Beziehungen

Inhalt

  • Kulturraum Europa-Indien-China
  • Westliche und östliche Sicht
  • Protestantismus und Aufstieg des Kapitals
  • Geht der Westen unter?
  • Gewaltfreiheit in Afghanistan?

letzte Überarbeitung: 29.05.2019

Kulturaum Europa-Indien-China

Griechisch-buddhistischer Asket, Gandhara (heute Nord-Pakistan). Wat-Benchamapolit Bangkok, Bild Jäger 2018

Die verschiedenen Exemplare von Homo sapiens scheinen sich nicht besonders zu unterscheiden. Wir verfügen über die gleichen Bewegungsmuster, Emotionen und anatomischen Grundstrukturen. Auch die kulturelle, d.h. überlieferte und nach der Geburt erlernte Entwicklung, führte in den ersten 100.000 Jahre zu ganz ähnlichen Ausdrucksformen.

In allen menschlichen Kulturen erinnert an den Urzustand der Bewusstwerdung Uroboros, die Schlange die sich selbst frisst, das Symbol ewigen Werdens und Vergehens.

Der Schlangenkreis entsprach der Urphilosophie starker Helden und kluger Frauen, die frei und riskant lebend Steppen durchstreiften, Beeren sammelten und Wildgetreide hüteten, und die mit der Zukunft des Todes in die Vergangenheit der Ahnen zurückkehrten, um neu geboren zu werden. Der Mensch dieses Paradieses empfand sich als unmündiges Baby von Mutter Natur und war deren Liebe und Boshaftigkeit vollkommen ausgeliefert.

Uroboros, die Schlange, die sich selber frisst

Bis dann irgendwann das Kreative, „die Schlange im Menschen“, auf andere Gedanken kam. Der Mensch wurde sich seiner Gestaltungsmacht bewusst, und griff in den Lauf der Dinge ein, auch gegen die Natur. Jetzt wuchsen die Stämme zu lockeren, kriegerischen Staatswesen, die wie Heuschrecken große Langstriche kahlfraßen, mordeten, vergewaltigten und verbrannte Erde hinter sich ließen. Oder die an großen Flussläufen mit periodischem Schwemmland Stadtkulturen mit bäuerlicher Fron entwickelten. Die Schlange kroch aus dem chaotischen Ursumpf heraus, erschuf Ordnung und teilte das Helle (Yin) vom Dunkeln (Yang) (Neumann). Seither differenzierten sich die Kulturen stärker und entwickelten sich scheinbar auseinander.

Ist eine fremde Art zu Denken für jemanden einer anderen Kultur erlernbar? Oder können östliche Methoden wie Yoga, Ch’an (Zen), Taiji von Westlern nur nachgeäfft werden, weil sie eine andere frühkindliche kulturelle Prägung erforderten?  Oder sind Europäer, Inder und Chinesen u.a. letztlich Kinder in den Norden gewanderter Afrikaner, die nach einer Begegnung mit den Neandertalern (s.u.) deutlich miteinander verwobene  Euro-Indo-Ostasiatische Kulturen entwickelten?

Wo berühren sich die Wurzeln unseres Denkens in Ost und West? Wo können wir anknüpfen, wenn wir interkulturell lernen, wenn wir angesichts des „Fremden“ erfahren wollen, wer wir selbst sind, und wie wir uns entwickeln können?

Um mich an diese Frage heranzutasten, schaue ich zurück. Mich interessiert wo und wie östliche und westliche Kulturen sich beeinflusst und gegenseitig geprägt haben. Ich suche für mich die Verbindungslinien, Überlappungen und Berührungspunkte – und finde Ideen und Vermutungen, die mich zum Weiterdenken und Weitersuchen reizen. Wahrheit finde ich sicher nicht, dafür ist das was gefunden werden kann zu bruchstückhaft, und die Geschichte der Menschheit viel zu komplex. Wenn jemand das was ich beschreibe, aus guten Gründen anders sieht, würde ich es gern erfahren, damit sich mein Laien-Puzzle verändern kann.

Die Schlange steigt empor und zerteilt das Eine (Wuji), und schaftt so
die ideale Dualismus-Dynamik (Taiji)

Ich fange an mit einer der einflussreichsten Vorstellungen, die Welt zu sehen und in ihr zu handeln. Sie entspringt in Kleinasien. Dort thronte in einer der ersten stadtähnlichen Siedlungen der Menschheit (Catalhüyük) eine Göttin, die von wilden Tieren bewacht wurde. Später wurde sie die phrygische Kybele genannt. Zu ihr gehörte ein junger Sohn, Attys, der sich schlimm verletzt, stirbt und betrauert wird, und dessen Wiederscheinen als Kind oder Jüngling man feiert. In Persien hieß dieser jugendliche Erlöser Mithras, ein sonnengleich strahlender Held. Die Mutter (in alle ihren Varianten) war immer da, mit ihrer (manchmal kastrierenden oder zerstückelnden) Gewalt oder mit schützender Güte. Der Jüngling erschien jeweils kulturspezifisch etwas unterschiedlich. Er kam jährlich, befreite, beglückte, befruchtete, starb, wurde beweint und betrauert, um dann erneut im Frühling wiedergeboren zu werden.

Über-Mutter und strahlend-jugendlicher Sohn traten schließlich in die Realität der Geschichte: der junge  Alexander von Mazedonien und Olympias, seine leidenschaftliche, „albanische“ Mutter, eine Priesterin des extatischen Rausch-Kultes des Erlösergottes Dyonisos. Nachdem Alexanders Armee den Monotheismus des Perserreiches zerstört hatte, erwachte der alte Kult „Mutter-jugendlicher Sonnengott-Sohn“ zu neuem Leben und erstrahlte bis an die Ostgrenzen des heutigen Afghanistan. Von dort, aus dem späteren Königreich Baktrien, wanderte er über die Seidenstrasse und erschien in China als Königinmutter des Westens Hsi Wang Mu (Xiwangmu). In China wurde sie begleitet wurde von einem Drachen und einem Tiger, den Symbolen ausgeglichener weiblicher und männlicher Macht und Dynamik, und der Sohn des Himmels war wie sonst auch der Herrscher. Irgendwann wurde das Paar am Hof eines späteren Alexandernachfolgekönigs in Persien im Schachspiel verewigt, als mächtige Dame neben dem relativ hilflos-wirkenden König-Sohn. In Indien gleicht ihr Kult dem der Kali und in Ägypten der Isis (mit dem Horuskind). Die Ewige-Mutter-junger-Sohn-Religion war im gesamten Mittelmeerraum verbreitet, und wurde dann schließlich auch offiziell nach Rom importiert. Dort herrschte dann „Mater Deum Magna Ideae“, die Mutter des jeweils amtierenden Sonnen-Kaisers „Sol invictus“. Das letzte Oberhaupt dieser Religion, Konstantin ließ ihre religiösen Riten ins legalisierte Christentum einfließen, ohne selbst Christ zu sein – nach dem Motto: „Wenn du sie nicht besiegen kannst, schließ dich ihnen an und benutze sie“. Und wieder hundert Jahre später wanderte dann die christianisierte „Mutter-gottes Maria“ wieder nach Osten bis nach China, mit den Anhängern des Bischof‘s von Konstantinopel, Nestorius, der in einem ideologischen Kirchenmachtkampf den Kürzeren gezogen hatte.

