom Ochsen. (Kakuan, 12. Jhh, Wiki-Commons: Ox-herding pictures). (1.) Der Ochse (das Selbst) ist nicht sichtbar. (2.) Das „Ich“ entdeckt Spuren des „Selbst“. (3.) Ich und Selbst finden sich. (4.) Das innere Team ist mit sich versöhnt. (5.) Ich=Selbst=Körper (6.) Alles betrachten (über „Ich-Selbst-Körper“ hinaus). (7.) Nichts (8.) Alles ohne „Ich-Selbst“. (9.) Gelassen tätig sein.

Sicher sei alles (was wir erleben) mit allem verbunden und in Systemen verwoben. Scharfe Trennungen und eindeutige Grenzen existieren deshalb nur in unseren Begriffen. Die Realität des sich ausdehnenden Universums sei ungetrennt.

Wir erkennen aber nur das, was vor uns erscheint, und nicht das, was uns und alles andere durchströmen mag. So wie ein Fisch nur einen anderen Fisch erkennen kann, nicht aber das Wasser, in dem er schwimmt, und das ihn zugleich in seinen Organen überwiegend ausmacht.

Das scheinbare „Nichts“ könnte deshalb als Beziehung beschrieben werden, in die „Etwas“ eingebettet sein muss, um existieren zu können.

Das Universum hält sich an klare Regeln, und niemand scheint es zu manipulieren. Die Natur handelt gesetzmäßig.

Allerdings könnten die Naturgesetze auch zufällig entstanden sein. In einem anderen Universum mögen völlig andere Naturkonstanten gelten.)

Mehr: Quantenphilosophie

Sein oder Nicht-Sein?

„Lass dich. Werde. Wirke.“
Eckhart von Hochheim (1260–1328 n. u. Z.)

Oben: Alles oder Nichts. Unten: Alles und Nichts in dynamischer Beziehung. Beides: Dualismus

In diesem Universum gilt die grundlegende Erkenntnis, dass die Unordnung, der Grad des Chaos unserer Systeme (die sogenannte Entropie) zunimmt. Deshalb verbrauchen (relativ) abgeschlossene Systeme immer Energie und können sie niemals erschaffen.

Unser Raum scheint sich, gleich einem aufgepusteten Luftballon, auszudehnen, und alles, was darin ist, verteilt sich immer feiner. Die Gesamtenergie des Universums verringert sich, um uns herum wird es kälter und bewegungsarmer.

Solche Gesetzmäßigkeiten müssen wir hinnehmen, ob wir wollen oder nicht. Selbst dann, wenn wir nicht verstehen, warum es sie gibt. Gegen die Naturgesetze zu handeln, wäre eine sinnlose Energieverschwendung.

Der Zoo subatomarer Teilchen verwandelt sich ineinander oder in (scheinbares) Nichts. Bewusstes und unbewusstes Denken, Körper, Umwelt und sozial-gesellschaftliche Bezüge gehen ineinander über. Alles Leben mit seinen Genen, Zellen, Bakterien entsteht und vergeht in vernetzten, sich wandelnden und ineinander verschachtelten Ökosystemen. Es wächst und erschafft sich immer wieder von innen heraus neu (Autopoiese). Zugleich ist das Leben Beziehung, Austausch und Wechselwirkung mit anderen lebenden Systemen.

 „Alles ist Eins.“ und „Alles fließt.“
Heraklit und Laozi vor etwa 2500Jahren.

Der leere (nur in sich bewegte) Kreis. Das Symbol für das ursprünglich Ungetrennte.

Sein ist selten.

Alles, was wir sehen, erfahren und messen, wirkt über große Entfernungen hinweg aufeinander ein. Dabei ist „das Sein“ in dem „umgebenden Nichts“ sehr dünn und großräumig verteilt. Im Vergleich zur Unendlichkeit des „Nichts“ besteht „das Sein“ aus seltenen Ereignissen, obwohl unsere Sinnesorgane, die nur auf das Sein reagieren, uns ohne Hilfsmittel das Gegenteil vermitteln.

