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17. September 2021

Corona-Missverständnisse

Inhalt

  • Nur ein Virus
  • Verstehen und Missverstehen
  • Syndemie statt Pandemie

Verwirre sie!
Confuse them, if you can’t convice them!
Murphy’s Law

SARS-CoV-2 ist nur ein Virus.

Ein winziges Detail. Eine Kristallstruktur, die eine (seit 100 Jahren folge-reichste) Pandemie ausgelöst hat. Bei der Bewertung der Folgen stehen messbare Einzelaspekte im Vordergrund. Denn alles zurzeit Unwichtige muss beiseite geschoben werden, um die eindeutig richtigen aus dem Heuhaufen der falschen Antworten heraus zu fischen.

Es wäre auch möglich, den Blick zu weiten. Und die zahllosen Wechselwirkungen und alle Facetten der Dynamiken wahrzunehmen, die uns gerade mitreißen und durchdringen. Möglicherweise würden wir dann manchmal sprachlos innehalten. Angesichts von völlig Unbekanntem. Wenn alle bisherigen Antworten an Bedeutung verlieren. Wir würden unser Nicht-Wissen annehmen. Und Fragen stellen, die zu weiteren Fragen führen.

Etwa wie ein Experte für Tannenzapfen verstummt, wenn er erblickt, wie in das Gebirgstal drängende Gewitterwolken die abendlichen Strahlen, Farben und Schatten durcheinanderwirbeln.

Gerd Trostmann: Farben

Richtig, falsch oder imaginär?

Es ist einfach die Sichtweisen anderer (je nach eigenem geglaubten „Wissen“) als eine Antwort in Kästchen mit der Aufschrift „falsch“ oder „richtig“ einsortieren. Das beruhigt und erspart weitere Denkarbeit. Mühevoller wäre es zu lesen, zu hören oder zu sehen uns, und selber weiter zu denken?

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) Prof. Mertens behauptet (laut dpa am 15.09.2021): „Die Gleichzeitige Gabe von Impfungen ist unbedenklich.“ Was meint er mit dem Wort „unbedenklich“: lieber nicht denken? Wurde die Basis ärztliche Ethik (Vorsorgeprinzip: „Im Zweifel nicht schaden“ inzwischen umgekehrt (in ein Unbedenklichkeitsprinzip)?

Der Psychologe Rainer Mausfeld glaubt „Gesundheit“ sei nur ein Vorwand (Juni 2021). Tatsächlich instrumentalisierten die Eliten die Corona-Krise für Massen-Manipulation und mehr Kontrolle. Außer Widerspruch oder Zustimmung: Was sagen die eigenen Erfahrungen?

Der Epidemiologe John Ioannides urteilt. die „medizinischen Wissenschaft“ würde erodieren und Normen der Wissenschaft veränderten sich drastisch (DeutschOriginal Sept. 2021). Aber was ist eigentlich „medizinische Wissenschaft“? Im Vergleich zu Naturwissenschaften wie System-Biologie oder Quantenphysik? War Medizin nicht ohnehin immer viel mehr: Kunst, Glaube, Schamanismus, Geschäft und (nur zu einem Teil auch) Eminenz-basiertes-basierter Lehr-Kult? Wäre es nicht überfällig Mediziner:innen (die zwangsläufig mit dem Medizin-Geschäft verwoben sind) durch Lebensphilosoph:innen zu ersetzen. Die beraten, wie man das Medizinsystem möglichst selten aufsuchen muss – durch geeignetes Verhalten oder die Schaffung geeigneter Verhältnisse? Oder durch Naturwissenschaftler:innen, die in der Lage wären lebende System-Zusammenhänge und Dynamiken zu verstehen? (Im Gegensatz zum monokausal-Ursache-Wirkungs-Mechanik, die Medizin-Ideologie seit dem 19. Jahrhundert bis heute bestimmt.

Im Folgenden plädiere ich dafür, uns nicht durch die Dynamik politisch-ökonomisch-gesellschaftlichen Geschehens in die Einzelfaktor-Diskussionen aufzwingen zu lassen. Sondern uns auch Zeit zu nehmen, um (unwissend und neugierig) zurückzutreten, Ruhe zu finden, am Problen dranzubleben aber auch alles (!) wahrzunehmen, so wie es eben ist, inklusive des unendlich vielen, was völlig unbekannt bleibt (und doch da ist). Dann kann man (am besten in Gesprächen) vielleicht Möglichkeiten erkennen, die sich bieten und versuchen den Raum der Möglichkeiten zu erweitern.

Verstehen und Missverstehen

Es beruhigt, etwas zu verstehen.

Zum Beispiel, wenn ein plötzliches Gerumpel im Keller sicher von der Katze verursacht wurde. Und nicht von einem Einbrecher. Das Unerwartete hat sich dann sinnvoll zu den eigenen Erfahrungen gefügt.

