Deutsches Kolonialerbe
Inhalt
- Imperiale Bruchlandung
- Ein Einzelschicksal der Kolonialzeit
- Völkermord
- Friede ist angeboren, Krieg erworben
- Friede statt Krieg. Versöhnung statt Rache.
- Restorative Justice:
Die südafrikanische Wahrheitskommission
Imperiale Bruchlandung
Deutschland besaß in Afrika Kolonien. Ende des 19. Jahrhunderts begann man, sie wirtschaftlich auszubeuten. Und verlor seine Plantagen im Ersten Weltkrieg.
Es ist die Geschichte einer Bruchlandung.
Allein im größten Befreiungskrieg gegen die deutsche Kolonialherrschaft (Maji-Maji Krieg) verstarben Hunderttausende.
Nach dem Niedergang der kurzen deutschen Kolonialepoche träumten viele weiter.
Sie hielten die imperialistische Expansion Deutschlands für eine nationale Schicksalsfrage. Sie engagierten sich im Reichskolonialbund mit fast zwei Millionen Mitgliedern. Und bereiteten sich vor, für den Schicksalstag der Rückkehr: in Forschungs- und Verwaltungseinrichtungen der deutschen Kolonial-Technik oder Tropen-Medizin.
Vieles von dem, an das sie glaubten, lebt bis heute weiter.
Noch 1944, kurz vor dem Ende, wollte Heinz Rühmann das Volk mit „Quax in Afrika“ bespaßen. (Mehr: Schwarze Komparsen, WDR 2002)
Nach der erneuten Schlappe des Zweiten Weltkrieges hatte Afrika für Deutschland eine geringe Bedeutung. Man betrieb das Geschäftsfeld der Entwicklungs-Zusammenarbeit.
In der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts scheint sich das zu ändern. Nach der bitteren Niederlage der Verteidigung deutscher Interessen am Hindukusch versuchte man es mit der Bundeswehr in Westafrika.
Denn die afrikanischen Rohstoffvorkommen gewannen an Bedeutung. Coltan, Tantal, Wolfram, seltene Erden, Diamanten und Offshore-Erdgas wecken Begehrlichkeiten und verursachen schreckliche Kriege Ostkongo und Nord-Mosambik. Deutschland steht dabei Ruanda zur Seite (das früher ein Teil Ostafrikas war), z. B. bei biotechnologischer Forschung und Produktionen, die in Europa nicht durchführbar wären. Ruanda ist die treuste Regionalmacht des Westens. Tansania dagegen sucht noch nach Möglichkeiten, den relativ eigenen Wege zwischen den Machtblöcken weitergehen zu können.
Ein Einzelschicksal

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts träumten viele Deutsche noch von ihrem Kolonial-Imperium.
Der tansanische Nobelpreisträger von 2021, Adulrazak Gurnah, betrachtete diese Zeit aus der afrikanischen Perspektive. Sein sehr sensibel geschriebener Roman „After Lives“ handelt von der Familie eines „Ilyas“, der im Ersten Weltkrieg verschollen war. Und dessen Schicksal erst zwei Generationen später entschlüsselt wurde.
Die Gurnah erinnert mit seiner Geschichte an die Bayume Mohamed Husen, der der deutschen „Schutztruppe“ in Ostafrika als Hilfssoldat (Askari) angehörte. Aus der Kriegsgefangenschaft verschlug es ihn nach Deutschland. Und wartete dort als ein treuer Anhänger des deutschen Militärs auf eine Rückkehr nach Tansania. Beim Nazi-Reichskolonialbund lief er als Aushänge-Askari mit.
Um Geld zu verdienen tingelte Als singender Afrikaner sei er durch Varientés, Kneipen und Bars in Nord-Deutschlands getingelt. Möglicherweise stammt das von Joachim Ringelnatz besungene „Suaheli-Schnurrbarthaar im Meer vor Norderney von ihm.
Nach einer Verhaftung wegen „Rassenschande“ wurde er 1944 im KZ Sachsenhausen umgebracht. (Mehr)
Völkermord
Zum Hintergrund der Geschichte gehören die großen Vernichtungsfeldzüge der deutschen Kolonialarmee:
- In Namibia gegen die Herero & Nama: Ein inzwischen anerkannter Völkermord.
- In Ostafrika gegen die (suaheli-sprachige) Bevölkerung in Süd-Tansania. (Maji-Maji-Krieg)

Zur Zeit des weitgehend verdrängten Befreiungskrieges gegen die Kolonialherrschaft war der Süden Tansanias bedeutender als der Norden. Die Deutschen mordeten dort so gründlich, dass diese Region bis heute weniger entwickelt ist als nördliche Landesteile.
