Ist Angst berechtigt?

Der Unwissende hat Mut.
Der Wissende hat Angst.

Moravia

Angst ist immer berechtigt!

Genau wie alle anderen Gefühle auch.

Allerdings macht Angst Angst. Vor allem den Umstehenden, denn Ängstliche tun nicht mehr das, was sie sollen.

Stattdessen stellen sie die Normen in Frage: die des nicht-denkenden Mitmachens, des Tapfer-Seins oder des nicht-fühlenden Handelns.

Aus gutem Grund haben deshalb die Ängstlichen Angst, ihre Zweifel zu zeigen, weil sie sich bloß stellen und lächerlich machen könnten, oder weil sie den anderen als unreif oder kindisch erscheinen.

Es gehört viel Selbst-Vertrauen dazu, sich als verletzlich und unsicher zu offenbaren. Wer Angst hat, und es zu zeigen wagt, braucht Mut. Meist wird aber das Gefühl schnell von einem inneren Zensor abgewürgt oder versteckt, bevor es sich entfalten kann.

Virus-Angst: Viren sind Informationsschnippsel. Ohne sie gäbe es kein menschliches Leben. Kein Virus „hat“ oder „will“ etwas. Auch keine Macht. Nach „aller Macht“ streben nur Menschen. Vor welchen Menschen haben Mutter und Kind Angst? Scan-Bild: Die Zeit 26.03.2020

Wozu sind Gefühle da?

Überraschung, Wut, Trauer, Ekel, Ärger, Fröhlichkeit, Geborgensein und Angst spiegeln einen persönlich-erlebten inneren Zustand.

Je nach Empfindung einer Situation, in der eine Kommunikation möglich ist, stimmen Gefühle die geistigen und körperlichen Funktionen auf ein Gesamtbild ein, das anderen vermittelt werden kann. Sie gleichen damit einer Gangschaltung, die einen Motor passend zu Gelände und Belastung einstellt. Und sie vermitteln über Körperhaltung, Bewegungsgesten, Mimik und Laute nach außen, was sich gerade im Inneren eines Säugetiers abspielt.

Angst ist das (für mich interessanteste) Gefühl: Es unterbricht (schlagartig) das, was gerade (aus Freude oder Wut …) getan wird. Dieser Not-Stop kann lebensrettend sein.

Der Auslösung von Virus-Angst folgt die rettende Pille: „First you must take them to hell, and only then can you show them heaven.“ (Zitat eines Missionars 1985 in Tansania). Ein Ratschlag, der in der Medizin oft und gerne befolgt wird. Scan-Bild: Die Zeit 26.03.2020

Wenn eine Maus im Keller frischen Käse erschnüffelt, aktiviert sie ihr Vorfreude-Aktionssystem. Dann aber riecht das Metallgitter vor ihr, in dem sich der Käse befindet, merkwürdigerweise „nach Mensch“. Sie bleibt stehen. und entscheidet dann (schlauerweise) den Käse zu ignorieren.

Angst entsteht, wenn zu viel Information einströmt, die aufgrund der Erfahrung keinen Sinn ergibt. Mehr Information, um Ängstliche zu beruhigen, würde zu noch mehr Angst führen.

Wenn dagegen eine Mutter (durch ihre Ruhe, Stimme, Gesten) Sicherheit vermittelt, kann ihr Kind das Gefühl „Angst“ wandeln: In ein anderes Gefühl: Neugier zum Beispiel.

Gelingt das nicht, werden einfache Notfallprogramme des Stammhirns ausgelöst: Die Stammhirn-Aktivierung mit den Möglichkeiten „Angriff oder Flucht“. Hilft auch das nicht, folgt „Erstarren“, „Ohnmächtig zusammenbrechen“ oder auch „Sich selbst töten“. (s.u. Vagus)

„Ich hatte in der vergangenen Woche Kontakt mit einigen europäischen Kollegen. … Ich finde, es ist ein heikles Experiment, eine ganze Bevölkerung für vier, fünf Monate einzusperren. … Es ist ungesund, fünf, sechs Monate lang im Haus zu sitzen.“ Johan Carlson (Gesundheitsbehörde Schwedens), 30.03.2020

Inflations-Angst (Banknote von 1923):

Vorderseite: Zwei Millionen Mark zahlt die Reichsbank Hauptkasse in Berlin gegen diese Banknote dem Einlieferer vom 1. September 1923 ab kann diese Banknote aufgerufen und unter Umtausch gegen andere gesetzliche Zahlungsmittel eingezogen werden.