Strömt zu viel Information ein, nimmt die Verwirrung zu. Z.B. wenn aus dem Keller merkwürdige Geräusche dringen, die eigentlich nicht von einer Katze stammen können. Dann sehnt man sich nach einer Erklärung, also nach weniger Information, oder noch besser: nach Exformation. Nach einem Aussondern unnötigen Datenmülls, der abstruse Ängste auslösen kann.

Wenn man nichts verstehen kann, muss man an etwas glauben. An die Vorstellungen und Wahrheiten derjenigen, die es besser wissen sollten. Weil sie erfahren sind und nachgeschaut haben. Wenn man so anderen vertraut, kann man hoffen, dass es besser wird, wenn man tut, was man soll.

Wer glaubt, muss nicht selber denken.

Das wäre bei großer Verunsicherung ohnehin schwierig.

Lieber lässt man sich dann führen. Im Marketing, in der Politik und in der Medizin wird daher manchmal Angst ausgelöst, um sie anschließend durch Produkte oder Dienstleistungen wieder zu nehmen. Am besten wirkt diese Taktik, wenn immer neue, unklare Verunsicherungen eingestreut werden: Kaum glaubt man dann eine Gruppe von Terroristen besiegt zu haben, tauchen ganz unerwartet wieder andere auf. Ein Meister dieser Kunst war der Regisseur Alfred Hitchkock: Es seien nicht die realen Ereignisse die schreckten, sondern vielmehr Ausgestaltung der Vorstellungen, dass sie eintreten könnten.

Wer etwas verstehen will, braucht Mut.

Denn ganz offensichtlich hat jemand, der etwas verstehen will, jetzt gerade noch nichts durchschaut. Diese Unsicherheit muss zuerst angenommen werden. Am besten, indem man bei einem Problem stehenbleibt, und es nicht sofort (aus Angst) beseitigen will. Nachdem sich das Angstgefühl gelöst hat, kann man erste neugierige Fragen stellen. Und so herauszufinden, ob eine vorschnell gefasste Überzeugung, vielleicht auf einem Missverständnis beruht.

„Dem erkenntnisorientierten Nachrichtenkonsumenten bleibt derweil weiter nur, sämtliche Realitätskanäle offen zu halten, sich aus möglichst verschiedenen Quellen zu informieren und seine Skepsis gegenüber allen Arten von Glaubenssystemen zu kultivieren.“ Milosz Matuschek 22.06.2021

Corona ist unsere größte Bedrohung.

Wirklich?

Seit 2002 erlebt die Menschheit die folgenschwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Ausgelöst wurde sie durch mindestens vier Pandemien, die (immer noch) gleichzeitig ablaufen:

  • die weltweite Verbreitung eines biologischen Phänomens („Virus-Pandemie“),
  • eine überlappende „Fall-Pandemie“ (Meldungen schwerer Krankheits- oder Sterbefälle + positiver Test),
  • eine „Test-Pandemie“ (Zahl positiver Tests bei Gesunden, die ggf. lange zurückliegend infiziert waren),
  • und schließlich eine „Pandemie von Angststörungen“.

Manche Folgen dieser Pandemiewellen nehmen mit sinkenden Infektionszahlen wieder ab, wie „Long-Covid“ zum Beispiel.

Andere Schäden („Long-Lock-down“) nehmen (unabhängig von Infektionszahlen) stetig zu. Das gilt besonders für die Störungen bei Kindern, Jugendlichen, aber auch bei psychisch und körperlich kranken und alten Menschen. Und wie bei allen Kriegen steigen die Kosten für die Produktion und Entsorgung von Waffen, Ausrüstung und Munition in schwindelerregende Höhen.

Die „Corona-Krise“ ist fraglos gewaltig.

Aber ist sie die zurzeit vorrangige Menschheitskatastrophe?

Ich halte das für einen Trugschluss. Ein Missverständnis, wie es in der Medizin häufig beobachtet wird, wenn die Krankheitszeichen für die Ursachen gehalten werden.

Die Ökosysteme, in denen wir (im Äußeren) leben, und die uns (im Inneren) ausmachen, verarmen: Sie verlieren an Vielgestaltigkeit. Weil immer mehr Lebewesen, um uns herum und in uns, aussterben. Weil ihr Lebensraum vergiftet wird. Damit verlieren die Lebensgemeinschaften an Flexibilität um Belastungen aufzunehmen, ohne zu erkranken. Das Zusammenspiel der Lebensformen auf der Erde wird insgesamt instabiler und anfälliger für Störungen.

Ursachen dafür sind das ungezügelte Wachstum der menschlichen Bevölkerung mit den Auswirkungen profitorientierter Massenproduktion. Wir leben im „Erdzeitalter des Menschen“ (Anthropozän), das geprägt wird durch die Verdreckung aller Lebensräume der Biosphäre: Meere, Böden, Süßwasser, Luft. So als würde ein Lebewesen von einem Krankheitserreger befallen, der entweder mit seinem Wirt zugrunde geht oder sich anpasst.

