Covid-19: Die Gefahr des Singens

Menschen unterscheiden sich von anderen Tieren …

… insbesondere durch die Fähigkeit zur sozialen Kommunikation. Wir sind „Zur Liebe fähige Tiere“ (Humberto Maturana).

Die Gemeinschaft mit anderen Menschen vermittelt uns Sicherheit. Wird der Grundbedarf Geborgenheit nicht erfüllt, entwickeln sich früher oder später Störungen und Krankheiten.

Wir kommunizieren durch

  • Körperlichen Ausdruck
  • Gestik und Berührung (besonders mit der Hand)
  • Mimik und Spiegeln der Mimik
  • Stimmbildung und auf Stimmen zuhören
  • Gemeinsam sprechen und singen.

„Die Gefahren des Singens werden überschätzt!“ (Faz.net 10.07.2020)

Ausdrucksvolle, unverstellte, international schlagartig-verständliche Mimik. Piraha 2016: https://www.youtube.com/watch?v=SHv3-U9VPAs – Mehr zu Piraha: https://daneverettbooks.com/

Unsere Möglichkeiten, mit anderen in eine direkte Verbindung zu treten, sind seit der Covid-19-Pandemie eingeschränkt. Menschen, die sich nach Beziehung und Verbindung sehnen, werden in die soziale Distanz gezwungen. Das (kulturell bei uns so wichtige) Händeschütteln ist untersagt. Umarmungen sind riskant und sollten unterbleiben. Die Mimik wird hinter Masken verborgen. Gefühle, die Basis emotionaler Intelligenz, werden nur eingeschränkt wahrgenommen und gespiegelt.

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder,
böse Menschen haben keinen Lieder.
Johann Gottfried Seume

Singen gilt als besonders gefährlich. Warum eigentlich?

Einige Politiker*innen reden davon, Singen in Chören solle erst als eine der letzten „Lockerungs-Übungen“ wieder erlaubt werden. In einigen Jahren vielleicht? Wird dieser massive kulturelle Eingriff bei Kindern bis dahin bleibende Verhaltensänderungen ausgelöst haben?

Beim Singen bestehe eine größere Gefahr Viren zu übertragen, als beim Sprechen oder beim Händeschütteln. Scheinbar belegt wird diese Annahme durch einen Ausbruch von Covid-19 Infektionen in einem amerikanischen Chor. (Hammer 2020) Allerdings konnte in dieser Studie nicht nachgewiesen werden, ob die Virusübertragung tatsächlich während des Singens und nicht im Rahmen anderer sozialer Kontakte stattfand.

Viren wie SARS-CoV-2 können in der Atemluft durch Tropfen (größer 5µm) oder durch Aerosole (kleiner 5 µm) übertragen werden. Aerosole schweben länger in der Luft und verteilen sich in schlecht belüfteten Räumen. Sie werden auch durch Klimaanlagen übertragen, während Tropfen meist innerhalb von 1,5-2 Metern zu Boden fallen und vertrocknen.

Humspeech: Eine Urform des Singens. Großmutter und Enkel: ganz ohne Mundschutz. Der Mund ist am Oberkiefer aufgesetzt: Die Lautgebung erreicht direkt über die Knochenleitung das Mittelohr. Dort wird ein Reflexbogen ausgelöst. Der bewirkt tiefe Beruhigung. Kinder die ein solches Intensiv-Training genossen haben, brauchen nichts zu fürchten. Denn sie können später, den stark gebahnten, Beruhigungs-Reflex selber triggern. Vielleicht wird dabei dann auch ein wenig vor sich hingebrummt, wenn man dem Leoparden gegenüber steht. Piraha 2016: https://www.youtube.com/watch?v=baf2fDD2pI4 – Mehr zu Piraha: https://daneverettbooks.com/

Das Virus SARS-CoV-2 stirb außerhalb von Menschen oder Tieren schnell ab. Allein wegen SARS-CoV-2 ist, im Gegensatz zu multiresistenten Bakterien, eigentlich keine Raumdesinfektion erforderlich. Auch die Kontamination an einer Türklinke ist theoretisch nur möglich, wenn diese von einem Infizierten mit voll-geniester Hand berührt würde, Sekunden später von einer anderen Person und diese sich dann unmittelbar darauf die Augen reiben oder den Finger zum Mund führen würde.

Eine Tröpfcheninfektion mit SARS-CoV-2 ist also bei entsprechenden Abstandsregeln nicht wahrscheinlich. Aerosole könnten zwar im Luftraum weitergetragen werden, aber sie entstehen in tieferen Lungenpartien, z.B. bei Kranken, die heftig husten.

Viele Menschen könnten aber infiziert sein und keine Krankheitserscheinungen zeigen, während sie Viren im Mund-Rachen-Raum ausscheiden. (Wölfel 2020) Von diesen beschwerdefreien Personen geht wahrscheinlich kein oder nur ein geringes Risiko aus, da sie nicht husten und in ihren tiefen Lungenanteilen keine oder kaum Aerosole produzieren.

Eine absolute Gewissheit kann es aber nicht geben. (SD 13.05.2020) Zumal auch beim normalen Sprechen Aerosole entstehen, die minutenlang in der Luft schweben können. (Stadnytskyi 2020)

Sollte die Menschheit also auf das Sprechen und das Singen verzichten?

