Gesten

„Die Geste ist eine Bewegung des Körpers oder eines mit ihm verbundenen Werkzeuges für die es keine zufriedenstellende kausale Erklärung gibt.“ (Flusser)

Wird ein Arm, zum Beispiel nach Stich und einer heftigen Schmerzempfindung, wegbewegt, handelt es sich um einen Reflex. Und dem liegen klare kausale Verkettungen von Ursachen und Wirkungen zugrunde. Gesten dagegen sind körperliche Ausdrucksformen, die aus wesentlich komplexeren Zusammenhängen entstehen.

Verlegenheit, Bild: Jäger Tansania 1983

Gesten spiegeln eine Intension.

Spontane Gesten spiegeln im Körper den Wunsch herauszureichen und den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Sie sind in ihrer grundlegend-spontanen Formen unbewusst (Llinas).

Manchmal aber können sie während sie geschehen, wahrgenommen werden. Sie lassen sich aber nicht bewusst erzeugt werden, sondern lassen sich nur in ihrer Spontanität (mehr oder wenig linkisch) korrigieren oder unterdrücken. Deshalb lügen (spontane) Gesten nicht.

Spontane Gesten sind nichts Gesendetes. Sie gleichen einer Schwingung, die aus einer unwillkürlichen, zukunfts-gerichteten Absicht entsteht.

Bei der spontanen Geste gibt kein „Ich“, das etwas will, und kein Objekt, das etwas erleidet. Stattdessen entsteht eine Beziehung, aus deren Dynamik sich neue Möglichkeiten eröffnen. Gesten laden ein oder wehren ab.

Von der spontan-unbewussten zur bewusst-absichtsvollen Geste

Die Fähigkeit, mit einem Finger sehr klar und eindeutig auf etwas zu zeigen, ist menschentypisch. Anderen hochentwickelten Säugern fehlt diese geistig-körperliche Fähigkeit. Durch Gesten konnten unsere Vorfahren ihre Artgenossen auf ein Objekt verweisen, und dann deren Reaktion auf diesen Hinweis durch (verkörperte) Reaktionen wieder in sich spiegeln. Damit war es ihnen möglich geworden zu begreifen, dass es viele unterschiedliche Sichtweisen auf das Gleiche gibt. Möglicherweise entstanden so die ersten Worte aus gezeigten Befehlen: „Stein bearbeiten!“.

Gesten (ob spontan oder absichtsvoll) bilden so vermutlich eine der Grundlagen menschlicher Kommunikation.

Die Grundlage der Geste ist eine Gestimmtheit.

 „Gestimmtheit löst die Stimmungen aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus und lässt sie ästhetisch (formal) werden-in Form von Gesten.“ (Flusser)

Die Geste lädt einen Prozess mit Bedeutung auf. Nach einem Schmerz folgt eine Reflexantwort, die dann zu einer bedeutsamen Geste (z.B. der Abwehr) erweitert wird. Der Schmerz ist real und unmittelbar, die absichtsvolle Geste aber bedeutungsgeschwängert und kann übertrieben werden.

Die Geste des Lebens: Absichtslos tun. Bild: Jäger Laos 2018

Beispiel:Die Geste des Machens“ (nach Flusser)

Machen, Probleme lösen, die Welt auf das wesentliche beschränken und zielgenau das tun, was nötig ist zu tun, sind besonders menschentypische Eigenschaften, die anderen großen Affen wie den Gorillas völlig fehlen. Sie resultieren aus aus der Hochkompetenz unser Hände die Werkzeug halten, über den Daumenballen auf sie Kräfte übertragen, und die den sensorischen Erfahrungsraum tastend fühlend erweitern.

„Die Symmetrie unserer Hände ist so, dass man die linke Hand in eine vierte Dimension drehen müsste, um sie mit der rechten Hand in Übereinstimmung zu bringen. Da diese Dimension der Hände nicht wirklich zugänglich ist, sind sie dazu verurteilt, sich endlos zu spiegeln.“ (Flusser)

Die Entgegensetzung unserer beiden Hände sei (laut Flusser) eine der Bedingungen des Menschseins.

„Aber wir können eine Geste machen, durch welche die beiden Hände zu Übereinstimmung gelangen. .. Wir können versuchen, die beiden Hände in einem Hindernis, in einem Problem oder in einem Gegenstand konstruieren zu lassen. (Flusser)

Diese „volle“ Geste sei die Geste des Machens. Diese Geste drücke von zwei Seiten auf den Gegenstand, damit die beiden Hände einander treffen können. Unter diesem Druck ändere der Gegenstand seine Form, und diese neue Form, diese der gegenständlichen Welt ausgeprägte „Information“ sei eine der Weisen, die menschliche Grundverfassung zu überschreiten.

„Denn es ist eine Methode, die beiden Hände im Gegenstand zu Übereinstimmung zu bringen.“ (Flusser)

Um diese Geste zu beschreiben, benutzen wir Worte, wie „nehmen, greifen ergreifen begreifen, fassen, handeln, hervorbringen, erzeugen, handeln, behandeln“. Wir haben zwei Hände, die die Welt von unterschiedlichen Seiten her erfassen können, und durch dieses Betasten die Welt von und für uns wahrnehmbare begreifbarer fassbaren behandelbar machen.

„Wir umfassen die Welt nicht von acht Seiten wie ein Krake.“ (Flusser)

Dank der Symmetrie unserer in einem Gegensatz zueinander stehenden Hände ist die Welt für uns „dialektisch“. Deshalb habe die Welt für uns zwei Seiten, eine gute eine schlecht, eine schöne eine hässliche, eine klare eine dumme, eine rechte und eine linke, ein Yin und ein Yang. Deshalb könnten wir eine Ganzheit nur erfassen, als Kongruenz zweier Gegensätze diese Ganzheit zu erreichen ist das Ziel der Geste des Machen’s.

Die Geste des Machens tut der Welt Gewalt an.

Machen heißt tun und verändern. Wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein soll, kan sie neu gestalten und ihr unseren Willen aufzwingen. Bei der Geste des Machens steht die Behandlung des Objektes im Vordergrund. Es wird isoliert, behandelt, verändert. Im extremen führt die Geste des Machens zur Geste des Zerstörens. Das Objekt wird von einem lebenden in einem toten Zustand überführt. Es wird maximal entspannt ohnmächtig und in einem seiner Einzelteile zerlegt.

Aber die Geste des Machens könne auch in die Geste des Darreichens führen: in dem das gemachte in die Hände eines geliebten anderen übergeben wird. Oder das Machen vergehe in der Geste des Lebens, dem Verschwinden eines sich auflösen Wollens.

Literatur

  • Flusser V (1993): Gesten Versuch einer Phänomenologie, Bollmann Verlag Bensheim (pdf Download)
  • Linas R, Roy S (2009): The ‘prediction imperative’ as the basis for self-awareness, Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci.364(1521): 1301–1307. (pdf Download)

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Letzte Aktualisierung: 11.12.2019