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Gewalt und gegen Gewalt

Es herrscht Krieg.

In Europa wird wieder zurückgeschossen. Man pokert und zockt mit hohem Risiko. In den Medien schrumpft der zweijährige Krieg gegen ein Virus auf seine realistische Kleinheit. Der übergeordnete Krieg, den die Menschheit gerade gegen die Biosphäre führt, wird verdrängt.

Vor 2.500 Jahren glaubte Heraklit, der „Krieg sei der Vater aller Dinge“. Denn wirklich große Veränderungen entstünden immer aus dem Streit von Gegensatzpaaren. Einflussreiche Manager sehen das ganz ähnlich: aus den Kriegen des 21. Jahrhunderts sollen blühende Landschaften erwachsen (Gilles Moëc, AXA, 07.03.2022 ; Klaus Schwab, WEF 17.07.2020)

Langfristig setzen sich in der Evolution lebender Systeme allerdings immer die friedlichen Arten durch, die in der Lage sind, Beziehungen einzugehen und zu kooperieren.

Ärzt:innen gegen den Krieg. (IPPNW), Bild: Jäger, Hamburg, 14.03.2022, PM 15.03.2022: „IPPNW lehnt 100 Milliarden-Sofort-Aufrüstungsprogramm ab“PM 16.03.2022: „UN-Generalsekretär hält Atomkrieg für möglich“ Gemeinsame Erklärung ukrainischer und russischer Ärzt:innen der IPPNW 16.03.2022 — Sitzung d. Russ. Akad. d. Wissenschaften (u.a. Prof. Sergej Kolesnikov, IPPNW-Russland) und Zuschaltung Prof. James Muller, Harvard, IPPNW der USA: TextVideo Englisch ab 4.05

Gegen das Böse!

Die Guten wissen „Gott auf ihrer Seite“ (Brezinski 1979). Aber das reicht nicht. Sie müssen auch stärker, schneller, brutaler und trickreicher sein als der Feind.

Wer geradlinig-zielgenau Problembären erschlagen will, braucht wirksame Waffen.

Die einzigen Tiere, die ein Nachbar-Dorf ausrotten können, sind die Schimpansen. Mit starrem Blick auf die Gegner schlagen sie zu, bis die tot am Boden liegen.

Andere große Affen, wie die Gorillas, benutzen ihre großen Gehirne nur zur sozialen Kommunikation.

Unsere Gattung (Homo sapiens) steht den Schimpansen näher. Kriege führen, steckt in unserer Genetik. Aber unsere Intelligenz ist etwas höher als die der Schimpansen. Theoretisch könnten wir klüger handeln: Wir könnten z.B. versuchen, System-Zusammenhänge und Hintergründe zu verstehen.

„ … Putin ist einfach nichts heilig .. dabei scheint er selbst übernatürliche Kräfte zu besitzen. Ist es nicht unfassbar, wie schnell ihm die Gleichschaltung der öffentlichen Meinung auch bei uns gelang? Überall werden jetzt Pflugscharen zu Schwertern umgeschmiedet. … Wir rechnen angesichts des neuen Mainstream-Militarismus stündlich damit, dass in den Volkshochschulen Kurse zur soldatischen Grundausbildung angeboten werden …“ FAZ, 12.03.2022

Dazu müssten allerdings die ultraschnellen Reptilien-Reflexe des Stammhirns besänftigt werden: „Zubeißen“ oder „Wegtauchen“. Wir müssten, gerade in Gefahr, inne-halten und uns umschauen. Nachdenken, bevor wir etwas tun. Das Blickfeld weiten. Komplexe Realitäten, Wechselwirkungen und Möglichkeiten wahrnehmen.

Werden so gestörte Beziehungen verstanden, schrumpft die Bedeutung einzelner Feinde. Stattdessen werden die gruseligen Kollateralschäden bewusster, die infolge rabiater Kriegs-Maßnahmen entstehen.

