Ganzkörperbewegung nach Verletzung

Bild: Feuerwehr Tarmstedt, 06.09.2019

Bewegung kann man mit den Augen sehen und mit den Ohren hören, begreifen kann man sie nur, wenn man sie ausübt. Thun-Hohenstein

Manche Begegnungen mit der Realität wirken essentiell.

Nicht nur körperliche Strukturen sind dann verletzt: Das ganze System steht unter Schock.

Nicht nur geschädigtes Gewebe schmerzt. Eigentlich sind alle Funktionen der Organe, Muskeln und des Immunsystems gestört. Auch das Gehirn. Es kann das Geschehene nicht fassen, und die Einschränkungen der Beweglichkeit nur mühsam verkraften.

Immerhin kann ich noch etwas tippen. Das hatten viele nach dem Bild vom 06.06.2019 (siehe oben) nur wenige vermutet. Also überarbeitete ich, um ihn aufzufrischen einen alten Artikel.

Es reicht nicht, sich auf gestörten Teilfunktionen zu konzentrieren.

Diese Erkenntnis ist wahrscheinlich Jahrtausende alt. Systematisch angewandt wurde sie bei der Versorgung von Kriegsversehrten nach dem 1. Weltkrieg (Osten 1996)

Der Arzt Dr. Max Graf Thun-Hohenstein (1887-1935) hatte u.a. bei verletzten Pferden herausgefunden, dass diese schneller gesunden, wenn sie in ihren natürlichen Gangarten trainiert werden: in Schritt, Galopp und Trab. In seiner rhythmischen Bewegungstherapie für Kriegsversehrte bezog er deshalb alle Körperfunktion ein. Und verfeinerte sein Rhythmustraining, um das Gefühl für den ganzen Körper zu verbessern und Selbstvertrauen zu entwickeln. (Weywar 1996).

Alois Weywar, ein Physiotherapeut und Schüler von Thun-Hohenstein, strukturierte und perfektionierte dieses Übungssystem weiter. Er vermutete, das Menschen genetisch Fortbewegungsmuster in sich trügen, und so z.B. die Dreipunkttechnik des Galopps beim Skilaufen nutzen würden.

Aber natürlich seien Menschen aufgerichte Läufer und Werfer: Ihre natürlichen Grundgangarten Gehen, Laufen und Hüpfen, würden bei Verletzung in ihrer Rhythmik gestört, und müssten daher wieder sorgsam als Ganzkörperfunktion traniert werden. (Weywar 1996)

Beim Laufen wirken wir leichtfüßig springend oder hüpfend der Schwerkraft entgegen. Dabei wird Bewegungsenergie benutzt, um elastische Strukturen aufzuladen und wieder zu entspannen. Beim Werfen wird die Schwerkraft genutzt, um die Faszienzüge vom Fuß bis zum Arm aufzudehnen, und um diese Spannung genau im entscheidenden Augenblick vorschnellen zu lassen. Das geschieht aber nicht gleichzeitig: Die Bewegungsrhythmus der Diagonaldynamik des Laufens muss genau im richtigen Moment in die Passmotorik des Werfens übergehen.

Wenn bei aufeinander abgestimmten Diagonal- und Passbewegungen der Extremitäten beide Großhirnhälften genau zusammenwirken, entsteht (vielleicht wieder) Bewegungsfluss, Eleganz und Gewandtheit.

Bei körperlich und psychisch traumatisierten Menschen ist nicht nur die Bewegungskoordination gestört. Auch alle Gehirnbereiche, und nicht nur eine eingeschränkte Teilfunktion, müssen deshalb trainiert werden. Am besten durch einen rhythmischen Bewegungsfluss. Z.B. hat sich bei der Abheilung psychischer Traumen die Harmonisierung von Augenbewegungen als heilsam erwiesen (Zimmermann 2007, Richardson 2010).

Deshalb übe ich jetzt u.a. folgendes

Augenbewegungen:

  • Nach links oben, links unten, rechts oben und rechts unten schauen und verweilen
  • Es fließen lassen, als ob vor den Augen eine große Acht in die Luft gemalt wäre
  • Augen schließen und nachspüren

Gangarten (mit Schulterkrücken):

  • Diagonal-Zweitakt: Arm (Krücke) und gegenüberliegende Bein bewegen sich gleichzeitig
  • Diagonal-Viertakt: Erst bewegt sich ein Krücke, dann das gegenüberliegende Bein, dann die andere Krücke …
  • Pass-Zweitakt: Ein Arm und das gleichseitige Bein bewegen sich gleichzeitig (Stechschritt)
  • Pass-Viertakt: Erst bewegt sich ein Krücke, dann das gleichseitige Bein, dann die andere Krücke …

Vielleicht gelingen dann später weitere z.Z. verdrängte Gangarten: Galopp (Dreitakt) oder Trab (Hüpfen). Vielleicht sogar Tölt?

Da ich das Glück habe, alleine zu liegen, kann ich zusätzlich noch obertönen und brummen, und vieles andere tun, was sich gut anfühlt.

Lass dich. Das is dein Bestes. Eckhart von Hochheim (13. Jhh)

Verletzung
Zögerliches Gehen (Bild: J. Falkenberg)

Mehr

Literatur:

  • Osten P: Keine Wohltat, sondern Arbeit für verkrüppelte Krieger. Die medizinische Versorgung von Kriegsversehrten im Ersten Weltkrieg. Deutsches Ärzteblatt 2014, 111(42):A 1790-94
  • Weywar, A: Gehen-Laufen-Werfen. Die angeborene Fortbewegung des Menschen nach Dr. Max Thun-Hohenstein. Institut für Sportwissenschaft Salzburg 1996. Neu 2013
  • Zimmermann P, Biesold KH, Barre K, Lanczik M. Long-term course of post-traumatic stress disorder in German soldiers – effects of inpatient EMDR therapy and specific trauma characteristics in patients with non-combat-related PTSD. Military Medicine 2007; 172(5):456-460
Letzte Aktualisierung: 25.09.2019