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Kampf zwischen Ideologien

Kriege sind Verbrechen

Im Krieg scheint jedes Mittel recht zu sein, um Macht-Interessen durchzusetzen. Bösartigkeit wird hervorgelockt und gelenkt. Es geht um Sucht nach Macht, Geld, Einfluss.

Oder auch um einen Kampf übergeordneter Glaubenssysteme?

Die religiösen Aspekte des Krieges werden unterschätzt. DW 15.03.2022: https://www.youtube.com/watch?v=9-XZMfDy3Wo

„Wir sind in einen Kampf eingetreten, der nicht nur eine physische,
sondern eine metaphysische Bedeutung hat“ Kirill, Moskauer Patriarch PW 09.03.2022

Ist das so?

Links: Maria & Heiland (römische Magna Mater & Sol invictus). Rechts: Jesus-Bild der Paulus-Erzählung. Bild: Orthodoxe Kirche in Dar es Salaam. Jäger 2022

Kirill will „alte russische“ Werte verteidigen und „Sünde“ verdrängen. Er fühlt sich von jungen Frauen und schwulen Männern bedroht, und wünscht einen Macht-Zuwachs seiner Kirche. (24.02.2022, 07.03.2022).

Bartholomäus (der ökumenische  Patriarch von Konstantinopel) unterstützt derweil die von Kirill abtrünnige ukrainisch-orthodoxe Kirche (Euronews 29.03.2022). Auch er betet für einen Sieg (CNA, 29.03.2022), gemeinsam mit dem polnisch-katholischen Klerus, der die ukrainischen Katholiken vor der Vernichtung durch Kirill retten will. (Tagespost 01.04.2022) Auch viele andere Gläubige haben bei dem Gemetzel ihre Finger im Spiel: u.a. auch weit entfernte, bibeltreue Christen im fernen Amerika. (Current 04.03.2022

  • Verhilft der Krieg den christlichen Ideologien zu einer Renaissance?
  • Wird dieser Krieg ihren Niedergang endgültig besiegeln?
  • Könnten die Religionen einen Beitrag zu Versöhnung leisten?

Kriegs-Ideologien

In der blutigen Menschheitsgeschichte wurden Kriege häufig aus rein persönlicher Machtgier begonnen. Erfolgreich waren sie aber meist erst dann, wenn sich der persönliche Egoismus des Kriegsherrn einer größeren Ideologie unterwarf:

  • Darius der Große, der im ersten Gottesreich für die „reine Wahrheit“ Zarathustras stritt,
  • Alexander der Große, der die Muttergottes-Heiland-Religion Kleinasiens verkünden ließ,
  • Konstantin der Große, der seine aus Kleinasien importierte Muttergottes-Sol-invictus-Religion mit dem Trinitatis-Christentum verschmolz,
  • Karl der Große, der das christliche Europa begründete und die Heiden erschlug,
  • Mohammed, dessen reiner Monotheismus die Herrschaftssysteme von Afrika bis Indien wegfegte.

Die Macht der keltischen Fürsten in Europa sicherten Druiden, die das Volk im Glauben beherrschten. Die den Römern nachfolgenden christlichen Könige übernahmen diese Tradition und hielten sich Priester, die ihre Kriege segneten.

Die Raubzüge der Spanier und Portugiesen wären gescheitert, wenn nicht die skrupellose Gier ihrer Mörderbanden in Amerika durch die frohe Botschaft des Kreuzes ergänzt worden wäre. Damals konnten dieser religiösen Welle nur Königreiche widerstehen, die über andere stabile Staatsreligionen verfügten: Konfuzianismus, Islam, Buddhismus, Hinduismus.

Bis dann vor vierhundert Jahren in Holland und England der Kapitalismus erfunden wurde, der anfangs auch einen mächtigen religiösen Überbau benötigte: den Protestantismus. In den folgenden Jahrhunderten wurden die alten Religionen von der kapitalistischen „Ethik“ des grenzenlosen Raffens überrannt und entscheidend geschwächt, und verkümmerten zum „Opium des Volkes“. Spätestens Ende des 19. Jahrhunderts glaubten einige: „Gott ist tot“. Und andere vermuteten, diese „Krankheit des Geistes“ werde ausheilen.

Ein gewaltiger Irrtum.

