PISA-Schock
Bei Kindern und Jugendlichen sinken die Leistungen in Mathematik und Lesekompetenz. Die PISA-Studie zeigt die bisher niedrigsten Werte, die bei Erhebungen schulischer Leistungen gemessen wurden. (SWK-Bildung, 08.09.2026, Kurzfassung)
Ein Drittel der Kinder verfehlt das Mindestniveau. Der seit einem Jahrzehnt beobachtete Abwärtstrend setzt sich fort. Ohnehin benachteiligte Kinder und Jugendliche (z.B. aus sozial schwachen Umfeld) besonders betroffen.
Ergänzend berichtet das Statistische Bundesamt von einem Anstieg der Zahl psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. (Detatis 2026)
Die Bundesministerin sei besorgt. Sie habe aber den Weckruf verstanden und nehme die Herausforderungen an. (BMBFSFJ 09.09.2026) Immerhin läge Deutschland noch im OECD‑Durchschnitt. Weil es sich um einen europaweiten Abwärtstrend handelt. Unser Bildungssystem stünde vor neuen Herausforderungen:
„Veränderte Mediennutzung, wachsende psychische Belastungen junger Menschen, Künstliche Intelligenz, demografischer Wandel und steigender Fachkräftebedarf. Ein zukunftsfähiges Bildungssystem muss darauf Antworten geben und früher ansetzen, bevor sich Benachteiligungen verfestigen. Anders als beim PISA-Schock 2000 haben wir heute einen Plan, jeder in seiner Verantwortung. Anders als damals kennen wir heute die Antworten und müssen sie konsequent und nachhaltig umsetzen.“ BMBFSFJ 09.09.2026
Sie habe also einen Plan. Allerdings ohne die Ursachen der Probleme zu benennen: soziale Ungerechtigkeit, Armut, ungleiche Bildungschancen und die Vernachlässigung von Bildung gegenüber wirtschaftlichen und Rüstungsinteressen. Und auch das aktive Vorgehen gegen die Interessen und die Grundrechte bei Kindern von 2020 bis 2023 (Art. 2.2 GG: Würde, Unversehrtheit).
Die Gesellschaft sägt weiterhin an dem Ast, auf dem sie sitzt. Solange sie das tut, werden die Reformanstrengungen und Pläne der Ministerin ebenso wirkungslos verwehen, wie sie es seit dem ersten PISA-Schock blieben.
Das ist besonders beunruhigend angesichts der exponentiell wachsenden Kompetenz der Informationsverarbeitung durch Maschinen. Einige AI-Experten halten die Entwicklung der Algorithmen durch die weltbeherrschenden Tech-Konzerne und Oligarchen für ähnlich gefährlich wie Atomwaffen. (E. Yudkowsky, N. Soares 2025) Natürlich geht dabei die größte Gefahr nicht von toten Produkten aus, sondern von den wenigen Menschen, die potenzielle Massenvernichtungstechniken für ihre Macht- und Profitinteressen einsetzen.
Die Ministerin müsste also, aus vielen Gründen heraus, eine radikale Zeitenwende fordern, zum Wohl der verbleibenden Zukunftschancen der Kinder. das erforderte natürlich ein gewaltiges „Sondervermögen“. Und eine breite Diskussion in allen Bildungseinrichtungen, wie man den Abwärtstrend aufhalten könnte.
Kinder brauchen Leben in Bewegung und freier Entwicklung
Alles Leben besteht aus inneren Systemen, die eingebettet sind in äußere Zusammenhänge. Es gestaltet sich in und mit seiner Natur ständig neu und passt sich an. Leben wird und interagiert in Beziehungen und Zusammenhängen.
Kinder erfahren das Leben und die Dinge in ihrem erreichbaren Umfeld. Sie entwickeln eine Sehnsucht, mit etwas in Beziehung zu treten (Intention). Sie greifen tastend in ihre Welt hinaus und untersuchen es. Sie experimentieren, und spielen ergebnisoffen mit allen Sinnen. Dabei erleben sie immer wieder Misserfolge. Von Neugier angezogen machen sie weiter mit allen ihnen zur Verfügung stehenden körperlichen und psychischen Fähigkeiten zugleich. Sie lernen von Rückmeldungen und von Fehlern. Schließlich können Sie die angestrebten Handlungen mit Mühe ausführen und üben immer weiter, um sie mühelos zugestalten. Ihre Wahrnehmung ist mit der Aktion verbunden. Ihr Lernen erfolgt im Prozess immer wiederkehrender sensorimotorischer Erfahrungen. Durch zahllose Korrekturen und Anpassungen entsteht aus Interaktion und Gestaltung des Umfeldes eine neue Kompetenz.