Könnten wir einen Atomkern auf die Größe einer Kirsche aufpusten, wäre die „verschmierte“ Hülle der Elektronenwelle etwa so groß wie ein Fußballfeld. Dazwischen erstreckte sich „Nichts“.

Auch der Atomkern bestünde fast vollständig aus Leere. Wäre die glühende Sonne so klein wie ein Fußball, tanzte die Erde als Stecknadelkopf in etwa fünfzehn Metern Entfernung im Geflimmer ihres Feuers. Jupiter kreiste als Nuss in achtzig Metern Entfernung, und Saturn wäre etwas kleiner und doppelt so weit entfernt. Der nächste brennende Fußball (Proxima Centauri) läge, von Hamburg aus gesehen, in der Wüste Saudi-Arabiens.

Dazwischen: Nichts.

Durch diesen leeren Raum benötigt Licht acht Minuten von der Sonne bis zur Erde, sechs Stunden bis zum Pluto, vier Jahre bis zu Proxima Centauri und 75 000 Jahre quer durch das Gewimmel von einhundert Millionen Sonnen unserer Milchstraße. Die „letzte“ der über 100 Millionen Milchstraßen sehen wir etwa in 13–14 Milliarden Jahren Entfernung in der Vergangenheit: Ist es vielleicht unsere eigene?

Der Raum, der überwiegend aus einem riesigen, sich dehnenden, beschreibbaren „Nichts“ bestehe, sei zerbeult, und er verformt sich, erzählen uns die Physiker.

Warum konzentrierten wir uns dann bei dem Versuch, die Welt zu verstehen, auf das messbare „Sein“? Wenn es doch gegenüber dem „Nichts“ (der „dunklen Energie“, der „Quintessenz“, dem „Unsagbaren“) eine so seltene Ausnahme darstellt?

Was könnte „das Nichts“ sein?

Die technischen Entwicklungssprünge der Menschheit hingen häufig mit der Beschäftigung mit dem „Nichts“ zusammen. Wenn man plötzlich damit begann, zu versuchen, etwas Leeres nutzbar zu machen. Zum Beispiel, indem man Massives aushöhlte und dünnwandige Gefäße formte, oder Netze knüpfte, oder Tücher webte, oder Speicherräder baute, schließlich mit der Null die Mathematik revolutionierte und dann auch Maschinen konstruierte, die das Nichts (das Vakuum) nutzen konnten.

Interessant ist die Einführung der Null (des scheinbaren Nichts) in unser Zahlensystem. Die kriegerisch-bürokratischen (etwas fantasiearmen) Römer benötigten keine Null. Entweder es gab einen Sklaven, oder es gab eben keinen. Das Null-Konzept formten indoasiatische Philosophen aus einem Kreis, dem Ur-Symbol für ein „Nichts“, das zugleich alles beinhaltete und umfasste (Uroborus). Null war für sie weder „Etwas“ noch „Nichts“. Sondern beides: eine Wandlungsphase, bei der ein Positives (+) ein Negatives (-) aufhebt. Das asiatisch-philosophische „Nichts“ ist voller Energie und Möglichkeiten, und kennzeichnet einen Zustand der Leere, aus dem Gegensätze aufwirbeln, die sich in Ruhe wieder ausgleichen. Etwa so, wie sich Physiker Vakuumfluktuationen oder Quantenschaum vorstellen.

Mehr: Dualismus

Im 17. Jahrhundert ging Spinoza einer genial einfachen, etwa zweitausendfünfhundert Jahre alten Vermutung nach: Alles (Materie, Strahlung, Gott, Natur, Geist, Körper) sei nichts anderes als eine Anregung einer Grundsubstanz, die wir nicht wahrnehmen könnten, und die alles durchdringe und zugleich sei.