Gegenspieler der Muttergottheitsreligion  waren die patriarchalen Glaubenssysteme der nördlichen Nomadenvölker, die Europa und Asien überfielen und unterjochten. Ihre Druiden, Brahmanen und Schamanen leiteten die Opferrituale und standen mit dem König auf gleicher Stufe. In diesem System zu dem in Kleinasien die Hethiter und in Griechenland die Dorier  und Ionier gehörten, hatten die Frauen wenig zu sagen (Schmoeckel 2012).

Indien war den Griechen (als Teil indo-europäischer Verwandtschaft) lange vor Alexander bekannt. Zum Persischen Großreich unter Dareios gehörten zahlreiche griechische Städte und Siedlungen. Persien grenzte bis an den Indus, und das Wissen über die dort angrenzende Welt wurde u.a. von Herodot beschrieben.

Die frühen kulturellen Verbindungen Indiens mit Europa erklären, warum Alexander in zwei unterschiedlichen Weltregionen von zwei Philosophen, die sich nie begegnet waren, sehr ähnlich abschätzige Antworten auf hochtrabend-eitle Fragen erhielt: Diogenes hatte nur einen Wunsch, den er ihm erfüllen sollte: „Geh mir aus der Sonne“, und ein namenloser indischer Weiser befand: „Nichts was du mir geben könntest will ich“.

Griechische Siedler waren schon vor Alexander in der Region des heutigen Afghanistan (Baktrien u.a.) ansässig und trieben Handel mit dem Land Ihrer Herkunft (Richter 1946). Dareios und Xerxes depotierten Griechen aus Cyrene (heutiges Lybien) und Didyma (nahe Milet) nach Baktrien. Baktrische Hilftruppen waren bei den Expeditionen des Xerxes in Griechenland beteiligt und kämpften auf der Seite des persischen Großreiches gegen die Invasion der Mazedonier unter Führung Alexanders. Viele Griechen hatten es sich in der monotheistischen Religion und der geordneten Unfreiheit eingerichtet und schienen von der Befreiung durch die Invasoren, die zuvor Griechenland (z.B. Theben) brutal bezwungen hatten, nicht begeistert zu sein. In der Ordung des Persischen Reiches war Mord und Todschlag vermutlich seltener als in der Welt der „demokratischen“ Stadtstaaten, die auf dem griechischen Festland vor Alexander übereinander herfielen.

Kybele gelang es erstaunlicherweise nach den Hethitern auch noch  den ersten Gottesstaat der Menschheit, das persische Großreich, zu überleben. Zarathustra, der in Baktiren geborene Religionsgründer und Vater von Gut und Böse, hatte intensiv gegen die alten Kulte um Mithras und Kybele gewettert, lange bevor seine einheitliche, Ordnung garantierende „Religion des Guten“ von der Staatmacht der siegreichen Bergvölkern der Perser und Meder angenommen wurde. Als Kyros der Perser mit dieser Religion im Gepäck Babylon eroberte, wurde er von der dort festgehaltenen jüdischen Elite als Erlöser empfangen. Die jüdisch-monotheistische Strömung war mit der Ägyptens verwoben, die auf den gescheiterten Pharao Echnaton zurückgeht. Echnaton und der spätere Zarathustra unterschieden sich wenig, nur Ahriman den Teufel, gab es in Ägypten nicht. Interessanterweise wurde Persien erst unter Dareios I zum Gottesstaat. Dieser hatte als General des Kyrossohnes Kambyses Ägypten erobert, und vielleicht auch die dortigen monothesitischen Ideen kennengelernt. Jedenfalls benötigte er, nachdem er illegal und täuschend die Macht im Staat an sich gerissen hatte, eine göttliche Legitimation seiner Herrschaft, eine klare Autorität, zu der es keine Alternative gab.

Alexanders Invasion beseitigte vorübergehend den Einheitsgott des Großreiches und stürzte die Region in ein kulturelles Chaos, das eine Durchmischung der Ideen bewirkte. Die Tür nach Indien öffnete sich noch breiter als bisher, und auf den Kamelenkaravanen, die über die Seidenstraße zogen, wurden zunehmend neben Stoffballen auch Ideen hin- und hertransportiert. Beliebt waren er und seine mazedonischen Offiziere und Söldnerhilfstruppen deshalb noch nicht.

In Baktrien massakrierte Alexander eine ganze Stadt von Nachfahren der Branchidae, deren Vorfahren hundert Jahre zuvor dort angesiedelt wurden, weil sie sich mit den Persern arrangieren wollten, und deshalb die Schätze des Apollontempels übergeben hatten (Parke 1985). Es fiel der neuen Macht schwer, sich in einer feindseligen Umgebung zu halten, in der Griechen eine kulturelle Elite bildeten, aber offenbar intensiv mit der einheimischen Bevölkerung verschwägert waren und z.T. auch deren Sitten und Religion angenommen hatten. Die Heirat Alexanders mit der Prinzessin Roxana und 30.000 Garnisonstruppen sicherten den Verbleib der Provinz Baktrien im Macedonierreich nur vorübergehend. Wenige Jahrzehnte nach Alexanders Tod löste sich der Satrap von Baktrien Diodotos vom mazedonischen Seleukidenreich, und sein Sohn verbündete sich noch zusätzlich mit dem Erzfeind der Parther. Diodotus II wurde von seinem Schwager (?) Euthydemos ermordert, der nach langen Kämpfen schließlich Frieden mit den Seleukiden machte (mit Antiochus III), aber eine relative Unabhängigkeit Baktriens bewahren konnte.

Als Alexanders Truppen in Indien eindrangen, sammelte dort gerade ein junger Haudegen eine Armee von Abenteurer um sich, und begann ein marodes nordindisches Königreich zu stürzen, dessen abtrünniger Ministerpräsident (Chanankya) ihn dazu angestiftet hatte. Dieser Chandra Gupta oder Maurya fühlte sich den Mazedoniern und Griechen verbunden, heiratet nach einem anfänglichen Konflikt eine der Töchter des Alexandernachfolgeherrschers (Seleukos I) und empfing griechische Botschafter an seinem Hof (Megasthenes). Gegen Ende seines erfolgreichen Lebens bekannte er sich zur Religion des Jainismus, und soll sich in einem Kloster zu Tode gehungert haben. Zuvor hatte er zahlreiche Gesandte zu den befreundeten Griechen in den Westen ausgesandt, um diese von der Seelenwanderung zu überzeugen. Der Jainismus kann als friedfertige Religion des Mahatma Ghandi sicher nichts dafür, dass seine Symbole (die erhobene Hand und das Hakenkreuz) später in Deutschland missbraucht wurden. Möglicherweise beeinflusste aber der Jainismus mit seiner lebens- und lustfeindlichen Jenseitsorientierung die Bildung der monotheistischen Glaubensströmungen im Mittelmeerraum. Vermutlich war der Gedanke des Heils der Seelenwanderung und dem Leben nach dem Tod schon vor Alexander in Europa eingedrungen.

Die Geisteshaltung des indischen Jainismus und die der griechischen Kyniker schätzte die Lebenslust gleichermaßen gering, und das konnte auch schon mal in den demonstrativen Selbstmord führen: Lucian (165 n.u.Z.).