Jetzt kommt das ganz große neue Wachstum des modernen Kapitalismus:
mit Supermann-Wunder-Drogen, Digital-Medikalisierung, neuen Autos mit Elektroantrieb, Windmühlen, Solarzellen, uva. Wow! Immer weiter bis die Blase platzt … Vielleicht erst im nächsten Jahrhundert?

Die Dynamik der Umweltkatastrophe ist seit 50 Jahren bekannt.

1992 wurde sie von allen Regierungen als handlungsleitend anerkannt (UN-Konferenz). Völlig wirkungslos, denn das wirtschaftliche Wachstum nahm danach erst richtig an Fahrt auf. Die Lösung der Umweltkrise hätte aber nur weniger Wachstum bedeuten können.

Weil das aber mit unserem Wirtschaftssystem nicht vereinbar wäre, wurde die Umwelt-Katastrophe (der ganzen Biosphäre) in einen Teilaspekt „Klima-Katastrophe“ umbenannt. Nicht nur deshalb, weil die Erhitzung der Atmosphäre durch Abgase bedeutender ist als andere Bereiche der Umwelt-Verdreckung. Sondern weil viele glauben, man könne hier etwas durch ein „anderes“, „grünes“ oder gar „nachhaltiges“ Wachstum bekämpfen: durch immer mehr innovative Produkte, Windmühlen, Solarzellen, Batterien, Stromtrassen und ggf. auch wieder mehr Atomenergie.

Aber selbst, wenn es einem kapitalistischen „Reset“, hin zu einer „klimafreundlichen“ Wirtschaft, gelänge den Klimawandel etwas abzubremsen: Dann liefen die menschlichen Gesellschaften mit den vielfältigen Biosphären-Störungen doch früher oder später auf ein evolutionäres Ende zu.

Auch die (neben der ökologischen Katastrophe) kleineren Krisen des globalen Wirtschaftssystems entwickeln sich dynamisch und beunruhigend:

  • Zerfall der globalisierten Arbeitsteilung
  • Ende der unilateralen Weltherrschaft
  • Überblähung der Finanzsysteme, durch immer gewaltigeres Aufpumpen
  • Begrenzung der Ressourcen des kapitalistischen Wachstums
  • Zerstörung vieler Länder durch Stellvertreterkriege um Einflusszonen und Rohstoffe
  • Konzentration des Reichtums bei immer weniger Personen
  • Verarmung des größten Teils der Menschheit uva.

Angesichts dieser grundlegenden, menschheitsgeschichtlich bedeutenden Krisen erscheint mir die Covid-19-Pandemie, trotz allem, relativ bescheiden zu sein. Warum verdrängte sie trotzdem alle anderen Krankheitszeichen menschlicher Gesellschaften in den Hintergrund des kollektiven Bewusstseins?

Warum wurde die Illusion von „Gesundheit“ (als „Abwesenheit von Corona“) als „der“ gesellschaftliche Wert so stark überhöht? Obwohl auch den Verkäufern der „Gesundheits“-Produkte bekannt ist, dass „Gesundheit“ nichts ist, was man mit großen Anstrengungen als bleibenden Zustand erringen oder besitzen könnte.

Wäre es nicht sinnvoller, Leben (als „gedeihliches Zusammenwirken von Ökosystemen“) zu fördern, zu pflegen, zu bewahren und gedeihlich zu entwickeln? Z.B. durch gesundheitsfördernde Verhältnisse, die das Leben auf dem Planeten weniger störten.  

Uns droht der Tod!

Droht nicht vielmehr der Verlust von Sinn? Und: Was ist eigentlich tot?

Die Verhinderung des Todes ist zum höchsten gesellschaftlichen Wert aufgestiegen. Aber die Physik beschreibt nur Lebendes: Verwobene Prozesse, die sich aktiv, energie-verbrauchend entwickeln, und die Informationen erzeugen.

Naturwissenschaftlich betrachtet erzeugen lebende Systeme aus Chaos Ordnung. Sie wandeln sich, wechselwirken und erschaffen sich immer wieder neu. Bis sie zerfallen und dabei die Grundlage bilden für neues Leben. Nichts im Universum „ist“ statisch. Denn alles, in dem wir leben und was und durchdringt: „wird“, es wächst in eine Zukunft.

Die Todes-Illusion wurde erst vor 10.000 Jahren in Sklavenhalter-Gesellschaften erfunden. Vorher gab es keinen Anfang und kein Ende. Nur einen ewigen lebenden Kreislauf von Werden und Vergehen. Die Vorstellung, der Tod nähme das Leben, setzte sich schließlich durch, weil sie nützlich ist. Denn zu Tode erschreckte Menschen tun eher das, was sie sollen.

Sich an das „nackte Leben“ zu klammern, ist ein Krankheitssymptom. Ein Zeichen für quälende Vorstellungen von Leere, wenn der Lebens-Sinn verloren gegangen ist. Wer so leiden kann, ist nicht tot.

