Quanten-Philosophie
Inhalt
- Was ist gewiss?
- Quanten-Theologie
- Quanten-Philosophie
- Konvivialität (zusammen – leben)
- Begriffe klären
- Nichts
„Wir können der Tatsache nicht ausweichen, dass jede einzelne Handlung, die wir tun,
ihre Auswirkung auf das Ganze hat.“ Albert Einstein
Was ist gewiss?
Die Frage, wie alles (oder nichts) miteinander zusammenhängt, lässt mir keine Ruhe.
Mein kindliches Unbehagen begann mit einem Pfarrer, der versuchte, mir das lästige Fragen mit einer einfachen Antwort auszutreiben. Seither sehne ich mich danach, etwas zu begreifen. Um dann, durch Erfahrung klüger geworden, neugierig weiterzufragen. Dieses Gefühl beschrieb der Physiker Richard Feynman als „Freude, Dinge herauszufinden“. Allerdings scheiterte ich damals schon an seiner ersten Behauptung: „Es ist so einfach.“
Ich las, und versuchte dann, passiv zu verdauen. Und erlebte, dass ich nur einen Bruchteil dessen, was Mathematik und Physik in den letzten zweihundert Jahren an Großartigem entdeckten, wirklich verstand. Die schiere Menge und die Qualität der Information überwältigten mich. Es gelang mir nicht, sie mit dem zu verbinden, was ich in mir unmittelbar spüren und als persönliche Erfahrung hätte verarbeiten können. Ich konnte die Theorie nicht mit Händen fassen.
Also begann ich damit, aufzuhören, Fragen zu stellen, und wollte stattdessen Antworten wiedergeben können. Ich verschlang ein schlaues Buch nach dem anderen und versuchte dann zu glauben, was die besten Quanten-Mathematik-Raum-Zeit-Experten (erstaunlicherweise überwiegend Männer) für wahr hielten. Und staunte immer mehr.
Wenn ich die damals gelesenen Bücher heute wieder betrachte, scheint mir ihr Inhalt entglitten zu sein. Ich müsste sie erneut lesen. Und werde es bei einigen auch tun.
Lange fand ich keinen sinnlichen Bezug der gelesenen Physik zu mir selbst. Ich glaubte zwar zu verstehen, dass andere „Schönheit, Exaktheit, Wahrheit“ als objektive Werte betrachten konnten, „die für jedes vernunftbegabte Wesen bindend und unbezweifelbar sind“. (Peters, 2004) Aber ich spürte beim Durcharbeiten physikalischer Abhandlungen weder Schönheit noch Wahrheit. Also das, was ich gerade jetzt erlebe, wenn ich vom PC aufblicke und den mit Hummeln übersäten Lavendel im Garten betrachte.
Die Physik schien sich nur mit Dingen zu beschäftigen, die „da draußen“ sind: weit weg und sinnlich nicht erfahrbar. Die Welt erlebte ich im Alltag in Beziehung und Tätigsein, Bücher über den Quantenspuk las ich bewegungslos im Sessel. So, als würde ein fremdes Wesen von außen mit einem Fernrohr auf die Erde oder mit einem Mikroskop auf das Winzigste schauen.
Da aber die Physik beobachtet, dass alles sich durchdringt, konnte es keinen (prinzipiellen) Unterschied zwischen „innen“ und „außen“ geben. Folglich muss, für das Erkennen der Realität, ein Lauschen nach innen mindestens ebenso nützlich sein, wie das Lesen der Berichte anderer über das Äußere.
Also beschäftigte ich mich mehr mit der Reise zur Selbstwahrnehmung, in der alle Konzepte verschwinden. Es bleibt dann ein in sich ruhender Körper, der spürt, dass Leben in ihm ist, oder der einfach nur mitfließt. Dessen Erkenntnis ist zwangsläufig vollständig subjektiv, auch wenn Physiker solche Zustände mit großem Aufwand objektiv zu messen versuchen. (Thomas Metzinger 2024).
Das Erleben, den Geist loslassen können, weckte die Neugier auf das, was innen und außen (verbindet). Dem Physiker Erwin Schrödinger fiel 1944 auf, dass indische Philosophen das persönliche Selbst (Atman) in dem allgegenwärtigen, allumfassenden Selbst (Brahman) als tiefste Welteinsicht betrachteten, während diese Einsicht westlicher Faktorenmechanik zu widersprechen scheint. (Schrödinger: Was ist Leben?)