Die Eleganz seines Denkens entstand aus einer Not, die ihn zu konzentrierter Hand-Arbeit zwang. Er schliff optische Gläser in einem so gleichmäßigen Rhythmus, dass sich offenbar unnötige Gedankenverrenkungen verloren. (s. Occams Rasiermesser)

Seine Theorie wurde nicht nur als ketzerisch, sondern auch bis heute als paradox empfunden: Schließlich könne aus „Nichts“ nichts kommen. („Ex nihilo nihil fit“)

Hume, ein Philosoph der gleichen Zeitperiode, entdeckte jedoch, dass auch die Annahme, dass eine Wirkung eine Ursache haben muss (Kausalität), nichts anderes sei als ein Erklärungsmuster. Kraft und Notwendigkeit (Ursache und Wirkung) seien Attribute der Art, wie wir Objekte vorstellen, nicht Attribute der vorgestellten Gegenstände selbst. Also seien sie etwas innerlich Gefühltes und nicht etwas Äußerlich-Gegebenes.

Heute scheint die Physik vorwiegend drei Varianten zu erwägen (Riess 2016):

Der Raum an sich sei energiegeladen und erzeuge ständig virtuelle Teilchen. Seine Vakuumenergie (oder seine kosmologische Konstante) sei unendlich und unveränderbar. (Tonelli 2024)

Es gäbe eine Quintessenz, wie schon die antiken Griechen vermuteten. Ein Kraftfeld, das den ganzen Kosmos durchzöge, das plötzlich entstand („Big Bang“), und vielleicht zerreiße („Big Rip“) oder in sich zusammenfalle („Big Crunch“)

Dunkle, unklare Energieformen (die das Universum aufbliesen) gäbe es gar nicht. Sondern wir vermuteten sie nur, weil wir die Gesetze der Gravitation bisher nicht verstünden.

Was ist Alles?

Das ursprüngliche Universum sei, nach der heute allgemein für richtig gehaltenen Theorie, unmittelbar nach seiner Geburt, etwa so groß gewesen wie eine Pampelmuse. Diese Ur-Pampelmuse soll alles enthalten haben, was wir heute sehen, haben und sind.

Der Raum, den es vorher nicht gab, dehne sich seither aus.

Was hat die Urfluktuation des Nichts angeregt? Und warum gibt es uns überhaupt, wenn sich virtuelle Teilchen, die aus dem Nichts entstehen, doch immer wieder auslöschen? Wo sind unsere Antiteilchen geblieben?

Die Geburt der Dynamik (Big Bang): Die Schlange, die sich selbst frisst, teilt das Universum. Schmuck aus Armenien.

Es finden sich keine Spuren, die uns darauf hinweisen könnten, dass seither etwas auf die natürliche Entwicklung der Dinge Einfluss nehmen könnte. In unserer strikt gesetzlich geregelten Welt gab und gibt es keine Wunder.

Physiker diskutieren zurzeit u.a. zwei Theorien, wie alles aufgebaut sein könnte:

Die eine stammt letztlich von griechischen Naturphilosophen, die sich vorstellten, alles bestünde aus Kügelchen, die sich immer neu mischen, um ständig Neuem Gestalt zu verleihen (Demokrit). Die Masse des Alls (Strahlung, Quintessenz, Materie etc.) bliebe konstant, sei unbegrenzt und unvergänglich. Das All bestehe nur aus winzigen Teilchen, die in unendlicher Bewegung seien und eine grenzenlose Zahl von Welten hervorbrächten, die entstünden und vergingen. Nichts geht zugrunde – alle Kügelchen seien in ständiger Verwandlung. Wenn wir die kleinsten Einheiten „Energiepäckchen“ oder „Quanten“ nennen, bleibt dieses antike Weltbild aktuell, auch wenn der Materialismus („Alles ist Materie“) seit Einsteins Energieformel mausetot ist. Zahlreiche Physiker nehmen trotzdem an, alles, auch Raum und Zeit, seien „körnig“ oder „gequantelt“. Was aber soll dann zwischen den Quanten-Körnchen sein?

