Wer sich selbst nicht in Frage stellt, wird andere nie verstehen

Zu Frustration und Gejammere vieler Entwicklungshelfer/-innen in Tansania.
DED-Brief, 1981, Nr. 4

Bahati ( = Glück), der kleine nichts­nutzige Köter nagt an meinem Zeh, um mich am Schreiben zu hindern, Eric Burdon seufzt über San Francisco, endlich tropft wieder Wasser aus der Leitung in der Küche, Hühner scharren im Stall hinter dem Wohnzimmer, wo zwischen Büchern und afrikanischen Stoffdrucken die wei­chen Polster von der zischenden, heissen Benzinlampe beschienen werden.

Tansania = kein Kino, kein Konzert, keine weiße Entwicklungshelferclique, nichts mit dem ich den Kultur­schock, die Erfahrung des anders-seins verdecken könnte. Meine europäische Bude, in die ich mich verkriechen kann, ist gemütlich ausgestopft, der Bauch an Ugali und Kochbananen gewöhnt, die Arbeit flutscht routinierter, der Angst­schweiß der ersten Nachtwachen ist vergessen.

Jeden Morgen holt mich Longino zum „Wald“-Lauf ab. Ich sitze in den Häusern der Dörfler, esse ihr Elefanten­fleisch und quatsche über unsere verschiedenen Kulturen und die Schwierigkeiten des Alltags. Die Leute sind freundlich zu mir. Sie geben mir das Gefühl gebraucht zu werden. Sie kommen zum Schach und Tischten-nis-Spielen.

Also geht es mir gut, Nach dem Sprung ins kalte Wasser bin ich aufgetaucht und schwimme mich frei. Trotzdem spüre ich in mir das, was ich an so vielen Entwicklungshelfern ablehne und doch in mir selbst fürchte: Die Enttäuschung über das Land, Fru­stration, Abwehr, was sich zum Jammern, Wehklagen und schließlich zum offenen Rassismus entwickeln kann. Wir sind zerrissen. Wenn wir uns treffen, erzählen wir, wie schlecht es uns geht. Histörchen von dem typisch un­möglichen Verhalten der Schwarzen, mit dem wir fertig werden müssen, von der Karikatur des Sozialismus in Tansania und vergessen, wovon wir zuhause schwärmen werden — ver­gessen über Dinge zu reden, die uns dazu bringen, unseren Entwicklungshelfervertrag zu verlängern, nach dem wir Berichte verfassten, in denen wir schildern, was für ein hoffnungsloser Sauhaufen unser Projekt regiert und wie aussichtslos unsere Arbeit ist.

Es ist mehr als zweifelhaft, ob ein „Entwicklungshelfer“ als nützlicher Alibiidiot der Bundesrepublik („Seht mal, wir tun ja was“) objektiv für Tansania ein Gewinn ist. Aber auch die Rückwirkung des Landes durch den Entwicklungshelfer auf die Industrienation („Entwicklungshelfer als Bote eines besseren Verständnisses für die Dritte Welt“) ist wohl eher eine Ausnahme. Bei den meisten Entwicklungshelfern überwiegt die unpoliti­sche Resignation: Die Tansanier sind an ihrer Misere selbst schuld – Wenn Tansania von Deutschen bevölkert wäre, könnte es ein blühendes Paradies sein.

Da Ist die Unpünktlichkeit. Ich will um acht operieren und um neun wird erst der Patient gebracht. Die langatmige Fummeligkeit, bis etwas in die Gänge kommt bei einem Notfall. Die Unfähigkeit zu organisieren, über die sich alle die Haare raufen. ZB. Nachingwea’s Stromgenerator, der plötzlich ausfällt, weil Diesel erst dann bestellt wird, wenn der letzte Tropfen verbraucht ist. Es könnte eigentlich losgehen, als der Diesel kommt, doch man stellt fest, dass das Getriebeöl verbraucht ist und erst aus Dar-es-Salaam eingeflogen werden muss (hätte man vor einem halben Jahr bestellt, hätte man es in aller Ruhe mit dem Schiff kommen lassen können). Ist auch das endlich da und der Rost der Zwangsruhepause beseitigt, und ist die ganze Stadt sicher in der Freude, daß es wieder Strom gibt, entdeckt ein Fundi (dörflicher Handwerker) einen Defekt in der Leitung vom Generator zum Hauptnetz, für den man erst ein Ersatzteil ordern muss.