Und so begann ich allmählich, östliche Philosophie in Bewegung zu lernen (Taiji). Und ich studierte die Philosophie Chinas, wo diese Form persönlichen Erlebens entstand. Ich begann, mehr zu spüren. Der Bereich der Wahrnehmungsfähigkeit weitete sich.
Bei diesem Weg interessierten mich die Konzepte über das nicht wahrnehmbare Unbekannte weniger. Da ich sie nicht spürte. Ich konnte gut mit meinem unendlichen Nichtwissen leben. Kulturell gewachsene Spekulationen, Magie, Mystik oder Esoterik, langweilten mich. Weil sich dahinter meist die Angst vor dem Tod verbarg, und der Wunsch, sich an einem Ge-Glaube festhalten zu können.
Dafür vergrub ich mich manchmal in Bücher von Fritjof Capra. Er recherchierte, wie das Verständnis von Wechselwirkungen in Systemen die Zusammenhänge, in denen sie sich entwickelten, schon vor über 2500 Jahren im Osten thematisierte. Und erst vor 150 Jahren in der modernen Physik und Biologie scheinbar neu entdeckt wurde. Ihm gelang es, Erkenntnistheorie (Epistemologie) mit der grundlegenden Philosophie von Allem (Ontologie) zu verbinden. (The System View of life 2014)
Zugleich eröffnete er praktische Ideen, wie menschliches Handeln, nützlich für alle anderen komplexen Systeme, gestaltet werden könnte. U. v. a auch in meinem Berufsfeld (Medizin), das bis heute der interventionistischen Mechanik des 19. Jahrhunderts verhaftet ist.
Parallel zur Entdeckung der Kompetenz der Körperzellen außerhalb des Gehirns interessierten naturwissenschaftliche Publikationen, die Zusammenhänge, Beziehungen und Dynamiken betrachteten, ihr Unwissen eingestanden und andere begeistern wollten, neugierig weiterzufragen. Mich beschäftigte das, was zwischen den einzelnen messbaren Faktoren für die Bewegung sorgt. Was man in der Quantenphysik Energie, Feld oder Information nennen kann, wenn man ein spukhaftes Phänomen wie Verschränkung beobachtet.
Ich bewunderte die Genialität des möglicherweise ersten Wissenschaftlers Anaximander, der vor 2600 Jahren ohne Messinstrumente, nur durch subjektive Betrachtung, herausfand, dass eine Erde nichts benötige, auf dem sie stehe. Lasse man alles Unnötige weg, schwebe sie eben (Rovelli 2009). Seine Kollegen, die frühen Naturwissenschaftler und Skeptiker, ersannen immer neue Fragen. Sie wussten, dass all ihre Antworten höchsten vorläufigen Charakter hatten. Karl Popper schrieb, sie seien zu klug gewesen, um eine Wahrheit zu kennen. Wie Heraklit, der (durch persische Philosophie beeinflusst) beobachtete, dass alles in Bewegung sei und voller Energie herumwirbele. Etwa so, wie Physiker sich die modernen Loop– und String-Theorien vorstellen.
Philosophen, wie er dachten noch selbst. Bis dann Aristoteles und Platon „die heilige Wahrheit“ (Epistheme) erfanden, und damit die kurze Zeit der fröhlichen Neugier beendeten, und durch den Glauben an das Dogma ersetzten.
Auch der Geist Galileo Galileis, beeindruckte mich, weil er Klarheit schuf, indem er sich (bei fallender Feder und Stein) die Luft wegdachte. Oder die unbekümmerte Frechheit von Fred Hoyle, der den Nobelpreis verspielte, weil er der Lehrmeinung zu widersprechen wagte, und behauptete, das Universum habe weder Anfang noch Ende, sondern bestehe aus fließenden Feldern. So wie es schon der Lieblings-Philosoph Schrödinger‘s (Parmenides) vor 2500 Jahren vermutet hatte. Der behauptete damals, es bewege sich im Grund nichts: Stattdessen flimmere etwas. Hoyle vermutete außerdem, das Universum wimmle von Leben. So wie es heute andere Physiker erzählen. (Ganteföhr (2026).