Kriege sind nicht nur sinn-, sondern meist auch erfolglos. Beispiele:

  • Vor 900 Jahren ereignete sich ein relativ banaler Zwischenfall zwischen den friesischen Stämmen der Wangerländer und der Harlinger. Gewalt und Gegengewalt eskalierten. Man begann zu brandschatzen, zu plündern, Felder zu verwüsten, Ernten zu vernichten, zu morden und zu vergewaltigen. Erst dreißig Jahre später – „als beide Seiten völlig erschöpft waren, …“ – endete das sinnlose Gemetzel. (Kurowski 2009).
  • 1958 erklärte der chinesische Staat den Spatzen den Krieg: Denn „sie pickten den Menschen die Nahrung weg“. In relativ kurzer Zeit gelang es tatsächlich, die kleinen Vögel (und nebenbei noch viele andere) auszurotten. Diesem großartigen Sieg der Partei, folgte die ökologische Katastrophe: Eine Hungersnot (u.a. weil Heuschreckenschwärme die Ernten vernichteten).
  • 2001 begannen die USA ihren Krieg gegen den Terror in Afghanistan. 2017 sollte dann die „Mutter aller Bomben“ (MOAB) den Endsieg bringen. Und tatsächlich: Vier Jahre später endete der Krieg. Allerdings mit einer vollständigen Niederlage.

Kriege „gegen …“ sind sich gleich

Schlagzeilen der Rotenburger Kreiszeitung (1&2: Titelseite), vom 05.03.2022. Zitat aus dem Artikel im Innenteil: „Alle gegen Putin … Kaiser Wilhelm verkündete 1914: ‚Ich kenne keine Parteien mehr nur noch Deutsche.‘ … Der Historiker Röder (der JHU USA) meint … ‚Es gibt nichts Einigenderes als den äußeren Feind.‘ …“. Angsterzeugung ist st offenbar selbst angesichts des Super-Gaus noch wirksam. Der Gesundheitsminister versucht es so: “ … wir kommen in eine Phase hinein, in der der Ausnahme-Zustand die Normalität sein wird …“ Radio eins- RBB 13.03.2022

Kriege, die Menschen anzetteln (gegen Viren, Bakterien, Krebszellen, Verbrecher, Schädlinge, Terroristen, Ungläubige …) ähneln sich: Zuerst erzeugt eine große Verunsicherung Angst. Wie in einem Theater-Saal, in dem ein Grusel-Stück gespielt wird. Der Scheinwerferkegel fällt auf einen Schauspieler, der das Böse verkörpert. Der Rest der Bühne versinkt im Dunkel. Hypnotisiert fallen die Zuschauer in Trance. Sie gehören jetzt zu einer Zwangs-Bekennergemeinschaft, die auf Zuruf bereit ist, selbst auf die Bühne zu stürmen, um das Böse zu vertreiben.

Anderes Bild:

Hineingepresst in den Gewehrlauf zielgerichteter Aktionen, ist es nicht mehr möglich, die Vorgeschichte des Geschehens oder komplexe System-Zusammenhänge zu erkennen. Was nicht sichtbar ist, kann es nicht geben, und wenn doch, wäre es bedeutungslos.

Der Weg zurück ist verbaut. Vorne, vor dem Gewehrlauf, droht der Feind. Ihn zu beseitigen ist alternativlos. Es muss getan werden, was getan werden soll: Kostete es, was es wolle.

Wer keine Kriegsbegeisterung empfindet, ist feige oder verrückt oder paktiert mit dem Feind. Das darf nicht toleriert werden, denn Unbelehrbare schwächen die Kampfkraft.

Die Ergebnisse vieler Kriege (gegen Mikroben, gegen Krebs, gegen Gesellschaften oder gegen die Biosphäre) gleichen sich: Verbrannte Erde, Verwüstung, Traumatisierung. Der Sieg mag errungen sein, aber bis zum Frieden ist es meist noch ein weiter Weg. Immerhin, das Böse scheint tot zu sein. Oder?

Gewinnen ohne zu kämpfen

Ja: Manchmal muss konsequent gehandelt werden – um Leben zu erhalten. Notärzt:innen ist das vertraut. Aber meist entwickeln sich dramatische Ereignisse aus einer Vorgeschichte, die zu wenig beachtet wurde. Manchmal hatte sich eine Situation durch unnötige und vorschnelle Interventionen verschlechtert. Deshalb erfordert gerade unmittelbares Tun unaufgeregte Ruhe, Verstehen und Aufmerksamkeit.