Rückseite: Glaubensbekenntnis: Ich glaube an den allmächtigen Dollar, Schöpfer des Wuchers und der Goldrechnung, und an die Papiermark, die eingeboren in Deutschland und empfangen wird von den Dummen, geboren in der Reichsdruckerei in Berlin, gelitten hat unter der Devisenspekulation, gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zum Altpapier, nach drei Tagen wieder auferstanden durch das Ermächtigungsgesetz, aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten der Rentenmarkt, der allmächtige Ersatz der Goldmarkt, die dahergekommen ist zu richten die lebendigen wenn sie noch nicht tot sind. Ich glaube an das Einheitsbrot, an den heiligen Gummiknüppel, der Gemeinschaft hat mit dem Maschinengewehr, Nachlassung des Kohldampf, Auferstehung des Deutschen Reiches jetzt und in Ewigkeit.

Angst spricht nicht.
Angst herrscht.
Martin Saar, Die Zeit, 03.09.2015

Die Angst-Pandemie

Deutschland wird, wie viele andere Länder auch, im März 2020 von Angst-Wellen erfasst.

Medizinische Ängste:

  • Viele haben Angst vor dem „Killer-Virus“. Und nicht wenige arbeiten intensiv daran, dass diese Angst auch nicht nachlässt.
  • Andere sorgen sich um die medizinischen Folgen der Virus-Bekämpfungs-Massnahmen: Psychiatrische Störungen (Depression, Sucht, Stress, Panik, Suizid), Verschlechterungen der allgemeinen Patientenversorgung insb. bei chronisch Kranken und Alten, Zunahme häuslicher Gewalt und Mißbrauch, Entwicklungsverzögerungen bei Kindern, orthopädische und Bewegungs-Störungen, uva. ….

Ökonomische Ängste

  • Viele fühlen sich in ihrer Existenz bedroht, und haben Angst vor Arbeitslosigkeit, Insolvenz und sozialem Absturz
  • Andere sorgen sich um übergeordnete Zusammenhänge wie wirtschaftlicher Stagnation oder Inflation (oder als übelste Variante „Stag-Flation“). Sie sehen Risiken für den sozialen Zusammenhalt, für die Demokratie, die Freiheitsrechte, die weitere friedliche Entwicklung des Sozialgefüges. Und sie fürchten, dass alle anderen Themen der überfälligen ökologischen, nachhaltigen und friedvollen Transformation menschlicher Politik nachrangig sein werden.

Was tun „gegen“ Angst?

„Gegen“ Angst kann man nichts tun. Man kann nur wahrnehmen, dass Angst da ist und dafür sorgen, dass andere Gefühle aufkommen können:

  • Mit dem Angst-Machen aufhören.
  • Mithelfen, dass das Angst-Machen aufhört.
  • Sicherheit vermitteln und Geschäfte mit der Angst entlarven.
  • Mithelfen, damit wieder Vertrauen und Sicherheit entstehen kann.

Das Angst-Gefühl muss entweder in Ruhe oder in produktives Handeln gewandelt werden. Gleitet Angst ab (in Stress oder Panik), wird es gefährlich: vor allem bei großen Gruppen oder Gesellschaften.

Damit Angst in ein anderes Gefühl (Sicherheit oder Neugier) übergehen kann,

  • muss die Zukunft planbar erscheinen, z.B. jetzt ein eindeutiges Ende der „Sozialen Distanz“ absehbar sein,
  • sollten Menschen bestärkt werden, selbst handeln zu können. Wozu nach der Krise oft Unterstützung nötig sein wird.
  • brauchen sie die Sicherheit, sinnvoll im Rahmen einer positiven Vision tätig zu sein, für etwas, für das es sich lohnt, sich zu engagieren.

Politiker*innen könnten deshalb (statt hypnotisiert auf Infektionszahlen zu starren) rationale epidemiologische Datenerhebungen fördern: besonders zu den Folgen „Sozialer Distanzierung“. Sie könnten versuchen, Ruhe zu vermitteln und schrittweise zur Normalität zurückzukehren.

Mehr:

Grippe:

Letzte Aktualisierung: 27.04.2020