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14. September 2026

Was tun?

Inhalt

  • Krise
  • Utopie
  • Handlungsmöglichkeiten
  • Literatur und Links

Das Ökosystem der Erde steckt in der Krise.

Der wesentliche Krankheitshinweis ist der Verlust der Vielfalt. Wie in allen lebenden Strukturen. Verarmt bei Tieren das Mikrobiom, können sie sich schlechter an neue Herausforderungen anpassen. Werden sie zusätzlich mit Giftstoffen überflutet, steigt das Kollapsrisiko.

Alles Lebende,

  • organisiert sich in Netzwerken. (Capra 2024)
  • kommuniziert und wechselwirkt mit anderen Lebensformen,
  • entsteht aus Beziehungen,
  • gestaltet sich immer wieder neu. (Autopoiesis).
  • verarbeitet Informationen kreativ, innovativ, flexibel,
  • wandelt sich und ist damit fähig, sich an neue Systemanforderungen anzupassen.

Menschen kommt in der Biologie keine Sonderrolle zu.

Wir entwickeln uns (als Superorganismen) in Wechselwirkungen, die uns durchdringen und ausmachen. Die Vorstellung, Menschen besäßen eine Umwelt, wie ein Haus, das man nutzen, bearbeiten, ausbessern und rein halten könne, ist irreführend. Wir haben keine Natur: Wir sind es.

Die Gattung Mensch ist aber inzwischen die treibende Kraft der Evolution. Wir leben im ‚Zeitalter des Menschen‘ (Anthropozän), das man auch ‚Pollutozän‘ nennen könnte (lat. vermüllt, verdreckt).

Menschen sind vernunftbegabt und verfügen über eine hohe Fähigkeit zu sozialer Kompetenz. Denn wir können nicht ohne Liebe aufwachsen. Beziehungsfähigkeit wird uns vererbt. Das Kriegführen nicht.

Wir könnten also, im eigenen Interesse, für die Genesung der Ökologie der Biosphäre tätig werden.

Dieser optimistische Gedanke wurde schon vor zweitausendfünfhundert Jahren diskutiert. Heute wird er wieder aufgegriffen. Dabei denken Wissenschaftlerinnen an eine grundlegende Veränderung menschlichen Verhaltens im Gesamtkontext aller belebten Systeme (Bund 2026, Kovivialität 2026). Um Biosphäre, Technik und Menschen doch noch miteinander zu versöhnen.

Einige von ihnen (Büscher 2024 und 2026) haben die Gründe für das Scheitern der Entwicklungszusammenarbeit untersucht. Deren Projekte arbeiteten an Symptomen und versuchten, etwas zu reformieren, ohne die Grundprobleme anzusprechen. Zum Beispiel bei dem Versuch, einen Naturpark zu schützen, in einem Land, in dem internationale Konzerne die Wälder abholzen. Während die Bevölkerung in großer Armut lebte. Spezifische Interventionen könnten in solchen Zusammenhängen nur dann nachhaltig und sinnvoll sein, wenn der Holzhandel radikal untersagt würde. Und wenn effektive Maßnahmen zur Steigerung der sozialen Lebensqualität eingeleitet würden.

Es ist, wie in der Medizin. Für Heilungsprozesse reicht es nicht aus, den Schmerz zu betäuben, wenn die Ursachen der Probleme nicht angepackt werden.

Wir müssen die Systemfrage stellen:

Wie können Menschen damit aufhören, ihre Beziehungsnetzwerke zu zerstören?

Realistische Utopie?

„… das Meer ist so groß und unser Schiff ist so klein!“ Bretonisches Fischergebet.

Die wesentlichen Grundübel im weltweiten Kontext sind bekannt: Wachstumswahn, Aufblähung von Finanzbasen, Suchtverhalten (hauptsächlich nach Geld), Ausbeutung und Kriege um Rohstoffvorhaben.

Damit die Biosphäre gesunden kann, müssten die Menschen zuvor zu einer friedvollen Weltinnenpolitik finden. Das ist nicht unrealistisch, denn Kriege gibt es erdgeschichtlich erst seit 10 000 Jahren und den Kapitalismus erst seit 400 Jahren. Weder das eine noch das andere ist Menschen angeboren.

Die große Chance für eine grundlegende Veränderung beruht auf einer Tatsache: Das Verhalten der Mehrheit der Menschen stellt nicht das wesentliche Problem für die Biosphäre dar, sondern das Verhalten einer kleinen Minderheit: World Inequality Report 2026, Schrijver, Nature 2026, (pdf).

