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29. Juni 2021

Verstehen und Missverstehen


Verwirre sie!
Confuse them, if you can’t convice them!
Murphy’s Law

Es beruhigt, etwas zu verstehen.

Zum Beispiel, wenn ein plötzliches Gerumpel im Keller sicher von der Katze verursacht wurde. Und nicht von einem Einbrecher. Das Unerwartete hat sich dann sinnvoll zu den eigenen Erfahrungen gefügt.

Strömt zu viel Information ein, nimmt die Verwirrung zu. Z.B. wenn aus dem Keller merkwürdige Geräusche dringen, die eigentlich nicht von einer Katze stammen können. Dann sehnt man sich nach einer Erklärung, also nach weniger Information, oder noch besser: nach Exformation. Nach einem Aussondern unnötigen Datenmülls, der abstruse Ängste auslösen kann.

Wenn man nichts verstehen kann, muss man an etwas glauben. An die Vorstellungen und Wahrheiten derjenigen, die es besser wissen sollten. Weil sie erfahren sind und nachgeschaut haben. Wenn man so anderen vertraut, kann man hoffen, dass es besser wird, wenn man tut, was man soll.

Wer glaubt, muss nicht selber denken.

Das wäre bei großer Verunsicherung ohnehin schwierig.

Lieber lässt man sich dann führen. Im Marketing, in der Politik und in der Medizin wird daher manchmal Angst ausgelöst, um sie anschließend durch Produkte oder Dienstleistungen wieder zu nehmen. Am besten wirkt diese Taktik, wenn immer neue, unklare Verunsicherungen eingestreut werden: Kaum glaubt man dann eine Gruppe von Terroristen besiegt zu haben, tauchen ganz unerwartet wieder andere auf. Ein Meister dieser Kunst war der Regisseur Alfred Hitchkock: Es seien nicht die realen Ereignisse die schreckten, sondern vielmehr Ausgestaltung der Vorstellungen, dass sie eintreten könnten.

Wer etwas verstehen will, braucht Mut.

Denn ganz offensichtlich hat jemand, der etwas verstehen will, jetzt gerade noch nichts durchschaut. Diese Unsicherheit muss zuerst angenommen werden. Am besten, indem man bei einem Problem stehenbleibt, und es nicht sofort (aus Angst) beseitigen will. Nachdem sich das Angstgefühl gelöst hat, kann man erste neugierige Fragen stellen. Und so herauszufinden, ob eine vorschnell gefasste Überzeugung, vielleicht auf einem Missverständnis beruht.

„Dem erkenntnisorientierten Nachrichtenkonsumenten bleibt derweil weiter nur, sämtliche Realitätskanäle offen zu halten, sich aus möglichst verschiedenen Quellen zu informieren und seine Skepsis gegenüber allen Arten von Glaubenssystemen zu kultivieren.“ Milosz Matuschek 22.06.2021

Corona ist unsere größte Bedrohung.

Wirklich?

Seit 2002 erlebt die Menschheit die folgenschwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Ausgelöst wurde sie durch mindestens vier Pandemien, die (immer noch) gleichzeitig ablaufen:

  • die weltweite Verbreitung eines biologischen Phänomens („Virus-Pandemie“),
  • eine überlappende „Fall-Pandemie“ (Meldungen schwerer Krankheits- oder Sterbefälle + positiver Test),
  • eine „Test-Pandemie“ (Zahl positiver Tests bei Gesunden, die ggf. lange zurückliegend infiziert waren),
  • und schließlich eine „Pandemie von Angststörungen“.

Manche Folgen dieser Pandemiewellen nehmen mit sinkenden Infektionszahlen wieder ab, wie „Long-Covid“ zum Beispiel.

Andere Schäden („Long-Lock-down“) nehmen (unabhängig von Infektionszahlen) stetig zu. Das gilt besonders für die Störungen bei Kindern, Jugendlichen, aber auch bei psychisch und körperlich kranken und alten Menschen. Und wie bei allen Kriegen steigen die Kosten für die Produktion und Entsorgung von Waffen, Ausrüstung und Munition in schwindelerregende Höhen.

Die „Corona-Krise“ ist fraglos gewaltig.

Aber ist sie die zurzeit vorrangige Menschheitskatastrophe?

Ich halte das für einen Trugschluss. Ein Missverständnis, wie es in der Medizin häufig beobachtet wird, wenn die Krankheitszeichen für die Ursachen gehalten werden.

