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Krieg durch Diplomatie beenden

Aufhören

Kriegern gilt Friede als Schimpfwort.

Mit dem Schlachten aufzuhören, bedeute Schwäche. Gewaltfreiheit führe zu Kollaps. Verhandlungen zu fordern sei eine Verhöhnung der Opfer. Die, die nicht in den Krieg ziehen wollen (Die Zeit 05.12.2022, Jeffrey Sachs 24.01.2023) gelten als Verräter. Die deutsche Außenminsterin erklärt (aus Versehen?) Russland den Krieg (Berliner-Kurier 25.01.2023). Während die Kriegstreiber in den Medien immer aggressivere Waffen verlangen. („Heute Panzer. Morgen Kampfjets?“ dpa, NZZ 27.01.23)

Wir sind Zeitzeugen eines vielleicht letzten Showdowns, den sich viele offenbar wie einen klassischen Hollywood-Western vorstellen:

„Fast is fine, but accuracy is final. You must learn to be slow in a hurry. Never use complicated motion in actual combat. Get your gun out of the holster just as fast as you can, and then take your sweet time aiming“. Wyatt Earp, 1848-1929 … „We are eyeball to eyeball, and I think the other fellow just blinked.“ Dean Rusk, amerikanischer Außenminister, 28.10.1962 (zum damals drohenden „finalen Wumms“).

Diplomatie statt Waffen!

Die IPPNW fordert eine Verhandlungslösung des Krieges in der Ukraine.

  • „Wir plädieren für einen Verhandlungsfrieden und Interessensausgleich statt des Versuchs, ohne Rücksicht auf zivile Opfer einen militärischen Sieg zu erringen.“ Waffenstillstand und Frieden in der Ukraine (3. Version):
    www.ippnw.de/bit/waffenstillstand
  • „Die Atommächte müssen ihre Atomwaffen umgehend aus der erhöhten Alarmbereitschaft nehmen, um das Risiko eines Atomkrieges zu minimieren. Die Militäraktionen auf dem europäischen Kontinent müssten unverzüglich beendet und diplomatische Lösungen gesucht werden. Dafür sei es unumgänglich international gemeinsame Sicherheitsstrukturen umzusetzen.“ … „Wir lehnen das Konzept der nuklearen Abschreckung ab, da es die Zivilgesellschaften einem inakzeptablen Risiko der nuklearen Vernichtung aussetzt – sei es durch einen Unfall oder durch böswilligen politischen Willen.“ Hamburger Deklaration zur Atomkriegsgefahr 23.01.2023:
    www.ippnw.de/startseite/artikel/de/hamburger-deklaration-zur-atomkriegs.html (Originalfassung)
  • „Panzer bringen keinen Durchbruch zum Frieden … Wenn Russland in die Defensive gerät oder angegriffen wird, steigt das Risiko für den Einsatz von Atomwaffen. Das gilt auch bei einem Angriff, z.B. auf die Krim. Die Berichte aus den USA über die Unterstützung einer Rückeroberung der Krim sind damit alarmierend. Es ist hochgefährlich und unverantwortlich, auszuloten, wo für die russische Regierung die rote Linie liegt“ IPPNW-Vorstandsmitglied Ralph Urban (22.01.2023) https://www.telepolis.de/features/Panzer-bringen-keinen-Durchbruch-zum-Frieden-7467104.html
  • „It is 90 seconds to midnight! What the doomsday clock means in 2023.“ IPPNW co-president Tilman Ruff (Australia) 26.01.2023

Die Realität ist komplex – Krieg ist ganz einfach


So stellte sich 1909 ein Hermance Edan den Krieg vor: Stärke, Entschlossenheit, Machtgier, Material, Hierarchie, Kanonen-Fallen, List, Lüge, Bösartigkeit führen zum Erfolg. Zwischen 1960-1980 wurden (nach 2. Weltkriegen) jährlich 100-700.000 Spiele verkauft. Angesichts heutigen Denkens wäre es wieder topaktuell.

„Logik der Stärke: Die deutsche Panzerdebatte leidet unter irrationalen Sorgen eine Eskalation zu provozieren. .. Dieser Krieg wird nicht zu Ende gehen, solange Russland ihn nicht verloren hat.“ Brössler D: SZ 20.01.2023 — „Was uns aufhält, ist die Angst davor was passiert, wenn Russland diesen Krieg verliert.“ Landsbergis G. Außenministers Litauens, dpa 24.01.23 — „We are fighting a war against Russia …“ Annalena Baerbock, Außenministerin, Twitter 25.01.2023

„Russland“ muss den Krieg verlieren! ?

Das wird bei der größten Landmasse Eurasiens nicht einfach sein. Selbst wenn die neusten Panzer „gegen Russland“ rollen. Es wird ziemlich lange dauern. Selbst bei dem etwas kleineren Syrien ist der vom Westen angestrebte „Regime-Chance“ nicht gelungen. Und der letzte NATO-Krieg im rückständigen Afghanistan endete mit einer klaren Niederlage.

Selbst wenn es bei dem Versuch, „Putin“ zu beseitigen, nicht zum ganz großen „Wumms“ käme (der das Licht auf der Erde ausknipsen würde):

Söldner und tote Bauern. Bild: Unbekannt, 16. Jhh.
  • Für welche rosige Zukunft sollen „wir“ kämpfen?
  • Für die Inthronisierung eines West-Oligarchen oder eines Mafia-Putschisten in Moskau?
  • Für einen Flickenteppich von Klein-Regionen zwischen Ural und Pazifik?
  • Für Gangster und Warlords in Fürstentümern, die Rohstoffe verhökern?