Natürlich las ich auch Geschichten über das Abgründige. Das, was sich hinter den scheinbar rational entstandenen fundamentalen Entdeckungen verbarg. Die Grenzbereiche, das völlig Unsagbare, aber doch Mögliche. (Labatut 2020, Hans Peter Dürr 1991, Ash 1991).
Aber nur bedingt. Die Beschäftigung mit Ideologien und Glaubenskonstrukten interessiert mich nur aus historischer Perspektive, wenn sie schon vergangen sind. Zumal die meisten übersinnlichen, spekulativen und fantastischen Phänomene wieder verschwinden, wenn jemand sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen (Pössel 2002)
Beeinflusst haben mich dagegen Hinweise zur Subjektivität menschlicher Erkenntnis in Beziehung zu dem, was betrachtet wird. (Alva Noë, 2009, John Gribbin 1991, Tor Nørretrander 1998)
Nørretrander hatte herausgefunden, dass Exformation mindestens ebenso wichtig ist wie Information. Darunter verstand er das (erfahrungsbasierte) Aussortieren von Unnötigem – von etwas, was keinen Bezug hat zur subjektiven Bedeutung. Also das Wiederkäuen nicht-verstandener Expertenmeinungen.
Die Fähigkeit zu Exformation ist typisch für alles Lebende. Besonders für Menschen. Es kommt nicht darauf an, alles zu wissen. Das kann KI besser. Menschen müssen das in der Dynamik des Geschehens Wesentliche erkennen.
Ein Verstehen (welcher ‚Wahrheit‘ auch immer) ist ein (subjektiver) körperlicher Prozess, der alle Zellen einbezieht. Auch die außerhalb des Gehirns. Erkennen ergibt sich also aus radikaler Gegenwart, subjektiver Erfahrung, Zentrierung, Beziehung und Verbindung. Auch die objektivste Wahrheit ist subjektiv und relativ, weil sie durch den Filter eines Menschen und seines Umfeldes fließt und dabei zwangsläufig verformt und ausgestaltet wird.
Trotzdem beobachten die Naturwissenschaften bei allem, was geschieht, klare, verbindliche Regeln. Die Mathematik ist exakt. Der Satz des Pythagoras zum gleichseitigen Dreieck im zweidimensionalen Raum wird vermutlich auch in einer Galaxie am Ende des Universums gelten.
Die Realität ist nicht beliebig, und auch nicht so, wie wir sie, subjektiv erhofft, gerne hätten. Sie ist erstaunlich geordnet. Besonders, wenn immer wieder aus einem absoluten Chaos (einem Explosionsnebel) Ordnung entsteht (ein Sonnensystem).
Die zugrunde liegenden (in diesem Universum offenbar) fundamentalen Naturgesetze können immer wieder überprüft werden. Das tun Physiker:innen, indem sie Hypothesen und Modelle ersinnen, die sie in Experimenten testen. Wenn es trotz unendlich vieler Versuche nicht gelingt, eine Theorie, wie Einsteins Gravitationstheorie, zu widerlegen, ist die Wahrscheinlichkeit ihrer Richtigkeit hoch.
Jeder der wissenschaftlichen Apparate, der für uns nicht wahrnehmbare Wellen-Knoten dokumentiert, um sie anschließend für die Journalseiten farbig zu drucken, stört die Beobachtung dessen, was sie betrachteten. Zudem verbieten die merkwürdigen Gesetze der Quantentheorie, Ort und Impuls einer Teilchen-Welle gleichzeitig zu messen.
Folglich schließen wir auf Teilchen oder Felder oder astronomische Riesengebilde, weil ihre Dynamik Spuren erzeugt, die von uns postulierte Gebilde erklären. Daher sprechen Stephen Hawking und Leonard Mlodinow vom Modellabhängigen Realismus, der die Grundlage unserer Naturbetrachtung bilde.
In diesem Universum können wir also mit einem stabilen Rahmen der Möglichkeiten rechnen, den wir zu akzeptieren haben. Deshalb hätte Leonardo da Vinci, wenn er eine Physikvorlesung gehört hätte, darauf verzichtet, sich ein Perpetuum mobile auszudenken, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht.
