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16. Dezember 2025

Chinesische Renaissance

Inhalt

  • Hintergrund
  • Renaissance: Neo-Konfuzianismus, dynamischer Dualismus, Dao, Datong, Hé, Tianxia
  • Anhang: „Kopieren?“

Hintergrund

Eine der vielen Besonderheiten Chinas ist es, wichtige Gedanken außerhalb des eigenen Kulturkreises in die eigene Kultursuppe einzurühren. Die schon seit viertausend Jahren köchelt und dampft. Wird frisches Gemüse in einen etwas abgestandenen Eintopf geworfen und zusätzlich noch scharf gewürzt, entsteht ein vollkommen neues Gericht.

Chinas Kultur sog die indische Philosophie des Ghandara-Buddhismus auf, das Nestorianer-Christentum, den Islam und schließlich im letzten Jahrhundert (auf dem Festland) die Ideen von Marx und Lenin und zeitgleich (und auf dem Festland zeitversetzt) deren Negation: die kapitalistische Wachstums-Ideologie. Immer zerschlug das Neue die erstarrten Strukturen in tausend Stücke, aus denen auf wundersame Weise doch wieder Kunstformen erwuchsen, die dem Alten glichen. Im Westen wurde das Gestrige vernichtet, verbrannt, beseitigt, ausradiert und anschließend vergessen. Etwa die Erinnerungen an schamanistische Kompetenz. Dagegen wurde in China, und den verwandten asiatischen Kulturen das Alte stets bewahrt. Selbst nach den großen Bücherverbrennungen unter Qin Shihuangdi (um 200 v.u.Z.) oder Mao Tse Tung 1966.

In China entwickelte Philosophien traten in den Phasen des Aufnehmens des Fremden (aus dem Westen oder Norden) vorübergehend in den Hintergrund. Sie vermischten sich aber und übernahmen dann allmählich wieder die Dominanz in kreativen Weiterentwicklungen.

So entstanden Chan (jap. Zen) oder Shaolin. Als wären sie Zweige indischer Yoga-Philosophie, die auf einen knorrigen Baum aufgepfropft wurden. Nach der Veredlung erblühte der Stamm wieder in bunten Farben und bildete fremdartige Früchte, die ungewöhnlich aussahen, aber vertraut schmeckten.

Das ur-alte chinesischen Bild des Hirten (die konfuzianische Hierarchie), die den Ochsen (das Kapital) am Nasenring führt. Bild: Tuschezeichnung, um 1955, Künstler unbekannt, Privatbesitz

Im 19. Jahrhundert war China (unter den Qing) in einem Korsett festgeschriebenen Handelns erstarrt. Der Macht-Formalismus behinderte die Entwicklung, und die Gesellschaft erstickte in sinnentleerten Ritualen. Währenddessen begann im Westen (nach der Renaissance) der von protestantischen und jüdischen Gebeten inspirierte Kapitalismus, die Welt zu erobern.

In China zersplitterte die traditionelle Herrschaft in tausend Stücke. Es folgten Bürgerkriegswirren und das Elend der japanischen Eroberung. In dieser Ohnmacht schwappten die westlichen Leit-Ideen, die auf dem Festland und in Taiwan (jeweils zu entgegengesetzt unterschiedlichen) höchsten Staatszielen erklärt wurden. Die alten Philosophien (Dao, Konfuzius u. a.) wurden auf dem Festland scheinbar endgültig ausgerottet. Aber auch hier wurde die Ordnungsstruktur einer streng gegliederten Hierarchie stets beibehalten. Der straff organisierte Beamtenapparat erinnerte schließlich immer mehr an die Strukturen des Konfuzianismus.

Aus den Trümmern der Kultur entstand auf dem Festland ein Zwang zur Selbstbesinnung. Ähnlich in Vietnam, Laos (und vielleicht auch in Nordkorea). Andere kulturell verwandte Länder boomten aufgrund intensiver Eingliederung in die Strukturen der westlichen Globalisierung: Japan, Südkorea, Taiwan. Dafür wurde in den scheinbar „kommunistischen“ Staaten das militärisch-hierarchisch organisierte Beamtentum gepflegt, das der chinesischen Tradition entsprach. Das westliche Konzept des „Kommunismus“ konnte problemlos in dem erneuerten Alten aufgehen, ohne dass (wie 1990 im Kollaps der UdSSR) die westliche Kapitalismusdynamik den vollständigen Sieg erlangte.

