Fratelli Tutti: Religiöse Renaissance?

Unsere Gesellschaften im Norden, die auch vom Zerbrechen bedroht sind, brauchen den spirituellen Impuls eines Mannes, der Menschen zusammenführen kann.“ Armin Laschet bei einer Privataudienz bei Papst Franziskus, dpa 02.10.2020

Der Nord-Westen steckt in einer fundamentalen Krise

Werden die USA an ihren inneren Konflikten zerbrechen? Wird China aufsteigen? Wird der Niedergang eines Imperiums und der Aufstieg eines neuen die Kriegsgefahr erhöhen? Wird die Menschheit die Erdoberfläche in wenigen Jahren völlig an die Wand fahren?

Viele Anzeichen sind bedrohlich: uva. nimmt die extreme Armut zu (Economist 26.09.2020) und die Selbstmordraten steigen (Economist 06.10.2020).

„In der Coronakrise stieg das Gesamtvermögen der 2.000 Milliardäre auf 8,7 Billionen €“ .. Vergleich BIP Deutschlands 2019: 3,5 Billionen € .. „Covid-19 beschleunigte das Wachstum besonders in den Bereichen Technologie, Gesundheitswesen und Finanzdienstleistungen“. dpa 08.10.2020 – Wer verliert?

In diesen Turbulenzen wird es schwieriger werden, die zunehmend vereinzelten, fraktionierten Teile der Gesellschaft zusammenzuhalten. Denn bei der aktuellen Eruption des „werte-losen“ Raubtier-Finanz-Digital-Kapitalismus, sind Sinn und positive Zukunftsvisionen kaum noch zu erkennen.

Völlig zurecht wettert daher Papst Franziskus gegen den Eigennutz (Enzyklika Fratteli tutti (04.10.2020). Covid-19 habe der Menschheit gezeigt, dass wir alle in einem Boot säßen. Bereits 2015 hatte er angemahnt und gefordert, dass die Menschheit „das gemeinsame Haus“ nicht weiter gefährde (Enzyklika Laudatio Si):

„Wenn die Politik nicht imstande ist, eine perverse Logik zu durchbrechen, und wenn auch sie nicht über armselige Reden hinauskommt, werden wir weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen.“ Papst Franziskus: Umweltenzyklika 2015)

Woher nimmt der Papst sein Gottvertrauen, dass ausgerechnet die Verbreitung eines Virus Homo sapiens jetzt zwinge, wieder an alle Menschen zu denken und nicht an den Nutzen einzelner?

Was macht ihn so sicher, dass ein Mikroorganismus die Renaissance traditioneller Religionen bewirken könne? Steckt seine Kirche (wie die vielen anderen auch) nicht in einer immer tieferen Sinnkrise? Steht sie nicht der raubtierhaft-zerstörerischen Dynamik der Weltwirtschaftssysteme völlig hilflos gegenüber?

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen,
durch die sie entstanden sind. Albert Einstein.

An was könnten die Verunsicherten alternativ glauben?

An die „Gesundheit“ (oder die „Angst vor dem Tod„) als höchstes, der Politik übergeordnetes Wertesystem?

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Wissenschaftskult-1024x484.jpg
Gemisch aus Wissenschaftskult- und Gesundheitsreligion (Bilder: links. Die Welt der Religionen 1999, Maier, rechts: Tägliches Bulletin in der SDZ Juli 2020). Das meiste in der medizinischen Wissenschaft müsste Dogma, Ideologie oder Religion genannt werden, weil es nur das zu bestätigten versucht, was man ohnehin schon zu wissen glaubt. (Ioannides 2005).

Oder an eine Wissenschaft, die für diejenigen Antworten liefert, die gut dafür bezahlen?

Oder an den Sieg der enthemmten Raubtier-Mentalität des „Wir zuerst“?

In China versucht man die alte Religion des Konfuzius zu reaktivieren.