Die konkurrierende Alternative zur „Tropfentheorie der Zeit“ ist die Stringtheorie: Ihr zufolge soll in einem Prozesscharakter der Wirklichkeit, Werden (Veränderung) diskontinuierlich geschehen. Nach der Stringtheorie wirbele alles in vielen (mindestens elf) Dimensionen: Die Welt schwinge. Dieser Gedanke, eines rhythmisch klingenden, „musikalischen“ Universums, stammt ursprünglich von Pythagoras. Er stellte sich das Universum als einen Klangkörper für Musik vor, nach Harmonie strebend und so mathematisch und künstlerisch erfahrbar. Aber: Welche Saiten sollen da erklingen?

Beide Theorierichtungen machten bereits vor 2600 Jahren die Götter in Europa und China erwerbslos. Geister als extern auf natürliches Wachsen einwirkende Instanzen waren überflüssig geworden. Epikur nannte die Götter, wenn es sie denn gäbe, „glückselig, unver­gänglich und an den Menschen nicht interessiert“. Während Konfuzius erklärte, es sei vollkommen belanglos, ob sie real existierten, solange man sich nur so moralisch anständig verhielte, als ob es sie gäbe.

Für den Alltag aber waren (und sind) die „gottlosen“ Theorien zu wenig anschaulich und „hoffnungslos“ gefährlich. Sie konnten sich trotz zahlreicher philosophischer Bemühungen als praktische Lebenslehren gegenüber Religionen nie durchsetzen.

The devil, who plays a big part, has tricked his way into my heart.
By the mere insistence of his non-existence, which really is devilish smart!
Limerick mit teuflischem Existenz-Beweis

Was ist Energie?

Alles, was wir kennen, besteht entweder aus Materie oder aus Energie. Seit Einstein müssen wir annehmen, dass Materie nur eine besondere Form von Energie sei. Wie ein Wirbel im Wasser.

Was aber soll Energie sein?

Der „Materie-Begriff“ war anschaulich, weil wir glaubten, ihn „begreifen“ zu können. Genauer betrachtet sind aber all die kleinen Teilchen, die wir beobachten, gar keine „Gegenstände“, sondern Wellen, die sich nur für uns scheinbar so verhalten, als seien sie Teilchen.

Materie kann deshalb als eine Ansammlung unvorstellbar schnell drehender Wirbel beschrieben werden. Die kleinsten Wirbel können wir mit großem Aufwand isolieren und geben ihnen Namen wie Quark oder Photon. Aber was da wirbelt, wissen wir nicht. Das, was sie ausmacht, ist ihre Bewegung in Beziehung zu allem anderen. Und diese Fähigkeit zu einer Bewegungsdynamik nennen wir Energie. „Sie“ kann Arbeit leisten und wird daran gemessen (in Joule (Nm): Kraft × Weg).

Also müssen wir akzeptieren, dass es so etwas wie Energie gibt, ohne zu wissen, woher sie stammt: Denn wir spüren sie, verbrennen uns die Finger und setzen sie in Bomben oder Kraftwerken frei.

Trennung ist eine Hilfskonstruktion.

Wenn es in unserer Realität also keine scharfe Trennung geben kann, und alles (und auch nichts) in Beziehung zueinander steht: Warum trennen wir dann?

Offenbar tun wir es mit jedem Wort, das wir aussprechen. Wir haben gelernt, in Begriffen zu denken, Übergänge in Gedanken abzuschneiden und Dinge oder Ereignisse in Kategorien zu packen.

Denn es verschafft uns Klarheit:

Es hilft uns, ein Modell der Welt zu konstruieren, in dem wir die Dinge wie in einem Puppenhaus sortieren und verändern können.