Die Perfektion physikalischer und biologischer Theorien hilft uns, immer präzisere Vorhersagen zu zukünftigen Ereignissen zu machen. Manche verkümmern, kurz nachdem sie entstanden sind, während andere zu wachsen beginnen, erblühen und gedeihen, und schließlich kränkeln und sterben. Verlangt die Praxis nach neuen Theorien, zerfallen die alten.

Allgemein scheint akzeptiert zu sein, dass Raum, Zeit, Sein und Nichts eine Einheit bilden, die sich ohne Unterlass wandelt. Alles, was darin wird, entsteht aus eigendynamischen Systemen und (elektromagnetischen, Gravitations- oder Informations-) Feldern, die mit allem wechselwirken.
Das Universum schwinge gleichförmig wie eine Glocke und sei „erstaunlich einfach und vorhersagbar“ (Turok 2016). Das Gleiche hatte schon vor 2500 Jahren Pythagoras von Samos vermutet (Sphärenmusik). Und doch wissen wir nicht, wie alles zusammenwirkt und interagiert. (Turok 2024)
Nicht nur das Lebende, sondern auch das scheinbar Unbelebte ist einer ständigen Evolution unterworfen. (Ganteföhr 2026).
Energie und Information durchdringen und verändern sich in Systemen, wobei die Natur sich nicht festlegt, sondern sich nach Wahrscheinlichkeiten unvorhersehbar entwickeln kann.
Wir Menschen sind nur eines dieser zahllosen, entstehenden und vergehenden Systeme, die von allem anderen umgeben und durchflossen werden, wie ein Fisch vom Wasser des Ozeans.
Allerdings sind wir vernunftbegabt und können, das, was geschieht, nicht nur erleben, sondern auch reflektieren.
Quanten-Theologie
Jede neue Erkenntnis zeigt uns die Unendlichkeit unseres Unwissens. Trotz der immer wieder geweckten Sehnsucht nach einer Weltformel, an die wir glauben sollen. Die uns dann (bald) alles erklären werde. Natürlich unterstützt durch KI- und Quantencomputer. Mit ihrer Hilfe gelänge es uns, das „Chaos“ der dynamisch lebenden Realität, in etwas „Kompliziertes“ zu verwandeln. Also in etwas Beherrschbares und Verfügbares. Ähnlich wie in den Geschichten, die Priester der Bronzezeit von „Thors Hammer“ erzählten, als sie „Blitz und Donner“ zu erklären versuchten.
Religiöse „Wahrheiten“ beruhigen, weil sie Sicherheit vermitteln. Wir haben schwarze Löcher oder Quarks, aber weder gesehen noch vermessen. Aber wir glauben nur daran, weil uns Wissenschaftler:innen, denen wir vertrauen, davon seltsame Geschichten erzählen.
Einer von ihnen, der CERN-Physiker Tonelli, ein Mit-Entdecker des Higgs-Bosons belegt mit vielen Daten, dass Materie eine Illusion sei (Guido Tonelli 2024). Das hatte schon vor 2400 Jahren der chinesische Philosoph Zhuangzi behauptet: Zuerst habe es ‚Wuji‘ gegeben, ein Nichts, das Tonelli heute Vakuum nennt. Daraus sei ’Taiji‘ entstanden, der Dualismus, für den Tonelli den Begriff Quantenfluktuation nutzt. Daraus sei alles uns Bekannte entstanden. Das, was Tonelli Energie nennt, und was uns in seiner Sonderform im Alltag auch als Materie, erscheine, benannte Zhuangzi als nicht mit Begriffen ausdrückbar.
Doch Tonelli beendet sein Buch mit einer in sich geschlossenen Hypothese: Für alle noch offenen Fragen, die die Quantenphysik aufgeworfen habe, gelte: „Sicher ist, dass sich die meisten mit neuen experimentellen Daten beantworten lassen.“ An einem Teilchenbeschleuniger oder im Astrophysiklabor werde eine Forschergruppe sicher bald viele Daten auswerten und dabei „auf überraschende Ergebnisse“ stoßen, „die unsere Fragen beantworten“.
Damit kippt „seine“ Quantenphysik ins Religiöse. Er definiert auch gleich eine Kirche und eine Priesterkaste. Die klügsten Quantentheologen würden uns schon bald (in der CERN-Kathedrale) die volle Wahrheit verkünden.