Die Begegnung griechischer und indischer Philosophen führt aber auch zum Gegenteil von dogmatischer Verbohrtheit: zur Skepsis, der Wurzel kritisch-wissenschaftlichen Denkens. Einer der Begründer dieser lebensbejahenden, Ideologie-ablehnenden und Gemütsruhe suchenden Philosophie war Pyrrhon von Elis. Er nahm als überzeugter Aristoteles-jünger am Alexanderfeldzug teil und glaubte wohl wie dieser an die reine Wahrheit (episteme), die man „wissenschaftlich“ finden und beschrieben kann. Offenbar hatte er Gelegenheit, sich mit indischen Gymnosophisten auszutauschen. Anschließend kehrte er verwandelt nach Griechenland zurück und eröffnete dort eine Schule: „Keine Wahrheit – heitere Gelassenheit!“. Nahezu zeitgleich tauchten skeptische Gedanken in China auf (z.B. bei Chuang Tzu). War es ein Zufall oder Folge des Ideentransports der Seidenstraße?

Die Missionierung des nicht ganz so radikalen, aber ebenfalls negativ-leidvoll orientierten Buddhismus gestaltete sich noch erfolgreicher. Verantwortlich dafür war der Enkel Chandra Guptas Ashoka, der jahrzehntelang erbarmungslos und brutal Kriege geführt hatte, und dem es gelungen war, nahezu ganz Indien in sein Reich zu integrieren. Zur Festigung und Beruhigung dieses Riesengebildes benötigte er eine einheitliche Staatsreligion, die für das Volk überzeugender war als die brahmanischen Kulte. Er fand sie in der Lehre des Buddhismus, die ihn so begeisterte, dass er mit großem Eifer seine griechischen Königskollegen für seine neue „gottlose Religion“ zu bekehren versuchte. Er verbot nach seinem totalen Sieg alle Kriege und entsandte (u.a. griechische) Missionare nach Persien, Baktrien, Mazedonien, Griechenland, Albanien, Ägypten, Nordafrika u.a. Die Erfolge dieser vielen Missionsreisen ließ er in seinen Säulen dokumentieren (Frowde). Seine Dynastie wurde nach seinem Tod von Pushyamitra Shunga, einem General eines seiner Nachfolger, gestürzt, der offenbar der Weltabgewandtheit überdrüssig war. In den Skulpturen seiner Dynastie ließ er Erotik und Fruchtbarkeitsymbolik aufblühen und kehrte zu Opferritualen zurück. Die Buddhisten hielten nach Hilfe Ausschau und suchten sie bei den griechischen Königen, die im heutigen Afghanistan residierten. Deren Religion war immer noch die von Kybele mit ihrem jugendlichen Lichtgott, gemischt u.a. mit Apollon-Verehrung und Resten des Zaarthustraglaubens, doch sie standen den indischen Denkformen durch viele Begegnungen mit ihnen sehr offen gegenüber. Der erste, der den Buddhisten zu Hilfe eilte, Demetrius gab sich den Beinamen Soter, ein „Erretter“, von was auch immer. Mit seinen Generälen oder Mit-Königen (Antimachus, Apollodotus, Menander) gelang es ihm einen Großteil Nordindien zu erobern, und möglicherweise hätte er die Shunga-Dynastie stürzen können, wäre ihm nicht Eucratides, ein General des letzten Seleukidenherrschers Antiochus IV in den Rücken gefallen. Dieser eroberte das zurückgelassene Baktrien oder kam der dortigen Bevölkerung bei einem Aufstand gegen das Indienabenteuer zu Hilfe. Er besiegte den eilig zurückgekehrten Demetrius, und lies alle Mitglieder dessen Familie umbringen. Er behielt seine Unabhängigkeit von Antichous IV, weil dieser sich mit dem ersten Dschihad der Geschichte herumschlagen musste, dem Hamonäer-Aufstand in Jerusalem, der schließlich zum zweiten Gottesstaat der Welt führte.

Den Juden schien das Glaubenssystem der Perser vom einen guten Gott, sympathischer zu sein als die Ideologie von „Mutter und Sohn“. Oder auch als der Versuch eines Griechen einen einheitlichen „olympischen Zeus“ zu installieren. Bevor der letzte großen Seleukidenkönig Antiochus IV nach dem verloren Krieg in Judea Eucratides in Baktrien einen Besuch hätte abstatten können, verstarb er relativ jung. Eucratides konnte einige Jahrzehnte ein großen baktrisches Terrotorium verteidigen, bevor ihn offenbar einer seiner Söhne sehr brutal umbringen und ohne Beerdigung verscharren lies.

Nach dem Zerfall des Alexander-Reiches im Westen verengten die neuen Religionen den Spielraum von Kybele, Isis, Attys und Mithras. Sie stiegen zwar ab 200 n.u.Z. vorübergehend zur römischen Staatsreligion auf, aber dann blieb ihnen im Westen keine andere Chance, als sich mit ihren Riten unauffällig in die neue Welt der Gottväter oder Erlöser zu integrieren.

Im Osten musste sich Kybele mit ihren mütterlichen Heilslehren in das „Große Schiff“ des Buddhismus begeben. Für dessen Verbreitung sorgte der bedeutendste der Generäle des Demetrius, der spätere indo-griechische Großkönig Menander. Auch er nannte sich „Soter“ (Erlöser) und herrschte schließlich über den flächenmäßig wohl größten aller griechischen Machtbereiche, von Afghanistan bis weit in den Norden Indiens, am Ende seiner Herrschaft vermutlich auch über Teile Baktrien. Menander (ind. Milinda) ist bekannt für seinen in Sanskrit erhalten, klug-interkulturellen Dialog mit dem buddhistischen Mönch Nagasena (Milindapañha). Wahrscheinlich konvertierte er auch zum Buddhismus und sorgte für dessen weitere Verbreitung.

Aus diesem baktrisch-griechisch-indischen Kulturraum entwickelte sich nach der Eroberung der Region durch das aus China eingewanderte Reitervolk der Yuezi, später Kushan, der Mahayana-Gandara-Buddhismus, der später in China so ideal in die ideologische Lücke zwischen Konfuzianismus und Dao hineinpasste. Die Kushan-Herrschaft hielt bis fast 200 n.u.Z. und garantierte den Durchzug von Waren und Gedankengut über die Seidenstraße von Rom nach China und Indien und umgekehrt. Die schleichende buddhistische Missionierung Chinas begann etwa 100 v.u.Z. mit einer Vermengung indischen und griechischen Denkens. Die vollständig erhaltene chinesische Übersetzung des Milinda-Pranha scheint sowohl die Entwicklung der Meditationssekte Ch‘an in China, als auch den späteren Konfuzianismus beeinflusst zu haben. Nach dem Zusammenbruch der griechischen Königreiche, übernahmen nomadische Eroberer die neue Variante der „Überwindung des Leidens“. Und in China brachten die „nördlichen Wei“, ein Turkvolk, um 300 n.u.Z. dem Buddhismus endgültig den Durchbruch.

Für die Verbreitung der friedfertig, „gottlosen“ Religion des Buddhismus und auch des späteren Zen in Japan, spielten also sehr wenig friedfertige Soldaten und räuberische Nomaden eine große Rolle. Wer große gewachsene Kulturen stürzte, brauchte eben dringend einen religiösen Stabilisierungsfaktor.

Während Europa mit dem Kollaps des römischen Reiches im Dunkel des Mittelalters versank, entwickelte China einen deutlichen zivilisatorischen Vorsprung. Dort wurde der Buchdruck erfunden, das Schwarzpulver, der Kompass und die Hängebrücke. Standardisierung von Behandlungen (u.a. mit Heilpflanzen) und Psychologie waren in China während unseres Mittelalters von einer Qualität, die in Europa erst Ende des 19. Jahrhunderts erreicht wurde. Und schließlich navigierten die Chinesen mit ihren Land- und Seekarten bis in das 15 Jhh. deutlich besser als die Europäer.