China saugte, wie ein trockener Schwamm, das verfügbare Wissen des Westens auf und kopierte es. Alles, was so von außen eindrang, wird bis heute in einen riesigen Topf eingerührt, in dem stetig eine uralte Suppe vor sich hin köchelt und einen unvergänglich-würzigen Bodensatz bildet. (Beispiele : Anhang)

Im 21. Jahrhundert entwickelt sich in dieser Weise eine gesellschaftliche Dynamik, die dem nackten Raubtier-Kapitalismus des Westens überlegen sein könnte.

Eine intelligente Antwort Europas und der USA auf diese Herausforderung wäre der Versuch, das westliche Wertesystem zu erneuern. Denn der moralisch-religiöse Überbau des Kapitalismus ist im Westen zerfällt. Eine Gesundung der Religionen, die früher einmal den Überbau des Feudalismus und Kapitalismus bildeten, ist nicht abzusehen. Und die Hoffnung auf eine zweite Renaissance des europäischen Denkens, u. a. durch Weiterentwicklungen der Gedanken Kants (Universalismus) und Spinozas (Natur), blieb bisher Wunschdenken.

Stattdessen wächst die Angst vor dem asiatischen Drachen. Und den Reichen und Mächtigen fällt nichts Besseres ein, als Kriege vorzubereiten.

Renaissance Chinas im 21. Jh.

In China werden unterdessen Konzepte für die Welt diskutiert. Da sie nicht gegen etwas gerichtet sind, könnte es auch hier nützen, sie zu verstehen. (Ownby)

Neo-Konfuzianismus

„Der Philosoph Ranjoo Seodu Herr (s. Lit.) untersucht die politische Relevanz des Konfuzianismus für die heutige Welt. Er rekonstruiert die konfuzianische Ethik, insbesondere die Tugend ren (Wohlwollen) und Selbstkultivierung, und beschreibt ein ideales konfuzianisches Regierungssystem basierend auf Jeong Do-Jeons Theorie. Der Text argumentiert, dass dieses System – unter Berücksichtigung moderner Anpassungen – ökonomische Gerechtigkeit, Menschenrechte und demokratische Prinzipien fördern kann. Schließlich wird die Möglichkeit einer Revolution im Falle eines tyrannischen Herrschers diskutiert. Der Text hebt mehrere zentrale konfuzianische Werte hervor, die die politische Philosophie beeinflussen: Ren oft als Wohlwollen, Menschlichkeit oder Güte übersetzt, ist der wichtigste konfuzianische Wert. Es umfasst andere Tugenden wie Gerechtigkeit (yi), Anstand (li) und Weisheit (zhi). Ren wird durch Selbstkultivierung (xiushen) erreicht, ein lebenslanger Prozess des moralischen Wachstums. In der Politik manifestiert sich Ren als „people-centeredness“ (min-bon), bei dem das Wohlbefinden der Menschen der oberste politische Wert ist. Li bezieht sich auf Anstand, Rituale, Normen und Regeln des angemessenen Verhaltens. Li gibt Ren eine konkrete Form und leitet das Verhalten in sozialen Beziehungen. In der Politik schafft Li eine harmonische Gesellschaft, indem es jedem seine richtige Rolle und seine entsprechenden Pflichten zuweist. Yi bedeutet Rechtschaffenheit oder Gerechtigkeit. Es impliziert das Tun, was moralisch richtig ist, auch wenn es schwierig ist. Im politischen Kontext bedeutet Yi, sich für das Gemeinwohl und das Wohlbefinden der Menschen einzusetzen. Zhong-shu: Dieses Prinzip betont Loyalität (zhong) und Vergebung/Empathie (shu). Es ist die Grundlage für harmonische zwischenmenschliche Beziehungen. Zhong bedeutet, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, während Shu bedeutet, anderen nichts aufzuerlegen, was man selbst nicht möchte. In der Politik legt Zhong-shu die Grundlage für eine wohlwollende und fürsorgliche Regierung. Diese konfuzianischen Werte prägen die konfuzianische politische Philosophie in folgenden Punkten: Die Politik des Ren (renzheng): Die konfuzianische Politik sollte auf Ren basieren und das Wohlbefinden der Menschen in den Vordergrund stellen. Der Herrscher als moralisches Vorbild: Der Herrscher hat die Pflicht, sich selbst zu kultivieren und ein moralisches Vorbild für das Volk zu sein. Seine Tugendhaftigkeit inspiriert und erzieht das Volk. Wohlfahrtsstaat: Der konfuzianische Staat ist ein Wohlfahrtsstaat, der sich um die wirtschaftliche
Gerechtigkeit und das Wohlergehen aller Bürger kümmert. Dies beinhaltet die Sicherstellung einer
gerechten Landverteilung und die Unterstützung der Bedürftigen. Die Regierung sollte auf „Meritokratie“ basieren, wobei fähige und tugendhafte Gelehrte-Beamte (junzi) ausgewählt werden, um zu regieren 13 . Diese Beamten werden durch ein strenges Prüfungssystem ausgewählt, das auf konfuzianischen Prinzipien basiert. Das Volk (und seine „Behaglichkeit“) ist die Grundlage des Staates, und seine Zufriedenheit ist entscheidend für die Legitimität des Herrschers. Wenn der Herrscher die konfuzianischen Prinzipien nicht einhält und das Volk unterdrückt, ist eine Revolution gerechtfertigt. Der Text betont, dass diese konfuzianischen Prinzipien zeitlos sind und auch in der modernen Welt relevant bleiben. Sie bieten eine alternative Vision zur liberalen Demokratie und betonen die Bedeutung von Moral, Gemeinschaft und dem Wohlbefinden aller.“ Zitat Dr. Klaus Hornetz, Yunnan, China, 2024.