Fast is fine but, accuracy is final. You must learn to be slow in a hurry.
Wyatt Earp, US-Revolverheld, 1848-1929

Selbst in großer Gefahr ist es möglich, damit aufzuhören „gegen“ etwas vorzugehen. Es ist immer völlig unnötig, dass Gewalt- und Gegengewalt Schad-Wirkungen erzeugen, die eine Situation eskalieren. Sinnvoller wäre es, sich zunächst zu beruhigen und die Situation so annehmen, wie sie ist – bevor gehandelt wird.

Den hektischen Be-kämpfer:innen erscheint langsam-abwägendes, gewaltloses Verhalten Verrat zu sein: Aufgeben, Resignieren, Irrsinn oder Ohnmacht. Oder gar als ein Kollaps, der den Sieg des Feindes ermöglicht oder in den sicheren Tod führt. Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis.

Beispiele:

  • Die Vernichtung bestimmter Darminfektionen (durch Antibiotika) erhöht das Risiko von Organversagen durch Zerfallsprodukte. Bei Beruhigung der Situation (durch gute Pflege) steigert die Überlebenschancen.
  • Die Verarmung der Artenvielfalt und das Aussterben von Nützlingen ist für Ökosysteme gefährlicher, als eine Vermehrung der Räuber.
  • Immer durch-schlagendere Waffensysteme wählen in Ökosystemen, besondere (resistente) „Terroristen“ aus, denen es gelingt, Kriege zu überleben oder von ihnen zu profitieren.

Will man Gewalt erzeugen, muss man gewalttätig werden

Gewalt erzeugt immer gegen-Gewalt. Viel effektiver (kräfteschonender) wäre es deshalb, sich „für“ etwas einzusetzen (statt „gegen“ etwas zu kämpfen). Friedvolle Entwicklungen können gebahnt, unterstützt und begleitet werden: Bei Infektionen, in der Krebsbehandlung, in persönlichen Krisen, im Management, in kulturellen Auseinandersetzungen und in gesellschaftlichen Konflikten.

Strategien „für etwas“ verlangen Sicherheit. Zuerst muss die Gewalt enden. Im Stress ist es nicht möglich, sich zu beruhigen. Ein Blick kann sich erst weiten, wenn es gelingt, aus dem Tunnel des Be-Kriegens auszusteigen und die ganze Realität wahrzunehmen. Ihr aufmerksam zu lauschen. Um dann für sich nachzudenken, zu fühlen und zu spüren. Um komplex-lebende System-Zusammenhänge zu verstehen. Um Störungen in Beziehungen und Wechselwirkungen zu entdecken. Um Möglichkeiten zu erkennen, die sich bieten, und die, die entstehen könnten.

Kriege sind eine menschliche Kinderkrankheit

In der Evolution überleben langfristig Nützlinge, denen es gelingt, mit anderen gemeinsam zu wirken. „Kriegs-Strategien“ (Identifizieren, Isolieren, Abwehren, Bekämpfen, Vernichten, Ausrotten) kommen in der Biologie der Arten nicht vor, oder sie erwiesen sich als erfolglos (Hontschik 2022, Wallace 2020, Laxminarayan 2022, Mendelson 2017, Lederberg 2010). Lebewesen, die sich nicht störungsfrei in übergeordnete Systemen einfügen, sondert die Evolution aus. (Kreislauf des Lebens, Arte 14.03.2022).

En vogue sind „Wachstum für das Klima“ und „Atombomber für den Frieden“. (NZZ 15.03.2022) Wird das so weiter gehen bis zum ganz großen „Wumms“?

„Das Wumms-Gefühl: Ich höre sozusagen wirklich den Krach. ..
Da ist ein Riesending bei uns gelandet und hat einen Einschlag verursacht.“
Ulrike Draesner, Deutschlandfunk 05.06.2020

Appell

Mehr

Literatur

  • Hontschik B: Wer war Robert Koch? 2022 FR 05.02.2022
  • Laxminarayan R 2022: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2822%2900087-3/fulltext – Antimicorbial Resistance Collaborators: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)02724-0/fulltext
  • Kurowski F: Die Friesen., Das Volk am Meer. Nikol, 2009, ISBN: 9783868200188
  • Mendelson M 2017: https://www.nature.com/articles/545023a
  • Wallace R 2020: Dead epidemiologists https://monthlyreview.org/product/dead-epidemiologists-on-the-origins-of-covid-19/
  • Lederberg J: https://www.project-syndicate.org/commentary/microbiology-s-world-wide-web
Letzte Aktualisierung: 31.03.2022