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Heilung einer Krankheit, die es ohne Medizin nicht gäbe

Nobelpreis 2020 für die Hepatitis-C-Therapie

Die Covid-19-Pandemie hat alle andere Infektionen aus dem Bewusstsein verdrängt.

Das gilt auch für Hepatitis-C-Viren, die schwere (manchmal auch tödliche) Leberentzündungen verursachen. Als im Oktober 2020 die Professoren H.J. Alter und C.M. Rice mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, nahmen das die Medien kaum zur Kenntnis. Obwohl es ihnen gelungen war, Medikamente für eine erfolgreiche Hepatitis-C-Behandlung zu entwickeln. (Lancet 10.10.2020).

Für die Betroffenen war es eine sehr gute Nachricht. Leider wurde in den wenigen Presseberichten zu den Zusammenhängen (meist) vergessen zu erwähnen, dass

  • es Hepatitis C Virus-Infektionen nicht gäbe, ohne ungenügend gereinigte oder ungesteste oder mißbräuchlich verwendete medizinische Produkte.
  • viele Länder ihre Patient:innen nicht oder kaum über die Risiken der Hepatitis-C-Infektionen aufklären, und sie nicht wirksam schützen.

Hepatitis-C: „Risiko und Nebenwirkung“ der Medizin

Oft muss das Gesundheitswesen Probleme beseitigen, die ohne den Markt der Krankheitsbehandlung nicht entstanden wären. (Behandlungsfehler: Panorama 12.10.2021)

Zum Beispiel auch Hepatitis-C-Infektionen.

Etwa zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung  sind mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) infiziert. Von diesen 130-170 Mio. Menschen versterben daran jährlich 350.000. Betroffen sind meist die Bewohner von Entwicklungs- und Schwellenländern, aber auch in Deutschland werden mehr als eine halbe Million HCV-Infektionen registriert.

Die Welt-Gesundheitsbehörden und die Industrie thematisieren die Ursachen der Infektionen selten:

Unsaubere und unnötige Stichverletzungen der Haut, um Medikamente, Blutprodukte oder Drogen in die Blutbahn zu injizieren.

Da das Hepatitis-C-Virus nur durch direkte Einbringung in die Blutgefäße verbreitet wird, sind Hepatitis-C-Fälle ein genauer Indikator für unsichere, mißbräuchliche oder unkontrollierte Anwendungen von (unsauberen) Spritzen – noch deutlicher als HIV-Infektionen. (AIDS in Afrika) Neuerkrankungen von HCV wurden fast immer in Gesundheitseinrichtungen erworben oder im Rahmen des intra-venösen Drogenkonsums.

David Guisselquist: Points to Consider: Responses to HIV/AIDS in Africa, Asia, and the Caribbean, Adonis&Abbey 2008 ; Stopping Bloodborne HIV, Investigating unexplaind infections, Adonis&Abbey 2021 ; Blog: https://dontgetstuckwithhiv.tumblr.com/

Die WHO konzentriert sich (statt auf die Vorbeugung) lieber auf die Infektionsbehandlung mit Sofosbuvir, dem neuen Mittel, das die Virus-Vermehrung hemmt. (WHO Factsheet 2021)

Die Virus-Vorbeugung (durch Beseitigung von Infektionsquellen) wäre nicht nur teuer und personalintensiv, sondern auch riskant: Denn sie gefährdete das Vertrauen in Medizinprodukte und Anwendungen, und sie behinderte Kampagnen, bei denen Medikamente injiziert werden.

Mit Sofosbuvir soll (fast immer) eine erfolgreiche Behandlung innerhalb von acht bis zwölf Wochen möglich sein. Es gäbe, so ein Artikel im Deutschen Ärzteblatt, „kaum eine Entwicklung in der modernen Medizin, die eine solche Erfolgsgeschichte darstellt.“ (DÄB 2020: 117(41): A-1898 / B-1616) 2020). Zugleich ist die Vermarktung des neuen Medikamentes ein Geschäft:

Der Wirkstoff soll in klinischen Studien bis zu neunzig Prozent der betroffenen Patienten geheilt haben. Er wurde deshalb von der WHO in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel aufgenommen. Die Vermutung der heilenden Wirkung gründet sich aber bisher nur auf einem Erfahrungshorizont von wenigen Jahren. Eine Beurteilung der lebenslangen Auswirkungen auf Krebsentwicklung und Sterblichkeit sind daher bisher nicht möglich:

Direct-acting antivirals (DAA) may reduce the number of people with detectable virus in their blood, but we do not have sufficient evidence from randomised trials that enables us to understand how SVR (sustained virological response: eradication of hepatitis C virus from the blood) affects long-term clinical outcomes. SVR is still an outcome that needs proper validation in randomised clinical trials. Cochrane 18.09.2017

Beispiel: Hepatitis-C-Epidemie in Ägypten

In Ägypten wurden mit Gilead Massen-Rabatte ausgehandelt. Damit war der Grundstein gelegt, für ein besonders lukratives Geschäft mit einer Katastrophe.

Tour’n Cure: Die profitable Ausrottung eines Problems, das es ohne die Medizin nicht gäbe. In Ägypten winkt jetzt ein lukrativer und vor allem international nachgefragter Markt. Daher wird es nicht lange dauern, bis dort auch die ersten gefälschten Sofosbuvir-Präparate angeboten werden.