Genau diesen Trend befürchtete Hawking in einem seiner letzten Interviews: Man werde das Higgs-Boson bald nachweisen. Was Tonelli u. a. auch gelang. Man glaube dann, so Hawking, dass das Standardmodell „ohne jeden Zweifel“ bewiesen sei. Das aber sei gefährlich, denn es könne den Kipppunkt von kritischer Wissenschaft zur Quantentheologie bedeuten.
Wenn Hohepriester einer Theologie die Macht erlangen und unanzweifelbare Wahrheiten verkünden, wird es gefährlich. Noch schlimmer ist es, wenn perfide, korrupte Machteliten sich käuflicher Priester bedienen. Aus den Fiaskos dieser Art könnte man lernen.
Einen anderen Bezug zur Religion entwickelt der Physiker Ganteföhr (2026). Er vermutet, „Wirklichkeit und Information“ seien dasselbe.
Ganz ähnlich schrieb der jüdische Philosoph Baruch de Spinoza im 17. Jh.: „Gott ist das absolut unendliche Sein, alles, was ist, in sich oder in einem anderen. Gott sei die Substanz, die Natur. Diese Substanz muss ewig sein, einfach, unteilbar, vollkommen. Sie muss sich selbst erschaffen haben und ist weder schön noch hässlich, weder geordnet noch verwirrt.“
Ganteföhr versucht aber, die Physik nicht mit dem reinen Monotheismus, sondern mit dem Christentum zu versöhnen, einer Mischreligion mit vielen Wurzeln.
Wenn in der Wissenschaft quasi-religiöse Antworten in den Vordergrund rücken, dienen Fragen nur noch einem besseren Verständnis der Lehrmeinung oder einer Aufforderung, den im immer gleichen Spielsaal bekannter Theorien weiter auszuschmücken.
Darin sieht der Psychiater Ian McGilchrist die psychologische Ursache unseres Unglücks. In allen gesellschaftlichen Bereichen wird die Produktion toter Datenhaufen (die aus 0 und 1 bestehen) dem kreativen Weitblick auf lebende, dynamische Systeme untergeordnet.
Die von ihm skizzierte Krise unserer Kultur zeigt sich besonders jammervoll in der Medizin (John Ioannides) und noch schlimmer in Wirtschaft, Krieg und Politik.
Quanten-Philosophie
Andere Physiker wie Anton Zeilinger (2024 2003) bleiben beim Fragen, weil „die Welt alles (ist), was der Fall ist und (zugleich alles), was der Fall sein kann“. Je mehr man erkenne, desto mehr Unkenntnis könne man erahnen, was die Neugier antreibe.
Einer seiner Mitarbeiter (Mario Krenn) entdeckte z. B., dass mithilfe von KI eine Verschränkung, die spukhafteste Erscheinung der Quantenphysik, auch bei Teilchenpaaren erzeugt werden konnte, die sich nie an dem gleichen Ort befanden. Eine Antwort darauf hatte er nicht, aber eine interessante Frage: „Wie sollen wir uns in einer Welt zurechtfinden, in der wir die Ergebnisse von KI-Modellen nicht mehr nachvollziehen können?“ (SpdW 8/2026)
Die (quantenphysikalische) Vorstellung, dass alles getrennt Wahrgenommene sich wieder auflöse, ist uns im narzisstisch-individualistisch-kapitalistisch-modernen Europa fremd. Noch beunruhigender ist das Bild, dass es den Tod nicht gäbe, weil ohnehin alles in allem sei und sein wird.

„You may say I’m a dreamer. But I’m not the only one“ John Lennon: Imagine
Daher machen Verängstigte Bilder ihrer Selbst, die sie anderen zeigen: „Ich werde gesehen: Also bin ich!“ oder „Ich bin die Vorstellung, die ich mir von mir mache!“. Oder sie betrachten die Welt, die Erde, die Maschine, die Natur, die Physik als etwas, das uns nur umgibt, und daher manipuliert werden kann. Und glauben dabei, so zu bleiben, wie sie sind, oder nach dem Tod an einem anderen, ausgedachten Ort sein zu wollen.