Konfuzius war nur die Ethik und ritualisiert-gesittetes Verhalten wichtig. Diskussion über höhere Wahrheiten (Götter, Geister, Ahnen … ) lehnte er ab. Daher steht seine Religion bis heute weder im Widerspruch zu den modernen Naturwissenschaften noch zur kapital-orientierten Ökonomie.

Der Dalai-Lama, eigentlich ein Feind Chinas, übernahm inzwischen die wesentliche Botschaft des Konfuzius: Ethik ist wichtiger als Religion (Download)

Eine weitere Prämisse des Konfuzius („Handele so, als ob „es wahr sei“), wurde in der Corona-Krise im Westen populär:

Es ist unbedeutend, ob Masken, Apps, Regeln, Impfungen wirksam sind. Wichtig ist nur, dass sie akzeptiert werden, als ob sie wirksam seien.

Neue Ethik?

Franziskus ist nicht der erste katholische Sozialethiker, der unbegrenztes, zerstörerisches und werte-loses Wachstum kritisiert. Der Kapitalismus ist der katholischen Lehre fremd geblieben, denn sie war Jahrhunderte mit der statischen Ordnung des Feudalismus verwoben. Den moralischen Überbau des Kapitalismus erschufen Protestanten (Max Weber).

Einer der vielen katholischen Priester, die den kapitalistischen Wachstumsgedanken am Beispiel der beginnenden Globalisierung und des in alle Lebensbereiche wuchernden Medizinsystems kritisierten, war Ivan Illich:

Die moderne Medizin handelt mit Gesundheit. Sie will nicht zur Gesundheit der Menschen beitragen, sondern existiert nur für sich selbst. Ivan Illich Die Nemesis der Meizin, Beck

Im Juni 2020 forderte der brasilianische Theologe Leonardo Boff eine radikale Transformation der Gesellschaft:


Paquot, Thierry: Ivan Illich,
München 2017 ISBN
978-3-406-70704-9

„… (Ein) Übergang zu einer lebenszentrierten Zivilisation: Jede Krise veranlasst Nachdenken, und den Entwurf neuer Fenster der Möglichkeiten. Das Corona-Virus hat uns diese Lektion gelehrt: die ERDE, die Natur, das Leben in seiner ganzen Vielfalt, die wechselseitige Abhängigkeit, die Zusammenarbeit und die Solidarität müssen in der neuen Zivilisation zentral sein, wenn wir überleben wollen. Leonardo Boff 2020

Boff’s Gedanken teilen auch Nicht-Katholiken und skeptische Naturwissenschaftler*innen. Der Menschheit könnte sich tatsächlich eine Überlebenschance eröffnen, wenn

  • die Natur als friedvolles Wechselwirken aller Systeme verstanden würde,
  • das störungsfreie Gedeihen des Systemzusammenhangs „Natur“ als übergeordneter Wert gesetzt würden, dem sich die Politik und das Kapital unterordnen müssten.  

Könnte es sein, dass sich die katholische Soziallehre den Ideen des großen Religions-Wissenschaftlers des 17. Jahrhunderts annähert, an Baruch de Spinoza?

Sein Gott war die Natur.

Gott sei das absolut unendliche Sein, die Summe aller Attribute. Alles was ist, sei entweder in sich oder in einem anderen. Die absolut unendliche Substanz sei unteilbar. Alles was wahr sei, sei in Gott und nichts könne ohne Gott sein, noch begriffen werden. Der Wille könne nicht eine freie Ursache genannt werden, sondern nur als eine notwendige. Hieraus folge, dass Gott (Natur) nicht aus der Freiheit des Willens wirke. Sondern alles, was wir in der Macht Gottes (der Natur) Macht seiend denken, sei notwendig.

„Es gibt nur Eine, alle Determination und Negation von sich ausschließende, unendliche Substanz, welche Gott genannt wird und das Ein Sein in allem Dasein ist.“ Baruch de Spinoza, 17. Jhh.

Entwickelt sich aus diesem fruchtbaren Boden in Europa eine neue Ethik?

Etwas das sich gegenüber dem chinesischen Tianxia behaupten könnte?

Mehr

Mehr

Letzte Aktualisierung: 08.10.2020