Oder: ein Patient liegt in Narkose, ich will gerade anfangen, da erfahre ich, es sei kein Jod und auch kein anderes Desinfizienz da. Dem Nursing of-ficer (in etwa: leitender Krankenpfleger), der einen Tag zuvor nach Lindi zum Medikamente einkaufen gefahren war, war der Jodmangel nicht mitgeteilt worden, da zu diesem Zeitpunkt ja noch ein Rest vorhanden war.

Oder: ich setze bei einem Säugling die Vakuumpumpe an und will gerade loslegen, als mir die Schwester sagt, die Pumpe sei seit einer Woche undicht. Niemand kam auf den Gedanken, sie zu reparieren oder es auch nur zu melden, da das Ding ja gerade

nicht gebraucht wurde. Ein Deutscher, wie ich, steht erst mal fassungslos belämmert herum und versteht nichts mehr, resigniert vielleicht oder tobt und stößt dabei auf gleichgültiges Unverständnis.

Die beliebtesten Wörter in Tansania sind „matatizo“ (Problem), „Hamna“ (gibt’s nicht, ist nicht da, was grundsätzlich gesagt wird, bevor man sich aufrafft zu suchen), „Wasiwasi“ (Durcheinander), „Taabu“ (Entbehrung, Qual), „Shida“ (Schwierigkeit).

„Shida kweli!“ (wirklich ein Problem), wenn kein Wasser läuft, weil für die Pumpen kein Strom da ist, weil der Generator kein Wasser für seine Kühlung bekommt. Wenn ich an einem Darm operiere und der Patient dabei aufwacht, weil Sauerstoff und Narkosemittel zu Ende gehen ohne dass der „Anästhesist“ was merkt. Wenn ein Patient stirbt, weil die Ambulanz über Land fährt und Mais transportiert, wenn ein Säugling immer blauer wird und der einzige Tubus zum Beatmen nicht aufzufinden ist. „Taabu sana!“ (solche Schwierigkeiten!) ist ein so beliebter Ausdruck wie: „Es ist aber wirklich heiß heute!“, was bedeutet: „ich könnte nicht leben, wenn es mal längere Zeit nicht heiß wäre!“, wenn nicht die Arbeit täglich von neuen Problemen aufgehalten würde. Ich komme morgens in den Operationssaal, will mich voller Tatendrang auf ein großes Programm stürzen und höre die Chefnurse lächeln: „Ba-hati mbaya!“ (so ein Pech!) — „gestern hat Makota (der andere Arzt) das letzte Skalpell verbraucht! Kari-bu chai!“ (willkommen zum Tee!).

Ist es da ein Wunder, wenn ein deutscher Entwicklungshelfer ausflippt und zum Rassisten wird?

Oder umgekehrt ein Wunder, wenn wir uns später zu Hause nicht mehr eingewöhnen können?

Es gibt hier in Tansania keinen Stress und keine Hektik, es sei denn, wir produzieren sie selber. Niemand nimmt es besonders tragisch, wenn der Strom ausfällt, das Flugzeug nicht kommt, es kein Wasser zum Waschen gibt oder ein wichtiges Medikament monatelang nicht zu haben ist. All das ist hier eigentlich nicht besonders wichtig. Man lebt auch ohne das und hat seinen Spaß. Vieles, von dem wir meinen, es gehöre essentiell zu unserem Leben, verliert seine Bedeutung.