Im 20. Jahrhundert scheiterten mehrere, unterschiedlich brutale staats-bürokratische Versuche, Religionen auszurotten, oder sie durch eine „Kommunismus-Religion“ zu ersetzen. Wesentlich erfolgreicher war der Neoliberalismus, dessen „Befreiungen“ in Amerika, Europa, Japan, Süd-Korea u.a. extreme Produktivkräfte freisetzte und den Profit mehrte. Bei seinem raketen-artigen Aufschwung wurde der alte ethisch-moralische Überbau durch Glaube an Konsum und Ablenkung ersetzt. Die alten Religionen verloren im Neoliberalismus an Bedeutung, Inhalt und Macht.

Die kapitalistische Leitmacht der Erde war aber zunehmend nicht mehr in der Lage, andere davon zu überzeugen, dass sie Gutes bringe. Denn grenzenloses Wachstum (zum Nutzen weniger) bot den vielen armen Leuten keine besseren Perspektiven, als die alten Religionen mit ihrem Glücksversprechen in einem fernen Paradies. Und so verlor der „Westen“ viele Kriege u.a. in Vietnam, Iran, Irak, Libyen, Syrien. Zuletzt in Afghanistan, besiegt durch schlichte Koranschüler. Nicht weil die über bessere Waffen verfügten, sondern weil es ihnen, in ihrer rückwärts gewandten, brutalen Schlichtheit, gelang, viele Menschen von ihrem wachstums- und frauenfeindlichen Dogma-System zu überzeugen.  

Auch im Ukraine-Krieg 2020 wird es nicht nur darum gehen, welches Wirtschaftssystem, welche Oligarchen, welche Konzerne, welche Militärs und welche Machtgruppierung sich durchsetzen werden. Auch die Art des ideologischen Überbaus wird über den Verlauf und das Ende des Krieges mitentscheiden. Die Vorstellungen der Menschen, die bisher arm geblieben sind und die in ihrer Neo-Frömmigkeit an etwas glauben, werden zukunftsentscheidend sein.

Ukrainische und russische Kampfkunst

In der Ukraine stehen sich christlich-gläubige Kampfhähne gegenüber, die mit allen legalen und illegalen Mittel psychologischer, propagandistischer, körperlicher und technischer Kriegsführung vertraut sind. Die Ausbildungen der Kampfeinheiten beider Seiten beruhen dabei auf ähnlichen historischen Traditionen.

Die Kosaken sind die Samurai der Ukraine. Sagenumwobene Kämpfer, Ritter und Rebellen zugleich. Es sind Männer, wie gemacht für ein Land, das um sein Überleben kämpft. Nur wer stark und geschickt sei, könne Teil dieses mythischen Männerbunds werden … inzwischen gelten sie jedoch als Verteidiger Russlands und des orthodoxen Glaubens. So kämpften russische Kosaken-Milizen auch 2014 aufseiten der prorussischen Separatisten im Donbass gegen die Ukrainer und beteiligten sich an der Abspaltung der Krim. NZZ 28.04.2022

Im 15. Jahrhundert bildeten sich auf den Gebieten der heutigen Ukraine Gemeinschaften „freier“ Reiterverbände, zu denen viele ehemalige Leibeigene stießen. Diese Kosaken entwickelten eine einzigartige, kriegerische Kultur in ständiger militärischer Auseinandersetzung mit räuberischen Nomaden oder umgebenden Fürstentümern. In Russland siedelten sie am Don, und waren später an der Eroberung Sibiriens beteiligt. Kosaken bekämpften (je nachdem) die Reichen und Mächtigen oder verdingten sich an sie. (Nikolai Gogol: Taras Bulba, 1835)

Niemals kann es Frieden geben, solange sie an ihren Vogel-Gott glauben, und nicht unseren Hasen-Gott anbeten! Zeichnung Jäger 2022

Die Geschichte der Kosaken ist komplex: Besonders die politischen Verwirrungen und die Seitenwechsel während der russischen Revolution und in der Zeit des Faschismus. Heute stehen sich Kosaken-Verbände aus der Ukraine (SWR 26.7.2022) und aus Russland (DWN 22.01.2022) wieder gegenüber. Dabei kämpfen nicht nur Waffen, sondern auch Ideologien, die es für die jeweils andere Seite auszurotten gilt. 

Die Kämpfenden verbinden kulturelle Traditionen: Zum Beispiel die spirituelle (mystische) Verbindung zum orthodoxen Christentum. Oder das Training traditioneller Kampfkunst, die von der Ukraine bis Sibirien praktiziert wird.