Tiere sind Blitz und Donner hilflos ausgeliefert, unsere Steinzeit-Vorfahren dagegen waren es nicht mehr. Denn sie hatten ein Modell konstruiert, mit einem gewaltigen Gott auf einem Streitwagen am Himmel, den man (in der Logik des Modells) beeinflussen und besänftigen konnte. So beruhigt konnten sie im Gegensatz zu Hasen und Antilopen bei Gewitter rationaler (ohne Angst und Panik) handeln.

Möglicherweise steht deshalb die Trennung am Beginn der Kultur. Begriffe wie „Hand“ und „Stein“ waren ursprünglich vielleicht nur Teile eines Befehls: Etwas (die Hand) solle etwas anderes, ein Objekt, bearbeiten. Dazu war es unwichtig zu definieren, wo denn (genau) eine Hand anfangen soll und wo sie aufhört? Und es war auch nicht mehr wichtig, ein Objekt als etwas mit dem Subjekt Verbundenes zu betrachten. (s. Noe).

Ohne die Fähigkeit zu trennen, lebten Menschen noch wie die Gorillas, wunderbar in ihre Umwelt integriert, kulturlos und ohne zivilisatorische Höchstleistungen.

Zwar sind Menschen zur Liebe fähige Tiere, aber der trennenden Anschauung der Welt wohnte ebenfalls ein entscheidender evolutionärer Vorteil inne. Trennendes Bewusstsein war schnell, innovativ, aggressiv, „bösartig“, räuberisch, „männlich“ und zielführend.

Wir können eben mit zwei jeweils darauf spezialisierten Gehirnhälften beides: „alles“ zugleich wahrnehmen, leben und sein, und „alles“ in Begriffe und tote Einzelteile zerlegen. Und das ist auch gut so. Irre wird es nur, wenn das „klar Getrennte“ für „das Wahre“ gehalten wird, denn,

  • „Das Weiß eines Steines liegt nicht im Stein, sondern im Betrachter“ (Mo Tse).
  • „Die Dinge sind nicht ausgedehnt oder fest. Wir sehen ihre Ausgedehntheit und fühlen ihre Festigkeit … Das Sein ist Wahrgenommenwerden.“ (Berkeley)
  • „Der Mensch kennt weder Sonne noch Erde, sondern immer nur ein Auge, das die Sonne sieht, und eine Hand, die die Erde fühlt.“ (Kant)
  • oder (weniger bierernst): As Bradley is said to have said – If I think that I’m lying in bed – with a girl that I feel – and can touch – is it real? – or just going on in my head? Limerick
Die Essigkoster. Das Gleiche (das Leben) erscheint dem einen (Konfuzius) sauer, dem anderen (Buddha) bitter, und dem dritten (LaoTse) angenehm (en.wikipedia.org)

Wir erahnen in einem bestimmten Marmorfigürchen nur deshalb „einen Löwen“, weil in uns bereits ein Löwenbild ruht. Wir glauben, es seien die Musikinstrumente, die ertönten, dabei sind es unsere Reaktionen auf nur Luftschwingungen, die erst in uns in Musik umgewandelt werden müssen.

Wenn wir also von Dingen oder Ereignissen reden, meinen wir meist eine selbst gewählte Auswahl von Empfindungen, die wir selbst erzeugt haben.

Hypothesen, wie die Welt funktionieren könnte, können nie als wahr erwiesen werden.

Die einzig wirklich absolute Wahrheit in dieser verrückten Natur ist deshalb die, dass sie innerhalb unseres Erkenntnishorizontes niemals erfahren werden kann.