Wenn ein Tansanier nach Deutschland kommt, wird es ihm anfangs ähnlich gehen wie vielen von uns: „Wie kann man nur so leben?“. Man kann. Es ist schwer, das Anderssein zu ak­zeptieren und sich treiben zu lassen. Deshalb glucken überall die Entwicklungshelfer zusammen und betreiben kulturelle Inzucht.

Mit einem Schweden oder den Kuba­nern in Lindi kann ich problemlos über Liebe reden — sie verstehen mich, der Begriff hat in ihrer Sprache dieselbe Bedeutung. Wie aber mache ich mich Longino, meinem Freund, dem Automechaniker, verständlich, in dessen Kultur es keine Romantik gibt und für den eine europäische „Liebesheirat“ ein Alp­traum ohne Ende wäre? Er kann mir von seinem Verhältnis zu seiner Frau erzählen und ich höre er­staunt zu, so wie er verwundert den Kopf schüttelt und lacht, wenn ich ihm von unseren Sitten erzähle. Natürlich hätte auch ich in Dar-es-Salaam mit Amis oder Holländern rumgehockt, geklönt und nur gele­gentliche Ausflüge in afrikanische Hütten gemacht.

Der Arbeitsplatz im Busch, wo ich als einziger Weißer keine Fluchtmöglichkeiten habe, zwingt mich, Dinge zu erleben und zu erfühlen, die anderen in Teams oder Missionsstationen verschlossen bleiben, auch wenn sie 20 Jahre hier arbeiten. Viele Rückkehrer wie auch die Missionare, die sich ihr bayrisches Essen per Schiff kommen lassen, sind fest davon überzeugt, dass eine Freundschaft (wie wir „ie kennen) zwischen einem Tansam’er und einem Europäer nicht möglich sei. Ähnlich wird das scheinbar endgültige Urteil gepflegt, man könne mit einer Afrikanerin zwar schlafen, aber danach käme die große Leere. Alles liefe letztlich auf Prostitution heraus (Sex für Jeans). Alles, was uns so wichtig ist wie Zärtlichkeit, Gesprä­che, Verständnis, Vertrauen habe in einer geschlechtlichen Beziehung zwischen schwarz und weiß keinen Platz.

Ich meine nicht, dies seien reine Vorurteile. Viele, die sich so in ihrem in­neren Europa einigeln, haben sicher die Öffnung versucht und sind gescheitert. Es ist auch, verdammt, nicht einfach.

Und trotzdem bin ich hier glücklich, ohne einen anderen „Mzungu“ (Weisser); und das nicht nur, weil ich mir bewußt bin, Erfahrungen zu machen, die mein ganzes späteres Leben beeinflussen werden. Ich bin bewußter ein Deutscher als ich es vorher war und doch ist da mein tansanischer Freund, der mir hilft, wenn mich der Frust packt, weil ich eine furchtbare Operation verpatzt habe. Da sind die Abende in sei­ner Hütte bei der Petroleumfunzel, dem Maisbrei und den Bohnen, in denen wir uns voneinander erzählen und spüren, wie sich die Distanz zwischen uns verliert. Da ist meine Freundin, die mich in ihren Armen davonfliegen läßt, mit der ich mir in der Disco das Heimweh aus dem Leib tanze, die mir wie eine zärtlich sprudelnde Quelle alle Geheim­nisse offenbart.

Beide sind mit mir zusammen, ob­wohl ich reich und weiß bin, d.h. es hat sie Anstrengung gekostet, Vorur­teile und Angst zu überwinden; im Gegensatz zu anderen, die sich schleimend anbiedern, um zu profitieren.