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Im Osten wird die Steinzeit-Psyche gezähmt  und integriert. (Skulptur aus China)

Die aktuelle konfuzianisch-geprägte chinesische Staatsmacht glaubt, den Kapitalismus wie einen Ochsen an einem Nasenring führen zu können.

Konfuzius hatte gelehrt, dass es unbedeutend sei, ob es ein abstraktes Konzept (wirklich) „gibt“ (Wahrheit, Gott, Geist …). Wichtig sei allein, sich (sehr streng) so zu verhalten, „als ob“ es eine solche Vorstellung tatsächlich „gäbe“. Und darauf zu achten, dass die (in frommem Glauben ausgeführten) Rituale wirksam „seien“. (Littlejohn 2007)

Dieses Modell strahlt zurzeit nicht nur auf Nordkorea, Vietnam und Laos aus, deren Staatssysteme dem Chinas ähneln. Sondern vielleicht auch auf Taiwan, Singapur, Malaysia und Japan.

Würde sich der Neokonfuzianismus als erfolgversprechend herausstellen, könnte er die Welt beherrschen. Der „Westen“ hat nichts Vergleichbares zu bieten. Besonders seit der Entfesselung des kapitalistischen Raubtieres (MAGA 2025).

Buddhistische Friedensethik

Im Mahayana-Buddhismus ist die Grundlage politischen und sozialen Handelns die Idee des Mitgefühls (karuṇā) und der wechselseitigen Abhängigkeit (pratītya-samutpāda). Symbolisiert wird dieses Konzept in China besonders durch Bodhisattva-Tempel, die (der weiblichen) Guan Yin gewidmet sind.

Ob zurzeit vom Buddhismus relevante politische Strömungen beeinflusst werden, ist mir nicht bekannt.

„Großes Gleichgewicht“ (Datong 大同)

Zitat Dr. Klaus Hornetz, Yunnan, China, 2025: „Datong ist ein oft übersehener, aber faszinierender Gedanke aus der Reformzeit Chinas (19. Jh.). Es ist die Vision einer friedlichen Weltgesellschaft. Kang Youwei dachte das konfuzianische Datong neu – als Vision einer Weltgesellschaft ohne Kriege, Privateigentum oder nationale Grenzen. Utopisch, ja – aber in seiner Zeit auch ein Gegenentwurf zu Kolonialismus und Darwinismus.

Kang Youwei (1858–1927), der Visionär einer friedlichen Weltgesellschaft (Datong 大同) war ein Reformer, Philosoph und konfuzianischer Denker des späten Qing-Kaiserreichs. Er versuchte, den Konfuzianismus zu „modernisieren“ und als Grundlage für soziale und politische Reformen zu nutzen – nicht als starre Tradition, sondern als lebendige Ethik. Sein Hauptwerk, 大同书 „Das Buch vom großen Gleichgewicht“ (Datong Shu) ist ein utopisches Manifest für eine globale, gerechte Weltordnung.