Leiden ist eine Lebensäußerung. Ein Hinweis, das noch Energie fließt. Leben, das als veränderliche Form und Werden angenommen werden kann, selbst dann, wenn es sich langsamer gestaltet und versiegt. Etwas zu akzeptieren, wie es eben geschieht, gelingt leichter, wenn sinnvolle Beziehungen gespürt werden. Zusammenhänge, die wichtiger erscheinen als der Erhalt erlernter „Ich-Konstruktion“ des Gehirns. Sterbe-Prozesse können ruhig und gelassen fließen. Todesangst ist leidvoll, aber sie (in Beziehungen und Begleitung) durchaus gewandelt werden: in Ruhe und Neugier.

Es ist deshalb oft nicht sehr wirksam, alle Energie darauf zu verwenden, „die Todes-Illusion“ bekämpfen zu wollen. Statt sich auf das Leben zu konzentrieren und dafür sorgen, dass es gefördert, und dass es nicht beengt oder blockiert wird.

Das Immunsystem muss gestärkt werden!

Ist das so?

Das Missverständnis, man müsse das Immunsystem stärken, wurde von der Medizin-Industrie erfunden. Denn die Vorstellung, man müsse für die Gesundheit Kriege gegen äußere Feinde führen, nützt hauptsächlich den Waffenherstellern und den Generälen.

Tatsächlich ist das Immunfunktion, schon bei der Geburt, das stärkste System des Körpers. Keine andere Gruppe von Zellen wäre in der Lage, den Rest des Organismus in einem kollektiven Selbstmord umzubringen. Babys wären nach der Geburt hoch gefährdet, wenn ihr Immunsystem alles angreifen würde, was ihm fremd erscheint. Stattdessen muss das angeborene, aggressive Immunsystem im Rahmen der Bindung zur Mutter beruhigt werden (Bonding).

So entwickelt sich allmählich eine übergeordnete (erlernte) Immunfunktion, die ruhig und besonnen mit den freundlichen Keimen kommuniziert, rüpelhafte Tischgenossen in Schranken hält und bösartige Angreifer gezielt und konsequent abräumt.

Manchmal werden die natürlichen Bremsen des Immunsystems durch Viren oder Allergene gelöst. Dann kann, im Zusammenwirken mit anderen Störungen, ggf. ein schweres Krankheitsbild entstehen: Eine Über-Aktivierung der Immunfunktion (so wie es bei Covid-19-Infektionen der Fall sein kann).

Wollte man „das Immunsystem stärken“, könnte das leicht zu Überreaktionen führen. An Autoimmunstörungen leiden aber ohnehin immer mehr moderne Menschen. Deshalb ist es bei nahezu allen Krankheiten meist sinnvoller, die betroffenen Patient:innen und deren Immunfunktion zu beruhigen. Und sie nicht in Angst und Schrecken zu versetzen. Gerade dann nicht, wenn Belastungen auftreten.

Denn Krankheit entsteht nicht unbedingt, wenn die äußeren Einflüsse und Gefahren zunehmen. Sondern eher dann, wenn

  • die Flexibilität der Zellen nachlässt,
  • die Zahl der menschentypischen Viren und Bakterien,
  • und die Vielfalt der Reaktionsmöglichkeiten abnimmt: durch zu viel Chemie oder Stress oder zu wenig Bewegung.

Nur die Daten sagen, wie es ist.

Wer sagt das?

Das Gehirn (und unsere Sicht auf die Welt) ist geteilt: Wir können (bewusst, klar und rational) einzelne Daten wahrnehmen oder Wechselwirkungen, Beziehungen und Zusammenhänge. Am besten abwechselnd. Bild: aus dem Comic-Vortrags-Video „Das geteilte Gehirn“ des Psychiaters Ian McGilchrist. Mehr, aktueller und ausführlicher: https://thedividedbrain.com/https://channelmcgilchrist.com/about/

Daten können für Klarheit sorgen. Nichts ist wirksamer als saubere Datenanalysen, um Propaganda zu entlarven. Weil aber Messungen an Einzelfaktoren erfolgen, müssen die dabei gewonnenen Daten eingebettet werden in einen übergeordneten Zusammenhang. Deshalb stehen vor allen wissenschaftlichen Experimenten intelligente Fragen.

Mathematiker, die versuchen, Aspekte der Realität komplexer Systeme zu beschreiben, verstehen, dass sie sich der Realität lebender System nur annähern (nassimtaleb.org, buzsakilab.com). Folglich muss die Frage nicht (nur) lauten

  • „Was sagen uns die Daten?“,
  • sondern: „Was weiß ich nicht? Was macht mich neugierig? Und wo versagt mein bisheriges Erklärungsmodell?“

Karl Popper schrieb, die ersten Wissenschaftler seien zu klug gewesen, um eine Wahrheit zu erkennen. Sie waren „an der Frage“ (am unbekannten Nicht-Wissen) interessiert, und nicht so sehr an einer (immer nur vorläufigen) Antwort. Fast ohne Daten fanden sie Bahnbrechendes heraus, weil sie einfach das Geglaube an die vorherrschenden Modelle effektiv aussortierten und das betrachteten, was sie nicht verstanden. (Carlo Rovelli 2020).

