Friedensgefahr
Ein drohender Ausbruch von Frieden gefährdet den Krieg.
Friede oder Gesundheit können hochgefährlich sein. Für die, die am Krieg oder an der Krankheitsbekämpfung verdienen.
Jeder abrupte Stillstand (nach starker Bewegung) verursacht Schäden. Menschen und Tiere erkranken deshalb selten während starker Belastungen. Ihr Immunsystem versagt oft erst nach dem Stress, in der Erholungsphase. (van Heck 2007)
Der Grund dafür ist einfach: Stress ist die Folge einer Aktivierung angesichts existenzieller Bedrohung. Alle Körperzellen stellen sich dann auf Kampf oder Flucht ein, durch
- Nervensignale (Sympathikus und das Stammhirn) und
- die Ausschüttung von Botenstoffen (Adrenalin, Cortison, Dopamin und ggf. auch durch Endorphine).
Ist dann die Gefahr beseitigt, der Sieg errungen oder eine Rettung erfolgt, sinken die Hormonspiegel radikal ab. Dann können die Körperrhythmen entgleisen, und Immunzellen beginnen in großer Wirrnis alles Mögliche anzugreifen.
Chronischem Stress folgen viele körperliche und psychische Erkrankungen. Erste, oft dramatische Anzeichen dafür zeigen sich gerade während einer Phase der Erschlaffung. Im Rückzug in den Whirlpool, um sich für das Weiterstrampeln im Hamsterrad zu erholen.

Ernste menschliche Krisen
Es beginnt mit Informationen, die nicht verstanden werden. Das führt zu Unsicherheit. Noch mehr unklare Informationen lösen erst Sorge und dann Angst aus.
Wenn die Verunsicherung zunimmt, folgen Stress, Panik oder Schockstarre.
Jetzt müssen alle verfügbaren Kräfte mobilisiert werden, um in einen Krieg zu ziehen.
Gegen
- ein äußeres Problem,
- das Böse,
- einen Feind.
Es ist die große Stunde für Unterstützer und die Verkäufer von Glaube, Munition und Hoffnung. Sie versprechen, dass alles wieder gut werde. Die Euphorie steigt, je greifbarer das Ziel erscheint. Da es keine Alternative gibt, werden Kollateralschäden in Kauf genommen. Und wenn es nicht sofort klappt, wird leidenschaftlich „mehr desselben“ getan, mit immer größerer Anstrengung. Bis der Gipfel erreicht ist.
Und dann?
Dann wird es gefährlich. Denn jetzt droht ein Absturz. Besonders wenn alle Mühen umsonst waren, und der Krieg mehr Probleme hinterlassen hat, als er hätte beseitigen können.
Die zweite Talfahrt in der Achterbahn ist wesentlich dramatischer als die erste. Denn jetzt sind alle Kräfte aufgezehrt. Je stärker der Wahn des angeblich nahen Endsieges war, desto heftiger der unvermeidliche Aufschlag auf dem Boden der Realität.
Jetzt bleibt nur noch: akzeptieren, trauern, neu denken, sich vorsichtig anders verhalten und sich mit dem Schicksal versöhnen. Also Frieden finden.
Oder Verzweiflung überspielen und Suchtverhalten entwickeln. Dann kehrt sich die Logik um:
- Zuvor war Stress nötig, um ein Ziel jenseits von Bedrohung zu erreichen (z. B. ein sorgloses Leben).
- Jetzt sind neue Ziele nötig, um den Dopamin- oder Endorphin-Kick des Dauerstresses zu sichern: Reichtum muss zu mehr Reichtum, Konsum zu mehr Konsum und Risiko zu noch mehr Risiko führen.
Menschliche Gesellschaften beruhen auf psychologischen Verhaltensweisen. Daher ist es naheliegend, ähnlicher Dynamik in großen Zusammenhängen nachzuspüren:
Suchtverhalten und Krieg im Kapitalismus
Der Kapitalismus, den fromme Händler Anfang des 17. Jahrhunderts u. a. in Amsterdam und London erfanden, ist ein klassisches Suchtsystem: Geld ist dazu da, um sich (durch Raub und Ausbeutung) zu vermehren. Es dient primär weder einer Bedürfnisbefriedigung noch nachhaltiger Entwicklung. Es soll nur die Voraussetzungen schaffen für die Vermehrung von noch mehr Geld. So wie im Fußball jeder Sieg (der durch höchsten Körpereinsatz erkauft wurde) nur dazu dienen kann, in der Hierarchie immer neuer Kämpfe nach oben zu klettern, bis (zwangsläufig) der körperliche Zerfallsprozess einsetzen wird.
Krebsartig wachsende Systeme benötigen Kriege, um sich abzusichern und Ressourcen für weiteres Wachstum zu erschließen. Dem dienten Kolonialismus, Imperialismus, Faschismus, Neoliberalismus, Globalismus oder das neue „Make us great again“.
Frieden (im Inneren und Außen) bedeutete dagegen das Ende der einfachen Profitaussichten.

2008 schlidderte dieses Suchtsystem in eine seiner größten Krisen. (Engelbrecht 2018) Durch Umschichtung öffentlicher Gelder in die Bankenrettung konnte es noch einmal stabilisiert werden. Bis zur nächsten, heftigen Finanzkrise, ab September 2019. (Anbill 2020, Gopinath 2019)
Dieses Mal gefolgt durch eine gewaltige Aufblähung der öffentlichen Ausgaben, in den USA von 1 auf 3,7 Trillionen US-$ (CRFB 2024) Auch in Deutschland wurde mit Wumms, Bazooka, Doppel-Wumms und ähnlichen Kanzlersprüchen Milliarden im Krieg gegen ein Virus in private Unternehmen gepustet.
Bevor es danach zu einem Nachdenken oder gar zu Frieden hätte kommen können, bot sich der nächste Krieg an. Dieses Mal waren und sind die verpulverten und verschossenen Summen noch wesentlich gewaltiger.
„In der Rüstungsindustrie herrscht Goldgräberstimmung. … Die 100 größten Waffenproduzenten der Welt steigerten ihre Erlöse … im Jahr 2024 um währungsbereinigte 5,9 Prozent. Zusammen kamen sie auf einen Umsatz von rund 679 Milliarden US-Dollar – den höchsten Wert, der jemals verzeichnet wurde.“ Zitat: BZ 01.12.2025.)
Ein Manager des globalen Investors VanEck empfiehlt profitable Anlagen in die Rüstungsindustrie auch aus moralischen Gründen, denn sie seien „ein Beitrag zum Frieden inmitten zunehmender Instabilität“. (Van Eck 19.11.2025)

Was tun, wenn jetzt diese sprudelnden Finanzquellen aus den „Sondervermögen“ der „Zeitenwende“ versiegen würden, weil sich eine europäische (oder gar weltweite) Sicherheitsordnung ankündigte? Würde die Wachstumsblase dann platzen? Das wäre nicht auszudenken.
Angesichts der (unrealistischen) Katastrophe, dass ein Frieden ausbrechen könnte, forderte deshalb der französische General Mandon, in einer Rede vor Bürgermeistern, mehr als bloße „Kriegstüchtigkeit bis 2029“. Vielmehr müssten wir schon jetzt bereit sein, „unsere Kinder zu opfern“. (Le Point, Razom UA, beide 21.11.2025)
Wenn aber eine Gesellschaft ihre Kinder opfert, was bleibt ihr dann noch?