„Die Quanten-Ära lehrt uns (aber), dass wir als Akteur im Zentrum eines mitgestalteten Informationssystems stehen. … wir hören auf, die Welt als Gegenstand zu betrachten, den man reparieren oder ausbeuten muss, und fangen an, sie als Zustand zu begreifen, den wir durch unsere Wahrnehmung mitbestimmen. Diese neue Freiheit verlangt eine neue Ethik.“ (Wolfgang Saile 2026)
Eine wissenschaftlich gegründete Philosophie kann den Schatz physikalischer Erkenntnis zu Systemen, Wechselwirkungen, Zusammenhängen und Beziehungen annehmen. Und weiterfragen. Weil Philosophie (anders als Neo-Religion) nicht behauptet, zu wissen, wie das Unbekannte „wirklich ist“.
Die Aufgabe wissenschaftsgegründeter Philosophie ist vielmehr: „alles zu tun, um unsere schönsten Hypothesen zu widerlegen“. (Reinhard Genzel, Physiker, Spiegel 16/2019).
Es reicht aber nicht aus, immer besser zu wissen, wie die Realität beschaffen sein könnte.
Wissen ist kein Selbstzweck, sondern dient dem Tun.
„Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert,
es kömmt (aber) drauf an, sie zu verändern.“
Karl Marx (1845).
Aus der alten und neu entdeckten Erkenntnis, dass Menschen untrennbare Aspekte eines Beziehungsnetzwerkes sind, bieten sich vielleicht Möglichkeiten, wie Menschen die Evolution des Geschehens als vernunftbegabte Teile eines Netzwerkes beeinflussen können (Latour: Actor-Network-Theory 2024).
Daraus könnten sich Handlungsmöglichkeiten ergeben:
Konvivialität (zusammen – leben)
Konvivialität beschreibt die Qualität einer Interaktion, Beziehung, Wechselwirkung in einem verbindenden System des Miteinanders. Entscheidend sind Einstellung und Haltung zu den Zusammenhängen und Systembeziehungen.
Der Begriff wurde vor etwa fünfzig Jahren von dem Bremer Soziologen Ivan Illich vorgeschlagen. Er verstand darunter die Verfolgung einer Vision der Gestaltung ethisch orientierter Wertesysteme, die Personen und Institutionen übergeordnet sind. Also das, was heute Politik und Wirtschaft fehlt.
Soziale Beziehungen sollten Vorrang haben vor materieller Gewinn- oder Konsumorientierung. Die persönliche Entfaltung im Austausch mit anderen sollte gestärkt werden.
Seit 2020 wird der Begriff in der Umweltbewegung wieder aufgegriffen. Gefordert wird eine radikale Wende menschlichen Verhaltens. Das Ziel dabei ist, Biosphäre, Technik und Menschen in der Evolution doch noch zu versöhnen. Dazu muss zwangsläufig die Systemfrage gestellt werden: Wie können wir damit aufhören (mit Zerstörungswahn, Krieg und unbegrenztem Wachstum), unser Beziehungsnetzwerk zu zerstören?
Der Begriff Konvivialität ist sperrig. Das damit Gemeinte ist (naturwissenschaftlicher Erkenntnis folgend) sehr einfach:
- Es ist sinnvoll, das Wesentliche zu erkennen,
- ein Übel bei der Wurzel (radix) zu packen,
- und damit aufzuhören, Symptome zu behandeln.