Er war Reformkonfuzianer, Konstitutionalist und der wichtigste Kopf hinter der Hundert-Tage-Reform (1898), die den Untergang der Qing-Dynastie abwenden sollte: durch Modernisierung von Verwaltung, Bildung und Militär. Er war kein Revolutionär wie Sun Yat-sen, sondern setzte auf einen konstitutionellen Monarchismus: Er wollte den Kaiser behalten, aber seine Macht durch eine Verfassung beschränken – ähnlich wie in Großbritannien: „Wenn man China reformieren will, so muss man den Kaiser behalten – wie das Herz im Körper.“

Kang lehnte den radikalen Nationalismus ab. Für ihn war der Konfuzianismus kein Instrument zur Stärkung nationaler Macht, sondern eine universelle Friedenslehre, die auf die gesamte Welt angewendet werden sollte. Damit steht er im Gegensatz zu späteren Bewegungen wie dem Han-Nationalismus oder auch zum Maoismus.

Mit dem „Datong Shu“ (Buch vom großen Gleichgewicht) entwickelte er eine weltgesellschaftliche Utopie: Abschaffung von Nationalstaaten, Privateigentum, Kriegen – zugunsten einer durch Moral und Wissenschaft bestimmten Weltordnung. In diesem Sinne war er globalistisch ‘avant la lettre’, aber mit chinesisch-ethischer Begründung.

Kernaussagen des Datong-Konzepts: Datong 大同 („Großes Gleichgewicht“ oder „Große Einheit“) ist ein Idealzustand der Welt, in dem,

  • Kein Krieg, kein privates Eigentum, keine Unterdrückung existiert,
  • Individuelle Freiheit und universelle Fürsorge sich nicht widersprechen,
  • Mensch und Natur in harmonischem Verhältnis stehen,
  • Nationalstaaten und Familienstrukturen überwunden sind – zugunsten weltweiter Solidarität.

Kang’s Vision enthält:

  • Gleichberechtigung der Geschlechter
  • Abschaffung von Armut und Ausbeutung
  • Förderung von Wissenschaft und Technik für das Gemeinwohl
  • Weltregierung als ethische Instanz (nicht als Machtapparat)
  • Abschaffung traditioneller Familienzwänge zugunsten individueller Entfaltung

Er reinterpretierte Konfuzius nicht als Traditionalist, sondern als Reformdenker mit einer historischen Perspektive: „Konfuzius spricht von der Vergangenheit, um die Zukunft zu gestalten.“ Er sieht die Menschheitsgeschichte als eine Ethik-Evolution, die von „chaotischer Trennung“ (xiaokang 小康) zur „großen Harmonie“ (datong 大同) führt.

Thesen zu Datong:

  • Datong ist ein Versuch, Weltfrieden jenseits von Nationalstaaten zu denken – durch Ethik, nicht durch Macht. Es bietet eine transnationale Perspektive: Datong ist kein „chinesischer Nationalismus“, sondern eine frühe Form globaler Ethik.
  • Kang Youwei sieht soziale Gerechtigkeit und individuelle Freiheit nicht als Gegensatz, sondern als Bedingung füreinander.
  • Seine Vision ist utopisch, aber nicht irrational – sondern historisch-hergeleitet aus Konfuzius und aus Reformideen des 19. Jahrhunderts.
  • Datong steht quer zu westlichen Modellen (Liberalismus, Marxismus), ist aber anschlussfähig an globale Gerechtigkeitsbewegungen (Buen Vivir, Ubuntu, u. a.).
  • In Zeiten globaler Krisen (Klimawandel, Migrationsdruck, geopolitische Machtkämpfe) ist das Konzept eine ethische Provokation und Inspirationsquelle zugleich.
  • Gegenvorstellung zu westlichen Utopien: Keine technologische Kontrolle, sondern moralische Selbstverantwortung.
  • Verbindung von Spiritualität und Politik: Gesellschaftlicher Wandel beginnt im ethischen Denken des Einzelnen.“ Zitat Ende

Yin-Yang-Dynamik und Daoismus:

Eine Weltordnung durch Nichtbeherrschung (Wu Wei 無為)

Zitat Dr. Klaus Hornetz, Yunnan 2025: „Die Lehren der nicht-religiösen Daoisten (wie Zhuangzi u. a.) erschufen eine Idee von Weltgestaltung, die westlichem Denken fremd ist. Statt Kontrolle ist es von entscheidender Bedeutung, sich einzufügen. „Nicht tun“ (Wu Wei) bedeutet nicht Passivität (Nichts tun), sondern Handeln im Einklang mit dem natürlichen Wandel der Dinge. Gesellschaftlich gedacht: Eine Ordnung, die sich nicht gegen die Welt richtet, fließt mit ihr. Diese Perspektive steht hegemonial westlichen Weltgestaltungsideen gegenüber.