Oder ist es doch so:

And Bohemoth sings us his song.
While Bahamut wanders along.
But in the glory of this spring. You can hear Bahamut sing:
Whoa-ho-ho. Are you as big as me? Whoa-ho-ho-ho. Way too big to see. Whoa-ho-ho-ho-ho.
Bahamut he goes so slow. Whoa-ho-ho-ho. Too big a place to go.
The entire known universe floats suspended in a thin silver bowl.
Which rocks gently on the back of an immense blue-green tortuga.
And the tortuga’s scaly feet are firmly placed on the topmost of seven craggy mountains,
which arise from a vast and arid plain of drifting, fetid, yellow dust.
And the plain is balanced precariously on top of a small thin green acacia tree,
which grows from the snout of a giant blood red ox with 50 eyes that breathes flame.
The color of the midnight sky.
And the ox’s hooves are firmly placed on the single grain of sand, which floats in the eye of Bahamut.
Like a mote of dust. No one has ever seen Bahamut.
Some think it’s a fish. Some think it’s a newt.
All we know is that the lonely Bahamut floats endlessly through all time and all space.
With all of us and everything. Floating in a single tear of his eye.

Hazmat Modine: www.youtube.com/watch?v=n58tlDXDLO8

Sicher wissen wir nichts.

Keine Wahrheit ist Gewissheit.

Welterklärungen, die heute die größte Anhängerschaft um sich sammeln, haben nur gemeinsam, dass sie eine Form von Unterscheidung überbetonen: Leiden und Nicht-Leiden, Seele und Körper, Andere und ich, Gott und Nicht-Gott und vor allem Gut und Böse.

Diese Trennung in nützliche Wahrheit (das Gute) und Bedrohung oder Feindseligkeit (das Böse) befriedigt Geborgenheitssehnsüchte und vertreibt Unsicherheit.

In der ungetrennten Realität sind wir aber nur ein winziger, sich selbst und das Äußere spiegelnder, Teil von etwas, das in zahllosen Richtungen schwingt. Ein poetisches Kunstwerk, in dem wir (was immer wir sein mögen) als Dichter, Maler und Musiker wirken können: künstlerisch schaffend, mitklingend und nach Harmonien suchend.

Wir könnten also „… die Begriffe fröhlich zerschlagen und die Welt ständig neu erfinden.“ (Nietzsche), und unser zivilisatorisch überspanntes, entspanntes Denken so etwas beruhigen und angenehmer leben:

  • „..Wer hinsichtlich der natürlichen Güter oder Übel keine bestimmte Überzeugung hegt, der meidet oder verfolgt nichts mit Eifer, weshalb er Ruhe hat. …
  • Unsere wesentliche Krankheit ist das vorschnelle Urteil, der dogmatische Glaube! …
  • Jedes Urteil erzeugt ein Gegenurteil, unendliche Argumentationsketten, und jeder Beweis setzt etwas voraus, was noch zu beweisen bleibt. Deshalb halte dich an die Erscheinungen, lebe undogmatisch nach der alltäglichen Lebenserfahrung, darin wir gänzlich untätig sein können.“ (Sextus Empirikus).
Graphik: Ernst Albrecht, Wetzlar, 1962

Bei allem Nichtwissen ist es tröstlich, dass Vergangenheit (und selbst Gegenwart) nur Geschichten sind, die wir uns immer neu und dabei stets verändert erzählen müssen.

Das Fabulieren selbst, und auch der Glaube an die Wahrheit unserer Erzählungen, sind aktive, zukunftsorientierte und Energie verbrauchende Prozesse.

Alles Lebende ist (wenn es wahrgenommen wird) bereits unwiederbringlich und unabänderlich verstorben. Was sich nicht neu erschafft, ist nicht.

Real ist nicht das, was sich entwickelt hat. Nur die Möglichkeiten sind es. Und vielleicht auch das, was sich aus ihnen entwickeln könnte.

Himmelblau und rosenrot sind die schönsten Farben.
Öfters ist man plötzlich tot, und solche Leute starben. von Scheffel

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Letzte Aktualisierung: 27.07.2026