Daten sind wie Noten.

Sie helfen dabei, Musik besser zu verstehen, und sie genauer zu erzeugen. Der Klang der Musik ist hochkomplex, und wesentlich mehr als die Summe der Noten. Ohne Beziehung mit denen, die sie wahrnehmen, gäbe es keine Musik. Klingen und Lauschen bedingen sich gegenseitig.

Die Klarheit kritischer, von Interessen unbeeinflusster Datenanalysen macht also viel Sinn, wenn ein Gesamtkontext betrachtet und verstanden wird. Medizin und Politik brauchen dringend Schnellkurse in System-Biologie und Quantenphysik. Tatsächlich scheinen wir geistig wieder in das Geglaube des Mittelalters abzugleiten.

Weitere Missverständnisse

Ein Virus tut etwas: Es macht krank.

Mögliche andere Sicht:

Es sind Körperzellen, die etwas tun, indem sie unwirksam, passgenau oder überschießend reagieren.

Ständig entstehen neue Virus-Mutationen.

Mögliche andere Sicht:

In Viren-Gemischen sind unzählige Variationen vorhanden. Es verbreitet sich immer das, was sich gerade man besten vermehren kann. Z.B. weil die vorhandenen Antikörper (nach Infektion oder Impfung) un-wirksam sind.

Wissenschaft hat die besten Antworten.

Mögliche andere Sicht:

Wissenschaft stellt die klügsten Fragen.

Krankheit entsteht, wenn Zahl & Bösartigkeit der Angreifer zu groß wird.

Mögliche andere Sicht:

Krankheit entsteht, wenn das Gleichgewicht zwischen natürlichen, menschlichen und fremden Viren, Bakterien und Zellen gestört ist.

Krankheit muss bekämpft werden.

Mögliche andere Sicht:

Kranke müssen versorgt und beruhigt werden.

Mehr

Syndemie statt Pandemie

Der Lancet-Editor Richard Horton (s.u.) schrieb im September 2020, dass es sich bei der weltweiten Verbreitung des Virus SARS-CoV-2 nicht um eine gewöhnliche Pandemie handele: Man dürfe nicht nur „ein Virus“ betrachten, sondern müsse auch die beteiligten komplexen Zusammenhänge verstehen. Statt von einer Pandemie, sollte man besser von einer Syndemie sprechen. Also von einem hochkomplexen Systemzusammenhang. Ganz ähnlich, wie angesichts der Ebola-Epidemien in Afrika:

Victor Barbiero: Its not Ebola … its the systems, GHSP (Ed) 2014

Der spanische Philosoph Santiago Alba Rico ging im Februar 2021 einen Schritt weiter (s.u.). Er hielt die Covid-19-Infektion und ihre Folgen eher für eine Symptom für eine grundlegendere Krankheit: den „pandemischen Kapitalismus“. Dabei berief er sich u.a. auf den Epidemiologen Rob Wallace, der aufzeigte, das die profit- und wachstumsgetriebene Umweltvernichtung (industrielle Landwirtschaft, Landschaftszerstörung, Artensterben, Böden-Meer-Klima-Verdreckung …) immer wieder Pandemien mit neuen Erregern auslösen werde.

Beide Autoren betonen die „Gefährlichkeit des Virus“.

Zusätzlich aber nehmen sie auch Wechselwirkungen und Dynamiken wahr, die bei der Verbreitung von Viren, bei Infektionen und bei Krankheitsverläufen von Bedeutung sind. Damit vertreten sie in der Wissenschaft, der Politik und den Medien exotische Minderheitenpositionen. Das Besondere der beiden (im Anhang ins Deutsche übersetzten) Artikel ist daher nicht so sehr was gesagt, sondern dass es überhaupt gesagt wurde.

“ .. Es ist unerheblich, ob man eine Einpunkt-Intervention auf Vorschriften („Gebote“), auf Sanktionen, auf technische Systeme, auf Training, auf wissensbasierte Überzeugungsarbeit oder auf finanzielle Anreize aufbaut – das Ergebnis ist jedes Mal da Gleiche: wenn überhaupt ein Effekt zu beobachten ist, dann ist er klein, nur kurzfristiger Natur und verschlechtert mittelfristig die Stimmung („war ja wieder nichts“). Der Grund für dieses vorhersehbare Versagen von Einpunkt-Interventionen liegt in der Eigenschaft komplexer Systeme, punktuelle Änderungen und Reize aus der Umgebung zu absorbieren und den vorherigen Zustand wieder einzunehmen. Anhaltende Veränderungen können in komplexen Systemen nur durch Mehrfachinterventionen initiiert werden, die zeitgleich oder in zeitlich gut abgestimmter Art und Weise verschiedene Interventionsebenen koordiniert einsetzen. ..“ Matthias Schrappe, Fachgutachten zu Covid-19-Strategie 18.08.2021

Leben fördern

Biolog:innen ist vertraut, dass lebende Systeme, nicht nur deshalb erkranken, weil sie zu stark von außen belastet werden (z.B. im Rahmen einer Infektion). Sondern auch, wenn ihr inneres Gleichgewicht gestört ist. Dann werden sie bereits durch leichte Störungen überfordert.