Taiji-Prinzip: Fließende Bewegung starker Gegensätze, die den Keim des anderen in sich tragen. Links: Äußere Kraft wirkt darauf ein. Mitte: Weder gegen noch zurück. Bleiben und drehen, horizontal oder vertikal. Rechts: Kraft annehmen, durchgehen lassen, lenken oder leiten. Graphik: Jäger

Die chinesische Yin-Yang-Kosmologie ist ein Modell für Pluralität. Sie beruht nicht auf einem moralischen oder ontologischen Dualismus im westlichen Sinne – also nicht auf einer Trennung in Gut und Böse, Geist und Körper, Licht und Dunkel als sich ausschließende Gegensätze.

Es handelt sich um ein komplementäres Spannungsverhältnis, in dem beide Pole einander bedingen, durchdringen und dynamisch ausgleichen.

Weltfrieden bedeutet aus dieser Perspektive nicht die Vermeidung von Konflikten, sondern die produktive Balance von Gegensätzen – ein dynamisches Gleichgewicht statt statischer Harmonie.

Das steht im deutlichen Kontrast zu vielen westlich geprägten Entweder-oder-Logiken und eröffnet neue Wege für Dialogformate, Mediationspraxis und eine Pluralitätssensible Friedensethik“ Zitat Ende

Harmoniekonzept 和 (hé)

Zitat Dr. Klaus Hornetz, Yunnan 2025: „Das chinesische Konzept 和 (hé) – meist mit „Harmonie“ übersetzt – zählt zu den zentralen Leitvorstellungen der ostasiatischen Kulturtraditionen, insbesondere im Konfuzianismus. In der Alltagssprache bedeutet 和 auch so viel wie „und“ – etwa in Wendungen wie 牛奶和面包 (niúnǎi hé miànbāo), also „Milch und Brot“. Was hier als einfaches Bindewort erscheint, verweist auf eine tiefere Bedeutung: 和 verbindet Dinge, die zusammengehören oder sich ergänzen – es steht für Verbindung, nicht bloß für Aneinanderreihung. Diese sprachliche Verwendung spiegelt eine kulturelle Haltung wider, in der das Zusammenfügen von Unterschiedlichem als schöpferischer Akt verstanden wird. In der konfuzianischen Philosophie meint hé daher nicht Einheitlichkeit oder Unterordnung, sondern eine dynamische Balance von Differenzen – in Familie, Gesellschaft, Politik oder auch im internationalen Miteinander. Harmonie entsteht dort, wo Gegensätze in Beziehung treten, ohne dass einer den anderen dominiert. Dass das Zeichen 和 im Alltag Dinge wie „Milch und Brot“ verbindet, macht greifbar, wie selbstverständlich in der chinesischen Kultur gedacht wird, dass Verschiedenes sich sinnvoll ergänzen kann – eine Haltung, die im Westen oft erst als philosophischer Gedanke formuliert werden muss.

Hé wird im Westen jedoch häufig missverstanden. Denn es meint keineswegs eine bloße Gleichförmigkeit, Unterordnung oder das passive Vermeiden von Konflikten. Vielmehr beschreibt es einen aktiven, dynamischen Zustand der Balance zwischen Unterschieden, also eine prozesshafte Ausbalancierung von Kräften, Meinungen, Interessen oder sozialen Rollen – sowohl im individuellen als auch im gesellschaftlichen und politischen Kontext.

Seinen Ursprung hat dieser Gedanke unter anderem im konfuzianischen Buch der Riten (礼记), wo es heißt: „Harmonie ist der höchste Wert“ (和为贵 hé wéi guì). Konfuzius selbst macht allerdings in den Analekten (13.23) deutlich, dass wahre Harmonie nicht mit Gleichmacherei verwechselt werden darf: „Der Edle strebt nach Harmonie, nicht nach Gleichheit. Der Gemeine strebt nach Gleichheit, nicht nach Harmonie.“ In dieser Unterscheidung liegt ein tiefer kultureller Unterschied zu vielen westlich geprägten Vorstellungen von Konsens oder Vereinheitlichung: Während im Westen Frieden häufig als Ergebnis von Konformität oder Vertragsgleichheit gedacht wird, beruht hé auf dem Gedanken der Koexistenz von Differenz, die durch ständige Beziehungsarbeit ins Gleichgewicht gebracht wird.