Eliten durch eine revolutionäre Umwälzung zu beseitigen, erwies sich immer wieder als blutig und langfristig wirkungslos. Denn dem Ende einer parasitären Gruppe folgt das Wachstum einer neuen. So als schlüge man den Kopf eines Ungeheuers ab, dem dann ein noch grässlicherer wächst.

Jede Form von Gewalt schafft neue Gewalt und neue Probleme, die es ohne sie nicht gegeben hätte. Etwa wie in Nicaragua, wo der, 20 Jahre zuvor, siegreiche Revolutionär, Daniel Ortega, 2026 die Wahlen ganz abschaffen will.

Die eigentliche Macht der Völker liegt also nicht so sehr im Tun (z. B. der Revolution), sondern vielmehr im Nichttun. Zum Beispiel in der Verweigerung dessen, was den Interessen der Mächtigen dient. Ein allgemeiner Unwille kriegstüchtig zu werden, ist das wirksamste Mittel gegen Krieg.

Der Schlüssel für Verhaltensveränderungen ist Bildung. In allen Aspekten der Förderung von Leben und Lebensfähigkeit. Also das Gegenteil, und der Werbung für kurzfristig wirksame Strategien, die den Großteil der Menschen ins Elend führen.

Lernen ist ein friedlicher Prozess. Er beruht auf Erleben und darauf, das so Erfahrene mit dem bisher persönlich Bekannten zu vergleichen. Um es so zu verstehen. Gäbe es an vielen Orten und in vielen Netzwerken friedvolle, demokratische und lebensbejahende Lernprozesse, verringerte sich der Druck, auf höhere Befehle hin, gegen die eigenen Interessen und Grundbedürfnisse zu handeln.

Die jetzigen Machteliten setzen auf Ablenkung durch Propaganda, Suchtmittel und Angst. Sie können aber Menschen keine realistische (mit der Naturwissenschaft vereinbare) Vision oder Utopien bieten. Denn Ausbeutung und Krieg werden in erdgeschichtlich relativ kurzer Zeit zu einem Kollaps der meisten Lebensformen der Erde führen.

Wenn es aber gelänge, dass sich ein großer Teil der Menschheit den Ideologien von Krieg, Gewalt und Ausbeutung verweigerte, und stattdessen beginnt, über die Realisierung friedvoller, demokratischer, sozialer, nachhaltiger Utopien nachzudenken, würden den Profiteuren die Frontsoldaten ausgehen.

Die größte, und möglicherweise einzige Chance, den Kollaps des Lebens zu verhindern, wäre also, wenn die Mehrheit der Menschen nicht bei dem mitmachte, wozu sie kleine Minderheiten treiben. Und wenn stattdessen immer Menschen für Lebensperspektiven handelten. Für die eigenen Interessen und für die Sicherung der Grundbedürfnisse. Für die fundamentalen Rechte aller Menschen. Und für eine soziale Ökonomie der Selbstverwirklichung in Beziehungen.

Handlungsmöglichkeiten

Konvivialität (Zusammenleben)

Graphik Jäger 2026

Der Begriff wurde vor etwa fünfzig Jahren von dem Bremer Soziologen Ivan Illich vorgeschlagen. Er verstand darunter die Verfolgung einer Vision der Gestaltung ethisch orientierter Wertesysteme, die Personen und Institutionen übergeordnet sind. Also das, was bis heute der Politik und der Wirtschaft fehlt.

Philosoph:innen verstehen unter Konvivialität die Qualität von Interaktionen, Beziehungen, und Wechselwirkungen in verbindenden Systemen des Miteinanders.

Dieses soziale Zusammenleben sollte Vorrang haben, gegenüber materieller Gewinn- oder Konsumorientierung. Die Entfaltung der Menschen im Austausch mit anderen und im Einklang mit allem Lebenden, sollte oberstes Prinzip des Regierungshandelns sein.

Um solche Ideen keimen und wachsen zu lassen, schlug der amerikanische Philosoph Murray Bookchin 1991 vor, sich auf freie, unideologische, demokratische Netzwerkstrukturen zu setzen, die hauptsächlich eines fördern: Bildung in allen Lebensbereichen.

Freiheit bedeutete für Bookchin eine uneingeschränkte, für die Gesellschaft und Gesamtheit nutzvolle Beziehung, die nicht durch hierarchische Dominanz oder Interventionen gestört werde. Daraus leitet er eine soziale Ökologie ab, die im Einklang stünde mit dem freien Fluss der Natur aller Lebewesen. Die Basis seiner ‚Ökologie der Freiheit‘ sei der ungehinderte Austausch von Beziehungen und Wechselwirkungen.

