Homöopathie-Streit

Der Streit um Begriffe wie „Homöopathie“ oder „Schulmedizin“ ärgert mich seit Jahrzehnten. Weil Glaubenskriege unfruchtbar sind.

Um des Diskurs zu versachlichen, schlage ich vor,

Artikel: taz.de

„Ich sehe die große Chance grundsätzliche ethische Fragen in der Medizin zu adressieren.“ Kordula Schulz-Asche MdB, Bündnis 90 / Die Grünen, SZ 09.11.2019

Medizin-Theorien des 19. Jahrhunderts

Die Homöopathie war der Allöopathie Mitte des 19. Jahrhunderts lange deutlich überlegen. Denn damalige Standard-Medizin verschlimmbesserte meist, z.B. durch Aderlass bei Cholera-erkrankungen.

Hahnemann
Daguerreotypie von Samuel Hahnemann, 30.09.1841 in Paris (Wiki)

Am am Ende des 19. Jahrhunderts wurde dann (von Henle, Koch, Pasteur u.a) die kriegerische Keimtheorie erfunden. Seit der Entdeckung des Penicillins bestimmt sie die Medizin bis heute: insbesondere die Infektiologie und die Krebstherapie. Ihre mechanistische Auffassung, es gäbe bei Krankheiten stets äußere Gegner, die man zu vernichten habe, ist aber angesichts der Systembiologie mega-out (Psychoneuroendokrinologie, Ökosystem Mensch), und zunehmend gefährlich (Antibiotika-Mißbrauch und -Resistenz).

Im Streit um die Kügelchen sind es allerdings gerade die ideologisch-verbohrten Vertreter der monokausal-mechanistischen Keimtheorie, die besonders leidenschaftlich gegen die Homöopathie wettern, um ihre eigene Haut zu retten.

Die Qualität der Arzt-Patient-Kommunikation muss sich verbessern.

Empathie is ein mächtiges Heilmittel: “Empathy is one of the elements that facilitates treatment effectiveness, and a powerful one.” Decty 2015

Die Beliebtheit der Homöopathie beruht (meiner Ansicht nach) nicht auf einem „spezifischen“ Effekt (über den alle quasi-religiös streiten), sondern auf einer Art von Arzt-Patient-Kommunikation, die sich vom anderen Medizin-Kommerz-Betrieb unterscheidet. Moderne Medizin ist rasant auf dem Weg des digitalisierten Patient-Processing. Patienten wollen aber manchmal reden, oder das Gefühl haben man nähme sie ernst und höre ihnen zu.

Der stärkste systemische Effekt, der einen Menschen lebenslang prägt, ist die Bindung zwischen Mutter und Kind im Zeitraum nach der Geburt. (Bonding). Später können dann transparente, offen und empathische Arzt-Patient-Beziehungen Sicherheit vermitteln und Patient*innen dabei unterstützen, „sich selbst zu heilen“.

Eine Anamese über eine Stunde (wie bei der klassischen Homöopathie) kann gut tun, wenn sie kommunikations-kompetent erfolgt. Ganz ähnlich wie es uva. bei Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Depressionsbehandlung der Fall sein kann.

„Natürlich braucht man einfühlsame Ärzte, und mehr Empathie ist wünschenswert – aber vor allem braucht es Ärzte, die besser kommunizieren“ Prof. Fischer, SZ 31.07.2019

System-Effekte müssen ernst genommen und zum Wohl der Patienten genutzt werden.

Homöopathie gilt einigen als „intelligenter Placebo“. Da ist etwas dran, weil Hahnemann um 1850 den reinen Systemeffekt destillierte, und zugleich den damaligen Schwachsinn scheinbar spezifischer Standardtherapie bleiben lies („Bei Cholera Darm reinigen“).

Das galt/gilt allerdings nur, wenn alle (aktiv und passiv) Beteiligten an den „spezifischen Effekt“ der Homöopathie glauben. Würde ein/e IGeLn-de/r Ärzt*in zur Symptombekämpfung „etwas Homöopatisches“ verschreiben, so wäre das eindeutig Betrug.

Effekte, die durch Auslösen von Sicherheit und Vertrauen unbewusstes Körper-Lernen stimulieren, können völlig offen und transparent eingesetzt werden und trotzdem unvermindert wirken. Täuschende Placebologie, die in täuschender Absicht verabreicht wird, sollte von der Ärzteschaft als unethisch abgelehnt werden. Das gilt besonders für die Verschreibung von „Pseudo-Placebo“ (Antibiotikum bei Kopfschmerz).

Die Auslösung von Systemeffekten dagegen (durch offene Kommunikation, körperliche Berührung …) sollte in der Medizinerausbildung einen hohen Stellenwert erhalten.

Wie bei allen medizinischen Verfahren, beruhen auch in der Homöopathie die System- und Lerneffekte einer Behandlung auf der Qualität der Kommunikation und der dabei angewendeten Rituale. Die Frage, ob in etwas, was viele für „Nichts“ halten, doch irgendein „Etwas“ wirke, ist deshalb relativ unbedeutend.

Wir leben im 21. Jahrhundert

Die Medizin-Theorien des 19. Jhh. sind gleichermaßen veraltet. Etwa so wie die physikalische Newton-Mechanik angesichts der Quantengravitation.

Aus der Keimtheorie entwickelten sich viele nützliche spezifisch, rezeptor- oder punktgenau wirkende Therapieansätze. Die sind sehr nützlich wenn akute Probleme gelöst werden sollen.

Heilungsprozesse erfordern aber Wirksamkeit aus sich selbst heraus. So wie ein Garten aus sich heraus wachsen und gedeihen muss, und die Aufgabe des Gärtners überwiegend darin besteht ihn zu hüten, zu umsorgen und Schaden fern zu halten, d.h. dafür zu sorgen, dass das ganze Ganze System gesundet.

Homöopath*innen könnten also stolz darauf sein, dass sie offenbar Systemeffekte auslösen können. Und das ist eine Kunst, die Medizinstudent*innen, die auf das Spezifische gedrillt werden, immer mehr verlernen.

Es ist also möglich den Streit zu schlichten.

Wenn eine gemeinsame ethische Basis gefunden werden könnte, die Anwender*innen dazu verpflichtet, Patient*innen weder zu täuschen noch zu betrügen. Sondern sie transparent und offen über das aufzuklären, was im Rahmen der Therapie geschehen soll.

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Letzte Aktualisierung: 17.11.2019