Als Marco Polo im 13. Jhh. Kublai Khan traf, der als „mongolischer Barbar“ über China herrschte, konnte der Westler ihm keine Erkenntnis oder Technik präsentieren, die China überlegen gewesen wäre. Trotzdem erlaubte der Herrscher christliche Missionsbemühungen, weil er einen Gegenpol suchte zum Konfuzianismus der chinesisch-intellektuellen Elite. Das Christentum scheint sich in China im Laufe der Jahrhunderte mit daoistischen und buddhistischen Strömungen und Erlösungslehren vermischt zu haben. Jedenfalls erinnert vieles in den Übersetzungen des TaoTeKing, wie wir sie im Westen kennen, an christliches Gedankengut.

Als die Europäer sich noch Sorgen machten, am Ende einer kleinen Erdscheibe ins Unendliche stürzen zu können, besegelte der Großadmiral Zheng He bis ins Jahr 1433 mit seinen Flotten die Meere bis nach Afrika. Möglicherweise haben seine Reisen über Gesandte in italienische Kaufmannsstädte dortige Intellektuelle inspiriert, z.B. Leonardo da Vinci oder Columbus, aber das ist Spekulation.

Jedenfalls war China zur Zeit Zheng He’s dem christlichen und islamischen Herrschaftsraum wissenschaftlich und technologisch haushoch überlegen. Wieso konnte gerade der christlich geprägte Westen mit seinem immensen Entwicklungsrückstand China dann doch überholen? Der Historiker Needham vermutete als Ursache den Einfluss der Philosophie des Konfuzianismus nach der ersten Jahrtausendwende, die einen stark restaurierenden Einfluss auf Wissenschaft, Kultur und Staatswesen hatte. Die starre, moralisch legitimierte Hierarchisierung sicherte eine starke Struktur, behinderte aber gleichzeitig die Flexibilität, sich auf Neues einzustellen. Neugier nach technischer Innovation ging verloren, und es fehlte an Kreativität und Schulung des Denkens. Diese Annahme Needhams könnte auch auf den Islam zutreffen, der für in seinem Herrschaftsbereich für große Stabilität und sozialen Ausgleich sorgte, aber nicht zur geistigen Weiterentwicklung drängte.

Der wieder-entdeckte Konfuzianismus ermöglicht andererseits Chinas Aufschwung zur Weltmacht. Die starre hierarchisch-konfuzianische Staatsglocke bietet eine Garantie, dass die darunter brodelnde, chaotische, von westlichem Denken durchdrungene, frühkapitalistischer Marktdynamik das System nicht zerreißt.

Wer immer weiter nach Osten geht, landet also im Westen und umgekehrt. Und dort, wo sich Osten und Westen intensiv berühren, entstand und entsteht offenbar eine intensive Dynamik.

Osten und Westen sind also, so unterschiedlich sie erscheinen mögen, Teil eines übergreifenden kulturellen Gewebes. Eine Besonderheit Chinas gegenüber dem Westen scheint darin zu bestehen, alles von außen Eindringende wie in einem riesigen kulturellen Topf zu verrühren, in eine sich ständig verändernde, und doch merkwürdig gleich bleibende Suppe hinein, die stetig vor sich hin köchelt. Die Symbolik der griechischen Medizin (Die fünf Elemente oder Wandlungsphasen) waren daher im Westen längst vergessen, aber erleben jetzt wieder eine Renaissance durch den Import der „tradionellen chinesischen Medizin“ in Europa.

Während westliche Wissenschaft und Werte im Osten zurzeit hoch im Kurs stehen, beeinflusst umgekehrt der Osten das mechanische, westliche Weltbild aus der Zeit der europäischen industriellen Revolution. Die östlichen Philosophien passen besser zu Quantenphysik, Systembiologie, Hirnforschung und Systembiologie. Das vorübergehend so erfolgreiche Ursache-Wirkungsdenken des Westens erweist sich dagegen immer mehr als untauglich für das Management der Systemzusammenhänge, die uns ausmachen, und in denen wir leben.

Literatur

Westliche und östliche Sicht

Die Kulturen im Osten und im Westen sind eng verwoben.

Und doch unterscheiden sie sich:

Im Westen: Den Körper studieren, indem man ihn zerlegt.

Andreas Vesalius (1514-1564). Der Mensch besteht aus Einzelteilen. Ist deren Summe ein Mensch? Bild: Wiki Commons

Die Benennung der betrachteten Einzelteile verschafft Klarheit, denn das eine (z.B. ein Muskel) kann so von anderem  (Faszien, Blutgefäßen, Nerven, Knochen) abgelöst werden. Allerdings geht dabei zwangsläufig der Funktionszusammenhang verloren. Aber SpezialistInnen (des Gehirns, der Knochen, der Leber oder der Immunzellen) können natürlich bei lebenden Personen, das reparieren, was sie (oder ihrer Lehrer) zuvor am totem Gewebe ausprobiert hatten.

Damit Probleme gelöst oder beseitigt werden, müssen die ExpertInnen mit einer Diagnose das Normale von dem Krankhaften trennen. Ein Kunstgriff, der mit einem Widerspruch verbunden ist, der kaum beachtet wird: ein Mensch, der untersucht wird, lebt, Präparate von Krebszellen, Laborwerte, Röntgenbilder, dagegen sind starr und tot. Die Diagnose gründet sich auf toten Erkenntnissen, von denen man annimmt, dass sie nützlich sind bei Interventionen in komplexe, lebende, dynamisch-unvorhersehbare Zusammenhänge.

Aus der sicheren Diagnose folgt die richtige Behandlung, die auf Wahrheit, Evidenz, Messbarkeit beruht. Dabei stehen die sezifischen, punktgenauen, problemfokussierten Wirkungen im Vordergrund. Die westliche Medizin des 20. Jahrhunderts ist daher eher den Gedankengängen der Newtons verwandt, der mit seiner Physik Ursache-Wirkungsbezüge analysierte.

In der Realität aber gibt es keine Muskeln, Nerven, Gefäße, Faszien oder Knochen sondern ungetrennt lebenden Elemente, die miteinander zu Funktionseinheiten verwoben sind: Jede Zelle ist z.B. von feinen Fibrillen durchwebt, die über Kontaktstellen zu Nachbarzellen führen. Und alle Zellen sind mit allen anderen in einem gigantischen Informations- und Bewegungs-system verbunden. Bewegungsapparat, Gehirn, Darmbakterien, Stoffwechsel sind durch zahllose Rückkopplungen miteinander verschaltet und schwingen sich aufeinander ein. Körperzellen und das Gewimmel der sie umgebenden Bakterien kommunizieren miteinander nicht wie Sender und Empfänger, sondern in Überlagerungen quanten-physikalischer Wellen.

Im Osten: Beziehungen und Zusammenhänge wahrnehmen.

Neijing Tu: Die Karte des inneren Glanzes (in Stein gemeißelt von Liu Cheng-yin 1886). Ein anschauliches Modell der Wirkzusammenhänge und Rückkopplungen physiologischer und psychologischer Körperstrukturen.

Während die europäischen Anatomen in der Renaissance Leichen zerschnitten, versuchte man in China, Leben als ein Wirksystem von Psyche, Körper und umgebender Umwelt zu betrachten: Beziehungen, Austausch, Selbstorganisation und Veränderungsdynamikstanden dort im Zentrum des Interesses.

