Gastarbeiter in Tansania

DED-Bericht, 1983

Ich spürte Fernweh nach dem Staatsexamen. Lust, weit irgendwo in Afrika – Asien – Lateinamerika zu leben. Und vor mir lag die Alternative, meine Zeit bei der Bundeswehr zu vertrödeln. Unter den in Frage kommenden, vom Militär akzeptierten „Diensten“ erschien mir der liberale, nicht-kirchliche DED das kleinste Übel. Der DED vermittelt billige Arbeitskräfte ohne Tarifverträge, um mit deren Hilfe für die Bundesrepublik zu werben. Ich könnte   ihm dankbar sein, wenn  ich daran denke, dass ich ohne ihn Tansania vermutlich nicht kennengelernt hätte. Wäre da nicht das Unbehagen in der Rolle der „bundesdeutschen Entwicklungshelfers (EH) gewesen.

Ein Krümelchen Zuckerbrot für das an seiner Entwicklung gehinderte Land. …
Es wird so getan, als käme es nur darauf an, einige gute Sendboten aus dem Norden den armen „Partnern“ im Süden die Hände reichen zu lassen. Da schwingen Mitgefühl  und väterliches Wohlwollen mit. Diesen offenbar noch-nicht Entwickelten, von denen angenommen, wird, sie könnten sich ohne „unsere Hilfe“ nicht aufrappeln, soll durch kumpelhaftes Auf-die-Schulter-klopfen der Eindruck vermittelt werden, man nähme sie ernst.

Etwa so, wie eine Krankenschwester ein behindertes Kind ernst nimmt. Es spricht für ihre Höflichkeit und für die verfahrene Situation, in der sich die „Partner“ befinden, dass sie die Einheit  von Ausbeutung und  mitleidiger Hilfe ertragen.

Den Zentralen ist es egal, was tatsächlich vor Ort geschieht, solange die Statistiken Erfolge vorweisen. Das kommt den EH entgegen, die  gefahrfreie, sozial gesicherte Jahre der Selbsterfahrung und des Abenteuers  suchen. …

Jeder halbwegs aufgeklärte Mensch glaubt sich frei von Rassismus. In Europa ist es relativ einfach, sich tolerant anderen Rassen gegenüber zu fühlen, wenn diese weit genug weg sind, nur über die Medien näher kommen oder sich als Adaptierte vom Typ „Schwarzer mit weißer Maske“ unauffällig integrieren.

Die unter einer meist dünnen Kruste verborgene Abwehr kommt erst beim massiven Kontakt zum Vorschein, beim Leben und Arbeiten in und mit einer fremden Kultur und kann auch nur dann verarbeitet werden. Bevor ich nach Tansania kam, fühlte ich mich als vorurteilsfreier Weltbürger und brauchte doch zwei Jahre, um es annähernd zu werden. Es dauerte, bis sich rein optisch die Bedeutung der Hautfarbe verlor und die Individualität in den Gesichtern hervortrat. Erst allmählich, als die Andersartigkeit und Exotik zur Normalität verblassten, verschwanden „die Schwarzen“ aus meinem Bewusstsein, um geliebten und ungeliebten Menschen Platz zu machen.

In Tansania ist dieser emotionale Lernprozess leichter zu vollziehen, als in anderen afrikanischen Staaten, wo eine ererbte, noch immer offizielle Kolonialsprache den Zugang zu den Menschen verbaut« Aber auch mit Kisuaheli ist es immer noch schwer genug, in der neuen Kultur heimisch zu werden, Spaß daran zu finden, mit anders aufgewachsenen Menschen zu leben und lernen, sie zu akzeptieren und zu lieben. Doch dann ist es wie ein herrliches Gift, von dem man nicht mehr loskommt. Die zu Hause nie so starke Emotionalität und Lebensfreude stülpt mich um, ich komme nicht von den beredten, verführerisch-lachenden, einladenden Augen weg, gewöhne mich an das fröhliche Sich-in-die-Hände-schlagen, an das ungehemmt frivole Tanzen, an die unbändige Freude, dem Tier im Menschen seinen freien Lauf zu lassen, an die allgegen-wertige Lust am Leben, trotz aller Probleme.

Das Gefühl, zwischen zwei Kulturen zu stehen, hat einen eigenartigen Reiz: Ich bin die Zwänge der „alten“ Gesellschaft los und stecke in denen der „Neuen“ nicht drin. Ich kann das ruhigere Leben, die relative Stressfreiheit genießen, ohne die Nachteile in Kauf zu nehmen. Das Zusammenleben der Leute ist nicht besser oder schlechter als in Europa» Es ist anders. Die romantisierende Phrase „sie sind arm aber glücklich“ ist verlogener Mist. Der Geborgenheit in der Großfamilie steht das Fehlen einer Privatsphäre gegenüber- Dem festen Zusammenhalt im Familienverband, der Mangel an familienübergreifendem Bewusstsein und Handeln, an Solidarität, an gewerkschaftlichem und genossenschaftlichem Verständnis.

Auch dem Politiker, der „ujamaa“ propagiert und gegen Vetternwirtschaft wettert, ist „jamaa“ (=Familie) und damit der eigene Vetter wichtiger. In romantischen Illusionen verklärt, meinte ich anfangs, die Menschen in ihrer ländlichen Ruhe und mit ihren liebenswürdigen, höflichen, Aggressionen vermeidenden Umgangsformen lebten psychisch gesünder, als die verkorksten Zivilisationskranken zu Hause.

