Religiöse Renaissance?

Sind die alten Wahrheitssysteme am Ende?

  • Widersprechen die 2.000 Jahre alte Religionen nicht wissenschaftlicher Erkenntnis?
  • Ist nicht das, was sie verkünden, eine Zumutung für den modernen Menschenverstand?

Vor allem aber:

  • Können die alten Religionen in der großer Verunsicherung, in der rasanten Weltwirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts, noch eine Ethik bieten, die das raubtierhaft-zerstörerische Feilschen um Macht und Geld zähmen könnte?

Schwemme aus Wissenschaftskult und Gesundheit-Ritualen

Die Corona-Krise 2020 bietet auch Chancen:

Viele denken wieder über „den Sinn“ nach. Und über Möglichkeiten, unsere Einstellungen zu einem „wert-vollen Leben“ zu verändern.

Die alten religiösen Wertesystem, die einmal der wert-freien Kapital-Finanz-Dynamik übergeordnet waren, zerfallen (uva. die protestantische Ethik). Erfahrungsgemäß zerbröseln Großreiche relativ zügig, wenn ihnen der Zusammenhalt einer gemeinsamen Ideologie, an die ihre Bürger glauben, abhandenkommt. Leider implodierten die „sinn-entleerten“ Imperien der Vergangenheit aber nicht lautlos und friedlich.

Die geistlose Wachstums-Ideologie des protestantischen Kapitalismus, der vor 400 Jahren ausgehend von Amsterdam die Welt eroberte, zerstört die menschlichen Lebensgrundlagen. Er ist langfristig nicht mehr zukunftsfähig (ohne die Oberfläche der Erde unbewohnbar zu machen).

Aber an was sollen die Konsumenten in der drohendes Stag-flation alternativ glauben? An die „Gesundheit“ als höchstes, der Politik übergeordnetes Wertesystem? Oder an eine Wissenschaft, die nicht fragt, sondern nur Antworten liefert, für die, die gut dafür bezahlen? Wie lange wird sich eine Neo-Ideologie halten können, die einer werte-losen, ethik-enthemmten Raubtier-Mentalität („We first!“) unterworfen ist?

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Gemisch aus Wissenschaftskult- und Gesundheitsreligion (Bilder: links. Die Welt der Religionen 1999, Maier, rechts: Tägliches Bulletin in der SDZ Juli 2020). Das meiste in der medizinischen Wissenschaft müsste Dogma, Ideologie oder Religion genannt werden, weil es nur das zu bestätigten versucht, was man ohnehin schon zu wissen glaubt. (Ioannides 2005).

In China versucht man die alte Religion des Konfuzius zu reaktivieren. Konfuzius war nur die Ethik und ritualisiert-gesittetes Verhalten wichtig. Diskussion über höhere Wahrheiten (Götter, Geister, Ahnen … ) lehnte er ab. Daher steht seine Religion bis heute weder im Widerspruch zu den modernen Naturwissenschaften noch zur kapital-orientierten Ökonomie.

Der Dalai-Lama, eigentlich ein Feind Chinas, übernahm inzwischen die wesentliche Botschaft des Konfuzius: Ethik sei wichtiger Religion!

Eine weitere Prämisse des Konfuzius („Handele so, als ob „es wahr sei“), wurde in der Corona-Krise im Westen populär: Es ist unbedeutend, ob Masken, Apps, Regeln, Impfungen wirksam sind. Wichtig ist nur, dass sie akzeptiert werden, als ob sie wirksam seien.

Als Ausbilder einer Methode, die entscheidend von Konfuzianismus geprägt wurde, schätze ich seine guten Seiten und kenne die negativen. Ein sinnentleertes Nachäffen konfuzianischer Regeln im Westen (im Rahmen eines „Gesundheitskultes“) gruselt mich.

Neue ethische Ideen kommen ausgerechnet aus der katholischen Ethik, die viele schon totgesagt hatten. Sogar der Papst mischt sich ein und fordert ein Umdenken der Menschheit:

„Wenn die Politik nicht imstande ist, eine perverse Logik zu durchbrechen, und wenn auch sie nicht über armselige Reden hinauskommt, werden wir weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen.“ Papst Franziskus: Laudatio Si (Umweltenzyklika 2015)


Paquot, Thierry: Ivan Illich,
München 2017 ISBN
978-3-406-70704-9

Ein katholischer Priester war auch Ivan Illich, der fundamentale Kritiker des unkontrolliert krebsartig in alle Lebensbereiche wuchernden Medizinmarktes. Er sah sich beidem verbunden: einer ihn leitenden spirituellen Ethik und einer scharf kritisierenden, fragenden Wissenschaft. 1982 prophezeite er die Covid-19-Krise:

Im Juni 2020 fordert der katholische brasilianische Theologe Leonardo Boff eine Ende des geldgierigen Krieges gegen die Natur: Eine radikale Wendung zu einer Transformation der Gesellschaft, wie sie Wissenschaftler*innen seit vielen Jahren angesichts der Klimakatastrophe verlangen:

„… Übergang zu einer lebenszentrierten Zivilisation: Jede Krise veranlasst Nachdenken, und den Entwurf neuer Fenster der Möglichkeiten. Das Corona-Virus hat uns diese Lektion gelehrt: die ERDE, die Natur, das Leben in seiner ganzen Vielfalt, die wechselseitige Abhängigkeit, die Zusammenarbeit und die Solidarität müssen in der neuen Zivilisation zentral sein, wenn wir überleben wollen. Leonardo Boff 2020

Boff’s Gedanken teilen auch Nicht-Katholiken und Skeptiker*innen: Der Menschheit könnte sich tatsächlich eine Überlebenschance eröffnen, wenn die Natur als friedvolles Wechselwirken aller Systeme verstanden würde. Und wenn das störungsfreie Gedeihen dieses Systemzusammenhangs „Natur“ als höchster Wert gesetzt würde, dem sich Politik & Kapital unterordnen müssten.  

Würden mehr Menschen (vielleicht ehemalige Gläubige traditioneller Kirchen) im „Westen“ solche Religions-Reform-Ideen aufgreifen, würde man sich auch wieder an den großen Religions-Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts erinnern, an Baruch de Spinoza (s.u.).

Sein Gott war die Natur. Gott sei das absolut unendliche Sein, die Summe aller Attribute. Alles was ist, ist entweder in sich oder in einem anderen. Die absolut unendliche Substanz sei unteilbar. Alles was wahr sei, sei in Gott und nichts könne ohne Gott sein, noch begriffen werden. Der Wille könne nicht eine freie Ursache genannt werden, sondern nur eine notwendige. Hieraus folge, dass Gott (Natur) nicht aus der Freiheit des Willens wirke. Sondern alles, was wir in der Macht Gottes (der Natur) Macht seiend denken, sei notwendig.

„Es gibt nur Eine, alle Determination und Negation von sich ausschließende, unendliche Substanz, welche Gott genannt wird und das Ein Sein in allem Dasein ist.“ Baruch de Spinoza, 17. Jhh.

Könnte sich aus diesem fruchtbaren Boden in Europa nicht eine neue Ethik entwickeln? Die sich vielleicht sogar gegenüber dem chinesischen Tianxia behaupten könnte?

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Ethik ist wichtiger als Religion. Dalai Lama Download

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Letzte Aktualisierung: 16.08.2020