Erklärungsmodelle waren eher Symbole einer in ihrer Komplexität nicht erfassbaren Realität. Dieser Ansatz entspricht eher der quantenphysikalischen Auffassung eines „modellabhängigen Realismus“ (Hawkins), bei dem entweder ein Teilchen oder eine Welle angenommen wird, um in einen Experiment so zu tun, als gäbe es dieses, oder beides: Welle und Teilchen.

Für den Philosophen Konfuzius waren vor 2.500 Jahren die spezifischen Wirkungen zu offensichtlich und daher uninteressant. Es lohne nicht zu fragen, warum Fleisch nahrhaft sei, da es eben so sei. Ihn interessierten dagegen die „nicht-spezifischen“ Wirkkräfte, die das ganze System betreffen, und die z.B. durch den Vollzug eines Rituals freigesetzt werden. Er wollte auf die durch Ritaule beruhigend auf die Psyche der Menschen wirken. Dafür sei es notwendig, dass sowohl der Betroffene und der segnende „Opferpriester“ an die Wirksamkeit des Rituals glaubten. Es sei aber nicht nötig, fest daran zu glauben, dass es z.B. „Geister“ (personifizierte unspezifische Wirkkräfte) tatsächlich gäbe. Wichtig sei nur, dass man so handeln solle, „als ob“ es sie gäbe (Littlejohn 2007).

Das Lebende musste an nicht zerstückelten Objekten studiert werden, und das Wahrnehmbare konnte nur ein Teil weit größerer Wirk-Zusammenhänge sein.

Für die östliche Betrachtung der Welt war ein Einzelfaktor, eine Zelle, ein Organ so bedeutungslos wie eine gewöhnliche Person in einem großen Staatswesen. Wichtig war nur, wie etwas reibungslos in einem größeren Ganzen gesund miteinander zusammenarbeiten konnte. Man stellte sich den Menschen ähnlich wie ein bäuerliches Reich vor, das blüht und gedeiht, weil es vor Kriegen, Armut, Hunger und sozialen Wirren bewahrt wird. Eine Skizze dieser Philosophie, die vermied etwas von etwas anderem zu trennen, ist das Neijing Tu:

Der Versuch einer symbolischen Repräsentation des menschlichen Körpers und geistiger Kräfte, die im Inneren und Äußeren wirken. Möglicherweise stammt es aus dem 15. Jahrhundert, oder es ist ggf. noch älter. Das uns heute erhaltene Bild wurde 1886 im Tempel der Weißen Wolke in Peking in Stein gemeißelt.

Das Neijing Tu versucht holzschnittartig ein lebendes Systeme zu beschreiben, das sich ständig umbaut, anpasst und selbst erneuert. Dabei geht es weniger um eine „westliche“ Wahrheitssuche, wie es „tatsächlich“ ist. Vielmehr wird Nützlichkeit angestrebt, um durch Symbole Hinweise zu geben, wie die Fluss -und Veränderungsdynamik im Menschen durch Übungen und punktuelle Anregungen günstig beeinflusst werden könne. Bei der Betrachtungsweise des Neijing Tu gleichen Störungen nicht unveränderlichen Problemen, sondern Blockaden die Funktionsabläufe behindern, die in einem Gesamtorganismus eingebettet sind.

Diese Vorstellungen teilten auch antiken griechischen Gesundheits-Philosophen, die ebenfalls eher an dem Erhalt gesunden Lebens interessiert waren, als an der Reparatur von Problemen.

West und Ost sind sich also oft weniger fremd, als es den Anschein hat.

Chang Ta-cien: Der Lärm von sieben Weisen und sehs Gelehrten ist nicht nötig, den Bambus sprießen zu lassen. Ed. Holz Leipzig 1975. Foto: Jäger

Literatur

  • Hawkins S, Mlodinow L: Der große Entwurf, rororo 2011
  • Littlejohn R: Kongzi on Religious Experience, South East Review of Asisan Studies 2007, 29:225-32
  • Tripp E: Wie funktioniert die Akupunktur? Shiatsu Newsletter 153, 01.02.2009
  • Tripp E: Die Entwicklung der Chinesischen Medizin auf dem Hintergrund von Geschichte und Kultur, Shiatsu-austria, Magazin, 105
  • Unschuld P: Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst. Beck. 2003
  • Unschuld P: Forgotten Traditions of Ancient Chinese Medicine: A Chinese View from the Eighteenth Century, Paradigm Publications, 1998

Protestantismus und Aufstieg des Kapitals

Am 31.10.1517 schlug Martin Luther (1483-1546) seine fünfundneunzig Thesen an die Kirchentür von Wittenberg. Damit soll die Reformation begonnen haben.

Einhundert Jahre zuvor hatte der Rektor der Universität Prag, Jan Hus (1370-1415) gegen den sittlichen Verfall der Kirche gewettert und eine strenge, tugendhafte Lebenslehre gepredigt. Dafür landete er auf dem Scheiterhaufen. Im Gegensatz zu Luther war es ihm nicht gelungen, gesellschaftlich Mächtige für seine fromme Askese zu interessieren. Seine Zeit war dafür noch nicht reif.

Vergessen wird häufig auch Thomas Müntzer (1489-1525). Er predigte bereits vor Luther gegen den Ablasshandel, und galt  bald als der radikale Motor der Reformation. So wurde er für alle Fraktionen des Adels und des Bürgertums gefährlich. Als die ursprünglich kirchliche Reformbewegung zu einer gesellschaftlichen Revolution ausartete, sah Thomas Müntzer in den aufständischen Bauern Werkzeuge Gottes, die eine Veränderung der Welt herbeiführen sollten. Luther dagegen strebte nach einem Einvernehmen mit reformierten Adeligen und Bürgern. Deshalb, so forderte er, solle man

die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern … zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“

So geschah es dann auch: Thomas Müntzer, der Sozialrevolutionär, wurde hingerichtet.

Plünderung des Klosters Weißenau um 1525

Der deutscher Bauernkrieg („Die Revolution des gemeinen Mannes“, „Die frühe bürgerliche Revolution“) erwies sich als ein Trauma mit sehr weitreichenden Folgen. U.a. liegt der damals geraubte Grund und Boden bis heute in den Händen der Familien, deren Vorfahren damals so plünderten und mordeten wie Georg der Bauernjörg.

Möglicherweise nahm das Obrigkeitsdenken, für das die Deutschen berühmt sind, in dieser Tragödie seinen Ausgang. Der brave deutsche Michel unterscheidet sich jedenfalls deutlich von der jubelnden, französischen Marianne, deren Revolution anderthalb Jahrhunderte später siegreich verlief.

Martin Luther schlug sich damals auf die Seite der Sieger:

Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523)

Die von ihm geprägte Reformation konnte sich so auch ökonomisch ausgesprochen erfolgreich entwickeln:

Max Weber (1905) : „Die protestantische Ethik und der ‘Geist’ des Kapitalismus.“ – Zusammenfassung

Die alte Feudalherrschaft, und die mit ihr verbundene katholische Kirche standen der unbegrenzten Produktion und dem freien Austausch von Waren und Arbeitsleistungen im Wege. In der neuen sittlichen Ordnung war es für das Seelenheil nicht mehr nötig, besondere Gott gefällige Werke zu erschaffen. Denn es reichte völlig aus, Tag für Tag das zu tun, was getan werden musste. Und das streng, fleißig, freudlos und ohne sündige Gedanken, denn vergeben wurde nichts mehr.

Wer Reichtümer erwirbt, wird von Gott geliebt.