Auf der Ebene der Familie bedeutet das: Harmonie entsteht nicht durch blinde Autorität oder Gehorsam, sondern durch gegenseitigen Respekt innerhalb klar definierter Rollen. Gesellschaftlich heißt das, dass Vielfalt, Hierarchie und soziale Stabilität sich nicht ausschließen, sondern wechselseitig stützen können. Und politisch – etwa in der Diplomatie – zielt hé nicht darauf ab, alle Systeme einander anzugleichen, sondern auf eine kluge, balancierte Koexistenz zwischen unterschiedlichen Ordnungen. Nicht Vereinheitlichung, sondern Verhältnisgestaltung ist hier das Ziel.

Gerade in friedensethischen und interkulturellen Kontexten kann dieser Begriff sehr fruchtbar sein: Hé eröffnet die Möglichkeit, Konflikte nicht nur als Störungen zu begreifen, die beseitigt werden müssen, sondern als Ausdruck eines Spannungsverhältnisses, das bewusst und dauerhaft gepflegt werden will. Ein harmonisches Miteinander wird nicht durch die Auflösung von Unterschieden erreicht, sondern durch deren produktive Beziehung zueinander. Wer also mit diesem Begriff arbeitet – etwa in Workshops zu Konflikttransformation –, schafft Raum für ein Verständnis von Frieden, das auf Beziehungspflege statt Konsensdruck, auf Balance statt Uniformität setzt.

Hé bedeutet nicht, dass alle das Gleiche wollen oder denken müssen – sondern, dass Unterschiede so in Beziehung gesetzt werden, dass sie einander nicht zerstören, sondern gegenseitig erhalten und sogar stärken.“ Zitat Ende

Tianxia (Alles unter einem Himmel)

Der Philosoph Zhao Tinyang hat in Europa gelebt, geforscht und gelehrt. Zurück in China, hält er die Kulturen der Mittelmeer-Region für sterbenskrank.

Die von Oligarchen geprägte Politik im Westen ist entweder schwach, willig, korrupt oder korrumpierbar. Sie bietet ihrem Volk zurzeit kein übergeordnetes, allgemein akzeptiertes Wertesystem.

In China dagegen entstehe ein neues Wertesystem auf der Grundlage 3000 Jahre alter chinesischer Philosophie. Ein Vorschlag für eine friedliche Weltinnenpolitik.

Aufgehender Mond. Eingescannt aus „Chinesische Holzschnitte“. Inselbücherei, Leipzig 1954. Künstler dort nicht genannt

Der Begriff Tianxia bedeutet „Land unter dem Himmel“ oder einfach „die ganze Welt“. Das Schriftzeichen symbolisiert eine Summe aller Teilsysteme, deren Erkennen jede Trennung in „Innen und Außen“ ad absurdum führt. Das westliche Denken suche, nach Zhao, nach einem ‚wahren Endpunkt‘ und veröde dabei, weil ihm die Moral abhandengekommen sei.

Werte seien relativ und dienten Interessen. Der Westen verschwende unnötige Energie in immer neue lineare Bekämpfungsstrategien und erschöpfe sich in der Gier des Fortschrittsglaubens.

Sein Vorschlag eines modernen Tianxia gründet sich auf das Beispiel einer historischen Epoche vor 3.000- 2.500 Jahren. Er integriert Ideen anderer chinesischer Konzepte (wie Neo-Konfuzianismus, Datong, Hé) und relativiert die Bedeutung der Nationalstaaten.

Weltweit sei heute integrierendes System-Handeln längst überfällig. Dabei müsse nicht der stärkste die Macht ausüben, sondern der für das Gesamtwohl geeignetste.

Mehr

Philosophie & Religion

China

Literatur

Konfuzianismus

Tianxia

Datong

  • Kang Youwei: Das Buch vom großen Gleichgewicht (Datong Shu), dt. Übersetzung v. Marianne Bastid-Bruguière (nur Ausschnitte verfügbar).
  • Arif Dirlik: Chinese Utopianism and the Question of Modernity, Modern China (2005).
  • Viren Murthy: The Political Philosophy of Kang Youwei: Confucianism and Utopia in Modern China, Brill, 2011.
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy – Kang Youwei

和 (hé)