Der Geist der „Seuchen-Hygieniker“ des Sanitätsdienstes der Schutztruppe spukt bis heute in medizinischen Gemäuern. Mir vertraute Mediziner wie Bernhard Nocht (im Bild) und Robert Koch waren (u.a. in „Deutsch-Ostafrika“) „im Dienst der Wissenschaft“ an Menschenversuchen beteiligt.
Die Verantwortung für den Massenmord deutscher Kolonialisten in Tansania wird bis heute verdrängt. Obwohl die Forderungen Tansanias, die ich 2022 und 2024 hörte, einfach zu erfüllen wären:
- Aufrichtige Entschuldigung
- Rückführung aller Leichenteile (die in deutschen Instituten liegen)
- Rückführung von Raubkunst.
- Bezahlung für Dauerleihgaben (Beispiel: Dinosaurierknochen)
- Faire, gleichberechtigte (postkoloniale) Wirtschaftsbeziehungen!
Friede statt Krieg. Versöhnung statt Rache.
In vielen Ländern Afrikas (u. a. Sudan, Kongo, Mosambik, Mali, Niger) wird versucht, „regionale Chaoszustände zu schaffen, um Ambitionen und Interessen zu befriedigen.“ (Baud 2025)
Im Ost-Kongo und in Nord-Mosambik waren die internationalen Konzerne, Söldner, staatliche Handlanger und Mörder 2025 sehr erfolgreich. Coltan und Erdgas werden deutlich billiger, wenn die Lieferung direkt von den Minen und Bohrungen an die Abnehmer erfolgt, ohne staatliche Zwischenhändler. Am besten, wenn die Bevölkerung um die Abbaufelder zuvor weg-gesäubert wurde.
Erstaunlicherweise gelang das in Tansania bisher nicht.

Haben die Völker dort, nach dem Trauma des gescheiterten Befreiungskrieges gegen deutsche Kolonialtruppen, Techniken der Friedensfähigkeit erlernt? Fähigkeiten interner Konfliktlösungen, die es den Rohstoffgierigen erschweren, Kriege anzuzetteln? (Utani: s.u. Ndagala, Lukas)
Immerhin leben in Süd-Tansania ehemalige Todfeinde auf engem Raum in Dörfern zusammen. Noch im 19. Jahrhundert hatten sie, im Zuge einer Einwanderungswelle aus dem Süden Afrikas, schreckliche Kriege gegeneinander geführt. (Kinambo 2017). Zurzeit aber herrscht dort Frieden, während in unmittelbarer Nachbarschaft (bei verwandten Völkern) die gesellschaftlichen Ordnungssysteme zertrümmert werden.
Bei tansanischen Diskussionen, wie trotz der ausländischen Interessen der Frieden erhalten werden könnte, werden auch die Erfahrungen der Aufarbeitung der rassistischen Diktatur in Südafrika analysiert. Denn sie gleichen vertrauten traditionellen Kommunikationstechniken in Konflikten.
In Südafrika versuchte man nach dem Ende des Traumas der Rassen-Diktatur einen innovativen Weg, wie Menschen zu angeborener Friedensfähigkeit zurückfinden können.
Friede ist angeboren. Krieg muss erlernt werden.
Alle Menschen werden gleich geboren. Sie gedeihen in Liebe. Und entwickeln in den ersten Lebensjahren die gleiche Sprache der Gefühle. Sie leben fröhlich, frech und unbekümmert. Ab dem Kasperle-Alter beginnen sie zu verstehen, dass andere unterschiedlich fühlen und denken können.
Sie erlernen die Kunst emotionaler Intelligenz, die sie zu gelingenden Beziehungen mit allen Menschen befähigt. Ihre angeborene und frühkindlich erworbene Friedensfähigkeit muss ihnen dann durch Drill, Leistungszwang und Indoktrinierung abtrainiert werden. Erst dann lernen sie falsch von wahr zu unterscheiden, und das Böse vom Guten, und Feind vom Freund. Das menschentypische Miteinander wird allmählich in ein für Krokodile typisches Gegen-Einander verkehrt. Sie erlernen Kriegstüchtigkeit.
Im Krieg werden sie traumatisiert und verüben Verbrechen gegen ihre Menschlichkeit. Danach gilt das Recht der Sieger: Die Bösen der anderen Seite werden abgeurteilt, weggesperrt oder umgebracht. Friede ist dann eine kurze Atempause für den nächsten Krieg.