Die Ökosysteme, in denen wir (im Äußeren) leben, und die uns (im Inneren) ausmachen, verarmen: Sie verlieren an Vielgestaltigkeit. Weil immer mehr Lebewesen, um uns herum und in uns, aussterben. Weil ihr Lebensraum vergiftet wird. Damit verlieren die Lebensgemeinschaften an Flexibilität um Belastungen aufzunehmen, ohne zu erkranken. Das Zusammenspiel der Lebensformen auf der Erde wird insgesamt instabiler und anfälliger für Störungen.

Ursachen dafür sind das ungezügelte Wachstum der menschlichen Bevölkerung mit den Auswirkungen profitorientierter Massenproduktion. Wir leben im „Erdzeitalter des Menschen“ (Anthropozän), das geprägt wird durch die Verdreckung aller Lebensräume der Biosphäre: Meere, Böden, Süßwasser, Luft. So als würde ein Lebewesen von einem Krankheitserreger befallen, der entweder mit seinem Wirt zugrunde geht oder sich anpasst.

Jetzt kommt das ganz große neue Wachstum des modernen Kapitalismus:
mit Supermann-Wunder-Drogen, Digital-Medikalisierung, neuen Autos mit Elektroantrieb, Windmühlen, Solarzellen, uva. Wow! Immer weiter bis die Blase platzt … Vielleicht erst im nächsten Jahrhundert?

Die Dynamik der Umweltkatastrophe ist seit 50 Jahren bekannt.

1992 wurde sie von allen Regierungen als handlungsleitend anerkannt (UN-Konferenz). Völlig wirkungslos, denn das wirtschaftliche Wachstum nahm danach erst richtig an Fahrt auf. Die Lösung der Umweltkrise hätte aber nur weniger Wachstum bedeuten können.

Weil das aber mit unserem Wirtschaftssystem nicht vereinbar wäre, wurde die Umwelt-Katastrophe (der ganzen Biosphäre) in einen Teilaspekt „Klima-Katastrophe“ umbenannt. Nicht nur deshalb, weil die Erhitzung der Atmosphäre durch Abgase bedeutender ist als andere Bereiche der Umwelt-Verdreckung. Sondern weil viele glauben, man könne hier etwas durch ein „anderes“, „grünes“ oder gar „nachhaltiges“ Wachstum bekämpfen: durch immer mehr innovative Produkte, Windmühlen, Solarzellen, Batterien, Stromtrassen und ggf. auch wieder mehr Atomenergie.

Aber selbst, wenn es einem kapitalistischen „Reset“, hin zu einer „klimafreundlichen“ Wirtschaft, gelänge den Klimawandel etwas abzubremsen: Dann liefen die menschlichen Gesellschaften mit den vielfältigen Biosphären-Störungen doch früher oder später auf ein evolutionäres Ende zu.

Auch die (neben der ökologischen Katastrophe) kleineren Krisen des globalen Wirtschaftssystems entwickeln sich dynamisch und beunruhigend:

  • Zerfall der globalisierten Arbeitsteilung
  • Ende der unilateralen Weltherrschaft
  • Überblähung der Finanzsysteme, durch immer gewaltigeres Aufpumpen
  • Begrenzung der Ressourcen des kapitalistischen Wachstums
  • Zerstörung vieler Länder durch Stellvertreterkriege um Einflusszonen und Rohstoffe
  • Konzentration des Reichtums bei immer weniger Personen
  • Verarmung des größten Teils der Menschheit uva.

Angesichts dieser grundlegenden, menschheitsgeschichtlich bedeutenden Krisen erscheint mir die Covid-19-Pandemie, trotz allem, relativ bescheiden zu sein. Warum verdrängte sie trotzdem alle anderen Krankheitszeichen menschlicher Gesellschaften in den Hintergrund des kollektiven Bewusstseins?

Warum wurde die Illusion von „Gesundheit“ (als „Abwesenheit von Corona“) als „der“ gesellschaftliche Wert so stark überhöht? Obwohl auch den Verkäufern der „Gesundheits“-Produkte bekannt ist, dass „Gesundheit“ nichts ist, was man mit großen Anstrengungen als bleibenden Zustand erringen oder besitzen könnte.