Weder bei Longino noch bei Grace habe ich das Gefühl, ausgenutzt zu werden, wir haben Vertrauen zuein­ander, und wir haben uns bewiesen, daß wir aufeinander zählen können, trotz stirnrunzelnder Zweifel vieler Weißer in der Umgebung („Mit der Zeit werden auch dem die Augen aufgehen!“)

Dann sind da noch Menschen wie die Wazee (die Alten) Lukanga und Liunda (leitender Krankenpfleger der ei­ne, OP-Chefpfleger der andere), die ich schätze, die ernsthaft und engagiert arbeiten und dennoch ausgegli­chen sind. Die sich einsetzen, verlässlich sind, ohne dabei in Gefahr zu kommen, ein Magengeschwür oder Hochdruck zu entwickeln.

Ein beliebtes Argument der frustrierten Ärzte ist, dass schließlich bei der allgemeinen Schlaffheit, der unbe­kümmerten Organisationsträgheit Patienten vernachlässigt oder vergessen werden oder einfach auf der Strecke bleiben.

Das ist richtig. Und doch vergessen diese Entwicklungshelfer, wenn sie die Afrikaner verdammen, wie es zu Hause aussieht.

Werden da etwa keine Menschen zerstört? Durch unmenschliche Apparatemedizin, überflüssige Operationen (aus „wissenschaftlichen“ oder Profitmotiven), durch das Alleingelassen-werden in der Kälte unserer Kran­kenhäuser, durch die eingreifenden, den Patienten gefährdenden „Therapien“ bei Krankheiten, bei denen un­sere Medizin wirkungslos ist, weil sie psychisch oder gesellschaftlich bedingt sind oder es eigentlich keine Therapie gibt (welche internistische Abteilung freut sich nicht über einen Patienten mit „irritablem Colon“ (Dickdarmgeschwür), an dem sie sich zwei Wochen austoben kann, um ein Karzinom auszuschließen, statt mit ihm zu reden, und dem nach erfolgloser Suche mitgeteilt wird, er sei hysterisch. Wie viele Menschen sind bei uns psychosomatisch krank, neurotisch, psychisch verkrüppelt, Tabletten- oder Drogenabhängig, weil ständiger Druck, Hetze, Stress, Konkurrenz kämpf. Mitleidlosigkeit und Vereinsamung zum Alltag gehören. Alles Dinge, die hier fremd sind.

Wenn wir die Werte und Vorteile unserer eigenen krankmachenden Gesell­schaft nicht hinterfragen, müssen wir hier zwangsläufig verzweifeln und in Rassismus verfallen.

Man vergisst dann, das ganz andere Leben zu genießen. Die Ruhe, das Gefühl, Zeit zu haben, nichts zu verpas­sen, von keinen Plänen gehetzt zu werden, weil bei den ständigen Shi-da’s nichts wirklich planbar ist, zu sich selbst zu kommen, befriedigend locker zu arbeiten ohne Karrieredruck (und ohne Privatpatienten). Auch wenn ich oft alle zur Hölle wün­sche, lerne ich täglich von „meinen“ Tansaniern: Von ihrer, die Person des anderen achtenden Höflichkeit, ih­rem aggressionsvermeidenden Umgang miteinander, der es nicht zu­lässt, ein Gegenüber fertig oder zur Schnecke zu machen, wie bei uns zu Hause üblich.

Von ihrer Fähigkeit, große Probleme, wie schwere Erkrankungen oder den Verlust von Angehörigen, auf ein psy­chisch erträgliches Maß zu reduzie­ren und gelassen zu ertragen, ohne zu verzweifeln.

Von dem Nicht-Ernstnehmen kleiner Schwierigkeiten, wie die Verspätung eines Zuges um 24 Stunden oder dem Ausbleiben von Batterien, Bier, Seife, Waschpulver usw. für mehrere Mona­te (all das spielt für das Gefühl, glücklich’zu sein eine ziemlich zweit-rangige Rolle).

Ich bewundere die Mitmenschlich­keit, die warme Kinderfreundlichkeit, die Aufopferungsbereitschaft für die Mitglieder der Großfamilie, die Emotionalität und Lebensfreude. …

Autor: Helmut Jäger

Letzte Aktualisierung: 15.06.2019