Erleben, mit bisheriger Erfahrung abgleichen, neues Verstehen und bleibend Erinnerbares sind zentrale Aspekte aller Lebens- und Lernprozesse. Das gilt auch für den soziokulturellen Zusammenhang. Denn auch Worte beruhen auf Bewegung von Muskulatur.
Wahrnehmung und Bewegung (Sensorik & Motorik) bilden eine Einheit. Stellt z. B. eine Mutter eine dampfende Tasse Kakao auf den Tisch, werden sofort die körperlichen Zelltypen aktiviert, die für das Trinken dieser Köstlichkeit gebraucht werden. Aufgrund vielfach erlebter Erfahrung werden Muskeln aktiviert (in der Hand, im Arm, im Kiefer und im Rachen) und natürlich auch die Speichel- und Darmzellen. Umgekehrt würde die Aktivierung einiger dieser Körperfunktionen die Vorstellung einer Tasse Kakao aufsteigen lassen.
Menschlich-soziales Handeln und Lernen geschieht in Kommunikation und Kooperation. Verhalten, Sprache und Gesten ergeben sich aus der Fähigkeit zu einem aufrechten Gang und dem freien Handlungsraum der Schultern. Menschen sind Läufer und Werfer und können am gründlichsten lernen, wenn sie sich in einem Raum bewegen und interagieren, und sich über das, was geschieht, freuen. Denn Menschen verfügen über eine sehr besondere, einzigartige Fähigkeit: Sie sind fähig, zu lieben, also starke Beziehungen einzugehen zu anderen Menschen, zu Tieren oder Pflanzen – zu allem, was lebt.
Lebende Systeme berühren, durchdringen und verwandeln sich. Um sie zu verstehen, muss man sich mit ihnen verbinden. Man muss sie sinnlich erfahren, und sie in ihren Zusammenhängen und Wechselwirkungen wahrnehmen.
Was müssten Bildungsverantwortliche tun?
Schulen könnten Kindern ermöglichen, fröhlich und lebensbejahend das zu entwickeln, was Maschinen und Computer nicht können: bewegte, verkörperte, emotionale Lebensfreude in friedvollen. Beziehungen, Verbindungen und Wechselwirkungen.
Sie könnten Kindern erlauben, mit dem, was sie umgibt, zu interagieren. Damit sie beim Lernen alle Sinne und körperlichen Fähigkeiten gleichermaßen einsetzen können. Damit ihr lebendes Selbst das durchdringen kann, was sie umgibt. Lernen könnte als organisch, beziehungsreich, das Leben bejahend, kreativ, neugierig, bewegt und innovativ gestaltet werden. (Ramirez 2026, pdf)
Die Kinder- und Lebensfeindlichkeit moderner Erziehung wurde schon 1971 ausführlich beschrieben: Ivan Illich: Deschooling society. Auch viele andere Pädagog:innen fordern projekt- und netzwerkorientiertes, sinnliches und bewegtes Lernen (u.a. Hüther 2026).
Bis heute werden aber Schüler:innen in den üblichen Lerninstitutionen, auf Stühlen zur Bewegungslosigkeit gezwungen. Dort sitzen sie erstarrt, beim Atmen gehemmt und verkrampft. (Mehr)
So trainieren sie (bewegungsgehemmt) Standardisierung, Gleichförmigkeit, Glauben an Wahrheiten, Massentrend-Verhalten und Kontrolle. Sie sollen das verinnerlichen und wiedergeben, was man ihnen vorsetzt und eintrichtert. Sie das Unverdaute wiederkäuen und in den Prüfungen ausspucken.
Sich geistig und körperlich zu bewegen, ist für normiertes Trainieren, dogmatisches Nachbeten und formales Funktionieren eher hinderlich. deshalb werden Kinder bis heute gezwungen, sich Kompetenzen zu erarbeiten, die KI besser und schneller erledigen kann.
Rechner können angesichts einer Aussage „Richtig und Falsch“ unterscheiden. Zum Beispiel in der Mathematik. Kinder, die man trainiert wie Maschinen, können das zwar auch – aber inzwischen deutlich schlechter als eine KI-Maschine.
Kreative Kinder leisten aber unendlich viel mehr: Sie können sich, in und mit ihrem Umfeld bewegen und sich verbinden. Und darüber hinaus neben Richtig und Falsch auch etwas als bedeutungslos oder sinnvoll oder gar als imaginär ansehen:
A valid argument may contain not just three classes of statem
ent, but four: true, false, meaningless, and
imaginary. The implications of this, in the fields of
logic, philosophy, mathematics and even physics
are profound. (Spencer-Brown, Mathematiker 1969)
Lebenschancen und Grundrechte der Kinder müssten zu den höchsten Zielen erklärt werden.
Andernfalls vergehen Kulturen schneller.