Wäre es nicht sinnvoller, Leben (als „gedeihliches Zusammenwirken von Ökosystemen“) zu fördern, zu pflegen, zu bewahren und gedeihlich zu entwickeln? Z.B. durch gesundheitsfördernde Verhältnisse, die das Leben auf dem Planeten weniger störten.  

Uns droht der Tod!

Droht nicht vielmehr der Verlust von Sinn? Und: Was ist eigentlich tot?

Die Verhinderung des Todes ist zum höchsten gesellschaftlichen Wert aufgestiegen. Aber die Physik beschreibt nur Lebendes: Verwobene Prozesse, die sich aktiv, energie-verbrauchend entwickeln, und die Informationen erzeugen.

Naturwissenschaftlich betrachtet erzeugen lebende Systeme aus Chaos Ordnung. Sie wandeln sich, wechselwirken und erschaffen sich immer wieder neu. Bis sie zerfallen und dabei die Grundlage bilden für neues Leben. Nichts im Universum „ist“ statisch. Denn alles, in dem wir leben und was und durchdringt: „wird“, es wächst in eine Zukunft.

Die Todes-Illusion wurde erst vor 10.000 Jahren in Sklavenhalter-Gesellschaften erfunden. Vorher gab es keinen Anfang und kein Ende. Nur einen ewigen lebenden Kreislauf von Werden und Vergehen. Die Vorstellung, der Tod nähme das Leben, setzte sich schließlich durch, weil sie nützlich ist. Denn zu Tode erschreckte Menschen tun eher das, was sie sollen.

Sich an das „nackte Leben“ zu klammern, ist ein Krankheitssymptom. Ein Zeichen für quälende Vorstellungen von Leere, wenn der Lebens-Sinn verloren gegangen ist. Wer so leiden kann, ist nicht tot.

Leiden ist eine Lebensäußerung. Ein Hinweis, das noch Energie fließt. Leben, das als veränderliche Form und Werden angenommen werden kann, selbst dann, wenn es sich langsamer gestaltet und versiegt. Etwas zu akzeptieren, wie es eben geschieht, gelingt leichter, wenn sinnvolle Beziehungen gespürt werden. Zusammenhänge, die wichtiger erscheinen als der Erhalt erlernter „Ich-Konstruktion“ des Gehirns. Sterbe-Prozesse können ruhig und gelassen fließen. Todesangst ist leidvoll, aber sie (in Beziehungen und Begleitung) durchaus gewandelt werden: in Ruhe und Neugier.

Es ist deshalb oft nicht sehr wirksam, alle Energie darauf zu verwenden, „die Todes-Illusion“ bekämpfen zu wollen. Statt sich auf das Leben zu konzentrieren und dafür sorgen, dass es gefördert, und dass es nicht beengt oder blockiert wird.

Das Immunsystem muss gestärkt werden!

Ist das so?

Das Missverständnis, man müsse das Immunsystem stärken, wurde von der Medizin-Industrie erfunden. Denn die Vorstellung, man müsse für die Gesundheit Kriege gegen äußere Feinde führen, nützt hauptsächlich den Waffenherstellern und den Generälen.

Tatsächlich ist das Immunfunktion, schon bei der Geburt, das stärkste System des Körpers. Keine andere Gruppe von Zellen wäre in der Lage, den Rest des Organismus in einem kollektiven Selbstmord umzubringen. Babys wären nach der Geburt hoch gefährdet, wenn ihr Immunsystem alles angreifen würde, was ihm fremd erscheint. Stattdessen muss das angeborene, aggressive Immunsystem im Rahmen der Bindung zur Mutter beruhigt werden (Bonding).

So entwickelt sich allmählich eine übergeordnete (erlernte) Immunfunktion, die ruhig und besonnen mit den freundlichen Keimen kommuniziert, rüpelhafte Tischgenossen in Schranken hält und bösartige Angreifer gezielt und konsequent abräumt.

Manchmal werden die natürlichen Bremsen des Immunsystems durch Viren oder Allergene gelöst. Dann kann, im Zusammenwirken mit anderen Störungen, ggf. ein schweres Krankheitsbild entstehen: Eine Über-Aktivierung der Immunfunktion (so wie es bei Covid-19-Infektionen der Fall sein kann).

Wollte man „das Immunsystem stärken“, könnte das leicht zu Überreaktionen führen. An Autoimmunstörungen leiden aber ohnehin immer mehr moderne Menschen. Deshalb ist es bei nahezu allen Krankheiten meist sinnvoller, die betroffenen Patient:innen und deren Immunfunktion zu beruhigen. Und sie nicht in Angst und Schrecken zu versetzen. Gerade dann nicht, wenn Belastungen auftreten.