In der Ukraine nennt man die traditionelle Kampfkunst Cossacks Martial Arts Sparring  oder Combat Hapak. Im heutigen Russland heißt es „Systema“ (Sibirien-Variante, West-Ural-Variante). Die Prinzipien sind einfach und gleichen chinesischer Kampfkunst:

„Ohne Veränderung der Fassade des Hauses die Tragbalken stehlen und die Stützpfosten austauschen.“ Demonstration eines französischen Systema-Lehrers

Im Gegensatz zu asiatischen Kampfkünsten (u.a. Wing Tsun, Kung Fu, Taiji) kennt Systema keine ritualisierten Formen. Es soll nur effektiv sein und möglichst wenig eigene Energie verbrauchen. Man will gewinnen, ohne zu kämpfen. Und der Gegner soll anschließend energielos am Boden liegen.

Die gleichen physiologischer Bewegungsprinzipien könnten aber auch genutzt werden, um nicht zu kämpfen, sondern mit anderen gewaltfrei zu kommunizieren und so „gemeinsam mit ihnen“ zu gewinnen. Diese Art zu trainieren, wie im chinesischen Taiji, ist gleichermaßen gesund und friedlich. Tatsächlich haben aber auch die von den Kosaken abgeleiteten Kampfkünste eine starke spirituelle Komponente, die auf dem orthodoxen Christentum beruht:

CBA 25.02.2022 „Er (Bischof Malchenko) mache sich keine Sorgen, dass der Konflikt Gläubige mit ukrainischen und russischem Hintergrund trennen werde. Er glaube, alle beteten für eine friedliche Lösung. .. ‚Wir alle fühlen das Leid des ukrainischen Volkes und hoffen und beten, dass dieser Konflikt zu einem Ende kommt, und dass sich keine anderen Länder einmischen, um den Konflikt noch größer zu machen. Er muss eingedämmt werden. Er muss beendet werden, damit das ukrainische Volk in Frieden leben kann.!“. Interview mit Bischof Vladimir Malchenko zu seinem Verständnis von“Gebet“.

Wird es durch eine christliche Renaissance noch schlimmer?

Die Kosaken-Kunst des Systema hat auch friedliche, spirituelle, gesundheitsbezogene Aspekte: Jean Marie Frécon erklärt sechs Systema- Prinzipien: Atmung (in Ruhe ausatmen), Entspannung (Loslassen aller Kontraktion), Bewegung (freie Beweglichkeit), Integrierung (Immer alle Körper-Zellen zusammen), Struktur (Elastische Spannung – Bogensehne), Verbindung (Beziehung)

Ich stehe, wie die meisten, dem sinnlosen Krieg in der Ukraine hilflos gegenüber. Gewalt führt zu Gegengewalt. Die immer schrecklichere Eskalationen können das evolutionäre Ende der Gattung Mensch beschleunigen.

Wie könnte der Wahnsinn enden?

Die direkt beteiligten Seiten sind miteinander kulturell verwandt. Könnten sich daraus Ansätze für Friedensprozesse ergeben? Wenn z.B. religiöse Führer, oder auch spirituelle Kampfkünstler der Kosaken-Traditionen, einen Raum fänden, sich zuzuhören oder gemeinsam in Trauer zu schweigen?

Oder wird es (nicht nur) für weibliche, homosexuelle, lebenslustige Menschen noch schlimmer werden, wenn das griechisch-orthodoxe Christentums oder die erz-konservative Katholizismus-Variante erstarkten?

Weltweit erblühen (längst auf der Intensiv-Station geglaubte) Religionen. Aber nicht unbedingt in ihren aufgeklärten, friedvollen Varianten: Islam in Afrika, Hinduismus in Indien, kriegerischer Buddhismus in Myanmar, Konfuzianismus in China u.a.

Was dort wächst, lässt aufgeklärt-kritisch Denkenden die Haare zu Berge stehen. Aber ganz offensichtlich sind viele der „Zurück-zum-Mittelalter-vor-dem-Kapitalismus“-Varianten des Glaubens erfolgreich.

Welche Spiritualität leitet den Westen?

„Klimakrise muss warten. Jetzt ist Krieg … EU vertagt den Artenschutz“
Der Freitag, 31.03.2022

So denkt neoliberale Politik im Kampf um den Sieg und plant schon neues Wachstum nach dem Re-Set. Sicher werden die Katastrophen der Biosphäre nicht warten, bis der Krieg vorbei ist.

Wenn so die Politik visionslos von einer Krise zur nächsten zappelt: Welche Chancen bieten sich dann noch für die diversen, liebenswerten Aspekte der europäischen Kultur?

Gedeiht ein neues spirituelles Wertesystem in Europa? Oder werden wir Neo-Liberalismus, Neo-Konfuzianismus, Neo-Islam und Neo-Christentum alternativlos ausgeliefert sein?

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Letzte Aktualisierung: 01.05.2022