Die überwältigende Mehrzahl der wissenschaftlichen und medialen Texte im Rahmen der Covid-Pandemie beschäftigt sich aber nur mit (viralen) Einzelfaktoren, die es allerdings nur unter streng isolierten Laborbedingungen in reiner Form geben kann.

Würde man die Virusausbreitung in einem größeren Kontext betrachten, verlören gezielte Abwehrmaßnahmen, Test- und Bekämpfungs-Strategien „gegen etwas“ an Bedeutung. Dafür gewännen system-wirksame Strategien „für etwas“ an Bedeutung. Beispiele:

  • Lebensverhältnisse so gestalten, dass die Wahrscheinlichkeit für Pandemien sinkt.
  • Krankheitsverläufe nach einer Infektion frühzeitig und ambulant so beeinflussen, dass möglichst keine Notwendigkeit für Intensivbehandlungen entsteht.
  • Störungen der Umwelt, die das Risiko von Atemwegsinfektionen erhöhen (wie Smog uva.) vermindern.
  • Kindern und ältere Menschen zu schützen, sie vor Schaden bewahren, sie sichern, unterstützen und fördern.
  • Geeignetes Verhalten anregen (Nicht-Rauchen, Stress reduzieren, Bewegen, weniger Medikamente und Suchtmittel konsumieren, mit Genuss essen, Schlafen, …).

Dietrich Dörner: Die Logik des Misslingens: Ein einfache Erklärung, warum die „Dinge“ immer wieder (bösartigerweise) zurückbeißen. Jüngstes Beipiel: das Fiasko in Afghanistan 2021, nach 20 Jahren Invasion und „Terrorbekämpfung“

Schützen statt bekämpfen

Spezifische Interventionen, die Gesamtzusammenhänge ignorieren und Probleme erschlagen wollen, scheitern immer wieder. Früher oder später. Oft hinterlassen sie Kollateralschäden, die schlimmer sind als das Problem, das sie beseitigen versuchten.

Langfristig wäre es (statt zu intervenieren) immer günstiger, schonender und nachhaltiger, Strategien zu entwickeln, die für alle Lebewesen unserer Biospäre gleichermaßen nützlich wären (Capra, Luisi The system view of Life).

Dazu müssten wir aber einen (im Raubtierkapitalismus verlorenen gegangenen) Sinn für das Leben wiederentdecken (Viktor Frankl), und auch die verdrängte Fähigkeit früher Menschen, Zusammenhänge zu verstehen. (Ian McGilchrist)

Richard Horton: Covid-19 is not a pandemic
(Gekürzte Übersetzung unter Nutzung von deepl.com)

„Covid-19 ist keine Pandemie: Angesichts der durch COVID-19 verursachten Todesfälle, müssen wir uns eingestehen, einen viel zu engen Ansatz verfolgen. Wir haben die Ursache dieser Krise als eine Infektionskrankheit betrachtet. Alle unsere Maßnahmen haben sich darauf konzentriert, die Übertragungswege des Virus zu unterbrechen und so die Ausbreitung des Erregers zu kontrollieren. Die „Wissenschaft“, von der sich die Regierungen leiten ließen, wurde vor allem von Epidemiemodellierern und Spezialisten für Infektionskrankheiten vorangetrieben, die die gegenwärtige Gesundheitskrise verständlicherweise mit den jahrhundertealten Begriffen der Pest umschreiben. Doch die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass die Geschichte von COVID-19 nicht so einfach ist. Zwei Krankheitskategorien stehen in bestimmten Bevölkerungsgruppen in Wechselwirkung – die Infektion mit dem schweren akuten respiratorischen Syndrom Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) und eine Reihe von nicht übertragbaren Krankheiten (NCDs). Diese Krankheiten häufen sich in sozialen Gruppen entsprechend den in unserer Gesellschaft tief verankerten Ungleichheitsmustern. Das Zusammentreffen dieser Krankheiten vor dem Hintergrund sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit verschlimmert die negativen Auswirkungen jeder einzelnen Krankheit. COVID-19 ist keine Pandemie. Es handelt sich um ein Syndrom. Die syndemische Natur der Bedrohung, mit der wir konfrontiert sind, bedeutet, dass ein differenzierterer Ansatz erforderlich ist, wenn wir die Gesundheit unserer Gemeinschaften schützen wollen.