Denn Krankheit entsteht nicht unbedingt, wenn die äußeren Einflüsse und Gefahren zunehmen. Sondern eher dann, wenn

  • die Flexibilität der Zellen nachlässt,
  • die Zahl der menschentypischen Viren und Bakterien,
  • und die Vielfalt der Reaktionsmöglichkeiten abnimmt: durch zu viel Chemie oder Stress oder zu wenig Bewegung.

Nur die Daten sagen, wie es ist.

Wer sagt das?

Das Gehirn (und unsere Sicht auf die Welt) ist geteilt: Wir können (bewusst, klar und rational) einzelne Daten wahrnehmen oder Wechselwirkungen, Beziehungen und Zusammenhänge. Am besten abwechselnd. Bild: aus dem Comic-Vortrags-Video „Das geteilte Gehirn“ des Psychiaters Ian McGilchrist. Mehr, aktueller und ausführlicher: https://thedividedbrain.com/https://channelmcgilchrist.com/about/

Daten können für Klarheit sorgen. Nichts ist wirksamer als saubere Datenanalysen, um Propaganda zu entlarven. Weil aber Messungen an Einzelfaktoren erfolgen, müssen die dabei gewonnenen Daten eingebettet werden in einen übergeordneten Zusammenhang. Deshalb stehen vor allen wissenschaftlichen Experimenten intelligente Fragen.

Mathematiker, die versuchen, Aspekte der Realität komplexer Systeme zu beschreiben, verstehen, dass sie sich der Realität lebender System nur annähern (nassimtaleb.org, buzsakilab.com). Folglich muss die Frage nicht (nur) lauten

  • „Was sagen uns die Daten?“,
  • sondern: „Was weiß ich nicht? Was macht mich neugierig? Und wo versagt mein bisheriges Erklärungsmodell?“

Karl Popper schrieb, die ersten Wissenschaftler seien zu klug gewesen, um eine Wahrheit zu erkennen. Sie waren „an der Frage“ (am unbekannten Nicht-Wissen) interessiert, und nicht so sehr an einer (immer nur vorläufigen) Antwort. Fast ohne Daten fanden sie Bahnbrechendes heraus, weil sie einfach das Geglaube an die vorherrschenden Modelle effektiv aussortierten und das betrachteten, was sie nicht verstanden. (Carlo Rovelli 2020).

Daten sind wie Noten.

Sie helfen dabei, Musik besser zu verstehen, und sie genauer zu erzeugen. Der Klang der Musik ist hochkomplex, und wesentlich mehr als die Summe der Noten. Ohne Beziehung mit denen, die sie wahrnehmen, gäbe es keine Musik. Klingen und Lauschen bedingen sich gegenseitig.

Die Klarheit kritischer, von Interessen unbeeinflusster Datenanalysen macht also viel Sinn, wenn ein Gesamtkontext betrachtet und verstanden wird. Medizin und Politik brauchen dringend Schnellkurse in System-Biologie und Quantenphysik. Tatsächlich scheinen wir geistig wieder in das Geglaube des Mittelalters abzugleiten.

Weitere Missverständnisse

Ein Virus tut etwas: Es macht krank.

Mögliche andere Sicht:

Es sind Körperzellen, die etwas tun, indem sie unwirksam, passgenau oder überschießend reagieren.

Ständig entstehen neue Virus-Mutationen.

Mögliche andere Sicht:

In Viren-Gemischen sind unzählige Variationen vorhanden. Es verbreitet sich immer das, was sich gerade man besten vermehren kann. Z.B. weil die vorhandenen Antikörper (nach Infektion oder Impfung) un-wirksam sind.

Wissenschaft hat die besten Antworten.

Mögliche andere Sicht:

Wissenschaft stellt die klügsten Fragen.

Krankheit entsteht, wenn Zahl & Bösartigkeit der Angreifer zu groß wird.

Mögliche andere Sicht:

Krankheit entsteht, wenn das Gleichgewicht zwischen natürlichen, menschlichen und fremden Viren, Bakterien und Zellen gestört ist.

Krankheit muss bekämpft werden.

Mögliche andere Sicht:

Kranke müssen versorgt und beruhigt werden.

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Letzte Aktualisierung: 06.07.2021