1. Home
  2. /
  3. Blog
  4. /
  5. Gerade jetzt: Kreativ denken!

Gerade jetzt: Kreativ denken!

Die meisten denken geradeaus.

Besonders Deutsche denken nicht gerne „um die Ecke“.

Aber noch bis 2019 betrieben pfiffige Unternehmerberatungen „Veränderungs-Management“:
Und suchten dafür aktiv nach „Querdenkern“:

Kongressankündigung Evensi: „Im November 2019 feiern wir wieder drei Tage Innovation, Co-Creation und gemeinsames Querdenken: beim 10. Querdenker Kongress in München! Auch in diesem Jahr treffen sich wieder über 400 Experten, Entscheider, Forscher und Denker um das Thema ethik. ökonomie. technik. zu diskutieren. Beim größten Insider-Treffen und Zukunftsgipfel aller Innovationspioniere  … lernen Sie Zukunftspioniere unterschiedlichster Branchen kennen und vergrößern Sie Ihr Netzwerk mit außergewöhnlichen neuen Kontakten. …“

Bürokraten, Politiker, Militärs, Mediziner, Dogmatiker, Fanatiker und Projektleiter (besonders männliche) mögen keine Querdenker:innen.

Gerade Männer schätzen oft leitlinengerechte „zielorientierte Projektplanungen“ (ZOPP). ZOPP untersucht, testet und beschreibt Probleme. Eine verwirrend veränderliche Gesamtsituation wird auf eine Diagnose zusammengedampft: Aus einem komplexen Zusammenhang (Mensch) wird ein handhabbarer Einzelfaktor (Gallenblasenentzündung).

„Lineares oder vertikales“ Denkens folgt einer Richtung, in die es sich bewegen kann.
Einzelnes wird analysiert um an Stellschrauben zu drehen. Graphik Jäger, Bild Jäger Jemen 1996

Ein Problem, dass einmal benannt wurde (Gallenstein), muss nur noch umformuliert werden: Und schon hat man das Ziel. Denn es ist nichts weiter als das Gegenteil des Problems („Kein Gallenstein“).

Hat man, mit ZOPP, die Ursache des Problems („Bauchschmerz“) eindeutig erkannt, kann man zielgenau handeln („Gallenblase entfernen“). Und anschließend messen, ob es besser geworden ist. Wenn nicht, besteht ein neues Problem. Auch das kann dann diagnostiziert, bekämpft und beseitigt werden. Diese ZOPP-Weiterentwicklung nennt man „Project Cycle Management“. Im Prinzip bedeutet auch „PCR“: „immer mehr desselben“: Nur immer wieder neu, auf einer „anderen Ebene“ und mit leichten Veränderungen.

Belangloses wird ausgeschlossen. Jeder einzelne Schritt ist folgerichtig. Die Realität wird in Kategorien, Klassifizierungen und Kennmarken eingeteilt. Man kennt das, was sich in der Vergangenheit immer bewährt hat und schlägt den wahrscheinlichsten und erfolgreichsten Weg ein, um ein Problem zu beseitigen und ein Ziel zu erreichen.

Wenn durch ZOPP und PCM die Probleme nicht verschwinden, muss man heftiger vorgehen: Mit noch mehr Kraft und Entschlossenheit. (Problem-Trance / Projektitis)

„Über Probleme reden schafft Probleme. Über Lösungen: Lösungen.“

Zitat: deShazer

„Probleme sind nicht dazu da, um sie zu lösen.“ Philippinisch

1967 beschrieb der Kommunikationswissenschaftler Eduard de Bono, dass man „nicht-linear“, „um die Ecke“, „lateral“ oder „quer“ denken könne. Denn der kürzeste Denk-Weg zum Ziel sei nicht unbedingt der beste. Weil er auf eingebrannten Mustern beruhe, die sich in der Vergangenheit bewährt haben: Beim Denken sei es wichtig, neben dem erlernten, auch erfahrenes Wissen zuzulassen. Und in Beziehungen, Wechselwirkungen, Sprüngen, intuitiv und vernetzt zu denken. Damit neue, überraschende Sichtweisen und Handlungsmuster entstehen können.

Querdenkende handeln schöpferisch und am Prozess interessiert. Sie probieren aus. Sie machen Fehler, und lernen daraus. Nicht jeder ihrer Schritte muss richtig sein. Sie nehmen Sprünge wahr. Sie akzeptieren und begrüßen, was sich zufällig aufdrängt. Sie legen sich nicht fest. Sie erforschen unwahrscheinliche Wege und freuen sich des Weges.

