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China: kopieren und gestalten

Wenn ich den Prozess der Aneignung ausländischer Kompetenz in China beschreibe, benutze ich u. a. auch das Wort „kopieren“.

China ist führend im Berich angewandter Wissenschaften (Applied Sciences). Screenshot aus CEN, 15.12.2025: en.ce.cn/Insight/202512/t20251215_2643430.shtml. Der „Nature Index“ bezieht nicht auf Grundlagenforschung (in Universitäten), sondern auf angewandte Wissenschaften (In Fachhochschulen). Deren klares Ziel ist: etwas verbessern, effizienter machen, bauen, nutzbar machen.

Ich versuche mit dem Begriff einen (aus meiner Sicht) zentralen Aspekt der Aneignung von Wissen im asiatischen Kulturraum einzufangen.

In China regen Worte (oder Schriftzeichen) dazu an, herauszufinden, was ein anderer (eigentlich) gemeint haben könnte. Konfuzius forderte deshalb, Begriffe zu klären, bevor man rede. Sein Kollege ZhuangTzu schlug vor, Worte („wie eine Angel“) wegzulegen, wenn ein Gedanke verstanden wurde („der Fisch gebraten wird“). 

Als Taiji-Ausbilder habe ich chinesische Pädagogik oft erlebt (und erlebe sie weiter). Von östlichen Lehrer:innen oft vor einem wesentlichen Lernschritt empfohlen, „zuerst seine Tasse zu leeren“.

Das bedeutet: radikal alles, was bisher angenommen wurde, oder was man zu wissen glaubte, in den Keller zu räumen und einzumotten. Danach sollte man mit dem Prozess des „Kopierens“ beginnen: alles nachmachen, was man sieht. Möglichst genau so.

Das ur-alte chinesischen Bild des Hirten (die konfuzianische Hierarchie), die den Ochsen (das Kapital) am Nasenring führt. Bild: Tuschezeichnung, um 1955, Künstler unbekannt, Privatbesitz

Und dabei nichts hinterfragen (z. B. ob es „Meridiane“ in Wirklichkeit überhaupt gibt). Sondern (trance-ähnlich) etwas exakt tun, als ob die Theorie oder Vorstellung, die dies verlangt, absolut wahr sei. Der Lernprozess solle nicht durch „Warum-Fragen“ oder ein Vermischen mit alten Glaubenssätzen gestört werden.

Erst dann (manchmal erst nach langer Zeit), wenn eine gewisse Meisterschaft im neuen Tun erlangt wurde, kann (und sollte) man allmählich das zu Bewahrende aus der (vergessenen) Vergangenheit vorsichtig wieder anklingen lassen. Das sei dann die Voraussetzung, damit sich etwas vollkommen Neues, Drittes entwickeln kann:

„Wenn der Schüler so weit ist, kommt der Meister.
Wenn der Schüler so weit ist, geht der Meister wieder.“

Kommentar (16.12.2026)

„Angewandte Forschung funktioniert besonders gut in Systemen, die groß, gut organisiert und langfristig angelegt sind. Man benötigt viele Fachleute, stabile Finanzierung, Labore, Testanlagen, Kooperationen mit der Industrie. Und staatliche Programme, die sagen: Darauf konzentrieren wir uns jetzt zehn oder zwanzig Jahre lang. China hat das in den vergangenen Jahrzehnten sehr konsequent aufgebaut.

In China vollzieht sich eine bewusste Transformation. Das Land hat sich vom „Fließband der Welt“ zum Gestalter und Entwickler entwickelt. Und geht das – teilweise im deutlichen Gegensatz zu uns im Westen – ganzheitlich an. Die neue KI-Strategie ist ein Musterbeispiel: von Forschung bis Stromversorgung und Anwendungen in allen Lebensbereichen durchdekliniert.

Das Bildungssystem wurde von Grund auf neu ausgerichtet und kontinuierlich an die Erfordernisse einer wissensbasierten Wirtschaft angepasst. …

Der Unterschied zum Westen: Für Länder wie Deutschland oder die USA ist das ungewohnt. Dort ist Forschung oft stärker auf individuelle Exzellenz, einzelne Durchbrüche oder theoretische „Eleganz“ ausgerichtet. Beides hat seinen Wert. Aber bei angewandten Wissenschaften entscheidet die Frage: Wer kann Wissen zuverlässig, schnell und dauerhaft in die Praxis bringen? Das Ergebnis im Nature Index ist kein „viel, aber mittelmäßig“. Es zeigt: China ist besonders stark darin, Wissen systematisch, in großem Maßstab und mit praktischer Wirkung zu erzeugen. Die Forschung ist eingebettet in weit vorausblickende industrielle, technologische und gesellschaftliche Ziele.

Und wenn man sich anschaut, wie massiv China weiter in Ausbildung, Forschungsinfrastruktur und industrielle Integration investiert: Das hier ist vermutlich erst der Anfang.“ Mehr: Klaus Hornetz

Vollständiger Artikel:

Letzte Aktualisierung: 16.12.2025