Restorative Justice:
Die Wahrheits-Kommission in Südafrika

Vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass Menschen gut sind und das Böse erst erlernen müssen, entwickelte sich die Idee, dass Versöhnung möglich sei. Wenn es gelingt, die ideologischen und rationalen Gedanken zu beruhigen und sich Menschen als fühlende Wesen begegnen.
Dann sollte es möglich sein, dass Menschen, Täter wie Opfer, zu einer Aussöhnung der Gefühle finden können: zu gemeinsamer Trauer und Reue.
„Ich bin nicht. Wir sind!“ Desmond Tutu
Es ist möglich, kulturell angeeignete Muster, die zu Verbrechen führten oder die nach Rache schreien, zu beruhigen.
Man versuchte in Südafrika gemeinsam nach einer „Wahrheit“ zu suchen, bei der nichts aus taktischen oder ideologischen Gründen verschwiegen werden sollte. Erst nach schonungsloser Offenlegung der Schuld kann ein Täter die Trauer der Opfer spüren und andere Menschen „von Herzen“ um Verzeihung bitten. Und diese können ihm verzeihen und die Strafe erlassen.
Im Rahmen des Versuches „Wahrheit und Dialog Vorrang einzuräumen vor Strafverfolgung“ wurden in Südafrika etwa 7.000 Amnestie-Ersuchen eingereicht und verhandelt. Mehr als 900 dieser Verhandlungen verliefen erfolgreich.
Von dieser afrikanischen Kompetenz zur friedlichen Kommunikation könnten andere lernen.
„Wenn du jemanden anderen verletzt hast, musst du die Verantwortung übernehmen. Denn wenn die Wahrheit gesagt wird, wird ein Heilungsprozess in Gang gesetzt, der zurück zu Frieden führt.“ Anny Abinati , Richterin des Yurok Stammes, USA, zitiert von Clivia von Dewitz
Mehr
Externe Links
- Tansania Netzwork e.V. (https://tanzania-network.de)
- The 19th Century German Agents of Colonialism –
- Dossier iz3w: https://www.iz3w.org/artikel/maji-maji-genozid-widerstand-kolonialismus-tansania
- Film „Das leere Grab“: Zwei Familien gegen den Horror des Kolonialismus, Vorwärts, 17.05.2024. https://vorwaerts.de/kultur/film-das-leere-grab-zwei-familien-und-der-horror-des-kolonialismus
- BPD 28.08.2020: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/209829/vor-115-jahren-der-maji-maji-aufstand/
- United Republick of Tanzania 23.10.2021: https://unitedrepublicoftanzania.com/history-of-tanzania/tanganyika/maji-maji-rebellion-causes-effects-failure-why-did-the-fail-broke-out-in-tanganyika-of-course-leader-primary-source-summary-caused-pdf-1905/
Literatur
- Baut J: Zeitgeschehen im Fokus 15.01.2025: https://zgif.ch/2025/01/15/der-westen-und-israel-schufen-regionale-chaoszustaende-um-ihre-ambitionen-und-interessen-zu-befriedigen/
- Dewitz C. v: Gerechtigkeit durch Wiedergutmachung. Zur südafrikanischen Wahrheitskommission und deren Übertragbarkeit auf den Ukrainekonflikt. Westend 2024, westendverlag.de/Gerechtigkeit-durch-Wiedergutmachung/2079, Video:
- Gurnah A: Romane in deutscher Übersetzung –
- Hontschik B: Wer war Robert Koch? FR 05.02.2022 –
- Kinambo I: A new history of Tanzania. Mkuki Na Nyota, 2017
- Lachenal G. The Lomidine Files. The Untold Story of a Disaster in Colonial Africa. John Hopkins Univ Press 2017 (Original in franz. 2014)
- Lowes S. etal.: The Legacy of Colonial Medicine in Central, Harvard Univ. 25.02.2018
- Lukas St: The Role of Utani in Eastern Tanzanian Clan Histories. The African Review. 1974 4(1):91-109, www.jstor.org/stable/45341315
- Mapunda BB: Encounter with an injured buffalo: Slavery and Colonial Emancipation in Tansania. Journ. Afr. Diasp. Arch. & Her, 2017 6(1):1.18
- Ndagala DK: Utani relationships in Tansania. Reflections on ethnic creativity, sanaajounal.ac.tz, 1976
- Mbogoni L: Aspects of Colonial Tanzanian History, Mkuki Na Nyota, 2016
- Packard R: A History of Public Health, 2016
- Riel A. v.: Der verschwiegene Völkermord. Deutsche Kolonialverbrechen in Ostafrika. PapyRosa 2023