Erstaunlicherweise erreichen solche Menschen oft erstaunlich viel: Aber nur selten genau das ursprünglich anvisierte Ziel:

„Diese Art zu denken, nenne ich „Laterales Denken“: die Fähigkeit, aus dem Gefängnis der alten Ideen auszubrechen und neue zu entwickeln.“ De Bono

Im Prinzip führt „um die Ecke denken“ dazu, weniger von dem zu tun, was schon immer getan wurde. Und stattdessen mehr „Anderes“ zu erdenken, zu ermöglichen und zu verwirklichen. Weniger an dem interessiert sein, was ist. Und dafür mehr an dem, was auch sein könnte.

„Linear und vertikal“ rechnend sind algorithmen-gesteuerte „Deep learning“-Programme den Menschen überlegen. Sie denken nicht. Sondern nudeln nur Statistiken durch. Menschentypisches Denken dagegen wäre „deep thinking“ (nachdenken und hinterfragen) und zugleich „deep feeling“ (fühlen und bewerten). Durch Verbunden-sein mit der Situation, wie sie ist. Und durch Begleitung der Eigendynamik, dessen, was geschieht: interessiert, innovativ und mit klarer Intention.

Querdenken: Grundlage wissenschaftlichen Handelns.

Der Physiker Hans-Peter Dürr (2029-2014) schrieb vor über einem Jahrzehnt, dass es zum nicht-linearen Anders-Denken keine Alternative mehr gäbe. Zumindest dann, wenn die Menschheit im Ökosystem der Erde überleben wolle.

Denn alles Lebendige sei durch einen labilen Schwebezustand gekennzeichnet, in dem sich alles kreativ, und nur in Grenzen vorhersehbar, entfaltet. Die Realität gleiche einer veränderlichen Gestalt, und keinesfalls einer Statik, die uns nur als Illusion von „Objekt und Materie“ erscheint. Gesunde, lebende Ökosystem „sind“ nicht. Sie „werden“: instabil balanciert, veränderlich, verletzlich, dynamisch, sich selbst erneuernd. Sie sind schützenswert.

„Die Zukunft ist im Wesentlichen offen, weil die Welt in jedem Augenblick neu erschaffen werde, vor dem Hintergrund wie sie vorher war. Die Zukunft wird gestaltet durch das was jetzt passiert sie hat den Charakter einer fortwährenden kreativen Entfaltung die Welt ereignet sich gewissermaßen in jedem Augenblick neu nach Maßgabe einer Möglichkeit Gestalt und nicht rein zufällig im Sinne von „anything goes“ H.-P. Dürr

Natur sei im Grund Verbundenheit. Wirklichkeit sei nicht dinglich.

„Es gibt streng genommen überhaupt keine Möglichkeit, die Welt in Teile aufzuteilen, weil alles mit allem zusammenhängt. Damit ist uns im Grunde die Basis entzogen, die Welt reduktionistisch verstehen zu wollen, also sie auseinanderzunehmen, nach ihren Bestandteilen zu fragen und diese dann in einer uns geeigneten erscheinen Form wieder zusammen zu kleben.“ H.P. Dürr

Es sei (so Dürr) wichtig, damit aufzuhören einzelne Probleme bekämpfen zu wollen, die sich aus unseren jeweiligen Vorstellungen, Annahmen und Modellen ergeben. Stattdessen sei es nötig, ein Gefühl für das Ganze zu entwickeln und für ökologische, soziale und menschlich-individuelle Nachhaltigkeit zu sorgen.

„Das bedeutet jedoch, dass die Nachhaltigkeit im Widerspruch steht zum Wirtschaftsparadigma der heute dominanten industriellen Zivilisation, die sich immer noch an einem ungehemmten materiellen Wachstum orientiert, obwohl die Gegenwart zeigt, wie wenig solide und zukunftsfähig dieses Paradigma ist. Um die offensichtliche und notwendige um Steuerung zu erreichen, sind einschneidende Änderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Spielregeln nötig. Deshalb steht die menschliche Gesellschaft vor der existenziellen Herausforderung, die eskalierenden und nun brüchig werdenden materiellen Wachstumsprozesse durch geeignete Maßnahmen um zu lenken.“ H.P. Dürr

Aus der physikalischen Erkenntnis der Systemzusammenhänge ergibt sich, dass die Bekämpfung von Einzelproblemen („ein Keim, ein Umweltproblem“) keinen Sinn macht, wenn die Auswirkungen auf den Gesamtkontext nicht bedacht werden.