  • Ames, Roger T. & Hall, David L. (2001): Focusing the Familiar: A Translation and Philosophical Interpretation of the Zhongyong. University of Hawai’i Press. Tiefe philosophische Erörterung von Harmonie im konfuzianischen Denken.
  • Yan, Yanjie (2010): The Concept of Harmony in Chinese Culture. In: Frontiers of Philosophy in China, Vol. 5, No. 3. Überblick über historische, kulturelle und moderne Anwendungen des hé-Konzepts.
  • Li, Chenyang (2006): The Confucian Ideal of Harmony. In: Philosophy East and West, Vol. 56, No. 4.
    → Sehr zugängliche und präzise Analyse des Unterschieds zwischen Harmonie und Konformität.
  • Zhao, Tingyang (2011): Tianxia System: An Introduction to the Philosophy of a World Institution. Hier wird hé im Rahmen einer globalen Ordnungsvorstellung neu interpretiert.

Studien (westlicher messender Methodik) zu systemischen Aspekten des Taiji

  • Siu P et al.: Tai Chi or cognitive behavioural therapy for treating insomnia in middle aged or older adults: randomised non inferiority trial, BMJ 2025, 391:e084320)
  • Wang C. Effect of tai chi versus aerobic exercise for fibromyalgia: comparative effectiveness randomized controlled trial. BMJ 2018, 360:k85,

Anhang

Wenn ich den Prozess der Aneignung ausländischer Kompetenz in China beschreibe, benutze ich u.a. auch das Wort „kopieren“. (s.o)

China ist führend im Berich angewandter Wissenschaften (Applied Sciences). Screenshot aus CEN, 15.12.2025: en.ce.cn/Insight/202512/t20251215_2643430.shtml. Der „Nature Index“ bezieht nicht auf Grundlagenforschung (in Universitäten), sondern auf angewandte Wissenschaften (In Fachhochschulen). Deren klares Ziel ist: etwas verbessern, effizienter machen, bauen, nutzbar machen.

Ich versuche mit dem Begriff (aus meiner Sicht) einen zentralen Aspekt der Aneignung von Wissen im asiatischen Kulturraum einzufangen.

In China regen Worte (oder Schriftzeichen) dazu an, herauszufinden, was ein anderer (eigentlich) gemeint haben könnte. Konfuzius forderte deshalb, Begriffe zu klären, bevor man rede. Sein Kollege ZhuangTzu schlug vor, Worte („wie eine Angel“) wegzulegen, wenn ein Gedanke verstanden wurde („der Fisch gebraten wird“). 

Als Taiji-Ausbilder habe ich chinesische Pädagogik oft erlebt (und erlebe sie weiter). Von östlichen Lehrer:innen oft vor einem wesentlichen Lernschritt empfohlen, „zuerst seine Tasse zu leeren“.

Das bedeutet: radikal alles, was bisher angenommen wurde, oder was man zu wissen glaubte, in den Keller zu räumen und einzumotten. Danach sollte man mit dem Prozess des „Kopierens“ beginnen: alles nachmachen, was man sieht. Möglichst genau so.

Das ur-alte chinesischen Bild des Hirten (die konfuzianische Hierarchie), die den Ochsen (das Kapital) am Nasenring führt. Bild: Tuschezeichnung, um 1955, Künstler unbekannt, Privatbesitz

Und dabei nichts hinterfragen (z. B. ob es „Meridiane“ in Wirklichkeit überhaupt gibt). Sondern (trance-ähnlich) etwas exakt tun, als ob die Theorie oder Vorstellung, die dies verlangt, absolut wahr sei. Der Lernprozess solle nicht durch „Warum-Fragen“ oder ein Vermischen mit alten Glaubenssätzen gestört werden.

Erst dann (manchmal erst nach langer Zeit), wenn eine gewisse Meisterschaft im neuen Tun erlangt wurde, kann (und sollte) man allmählich das zu Bewahrende aus der (vergessenen) Vergangenheit vorsichtig wieder anklingen lassen. Das sei dann die Voraussetzung, damit sich etwas vollkommen Neues, Drittes entwickeln kann:

„Wenn der Schüler so weit ist, kommt der Meister.
Wenn der Schüler so weit ist, geht der Meister wieder.“

Kommentar (16.12.2026)

„Angewandte Forschung funktioniert besonders gut in Systemen, die groß, gut organisiert und langfristig angelegt sind. Man benötigt viele Fachleute, stabile Finanzierung, Labore, Testanlagen, Kooperationen mit der Industrie. Und staatliche Programme, die sagen: Darauf konzentrieren wir uns jetzt zehn oder zwanzig Jahre lang. China hat das in den vergangenen Jahrzehnten sehr konsequent aufgebaut.