Er hoffte, die Qualität von Produkten und Leistungen werde an Bedeutung gewinnen und Geld wieder zum Tauschmittel werden. Die Ökonomie des Wachstums auf Kosten des Gesamtsystems werde abgelöst werden durch die Qualität des gestaltenden Tuns. Das Geld verliere an Gestaltungsmacht.

Mouvement Utopia

Die französische Zukunfts-Bewegung (mouvementutopia.org) ist der Idee der Konvivialität verwandt, aber möglicherweise praxisorientierter: Vorrangig geht es um Diskussionen über direkte Bedarfe, Sorgen und Nöte der beteiligten Menschen.

Wie könnte eine bewohnbare Welt für alle Lebensformen aussehen? Wie erreichen wir Frieden? Foto: Jäger 2026

Utopia (oder ‚Buen Vivir‘: gutes Leben) ist weder ein Konzept noch eine Partei. Sondern ein Netzwerk der Diskurse, das Kreativität und Innovation anregt, und Lernen in jeder Form einbezieht. Die Bewegung hat zum Ziel, neue Gestaltungsräume zu eröffnen, ohne sich auf eine Ideologie festzulegen. Sie ist offen für lebensbejahende, friedvolle Philosophien.

Gefördert werden alle Aspekte des Lebens und des Glücks in Beziehungen.

Utopia entstand aus der Erkenntnis, dass die wesentliche Ursache unserer Misere die Ideologie des unbegrenzten materiellen Wachstums ist, und zugleich der Niedergang übergeordneter ethischer Grundwerte.

Also sollten die Leistungen eines gesellschaftlichen Netz- und Sinn- und Beziehungssystems dazu dienen, Politik und Wirtschaft in eine Form zu überführen, die dem Gemeinwohl dient. Die also allen Aspekten des Lebenden untergeordnet ist.

Mouvement Utopia gründeten 1999 junge Mitglieder sozialistischer Parteien in Frankreich. Beinflusst wurde sie u. a. von dem Philosophen Edgar Morin. 2005 beteiligten sich auch Teile der französischen Grünen. 2008 entstand ein erstes Manifest der Zusammenarbeit mit der allgemeinen Linksbewegung in Frankreich. 2015 begann die Ausweitung auf weitere französisch sprechende Staaten, wie Haiti, Tunesien, Burkina Faso u.a..

Und in Deutschland?

Eine dem Mouvement-Utopia vergleichbare Bewegung in Deutschland war die Agenda 21. Allerdings war sie weitaus harmloser, weil sie sich hütete, die Systemfrage zu stellen.

Die Agenda 21 entstand, weil auf einer Weltumweltkonferenz (Rio 1992) beschlossen wurde, angesichts der Krankheitssymptome der Biosphäre zu handeln. Das Zeitalter des Menschen werde erdgeschichtlich sehr kurz sein, wenn sich das Verhalten unserer Gattung nicht einschneidend ändere. Die Agenda-Initiative löste vorübergehend in vielen Ländern eine Aufbruchsstimmung aus. Sie wurde im Wesentlichen von ehrenamtlichem Engagement getragen, um das Ökosystem der Erde zu retten.

An anfänglichen Erfolgen wurde die Agenda 21 in Deutschland von einer „rot-grünen“ Regierung abgewürgt. Überlegungen zur Nachhaltigkeit wurden ersetzt durch Strukturreformen zur Begünstigung des Wirtschaftswachstums, durch die Agenda 2010.

Statt die Welt vor dem Umwelt-Kollaps zu retten, sollte jetzt „Deutschland bis zum Ende des Jahrzehnts bei Wohlstand und Arbeit wieder an die Spitze“ gebracht werden (Zitat: Schröder 2003). Der Begriff „Umweltkatastrophe“ verschwand aus den Medien und wurde durch den Teilaspekt „Klima“ ersetzt. Denn (im Gegensatz zu „Artenschutz“, schien die Beeinflussung dieses Teilproblems mit „profitorientiertem, grünem, modernen, digitalem“ Wachstum vereinbar zu sein.

Nachdem der zarte Aufbruch nachhaltigen Denkens beseitigt worden war, spielte er in den folgenden Wahlkämpfen keine Rolle mehr. Besonders seit 2020 ist den meisten Politiker:innen „nachhaltig gutes Leben“ fremd, weil sie kurzfristig Wichtigeres erledigen müssen: für Wachstum und Rüstung sorgen.

Auch die Sustainable Development Gogals (SDG’s) (die der Agenda 21 folgten) werden, wie viele andere Programme dieser Art, das gleiche Schicksal erleben. Sie werden weitgehend folgenlos enden. Denn die gewinnorientierte Wachstumsdynamik (das SDG-Ziel Nr. 8) wird alle internationalen Konferenzbeschlüsse wegfegen.