… Um den durch SARS-CoV-2 verursachten Schaden zu begrenzen, muss den nicht-infektiösen Erkrankungen und der sozioökonomischen Ungleichheit viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, als bisher zugegeben wurde. Eine Syndemie ist nicht nur eine Komorbidität. Syndemien sind durch biologische und soziale Wechselwirkungen zwischen Erkrankungen und Zuständen gekennzeichnet, Wechselwirkungen, die die Anfälligkeit einer Person für Schäden erhöhen oder ihre gesundheitlichen Folgen verschlechtern. Im Falle von COVID-19 ist die Bekämpfung von NCDs eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Eindämmung. .. Die Gesamtzahl der Menschen, die mit chronischen Krankheiten leben, nimmt zu. Die Bekämpfung von COVID-19 bedeutet, sich mit Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronischen Atemwegserkrankungen und Krebs zu befassen. Die stärkere Beachtung von nicht-infektiösen Erkrankungen ist nicht nur ein Thema für reichere Länder. Nicht-infektiöse Erkrankungen sind auch in ärmeren Ländern eine vernachlässigte Ursache für Krankheiten. ..

Die wichtigste Konsequenz, die sich aus der Betrachtung von COVID-19 als Syndrom ergibt, ist die Hervorhebung seiner sozialen Ursachen. Die Anfälligkeit älterer Bürger, schwarzer, asiatischer und ethnischer Minderheiten sowie von Schlüsselarbeitskräften, die in der Regel schlecht bezahlt und weniger sozial abgesichert sind, weist auf eine bisher kaum beachtete Wahrheit hin, nämlich dass die Suche nach einer rein biomedizinischen Lösung für COVID-19 scheitern wird, ganz gleich, wie wirksam eine Behandlung oder ein schützender Impfstoff ist. Solange die Regierungen keine Maßnahmen und Programme zur Umkehrung tiefgreifender Ungleichheiten entwickeln, werden unsere Gesellschaften niemals wirklich COVID-19-sicher sein. Wie Singer und Kollegen 2017 schrieben, „bietet ein syndemischer Ansatz eine ganz andere Orientierung für die klinische Medizin und die öffentliche Gesundheit, indem er zeigt, wie ein integrierter Ansatz zum Verständnis und zur Behandlung von Krankheiten weitaus erfolgreicher sein kann als die bloße Kontrolle einer epidemischen Krankheit oder die Behandlung einzelner Patienten.“ Ich würde einen weiteren Vorteil hinzufügen. Unsere Gesellschaften brauchen Hoffnung. Die Wirtschaftskrise, die auf uns zukommt, wird nicht durch ein Medikament oder einen Impfstoff gelöst. Wir brauchen nichts weniger als einen nationale Wiederbelebung. Die Betrachtung von COVID-19 als Syndrom wird zu einer umfassenderen Vision führen, die Bildung, Beschäftigung, Wohnen, Ernährung und Umwelt mit einschließt. Die Betrachtung von COVID-19 nur als Pandemie schließt eine solche umfassendere, aber notwendige Perspektive aus.“

Ian McGilchrist: Das geteilte Gehirn https://www.youtube.com/watch?v=dFs9WO2B8uI
– Aktuelle Texte und Videos: https://channelmcgilchrist.com/ng

Santiago Alba Rico: Contagio global – Capitalismo pandémico
(Gekürzte Übersetzung unter Nutzung von deepl.com )

„Globale Ansteckung – Pandemischer Kapitalismus: … Im vergangenen September veröffentlichte Richard Horton in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet einen Artikel, dessen Titel provokant oder verdächtig klingen mag: It’s not a pandemic. Natürlich ist es nicht so, dass eine der renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften der Welt die Meinung eines Leugners in ihre Seiten aufgenommen hätte. Horton leugnete nicht die Existenz von Covid-19 oder nährte konspirative Wahnvorstellungen. Ausgehend von einem 1990 von dem Epidemiologen Merrill Singer entwickelten Konzept vertrat Horton die Auffassung, dass wir es heute nicht mit einer Pandemie, sondern mit etwas Komplexerem und daher Gefährlicherem zu tun haben: einer „Syndemie“, d. h. einer Epidemie, bei der eine Infektionskrankheit mit anderen chronischen oder wiederkehrenden Krankheiten verwoben ist, die wiederum mit der ungleichen Verteilung des Wohlstands, der sozialen Hierarchie, dem besseren oder schlechteren Zugang zu Wohnraum oder Gesundheit usw. zusammenhängen, Faktoren, die sich alle mit der Unvermeidbarkeit einer Epidemie überschneiden, die alle unweigerlich von Rasse, Klasse und Geschlecht geprägt sind. Bei der Syndemie handelt es sich um eine Pandemie, bei der biologische, wirtschaftliche und soziale Faktoren so miteinander verwoben sind, dass eine partielle oder spezielle Lösung unmöglich ist, geschweige denn eine magische und endgültige.