Literatur zu Konvivialität (Zusammen Leben)
- Für eine postliberale Welt (2020) https://www.transcript-verlag.de/search?sSearch=Konvivialistisches+Manifest
- Konvivialismus oder Barbarei (2026) https://www.transcript-verlag.de/search?sSearch=Konvivialistisches+Manifest:
- Bram Büscher, Robert Fletscher: “Radical ideas for saving nature beyond the Anthropocene.“
www.medizinisches-coaching.net/wp-content/uploads/2025/11/The_Conservation_Revolution_Radical_Idea.pdf – Video 2021: www.youtube.com/watch?v=ZKxbWkEyqAg – Video 2024: www.youtube.com/watch?v=2cIc8IOcCeA&cbrd=1 - Bruno Fuchs (Uni. Heidelberg): https://www.uni-heidelberg.de/de/veranstaltungen/conviviality-our-primary-connectedness-to-living-beings-2025-10-07
- Bruno Latour (Frankreich, Actor Network Theory): https://www.bruno-latour.fr/sites/default/files/P-67%20ACTOR-NETWORK.pdf – Ökologische Klasse (Buch in Deutsch): https://www.suhrkamp.de/buch/zur-entstehung-einer-oekologischen-klasse-t-9783518029794?gad_source=1&gad_campaignid=20199555726, Video https://www.youtube.com/watch?v=DQXwPzo_2FQ und https://www.youtube.com/watch?v=LmrdwU1fYrc
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- Begriffe klären –
- Alles und Nichts
- Verwendete Literatur: beim Verfasser
Kommentar
Lieber Helmut, Capra habe ich auch vor 50 Jahren gelesen, „Das neue Denken“ habe ich neulich im Bücherregal wiederentdeckt. Das Buch von Warnke wurde mir vor ein paar Wochen ebenfalls von jemandem empfohlen, ich habe es aber noch nicht gelesen.
Zum Thema Konvivalität: Sicher ein richtiger Ansatz, aber die quantenneurologischen Aspekte zu Ende gedacht bedeutet ja ohnehin, dass wir gar nicht anders können, als Realität zu formen bzw. zu beeinflussen. Wir sind convivae, ob wir wollen oder nicht.
Bei den meisten läuft dieser Prozess aber nicht bewusst ab und sie sind dadurch Opfer egregorialer Manipulation. Ändert man dies, wird man automatisch zum Täter, mit allen positiven wie negativen Konsequenzen, man schafft eigene Egregoren, die irgendwann eine Eigendynamik entwickeln, im Kleinen wie im Großen. Auch die Entscheidung, sich bewusst aus dem Spiel nehmen zu wollen, ändert das Spiel, im schlimmsten Fall dadurch, dass man denen das Feld überlässt, die finsterere Spielziele haben. Wie hat Goethe das seinen Mephistopheles so treffend formulieren lassen: „Ich bin ein Teil der Kraft, die stets das Böse will, doch stets das Gute schafft.“
Im Spiel der globalen Geopolitik gibt es nicht nur die drei Positionen: Entweder sitzt man am Tisch, gehört zum Personal oder liegt auf dem Teller – die vierte Position ist der Tisch selbst.
Wenn es gelingt, den zu Sägespänen verrotten zu lassen, fällt er auseinander und das Spiel wird für alle uninteressant. Diesen Weg haben Mahatma Gandhi und Martin Luther King beschritten. Sie zerfielen dann konsequenterweise zwar auch selbst, haben aber das jeweilige Spiel effektiv zerstört.
Natürlich suchen sich die Speisenden dann einen neuen Tisch, finden auch immer wieder neues Personal und Beute für die Teller, aber es gibt immer wieder auch neue Tische zu schaffen oder zu zerstören. Welche Rolle wir persönlich, im jeweiligen aktuellen Leben oder durch die Zeiten (wenn man das Konzept der Reinkarnation für relevant erachtet) übernehmen, ist Gegenstand unserer freien Wahl. Auch die Entscheidung, nicht wählen zu wollen, ist eine freie Wahl und ordnet uns unweigerlich einer dieser vier Gruppen zu.
Deshalb gilt, wie Viktor Heidinger es in seinen Seminaren so treffend formuliert: „Denke, bevor Du denkst!“
Als fünftes Element dieses Spiels sei der Vollständigkeit halber noch das Raum-Zeit-Kontinuum erwähnt, in dem sich Tisch und Spieler befinden. Aber das entzieht sich wohl menschlicher Einflussnahme, das ist der Raum zwischen dem Graphen der Hyperbel und der Abszisse bzw. Ordinate, in dem ich göttliches Wirken verorte und wo nur noch der Glaube hilft, wenn man ihn hat. Oder, wie es Zeilinger formuliert: „Vielleicht manifestiert sich Gott im Zufall.“
Das Gebet und die Meditation schaffen zumindest eine Option, hier einen Einblick zu gewinnen, was im christlich-jüdischen (Hiobs Gottesschau) wie im hinduistischen (Arjunas Vision der wahren Natur seines Wagenlenkers Krishna in der Bhagavad Gita) Kontext aber am Ende das menschliche Fassungsvermögen übersteigt.
R.