Dürr setzt seine Hoffnung auf die Zivilgesellschaft, die durch Bewusstwerdung eine radikal neue Einstellung gegenüber Politik und Wirtschaft erzwingen könne und müsse. Hoffnungsvoll schließt er, Wirklichkeit ist keine starre Realität, sondern voller Möglichkeiten um und in uns. Sie kann also (prinzipiell) von uns geändert und neugestaltet werden.

„Wenn wir alle die offene Wirklichkeit als Vision haben, dann wird es uns gemeinsam auch gelingen, diese lebendigere Welt zu verwirklichen.“ H.P. Dürr

Lineare Projektplanung in einem Projekt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.
Bild Jäger, Laos 2020

Kapitalismus in der Klemme

Kapitalistische Wirtschafts- und Finanzsysteme ohne Wachstum brechen zusammen. Weiteres ökonomisches Wachstum wird aber früher oder später zu einer ökologischen Ereigniskette führen, die die Evolution in eine neue Richtung lenken wird.

Mahnungen von Naturwissenschaftler:innen (wie uva Dürr) blieben weitgehend folgenlos. Im Gegenteil: das Weltwirtschaftswachstum der letzten Jahre übertrifft alles bisher in der Menscheitsgeschichte bekannte. Wir verbrauchen zurzeit die Ressourcen von mehreren Erden, obwohl uns nur eine zum Leben bleibt. Um diesen (prinzipiell unlösbarene) Widerspruch zu besänftigen, suchte man noch bis 2019 nach innovativen Ideen:

„Wieviel Ethik kann sich die Ökonomie der Zukunft im Spannungsfeld von Technisierung, Globalisierung und Digitalisierung leisten? Mit ethischem Unternehmertum, sozialer Raffinesse Ökonomie und technischer Raffinesse Zukunft gestalten!“ Flyer, 10. Querdenker-Kongress November 2019

Wenige Monate später galt „Querdenken“ dann plötzlich als suspekt und gefährlich. Etwas Hinterfragen klang plötzlich verdächtig nach Verschwörungstheorie, Irrsinn, Radikalismus und Fake News.

„Zweifel und Anders denken“ wurde verdrängt durch Angst, Glauben, Gehorchen und Hoffen. Wird aber der Bevölkerung, und besonders den Kindern, das kreative Denken ausgetrieben, verengt sich die geistige Beweglichkeit der Gesellschaft nur auf das Wesentliche: Mitmachen und Mitschwimmen. Damit vermindert sich die Innovations- und Konkurrenzfähigkeit (z.B. gegenüber Südostasien). Das müsste eigentlich den Kapitalinteressen im Westen widersprechen. Es sei denn man glaubte, Rechner seien zu schöpferischem Denken fähig.

Wie jede Religion, als Ansammlung von Ritualen und Dogmen, verfolgt auch das „Neue Normal“ seine querdenkenden Ketzer. Sie kann Druck und Zwang erzeugen um die Gesellschaft zusammenzuhalten, aber ihr fehlt eine Vision, eine Sehnsucht, die Menschen in eine sinnvolle Zukunft ziehen könnte.

Die gewaltigen Investitionen in Bekämpfungsstrategien (gegen Klimawandel, gegen Viren, gegen Schurkenstaaten) werden das jetzige Krisen-Chaos sicher noch einige Zeit stabilisieren. Aber „grünes, nachhaltiges“ Wachstum, Erreger-Ausrottungen und Militärstrategien, können nicht für friedvoll-balancierte Entwicklungen sorgen.

Eigentlich wäre gerade jetzt für den Kapiatlisus „Querdenken“ unverzichtbar. Das erforderte aber übergeordnete Werte, in deren Kontext neue Ideen einen Sinn ergeben könnten. Ethik spielt aber bei der Transformation des Kapitalismus (den sogenannten „Reset“ der Weltwirtschaftsordnung) keine (für mich) erkennbare Rolle mehr. Innovatives Denken und Handeln muss deshalb verdrängt werden, weil es (wie schon bei Dürr) die Systemfrage stellen muss. Wenn ihm aber kreatives Denken abhanden kommt, wie soll sich dann der westliche Kapitalismus regenerieren?

Die Lage, in der wir uns befinden, ist unübersichtlich.
Gerade jetzt, macht es viel Sinn, „um die Ecke“ zu denken.
Um Möglichkeiten zu entdecken, und um deren etwas Raum zu erweitern.

Vollständiger Artikel

Artikel , Literatur, Empfehlungen für kritisches Denken

Letzte Aktualisierung: 09.05.2021