Es war diese protestantische Ethik radikaler Auswanderer (Puritanismus), die den Aufstieg der USA zur Weltmacht beförderte. Und nun kriselt das Wertesystem angesichts deutlicher Verfallserscheinungen.

Das erklärte den rauen Ton im Lagerwahlkampf um die Präsidentschaft der USA. Allerdings verband die erbitterten Gegner Hillary Clinton und Donald Trump einiges. Beide wurden auf der Grundlage der gleichen Ethik reich und mächtig. Natürlich wollte auch Hillary Clinton, dass „Amerika wieder groß wird.“ Beide strebten nach mehr Wachstum, mehr Gewinnen, mehr Erfolgen, mehr Macht und großartigeren Bilanzen. Und beiden wurde zur Durchsetzung ihrer unterschiedlichen Strategien alles zugetraut. Ökonomisch waren sie ähnlich erfolgreich. Moralisch aber erschienen sie leer: Denn beiden war das Wertesystem, in dem sie aufwuchsen, und das sie vorzugaukeln versuchen, abhanden gekommen.

Die Krisen des Kapitals und der protestantischen Ethik

Die Enkel protestantisch „Reiner“ (engl. puritans), die sich einmal für besonders moralisch hielten, stehen heute für eine entfesselte Raubtier-Mentalität:

Tea Party Patriots : Our visons: Personal Freedom, Economic Freedom …

Ihr Sieg wird einigen Reichen dazu verhelfen noch reicher zu werden: auf Kosten anderer. Die absehbaren Umweltschäden werden das Anthropozän (das Zeitalter des Menschen) noch etwas näher in Richtung Abgrund rutschen lassen.

Dagegen gehen von dem Gegner des Protestantismus , der „papistischen“ Ideologie zarte Signale aus, die zu nachhaltigen und sozial-verträglichen Entwicklungen führen könnten, zu weniger Wachstum, weniger Erfolgen, weniger Gier und weniger Gewinnen:

Laudato si‘  Papst Franziskus. 24.05.2015

Geht der Westen unter?

Wer rettet den Westen?“ Der Spiegel Nr. 17 / 2018


Der Untergang des Abendlandes?

Grad war’s noch da – und dann verschwand es. (F.W. Bernhard)

Spenglers Untergang des Abendlandes scheint heute wieder aktuell zu sein. Damals wurden sie allerdings von der Geschichtswissenschaft verrissen, u.a. von Karl Popper, der darauf hinwies (in Das Elend des Historizismus“), dass es in der Geschichte „geschlossene Gesellschaften“ nicht geben kann.

Zudem schwang sich ja auch die „Leitkultur des Abendlandes“ (freier Fluss von Produkten, Finanzmitteln, Kapital und Arbeitskräften) im 20. Jahrhundert erfolgreich in schwindelnde Höhen auf. Und alle realen oder denkbaren Alternativen zur westlichen Marktwirtschaft brachen im 20. Jahrhundert in sich zusammen.

Jetzt aber, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, scheint die auf Wachstum gegründete euro-nordamerikanische „Wertegemeinschaft“ zu schwächeln. Zwar ist die Wirtschaftsmacht „des Westens“ immer noch tonangebend, aber

  • die großen Sieben sind heillos zerstritten (G7 in La Malbaie 2018),
  • die Bürger*innen wählen zunehmend „populistische“ Parteien, die für reaktionäre Abschottung und wirre Außenpolitik stehen,
  • die letzten Kriege des „Westens“ um Hegemonie und Rohstoffe erwiesen sich als wenig erfolgreich, und
  • einige verstockte Länder, wie Russland, Iran und China, weigern sich unterzuordnen. (NTV 09.06.2018)

Zugleich zeigen sich die Folgen der Ideologie des unbegrenzten Wachstums deutlich ab: die Meere verdrecken, das Klima erwärmt sich , die Artenvielfalt nimmt ab und die Böden versauern.

Aber, solange es noch gut geht, besteht parteiübergreifend Einigkeit, so wie bisher weiter zu wirtschaften. Nur über die Art der Verteilung unserer Reichtümer, und über die Wirksamkeit der Abschottung besteht Dissens.

Im Westen nichts Neues?

Bei Spengler beginnt das Abendland um 900 n.u.Z in Europa. Das trifft nicht zu, u.a. weil die abendländische Leitkultur des Kreuzes wesentlich älter ist und u.a. in den östlichen Religions-Philosophien wurzelt. Das Christentum wurde zusammengerührt aus römischem Muttergotteskult, jüdischer Schriftlehre, indischen und griechischen Weltentsagungs-Religionen und den keltisch-indisch-germanischen Doppel-Hierarchien, bei denen dem Heerführer ein (für das Spirituelle zuständiger) Druide-Brahmane-Priester zur Seite stand. Damit bildeten West- und Oströmisches Christentum (Katholizismus und Orthodoxie) den idealen geistigen Überbau für den Feudalismus, und (später) auch für den Kolonialismus, der ebenso auf der Territorialmacht und der Ausbeutung von Ländereien aufbaute. Damit die feudal-unterjochten Massen wirksam im Glauben zusammengehalten wurden, wurde ihnen durch einprägsame Rituale das vermittelt und verkündet, was sie verstehen sollten und tun mussten. Nur wenigen Auserwählten wurden die Mysterien in inneren geschlossenen Zirkeln offenbart  (Assmann: Religio duplex). In der christlichen „Doppelreligion“ (Rituale fürs Volk und Geheimlehren für Insider) war es völlig unnötig, lateinische Bibel-Texte zu übersetzen, denn das Volk sollte nur glauben und folgen, aber nicht versuchen, etwas zu verstehen.

Mit der Entwicklung der Produktivkräfte taumelten die Feudalsysteme und ihre Kirchen in eine Sinn-Krise (s. Don Quichote), die schließlich in der Reformation mündete. Geld und Waren verlangten zunehmend nach freiem Austausch, und schließlich mussten auch die Leibeigenen und Sklaven befreit werden, damit sie als beliebig einsetzbare Lohnarbeiter dorthin verschoben werden konnten, wo das Kapital sie brauchte. Für diese veränderte gesellschaftliche Ordnung mussten neue Formen des ideologischen Überbaus entstehen, die sich, wie die protestantische und die jüdische Ethik, dem unbegrenzten Wachstum des materiellen und finanziellen Kapitals besser anpassen konnten. (Weber 1905)

Solange es dann Europa und Amerika, stetig wachsend, immer besser zu gehen schien, bildeten sich besonders nach dem 2. Weltkrieg auch Werte heraus, die das Leben im Westen heute so angenehm machten: Meinungsfreiheit, Liberalität, sozial abgefederte Marktwirtschaft, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Rechtssicherheit, Umweltschutz, Bildung, …

All das war und ist teuer, aber es sorgte „im Westen“ für Ruhe, relativ stabile Lebensbedingungen, hohes Konsumverhalten und für die ergänzende Ablenkung durch Medien, Events, Spiele, Web-2 und Genuss- oder Suchtmittel. Zunehmend aber kam trotz dieses Wohlstandes unmerklich der Sinn abhanden:

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Helmut Schmidt 2009

Ohne ideologischen Überbau, der (wie ein Gott oder eine positive Zukunftsphantasie) über den Herrschenden steht, und einen Gemein-Sinn vermittelt, verhalten sich erfahrungsgemäß die Massen bei ernsthafteren Erschütterungen unangenehm. Denn sie suchen sich dann irrationale Führer, die sie verstehen können und denen sie glauben, und fegen möglicherweise das weg, was ihnen im Weg steht.