Dort begann man vor über sechzig Jahren damit, die Pärchenegel-Wurmerkrankung (Schistosomiasis) zu bekämpfen. Diese Parasiten verursachen zahlreiche Gesundheitsstörungen im Bereich der Beckenorgane und in seltenen Fällen auch Krebs. Die Wurmlarven schwimmen in stehendem Wasser, das durch menschliche Ausscheidungen verunreinigt wurde. Sie warten dort auf Menschen, deren Haut sie durchbohren, um ins Blutsystem zu gelangen.

Die Häufigkeit dieser Pärchenegel-Infektion nahm rasant zu, als 1964 der schnell fließende Nil durch den Assuan-Staudamm gezähmt wurde. In relativ kurzer Zeit wurden zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung mit den Parasiten besiedelt. Das Gesundheitsministerium ließ daraufhin große Teile der Bevölkerung mit Injektionen behandeln, die Antimon-Kalium-Tartrat enthielten. Diese giftige Antimon-Verbindung, die damals für das einzig wirksame Mittel gegen die Würmer gehalten wurde, wird heute selbst in der Tiermedizin nicht mehr verwandt. Erst ab 1980 wurde sie, auch in Ägypten, langsam durch ein nebenwirkungs-ärmeres (aber relativ teures) Medikament ersetzt.

Einige Jahrzehnte nach dem Beginn der Kampagne fiel in Ägypten eine Epidemie von Hepatitis C auf, für die es zunächst keine Erklärung zu geben schien. Dann stellte sich aber heraus, dass die meisten der an Hepatitis C Erkrankten Anti-Wurm-Spritzen erhalten hatten.

Die Infizierten wurden natürlich auch wegen anderer Erkrankungen in Gesundheitseinrichtungen behandelt, wo dann das Virus an weitere Patienten übertragen wurde. Heute sind (nach unterschiedlichen Schätzungen) drei bis zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung mit Hepatitis C infiziert: Jährlich versterben etwa 40.000 Personen an der Infektion.

Weil viele PatientInnen infiziert sind, ist heute das Risiko für Hepatitis C Infektionen in ägyptischen Gesundheitseinrichtungen selbst bei optimalen, hygienischen Bedingen deutlich höher als in Ländern, in denen Hepatitis C bei Patienten relativ selten vorkommt. Mittel für moderne medikamentöse Behandlungen oder gar Leber-Transplantationen stehen in Ägypten nicht zur Verfügung. (Strickland 2006, WHO 2014)

Ägypten ist aber kein Einzelfall.

  • In England musste sich 2015 die Regierung für die Infektion von fast 3.000 Personen entschuldigen, die zwischen 1970 und 1990 infizierte Blut-Produkte erhalten hatten (Wise 2015).
  • In den USA wird heute von einer „verdeckten Epidemie“ gesprochen, weil vor einigen Jahrzehnten zeitweise 300.000 Menschen pro Jahr infiziert wurden, und diese jetzt nach und nach schwere Leberstörungen entwickeln werden. Bei deren Behandlung (in den USA und anderswo) besteht dann das Risiko, dass erneut Virus-Übertragungen stattfinden (Ward 2013, Warner 2015, CDC 2015, RKI 2015, Pozzetto 2014).

Spritzen und Blut-Produkte sind gefährlich, 

wenn man unsachgemäß mit ihnen umgeht, oder wenn sie eingesetzt werden, obwohl es nicht nötig wäre.

Deshalb wurde schon in der Anfangszeit des AIDS-Epidemie gefordert, auf vermeidbare therapeutische Hautverletzungen, Injektionen und Transfusion zu verzichten – und dort wo es wirklich nötig ist, für strikte Qualitätskontrollen zu sorgen. (Jäger 1987-1992)

Die Lösung vergleichsweise harmloser Gesundheits-Probleme kann, so zeigt die HCV-Verbreitung, zu deutlich größeren Problemen führen. Bei gedankenlosen Interventionen in komplexe Systeme beißen die Dinge eben manchmal zurück.

Der WHO wird es allein durch Behandlungs-Strategien nicht gelingen, die Hepatitis-C auszurotten. Denn die staatlichen Gesundheitseinrichtungen ärmerer Länder sind zurzeit oft nicht in der Lage, gefährlich-rein-kommerzielle Medizin zu verhindern, oder auch nur ansatzweise zu kontrollieren.

Sicher werden im Rahmen der Kampagne zur Vermarktung von Hepatitis-C-Medikamenten viele im Gesundheitswesens hohe Summen einfordern, und auch verdienen – wenn auch nicht ganz so viel wie im Zusammenhang mit Covid-19.

Aber eine Senkung der Infektionszahlen von Hepatitis C wäre nur möglich, wenn es gelänge, „schlechte Medizin“ einzudämmen, die Nachfrage nach Produkten des Medizinmarktes (durch Gesundheit) zu senken und zugleich (möglichst frühzeitig) Mütter und junge Familien zu unterstützen, damit ihre Kinder nicht drogensüchtig werden.

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Literatur

Hepatitis C

Schlechte Medizin und Fake drugs

Letzte Aktualisierung: 02.03.2022