Daraus ergibt sich die Grundsatzfrage, wie der Menschheit trotzdem noch eine überfällige Transformation gelingen könnte.

„Das Wachstumszeitalter geht zu Ende.“ (BUND 2026) – aber dass in diesem Zusammenhang „immer öfter von einer Zeitenwende die Rede“ sei, trifft leider nicht zu. Denn der Begriff „Zeitenwende“ (wie zuvor Wumms, Bazooka, Doppel-Wumms) bedeutet in der Realität das Gegenteil: eine massive Umverteilung öffentlicher Mittel in die Produktion nicht nachhaltiger Industriegüter, Finanztransaktionen und Kriegsvorbereitungen. Die berechtigten Forderungen des BUND (Ressourcenressourcenschutz) sind gut gemeint, werden aber angesichts von drohender Rezession und Aufrüstung kein Gehör finden.

Wie also könnte eine Transformation durch eine friedvolle, demokratische Strategie gelingen?  

Ich teile die Erfahrungen der Kollegen Büscher und Fletscher aus der Entwicklungszusammenarbeit (s. Lit.). Sie halten es für nötig und überfällig, die Übel „radikal“ (an der Wurzel) zu erkennen, zu benennen und zu verändern: 

  • Die profitorientierte Wachstumsordnung (auch wenn sie grün- oder modern getüncht wird) ist eines der Grundübel. Dieses System der Geldvermehrung (bei dem einem Produkt nur die Beliebigkeit eines Tauschmittels zukommt) wuchert seit 400 Jahren und würde kollabieren, wenn sie nicht mehr wachsen könnte. Das geschieht möglicherweise im Kollaps der Biosphäre. Es sei denn, es gelänge, es durch eine  stärkere, übergeordnete (ethisch orientierte) Macht zu kontrollieren.
  • Dringend ist auch eine Kontrolle von nicht-produktbezogener Geldvermehrung (Finanzfeudalismus, KI‑Konzerne). Also die Einordnung der modernen Variante der Geldproduktion ohne Waren oder materiellen Gegenwert in ein übergeordnetes Wertesystem.
  • Vor allem müssen Kriege und Kriegsvorbereitung beendet werden. Sie verursachen die größten Umweltschäden. Und könnten zugleich das endgültige Aus höherwertiger Lebensformen auf der Erde bedeuten.

So wie in Frankreich könnten auch Umweltverbände in Deutschland sozial-ökologische Bewegungen anstoßen und Bildungsinitiativen einleiten (BUND Sozial-Ökologische Transformation). Denn es liegt eindeutig im Interesse der großen Mehrheit der Bevölkerung, gut zusammenzuleben, und sich deshalb Wachstums- und Kriegspropaganda, die nur wenigen nützt, zu verweigern.

Folglich könnten überall in Schulen, Universitäten und Umweltverbänden Diskussionen angeregt werden,wie es uns gelingen könnte, besser zu leben, anstatt absehbar abzusterben. 

Dabei ginge es nicht um Verzicht („für den Umweltschutz“), sondern im Gegenteil um Lebenslust und Lebenssehnsucht nach einem erfüllten Sein, in und mit der Natur. Also nicht gegen etwas, sondern für die Verwirklichung lebenswerter Utopien.

Die großen Umweltzerstörer besitzen das höhere Macht- und Gewaltpotenzial. Aber ihre große Schwäche besteht darin, dass sie keine positiven, langfristigen, nachhaltigen, sinnvollen Zukunftsvisionen mehr zu bieten haben.

Zwar erreichen die vielen Handlungsansätze für ein lebenswertes Leben bisher nur relativ kleine Bevölkerungsgruppen. Noch gleichen sie Keimen, aus denen sich etwas entwickeln könnte.

Literatur und Links zu Handlungsansätzen

Philosophen

Kovialistische Manifeste (deutsch)

Movement Utopia (französisch)

BUND e.V.

Ressourcenschutz (Kurz- und Langfassung)

Soziale Dimension von Umwelt- und Naturschutz

Umweltwissenschaft

Bram Büscher, Robert Fletscher:

Sozialwissenschaft

Klaus Moegling

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The future lies not in the hands of political thugs and killers, of dictators and megalomaniacs, but in the hands of ordinary people everywhere. It depends on millions upon millions of individual daily acts of kindness, selflessness, faith and courage. So don’t lose heart. Keep your eyes open. Unblock your ears. And don’t look down! The Guardian, 06.09.2026

Letzte Aktualisierung: 14.09.2026