Der „Westen“ ist also bedroht: Die Ideologie der alten Kirchen verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit. Und die Ersatzreligionen (wie uva. der Fußballgott), lenken zwar erfolgreich ab, weisen aber nicht in eine erstrebenswerte Zukunft. Dafür verfügen andere Ideologen (die sich nicht um Demokratie scheren) sehr wohl über Visionen und nutzen die modernen Formen ameisenhaft gesteuerter Lenkung zunehmend für ihre Zwecke (Jaron Lanier: TED Vortrag)

In Russland und Polen wird versucht, die alten christlichen Kirchen für moderne Formen der Machtausübung und Kontrolle wiederzubeleben. Dort segnen Popen mit mittelalterlichem Ritual-Gehabe Raketen, oder Minister des 21. Jahrhunderts knien, wie im Wahn, ergriffen vor Maria. Beides wirkt aufgepfropft, und hat mit der gottlosen Kapitaldynamik, die auch in diesem Ländern die Märkte beherrscht, nichts zu tun, sondern sorgt nur für etwas Stabilität in unsicheren Zeiten.

Die Mullahs und Scheichs versuchen sich an einen mittelalterlichen Islam zu klammern, und ihn der Dynamik der Kapital-Märkte über zu stülpen. Aber solange der Islam noch auf eine modernisierende Reformation wartet, steht er prinzipiell im ideologischen Widerspruch zur Unterordnung aller Werte unter das Gewinnstreben, das aber genau diese islamo-kapitalistischen Gesellschaften beherrscht. Die Stabilität der islamischen Theokratien beruht nur auf dem Verkauf fossiler Brennstoffe, die zufällig unter ihrem Territorium herumliegen, und da sie trotz konservativer Religiosität zunehmend ethisch verarmen, werden sie irgendwann implodieren oder von Revolutionen durchgeschüttelt werden, aus denen dann zwangsläufig neue (aus dem Islam erwachsene) Ideologieformen entstehen müssten.

Steigt „der Osten“ auf, wenn „der Westen“ untergeht?

In China wächst klammheimlich und weitgehend unbemerkt eine neue (und zugleich alte) Ideologie, die den Kapitalismus zu integrieren versucht, um in so zu dominieren. Man könnte sie mit dem alten chinesischen Bild „Auf dem Tiger reiten“ beschreiben.

Nach den Schrecken und Hungerjahren der Kulturrevolution, wurde in China ein raubtierartiger, brutaler Frühkapitalismus entfesselt, der zu entsetzlichen Umweltzerstörungen führte. Der Wahnsinn der Bilderstürmerei schuf die ideale Basis für ungehindert freies Wachstum des Kapitals. Alles was sich im „Westen“ als nützlich und produktiv erwiesen hatte, wurde erfolgreich kopiert, und scheinbar kritiklos übernommen. Mit Erfolg: Deng Xiao Pings Katze fing tatsächlich Mäuse. Peking erstickt zwar im Smog, aber die Wirtschaftsmacht Chinas wächst immer stärker.

Warum gelang es dem „Westen“ nach der Kulturrevolution nicht, so wie in den Opiumkriegen im 19. Jahrhundert, China wieder zu unterjochen?

Statt das am Boden zerstörte Großreich an den „Westen“ auszuliefern oder, wie in Russland an Oligarchen zu verhökern,  besannen sich die chinesischen „Kommunisten“ um Deng Xiao Ping auf die zweitälteste Staatsreligion der Erde: den Konfuzianismus. Er entstand etwa 300 Jahre nach der Gründung des ersten Gottesstaates im persisch-medischen Großreich, das von dem Monotheismus des Zarathustra zusammengehalten wurde.

Konfuzius, ein ritual-verliebter Opferpriester, benötigte für seine formal-strenge, ritualisiert-regulierte Religion keinen Gott. Vielmehr sollten die heiligen und symbolischen Handlungen so ausgeführt werden, als ob es Götter, Geister oder Ahnen gäbe. Damit Menschen, harmonisch und „human“ handelten, brauchten sie strikte Regel, Kontrollen und eine ernste, straff-organisierte hierarchische Führung.

Mit diesem Mix aus Raubtierkapitalismus und konfuzianischen Ritual entwickelte sich tatsächlich ein chinesisches Wirtschaftswunder, ohne Ausbruch sozialer Widersprüche und Aufstände. Maximale Ausbeutung, Umweltverseuchung und schlimmes Unrecht  lösten keine Klassenkämpfe aus und führten noch nicht einmal zur Gründung von Gewerkschaften. Die das Land führende Organisation nannte sich weiterhin kommunistisch, und dass sie es nicht ist, wird behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Gäbe es „Kommunisten“, die von ihrer Partei die Durchsetzung ihrer Ideale (z.B. Arbeiterrechte) einforderten, würden sie vermutlich als gefährlich-subversive Elemente bekämpft werden.

Gemeinsam sind dem modernen und dem klassischen Konfuzianismus die höchste Autorität (des Kaisers oder des Parteivorsitzenden). Allerdings bildete der konfuzianische Beamtenapparat vor 2.000 Jahren den Staat, während heute die Macht ausübende KPCh parallel zu Staat, Militär und Wirtschaft organisiert ist. Sie kann so von keiner anderen übergeordneten Autorität kontrolliert werden. Nicht von den Parlamenten, von keinem Gericht und von keiner Regierung. Idealerweise kann sie so das Volk effektiv lenken, den inneren „Frieden“ bewahren, die zerstörerischen Effekte des explosiven kapitalistischen Wachstums im Zaum halten und die Auslieferung an das westlich-bestimmte Kapital verhindern. Das Modell Hongkong, in dem der „ideologisch sinnentleerte Westen“ seine Finger im Spiel hat, ist deshalb für Peking langfristig perspektivlos.

Rosemond H: Confucian Role Ethics: A Moral Vision for the 21st Century? 2016 Vortrag (Video): www.youtube.com/watch?v=npt7rdNIEAw

Der Konfuzianismus war und ist eine starke und eifersüchtige Religion, die vielfach bewiesen hat, dass sie effektiv für Ordnung, Harmonie und Stabilität sorgen, die Massen zusammenhalten und schon im Ansatz Rebellionen, Unruhen, Streiks und Aufstände verhindern kann. Individuelle Freiheiten (oder gar Demokratie) sind ihm ebenso fremd, wie mystisch, spirituelle oder jenseits-bezogene Glaubenssysteme (Daoismus, Islam, Christentum, Buddhismus). Und wie vor 2.500 der alte Opferpriester machen sich jetzt moderne Konfuzianer daran, durch ein lückenloser Sozialkontrollsystem einen neuen Menschen zu erziehen (Stern 17.05.2018)

Westlern mag dabei ein Schauer des Entsetzens über den Rücken laufen, aber immerhin scheinen in dieser neu-konfuzianischen Theokratie keine Psychopathen oder Narzissten zu regieren, so dass (in der aktuellen  Weltlage) China wie einen Hort der Stabilität und Ruhe erscheint.

Spam von „China Investoren“ am 05.06.2018 (Vollständiger Text)

Kim Jong Un’s schwierige Wahl

Korea’s Kim wurde vom höchsten Vertreter des Westens vorgeschlagen, das „Libysche Modell“ annehmen (Spiegel 18.05.2018): Atomwaffen verschrotten, auf den Volksaufstand und die Invasion warten, und schließlich wie Ghaddafi aus einer Abwasserröhre gezogen werden.

Alternativ scheinen er und sein Generäle gezwungen sein, die chinesische Theokratie zu kooperieren. Daraufhin wird die Nutzung des Waffenstillstandes mit Trump hinauslaufen.