In China vollzieht sich eine bewusste Transformation. Das Land hat sich vom „Fließband der Welt“ zum Gestalter und Entwickler entwickelt. Und geht das – teilweise im deutlichen Gegensatz zu uns im Westen – ganzheitlich an. Die neue KI-Strategie ist ein Musterbeispiel: von Forschung bis Stromversorgung und Anwendungen in allen Lebensbereichen durchdekliniert.

Das Bildungssystem wurde von Grund auf neu ausgerichtet und kontinuierlich an die Erfordernisse einer wissensbasierten Wirtschaft angepasst. ..

Der Unterschied zum Westen: Für Länder wie Deutschland oder die USA ist das ungewohnt. Dort ist Forschung oft stärker auf individuelle Exzellenz, einzelne Durchbrüche oder theoretische „Eleganz“ ausgerichtet. Beides hat seinen Wert. Aber bei angewandten Wissenschaften entscheidet die Frage: Wer kann Wissen zuverlässig, schnell und dauerhaft in die Praxis bringen? Das Ergebnis im Nature Index ist kein „viel, aber mittelmäßig“. Es zeigt: China ist besonders stark darin, Wissen systematisch, in großem Maßstab und mit praktischer Wirkung zu erzeugen. Die Forschung ist eingebettet in weit vorausblickende industrielle, technologische und gesellschaftliche Ziele.

Und wenn man sich anschaut, wie massiv China weiter in Ausbildung, Forschungsinfrastruktur und industrielle Integration investiert: Das hier ist vermutlich erst der Anfang.“ Mehr: Klaus Hornetz

Beispiele

Persönliches Erleben

Ich lerne bei einem Schüler von Huang Shen-shyan, einem Großmeister der südchinesischen Kampfkunst Baihequan (White Crane, einem Karatevorläufer). Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen ihm Zweifel an der Brutalität dieser Kriegstechnik. Er bat deshalb den Taiji-Großmeister (Cheng Manqing), ihn zu unterrichten. Als typisch chinesischer Pädagoge verlangte Cheng Manqing, dass Huang sich dem Neuen völlig unterwerfe, kein White Crane mehr unterrichte und es auch nicht praktiziere. Denn sonst könne er das Neue (das weiche Taiji) nicht 100 % fehlerfrei kopieren. Huang fing also wie jeder andere wieder bei Null an. Bis zum Tod seines Meisters Cheng Manqing erwähnte er White Crane nicht mehr. Danach blieb er bis zu seinem Lebensende reiner Taiji-Großmeister. Im Verborgenen aber begann er seinen „inneren Schülern“ allmählich wieder Baihequan beizubringen. Aber jetzt in einer Taiji-modifizierten Form (Sanfeng Quaichuan), also als etwas qualitativ Neues, was es bisher nie gab.

Historische „Kulturrevolution“

  • Ablehnung des (Konfuzianismus, Daoismus
  • Kopieren der Missions-Wahrheiten (Gandhara-Buddhismus, Yoga u. v. a.)
  • Renaissance/qualitative Neukreation (Yi-Jin-Jing, Cha’an/Zen u. v. a.)

Moderne „Kulturrevolution“

  • Ablehnung des Alten (Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus …)
  • Kopieren westlicher Ideologien (Marxismus-Leninismus, Kapitalismus u. a.)
  • Renaissance/qualitative Neukreation (Neo-Kunfuzianismus, Tianxia …)

Bewegungsformen

  • Ablehnung des Alten (u. a. der schamanistischen Beschwörungstänze)
  • Kopieren effizienter ausländischer Militärtechniken (uva. Kalaripayattu)
  • moderne Renaissance/qualitative Neukreation (Qigong und Taiji)

Medizin

  • Ablehnung traditioneller Medizinsysteme (Schamanismus, Kräuter, Stechen, Drücken … bis zum Verbot u. a. der Akupunktur im 19. Jh.)
  • Kopieren westlicher Interventionstechniken auf der Basis der Keimtheorie-Ideologie: „Der Feind ist außen.“
  • Nach erreichter Perfektion in der Nutzung der Apparate-Pharma-Medizin, allmählich zaghafte Renaissance des Systemdenkens in der Medizin (Siu 2025, Wang 2018)

Letzte Aktualisierung: 16.12.2025