Wollen „wir“ das Zukunftsmodell „Libyen“, wo der Herrscher, nach einer erfolgreichen NATO-Intervention, aus einer Röhre gezogen und totgeschlagen wurde? Wo anschließend (völlig unerwartet) Frauenrechte, Demokratie, Frieden, Sicherheit, Umweltschutz uva. weggespült wurden? Und wo der Krieg ohne absehbares Ende weitergeht? Nur weil dort, in Libyen, das Öl wieder dahin fließt, wo es soll?

Anders als in den Kriegen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stehen sich im Ukraine-Konflikt keine unterschiedlichen Wirtschafts-Systeme gegenüber, und auch keine gegensätzlichen Religionen. Es ist ein Konflikt unterschiedlicher Mächte im Rahmen des klassisch unkontrolliert wachsenden Kapitalismus-Systems. Es geht um „Beute machen“ und um Unterwerfung in einer Hackordnung.

An diesem (multinationalen) Krieg sind viele Mächtige beteiligt: Oligarchen, Superreiche, Industriekomplexe, Ideologen, Finanzmärkte, Militär-Konglomerate. Ihnen allen geht es im Prinzip jeweils um sehr Ähnliches (wenn auch unter anderen Vorzeichen): um Macht, Herrschaft über Imperien und um Bodenschätze. Menschenleben und Umwelt spielen jeweils keine wesentliche Rolle. Und Werte, Visionen und Ethik kommen nur noch in der jeweiligen Propaganda vor.

Kriegsherr:innen können und wollen die komplexe Realität nicht verstehen. Sie müssen nur gewinnen. Koste es was es wolle. Ian McGilchrist: RSA animate The devided Brain.

„Der globale Süden widersetzt sich dem Westen in der Ukraine-Frage. Die USA und der Westen behaupten, der Krieg Russlands gegen die Ukraine sei ein Kampf zwischen Demokratie und Autokratie.
Anderswo führen frühere US-Militärinterventionen und eigennützige Unterlassungen zu anderen Schlussfolgerungen. …. In dem Maße, wie alte ideologische Trennlinien verblassen und Washingtons Versprechen einer „neuen internationalen Ordnung“ nach dem ersten Golfkrieg (1990-91) im irakischen Sand verlaufen, entsteht inmitten des Chaos eine multipolare Welt. Sie bietet dem „Rest der Welt“ einen größeren Handlungsspielraum. Aber die Fahne der Revolte gegen den Westen und seine Unordnung stellt (noch) keinen Fahrplan für eine Welt dar, die nach dem Völkerrecht und nicht nach dem Recht des Stärkeren regiert wird.“ Le Monde Diplomatique, 03.05.2022.

Atropates, ein General der medisch-persischen Armee, erreichte (trotz schwächerer Position) vor ~2.300 Jahren eine Autonomie. Durch Beendigung des Krieges und Verhandlungen. Kultur und Religion seines Landes überdauerten anschließend das zerfallende Großreich. Bild: Artopates und Alexander. Nat. Museum Azerbaijan. Gegenbeispiel: Vor 900 Jahren ereignete sich ein relativ banaler Zwischenfall zwischen den friesischen Stämmen der Wangerländer und der Harlinger. Gewalt und Gegengewalt eskalierten. Man begann zu brandschatzen, zu plündern, Felder zu verwüsten, Ernten zu vernichten, zu morden und zu vergewaltigen. „Erst als beide Seiten völlig erschöpft waren, … endete (30 Jahre später) das sinnlose Gemetzel“. (Kurowski 2009)

Während noch versucht wird, die Welt neu aufzuteilen, haben die Ukrainer den Krieg bereits verloren: Und zwar beiderseits der Frontlinie, und unabhängig davon, ob sie ukrainisch oder russisch sprechen. Je länger der Krieg bei ihnen andauern wird, desto stärker wird ihre Lebensgrundlage zerstört. Ihr Land liegt in Trümmern, viele sind gestorben und die Zivilbevölkerung leidet entsetzlich und ist traumatisiert. Die, die einst gewinnen und dann herrschen werden, stehen weit weg von der Front, und glauben ihnen (die andere in den Tod treiben) könne nichts geschehen.

Möglichkeiten klug zu handeln

Damit Klügere, die an Frieden interessiert sind, an Einfluss gewinnen, muss man Kriege vom Ende her denken. Sich von den Scheußlichkeiten der Vergangenheit lösen, und in die Zukunft denken. Sich sehnen nach einem versteckten Sinn, der aus all dem Elend erwachsen könnte.

Dabei sind Sehnsucht, Kreativität und Intuition wichtiger, als die Bewertung von Daten:

„Von der Intuition kann man zur Analyse übergehen, aber nicht von der Analyse zur Intuition.“ Henri Bergson

Geleitet von der Intention, Frieden zu fördern, könnten Politiker:innen alles tun, was diplomatisch möglich erscheint, um (sofort und bedingungslos) das Morden zu beenden. Sicher würde der Krieg dann noch eine Zeit lang (anders) weitergehen: mit Worten, Emotionen, Propaganda, Gerichtsverfahren, Wirtschaftssanktionen uva … Aber immerhin: es würde nicht mehr geschossen.

Aggressive Anspannung würde sich lösen. Menschen trauerten und könnten sich besinnen. Sie könnten sich von Todes-Kulten lösen, und sich wieder für Leben interessieren.

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Kriegsphilosophie

Letzte Aktualisierung: 27.01.2023