Die naheliegende Lösung des Neo-Konfuzianismus ist allerdings auch nicht besonders attraktiv für einen jungen Diktator. Denn in dieser Religion wird der „Sohn des Himmels“ nur so frei sein wie eine Bienenkönigen, die lebendig begraben (intensiv versorgt) ohne Unterlass nur das tut, was sie muss. Andernfalls würde sie tot gebissen. Wenn also in China tatsächlich die alte Staats-Religionslehre wieder reaktiviert wurde, und nicht stattdessen eine Bande von Dieben und Gangstern den Staat bereits unter sich aufgeteilt hat, entwickelt sich dort die ideale Grundlage für einen Insektenstaat, in der auch der Höchste, und sei es demnächst die koreanische Oberameise Kim Jong Un, persönlich völlig unfrei funktionieren müsste.

Solche Aussichten staatlichen Harmoniezwangs „ohne westliche Freiheiten“ könnten für das Ökosystem der Erde möglicherweise besser sein, als das unbegrenzte Wachstum des Westens. Denn es gäbe einen übergeordneten Sinn, der zu Vernunft zwänge.

Außerdem bringt der Konfuzianismus noch einen großen Vorteil mit sich:

Konfuzius war der Zusammenhalt lebender Systeme wichtiger, als die Konzentration auf tote Einzelfaktoren.

Welche Chancen hat der Westen noch?

Um das Wertvolle europäischer Kulturen zu bewahren, müssten hier neue Visionen entstehen, für die es lohnte, sich zu engagieren, oder sich vielleicht sogar mitreißen zu lassen.

Die Regierenden könnten z.B. die typisch westliche Sicht des unbegrenzten Wachstums, um tote Geldmengen anzuhäufen, revidieren, und für nachhaltig sinnvolle Zusammenhänge tätig werden (McGilchrist 2012). Man könnte z.B. ernsthaft mit einer Transformation der Gesellschaft beginnen, und damit anfangen die Erde aufzuräumen, damit spätere Generationen noch auf ihr überleben können.

Literatur

Gewaltfreiheit in Afghanistan

Today’s world is traveling in some strange direction. You see that the world is going toward destruction and violence. And the specialty of violence is to create hatred among people and to create fear. I am a believer in nonviolence and I say that no peace or tranquility will descend upon the people of the world until nonviolence is practiced, because nonviolence is love and it stirs courage in people. Khan Abdul Ghaffar Khan

Über Afghanistan wird selten Gutes berichtet.

Kabul 2015, Bild: Yahya Wardak

Die meisten Nachrichten drehen sich um Krieg, Selbstmordanschläge, Terrorüberfälle, Korruption, Unterdrückung,  Frauen-Misshandlung, Opium- und Waffenschmuggel. Oder sie handeln von hoffnungslosen Menschen, die vor dem Elend entfliehen wollen.

Viele der wirklich schlechten Nachrichten schaffen erst erst gar nicht in die Medien, wie z.B. die Details der Intrigen der Interventionsmächte, deren Bomben-Geschäfte ausländischer Drahtzieher widerstreitende strategische Interessen den Konflikt befördern, und die für „nachhaltige Kriegsverbrechen“ (u.a. mit strahlender Bomben-Munition) verantwortlich sind.

Ist die kulturelle Bedeutung Afghanistans vergessen?

Die Kulturen in Europa, China und Indien wurden entscheidend durch die Geschichte Afghanistans geprägt: Über das Drehkreuz der Handelsrouten im Nord-Osten Afghanistans (Baktrien), wurden über Jahrtausende nicht nur Waren, sondern auch Ideen ausgetauscht.

Vor über 3.000 Jahren entwickelte sich in Baktrien die erste erfolgreiche, monotheistische Religion. Mit Zarathustras Einheitsgott Ahura Mazda konnte ein riesiger Viel-Völkerstaat geeint werden. Mehr als dreihundert Jahre gelang es so, unterschiedliche Ethnien, Sprachgruppen, Kulturen und Glaubensrichtungen relativ konfliktarm (ohne Bürgerkriege) zusammenzuführen.

Vielleicht wäre aus dieser „Ethik des Guten“ sogar eine bis heute dominierende Weltreligion erwachsen (Holland 2015), wenn es nicht den Invasionsheeren unter Alexander „dem Großen“  gelungen wäre, die alte Muttergottesreligion (Kybele, Isis) mit ihren unterschiedlichen Varianten mit Erlöser und Sonnenkind wieder zu reaktivieren.

Etwa 100 Jahre nach Alexander konvertierten griechisch-baktrische Großkönige zum indischen Buddhismus und missionierten nicht nur nach China und Indien, sondern auch in ihre Herkunftsregionen in Europa. Die moralischen Prinzipien des Mahayana-Buddhismus (Mitleid, Nächstenliebe, Weltabgewandtheit) bildeten dann eine der vielen Wurzeln des Christentums.

Weitgehend unbekannt ist, dass aus Afghanistan auch eine Philosophie der Gewaltfreiheit im Islam stammt (Klußmann 2016). Möglicherweise fußten diese Denkrichtungen auf den Erinnerungen an „Gute“ der Ethik Zarathustras und des späteren Gandhara-Buddhismus, die u.v.a. auch isalmische Gelehrte der Sufi-Richtung beeinflussten, wie Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī (geboren 1207 in Balkh – 1273), „der den Pfad der Liebe lehrte“:

„Sei Sonne! Sonst bleibst du Fledermaus!“

Ein anderer großer Philosoph und Politiker war Khan Abdul Ghaffar Khan (s.u.), ein Freund Ghandis, der für gewaltlose Sozialreformen wirkte:

Wenn du wissen willst, wie zivilisiert eine Kultur ist,
schau darauf, wie sie die Frauen behandeln!“.

Viele Afghanen engagieren sich für eine friedliche Entwicklung ihres Landes.

Z.B. wird auf der Hamburger Afghanistanwoche über Projekte berichtet, die von Afghanen für Afghanen angestoßen, und sie haben zum Ziel, durch relativ bescheidene Maßnahmen lokale Entwicklungen anzuregen. Betroffene sollen ermutigt werden, sich nicht ihrem Schicksal zu ergeben (oder als Ärzte ins Ausland zu fliehen), sondern vor Ort zu handeln.

Solche Versuche sollten (eigentlich) unterstützt werden. Ausländische Finanzhilfe fließt aber meist in die klassische „Entwicklungs“- Zusammenarbeit oder Nothilfe, deren Dynamiken von außen nach Afghanistan einwirken. Oder in wirtschaftliche Interventionen, polizeiliche Abschottungsmaßnahmen oder in geo-strategische Strategien, wie die militärische Vernichtung immer neuer Gegner, die manchmal – wie die Taliban – zuvor im Rahmen militärischer Förderprogramme erschaffen wurden.

Viele dieser von extern subventionierten Projekte fallen in sich zusammen, sobald die ausländischen Militärs oder Projekt-Manager das Land wieder verlassen.

Der Sozialwissenschaftler Ivan Illich forderte deshalb schon vor einem halben Jahrhundert, externe „Hilfe“ und „Entwicklung“ (und natürlich erst recht militärische Interventionen) durch ein intensives „Verstehen und Verständnis“ zu ersetzen: damit Gesundungsprozesse, die nur von innen heraus erwachsen können, geschützt und wirksam begleitet werden können.

Literatur

Links

Letzte Aktualisierung: 15.06.2019