In einer Kultur ohne Singen aufzuwachsen, wäre besonders nachteilig für die Entwicklung von Kleinkindern. Denn ein wesentlicher Teil ihrer Nervenausstattung ist noch unreif. Sie müssen durch Training ihrer essenziellen Nerven lernen, angesichts äußerer Belastungen, ihre Herz-Kreislauf-Funktion, die Atmung und auch das Immun-System zu beruhigen.

Kurz vor der Geburt sind sie in der Lage angesichts einer starken Belastung alle Eigenaktivität einzustellen (Tauchreflex). Werden sie dann reif und gesund geboren, können sie selbstbewusst protestieren und sich wehren.

Sie sind aber (noch) nicht in der Lage sich alleine zu beruhigen. Denn die dafür notwendigen Nerven können noch nicht genutzt werden. Neugeborene benötigen daher eine intensive Bindung. Diese innige Beziehung (Bonding) wird u.a. durch Hautkontakt, Geruch und Stimmbildung vermittelt. Rhythmisches Summen, Sprechen oder Singen haben dabei eine herausragende Wirkung auf das Hirn- und das Immuntraining des Kindes:

Im menschlichen Mittelohr befinden sich (wie bei allen höheren Säugetieren) zwei Muskeln. Deren Aktivität sorgt dafür, dass sie nur die Schwingungen im Bereich vertrauter Stimme wahrnehmen (Borg 1989). Sie werden von Nerven versorgt, die reflexhaft  mit Hirnfunktionen verbunden sind, die Stressreaktionen dämpfen. Beide gehören zu den so genannten Kiemenbogen-Nerven, die Säugetiere bei ihrer sozialen Kommunikation nutzen. Beim Menschen versorgen diese Nerven die Muskulatur des Gesichtes, die Empfindlichkeit von Gesichts- und Kopfhaut, die Feineinstellung des Halses, den Kehlkopf, den Rachenraum und die Steuerung von Herz, Atmung und dem autonomen Nervensystem.

Direkt beeinflusst wird die Aktivität dieser Kiemenbogen-Nerven durch das Neurohormon Oxytocin, das schon bei Kleinsäugetieren im Mittelhirn ausgeschüttet wird, wenn ihre Babys Pieps-Laute von sich geben. Mama hört dann das in dieser Situation Wesentliche und kann das Geschnatter anderer Nervenzellen in sich dämpfen (Shen 2015). Das Hormon hilft dabei, Reizüberflutungen einzugrenzen, um sich auf essentielle, soziale Beziehung konzentrieren zu können. Es regt über die Funktion der Kiemen-Bogennerven an, die Herz- und Atemfunktion ruhiger, belastbarer und flexibler zu gestalten. (Porges 2014)

Kinder die genau zuhören, oder mitsingen, hören vergleichsweise wenig. Denn sie lauschen nur auf den Frequenzbereich der vertrauten menschlichen Stimme. Das entspannt sie:

Kaum gibt sich ein Kind dem vertrauten Schlaflied der Oma hin, fühlt es sich wohlbehütet. Und schläft selig ein.

Graphiken: Borg Scientific American 1989. Bild: Jäger 2019

Schlussfolgerung:

Singen hat eine herausragende Bedeutung für die Stabilisierung elementarer menschlicher Funktion. Das gilt besonders für Neugeborene, Kleinkinder, Heranwachsende und Jugendliche. Diese Funktionen müssen durch die Gesellschaft gefördert und gepflegt werden.

Dem gegenüber ist das Risiko einer Virusinfektion beim Singen vermutlich sehr klein. Es betrifft Kinder und junge Menschen nicht, da Covid-19 bei diesen meisten unbemerkt und folgenlos bleibt. Auch bei älteren und alten Menschen wirkt sich Singen positiv auf den anti-inflammatorischen Reflex des Vagus-Nerven aus, der das Immunsystem besänftigt. Folglich sollte auch in Altenheimen gesungen werden.

Je früher aus Kindergärten, Schulen, Freizeiten, Vereinen, Chören wieder Lieder ertönen, desto besser. Der Schaden den Nicht-Singen anrichtet, ist unkalkulierbar hoch und wirkt lange nach.

Mehr

Literatur

  • Borg E et al: The Middle-Ear Muscles. Scientific American August 1989, 74-80
  • Hammer l et al: High SARS-CoV-2 Attack Rate Following Exposure at a Choir Practice – Skagit County, Washington, March 2020. MMWR 2020 May 15; 69(19):606-610 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/32407303
  • Porges SW et al.: (2014). Reducing auditory hypersensitivities in autistic spectrum disorder: Preliminary findings evaluating the listening project protocol.Front ediatr. 2014; 2: 80., Porges ST: The Polyvagal Perspective Biol Psychol. 2007, 74(2): 116–143. – Web-Site: Stephan Porges
  • Shen H Neuroscience: The hard science of oxytocin, Nature 24. Juni 2015, 522:4110-12
  • Stadnytskyi R: The airborne lifetime of small speech droplets and their potential importance in SARS-CoV-2 transmission. PNAS 13.05.2020
  • Wölfel R: Virological assessment of hospitalized cases of Covid-19 https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.03.05.20030502v1.full.pdf

Letzte Aktualisierung: 13.07.2020