Das Problem ist also nicht das Coronavirus. Das Problem ist ein „syndemischer“ Kapitalismus, in dem es nicht mehr einfach ist, zwischen Natur und Kultur und damit zwischen natürlichem und künstlichem Tod zu unterscheiden. Der Kapitalismus ist „syndemisch“, man denke nur an die jüngste Vermehrung neuer Viren (Vogelgrippe, SARS), die untrennbar mit der Agrar- und Ernährungsindustrie und der Ausbeutung der Tierwelt verbunden ist. In seinem beunruhigenden und rigorosen Buch Big Farms, Big Flu beschreibt Rob Wallace ein Modell der Fleischproduktion, bei dem der gesamte Prozess – von der Fütterung von Geflügel und Rindern bis zur Überfüllung der Betriebe – die Entstehung neuer Virusstämme und ihre Übertragung auf den Menschen nicht nur erleichtert, sondern unvermeidlich macht. Die neuen Viren sind natürlich in einem Labor entstanden, aber nur in dem Sinne, dass der Kapitalismus die Natur selbst in ein lebendes Labor verwandelt hat, das sich in ständiger pathologischer Gärung befindet und selbst von seinen Managern und Nutznießern nicht kontrolliert werden kann, so Wallace. Der Begriff „iatrogen“ wird im Allgemeinen für Todesfälle verwendet, die ohne böswillige Absicht von einer medizinischen Einrichtung verursacht werden, wie z. B. Krankenhausinfektionen, die jedes Jahr für mehr Todesfälle verantwortlich sind als die gewöhnliche Grippe. Wenn ein Krankenhaus, das als Gesundheitsschutzeinrichtung konzipiert ist und daher allen möglichen aseptischen Garantien unterliegt, dennoch tödliche Infektionen hervorruft, was wird dann nicht auch in landwirtschaftlichen Betrieben passieren, die ausdrücklich dazu bestimmt sind, das Wachstum von Tieren mit Hilfe von Antibiotika-Cocktails und unter buchstäblich höllischen Konzentrationsbedingungen zu beschleunigen? Der Wille könnte die Maschine zwar demontieren, aber die Maschine bewegt sich bereits außerhalb unseres Willens. Wallace sagt: „Wenn man die Natur kapitalistisch macht, wird der Kapitalismus natürlich“, so dass „Ungleichheiten in unserer Gesundheit von unseren Genen oder unseren Eingeweiden herrühren, nicht von Apartheidsystemen“.

Wenn der Kapitalismus ein Syndrom ist, das Bauernhöfe in biochemische Laboratorien und Städte in Brutstätten epidemischer Ungleichheit verwandelt, was ist dann die Lösung für die Rinderpandemie? Eines der untrennbaren Paradoxe dieser „syndemischen“ Dimension ist die Tatsache, dass derselbe Kapitalismus, der die natürlichen Grenzen durchbrochen hat – und weiterhin durchbricht -, von der Illusion der „totalen Sicherheit“ getragen wird.

(Die Debatte geht von) einer doppelten Fehlannahme aus: dass es in einem syndemischen System, wie wir gesagt haben, eine spezialisierte Lösung geben kann und dass, mehr noch, Politiker und Wissenschaftler wirklich bestimmende Kräfte bleiben. Sowohl die Politiker als auch die Wissenschaftler werden, wenn schon nicht von denselben wirtschaftlichen Kräften gesteuert, so doch zumindest von ihnen gezwungen. In den letzten vier Jahrzehnten, vor allem nach der Niederlage der UdSSR im Kalten Krieg, haben die Globalisierungsbewegungen der demokratischen Erneuerung das antikoloniale Konzept der „Souveränität“ wiederbelebt, um die Emanzipation der öffentlichen Sphäre – des Staates und seiner Institutionen – von der Wirtschaft und ihren Unternehmen zu fordern; ein Staat, der die politische und die religiöse Sphäre verwechselt, ist sicherlich nicht säkular, aber ein Staat, der die politische und die wirtschaftliche Sphäre verwechselt, ist auch nicht wirklich säkular. In fast allen Ländern der Welt wurde als Folge dieses „Mangels an Säkularismus“, der in Zeiten der Wirtschaftskrise und des neoliberalen Managements tragisch ist, die Pandemie mit einem stark geschwächten Vertrauen in Politiker und öffentliche Institutionen erreicht, mit den bekannten Auswirkungen. Dies erklärt, warum viele Bürger angesichts des unerwarteten Ausbruchs der Gesundheitskatastrophe ihre Hoffnung auf die Wissenschaft setzten. Was Covid-19 gezeigt hat, ist, dass die Wissenschaft nicht weniger als die Politik vom syndemischen Kapitalismus und seinen zerstörerischen Spontaneitäten bedroht ist.

Kurz gesagt, wenn der Kapitalismus ein Syndrom ist, wird er weiterhin unaufhörlich Viren und Pandemien produzieren; und er wird weiterhin, ebenfalls unaufhörlich, selektive und schlecht verteilte Impfstoffe und Medikamente produzieren. Das ist die Zukunft, und sie ist nicht rosig für die Menschheit. Aber wenn der Kapitalismus ein Syndrom ist, dann sollten Politik und Wissenschaft, die jetzt gefangen sind, dafür kämpfen, die Menschheit und sich selbst vom Kapitalismus zu befreien. Das wäre gut für alle.

Pandemie als komplexes System

Literatur

Mehr

Letzte Aktualisierung: 17.09.2021