Erst allmählich zeigten sich die Schattenseiten, wie angestaute, im Alltag verdrängte Aggression, die sich plötzlich beim Lynchen eines Hühnerdiebes entlädt.

Es ist nur auf den ersten Blick verwunderlich, in einem dörflichen Krankenhaus ungefähr die gleiche Anzahl und Palette von psychisch Kranken zu finden, wie in einem europäischen.

Psychosomatisch Kranke, Neurotiker und Psychotiker sind im afrikanischen Dorf nicht seltener. Nur fallen sie weniger auf, da sie sich meist verhext glauben oder dafür gehalten werden, und daher vorzugsweise zum traditionellen Heiler statt zum ‚modernen‘ Arzt gebracht werden. Das Magengeschwür wird durch andere Zwänge als den europäischen Arbeitsstress ausgelöst. Zwänge von denen der ‚Expatriate‘ zum Glück verschont und denen in Europa lebende Afrikaner entronnen sind. Die wärmespendende, sichernde Großfamilie ist ebenso das allgegenwertige drohende, strafende Überich. Sie sorgt für strenge Einhaltung der traditionellen Normen, Tabus und Geschlechterrollen und versucht jedes Ausbrechen zu verhindern. Dieser gesellschaftliche Druck wird ergänzt durch die Hexerei.

Es ist belanglos, nach ihrer Existenz zu fragen, solange sie für alle Betroffenen außer Zweifel steht, und die Angst davor tief verwurzelt ist. Jedes Unglück, jede Krankheit wird auf seine ‚Verursachung‘ hin ab-geklopft. – „Wer hat mir das angetan?“ Glück, überragende Leistungen und Erfolge bei anderen, durch die Erklärung ‚uchawi‘ (=Hexerei) relativiert. Jeder Mitmensch mit fallendem Verwandtschaftsgrad ist ein potentieller Feind, ein Neider, der die bösartigsten Dinge vorhaben kann. Folglich‘ müssen Verärgerung und Neidauslösung vermieden werden. Frau und Mann müssen höflich sein, auch wenn sie den Gegenüber zum Kotzen finden, dürfen im Alltag keine ’negativen‘ Gefühle zeigen, auch wenn sie im Innern noch so kochen, müssen Tiefstapeln, gute Kumpel sein, sich nicht ‚als was Besseres‘ fühlen, Reichtümer verteilen, um nicht von Nachbarn, Kollegen, ‚Freunden‘ verhext oder von der Großfamilie geächtet zu werden.

Diese gesellschaftlichen Regulative halten das System zusammen. Sie garantieren ein sicheres, formal ruhiges Zusammenleben und verhindern ein Entfernen einzelner Mitglieder aus der möglichst egalitären Gesellschaft.

Ehrgeiz, Karrieresucht, Geschäftstüchtigkeit, Raffgier, aber auch sexuell besonders begehrenswert und verführerisch sein. Jeder Versuch, sich von den anderen abzuheben, wird mit abgrundtiefer Angst und Alpträumen bedroht.

Diejenigen, die sich Schulter-zuckend darüber hinwegsetzen, um große ‚moderne‘ Aufsteiger zu werden, können eines Tages in ein psychisches Chaos geraten, wenn irgendeine Krankheit oder Pech das Selbstvertrauen ankratzen, und die alte, vergessen geglaubte Angst hochkriecht. Sie stecken meist seelisch noch mehr in der Klemme als einfache Bauern, da sie die Zwänge der modernen Industriegesellschaft verinnerlichen, ohne die alten verloren zu haben.

Ich, der „Gast“ kann diese Ketten betrachten, ohne sie tragen zu müssen; kann mich wohlfühlen in meiner Freiheit, bis ich das „Gast-sein“, die beobachtende Außenseiterposition leid bin. „Gast“ bedeutet, höflich freundliche Distanz. Im privaten Umfeld, wie bei der Arbeit ein Hauch von Narrenfreiheit und dem Gefühl, nicht ganz ernst genommen zu werden. Was versteht ein Weißer schon von „Uchawi“ (Hexerei)? Was ein relativ wohlhabender Europäer von den täglichen Problemen der Afrikaner, sich die lebensnotwendigsten Dinge zu beschaffen? Ein Ausländer von der tansanischen Politik, von der Art, wie hier ein Betrieb, ein Hospital oder das Land organisiert und regiert werden müssen? Was hat er schon dazu zu sagen??! Der Gast soll es angenehm haben, aber er soll möglichst In seiner Beobachterrolle bleiben. Eine Position, anfangs als nötig erkannt und als angenehm empfunden, wird schließlich unbefriedigend und als Dauerzustand unerträglich. Bei mir kam das Vertragsende der Suche nach einem Weg in die Integration zuvor; dem Versuch, vom tolerierten Fremdkörper zum akzeptierten, verantwortlichen Mitglied zu werden. Es ist mir schleierhaft, ob oder bis zu welchem Grad das möglich ist. …

Afrika kann grausam oder fröhlich, brutal oder zärtlich sein,  extrovertiert, offen, erotisch und leidenschaftlich … Ich spüre, wie mich in Europa das Heimweh packen wird.

 

 

Letzte Aktualisierung: 18.02.2014