West-östliche Perspektiven
Inhalt
- Krieg der Kulturen in Westasien.
- Gleiche Realität – unterschiedliche Sicht.
- Im Westen wird das Ding zerlegt.
- Im Osten sind Beziehungen wichtig.
- Geht der Westen unter, steigt der Osten auf? (2018)
- Literatur
Zwischen Syrien und dem heutigen Pakistan kreuzen sich die antiken Handelswege Europas, Asiens und Indiens. Seit über 3000 Jahren transportierten dort Karawanen Seide, Schmuck, Gewürze, und Ideen.
Kulturell zählt die Region zu den reichsten und fruchtbarsten der Erde. Hier begann die Zukunft der zivilisierten Menschheit. Wird sie hier auch enden? (Dualismus, Eurasien, China 1 / 2)
Krieg der Kulturen in Westasien
“A whole civilization will die tonight, never to be brought back again. I don’t want that to happen, but it probably will …“ – „Open the fuckin‘ Strait, you crazy bastards, or you’ll be living in Hell — JUST WATCH! Praise be to Allah.” Donald Trump, 04. und 05.04.2026, Zitate: NYT)
„Macht ist nicht dasselbe wie Wirkung. Und ein Krieg, den man begonnen hat, ohne ihn beenden zu können, ist verloren – egal, wie viele Schiffe man entert.“ BZ 2204.2026
Hintergrund
Die Fähigkeit, Kriege zu führen, steckt nicht in unseren Genen. (Meller 2024) Die Anwendung roher Gewalt gegen Menschen ist ein Zeichen von Schwäche. Unsoziales Verhalten entwickelt sich kulturell. Infolge von Indoktrinierung. Oder durch die Brutalität von Konflikten, die zu psychischen Störungen führen. Wer schmerzvoll gelernt zu haben glaubt, dass es notwendig sei, gewaltsam in komplexe Zusammenhänge hineinzuschlagen, erzeugt weiteres Leid.
In Europa hat sich Gewaltanwendung bewährt. Besonders seit dem 16. Jahrhundert. Feudale Eroberungen (Conquista), Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus wucherten wie Krebsgeschwüre und setzten Metastasen. Gegenüber Raub, Ausbeutung, und Wachstum waren Zusammenhänge, Moral und Beziehungen zweitrangig geworden. Bis heute zählt nur der Gewinn – den Schaden tragen andere.
Worum geht es im Jahr 2026?
Scheinbar um Öl.

Bereits 1953 stürzten englische und amerikanische Geheimdienste den frei gewählten Premierminister Mossadegh. Er hatte versucht, Irans Ölvorkommen zu nationalisieren. Bis 1979 konnte das erfolgreich verhindert werden. Dann stülpten Mullahs dem Kapitalismus ein religiös-nationales Konzept über.
Anders als arabische Scheichs reinvestierten sie ihre Gewinne (Petrodollar) nicht in den USA. Stattdessen behinderten sie (mit ihren Verbündeten im Libanon, Syrien und Jemen) den Einfluss und das Wachstum der USA und Israels.
Könnte es auch darum gehen, dass Rüstungskonzerne (und die mit ihnen verbundenen Profiteure) Kriege benötigen, um ihre rostenden Waffen zu verbrauchen und neue Aufträge zu generieren?
Ganz ähnlich wie es die Gesundheitskonzerne tun, die stets neue und immer mehr Krankheiten bekämpfen, damit der Verkauf ihrer Pillen und Dienstleistungen krisenstabil wächst?
Handelt es sich vielleicht um einen Krieg der Religionen? Um Kämpfe zwischen gewalttätigen Fanatikern, die sich Baptisten, Evangelikale, Calvinisten, Orthodoxe, Katholiken, traditionelle oder moderne Juden, Zionisten, Sunniten, Islamisten, Shi’iten, Alewiten, Alawiten, Jesiden oder Drusen u. v. a. nennen?
Oder bekämpfen sich hier Ethnien, die sich in diesem Schmelztiegel vieler Völker angeblich genetisch unterscheiden sollen?
Oder dienen Begriffe wie Religion, Volk, Ethnie, angestammtes Recht nur in erster Linie der Propaganda? Geht es wirklich um archaische Dogmen, Ideologien, Demokratie, Frauenrechte oder Partei-Ideologien? Oder schlicht um den Raub von Land, Wasser und Bodenschätzen?
Oder um eine Neuordnung der Welt, in der sich ehemalige Partner jetzt als Vasallen dem jeweiligen Imperium bedingungslos unterzuordnen haben?
Warum lernen Kriegstreiber nicht aus vergangenen Niederlagen?
U. v. a. aus Afghanistan, Irak 2003–2011, Vietnam?
Mechanisch-simple Interventionen in hochkomplexe, lebende Systeme führen immer wieder zu gewaltigen Katastrophen. Obwohl einer der Verantwortlichen kurz vorher den Eindruck vermittelt hatte, er habe verstanden, dass er wenig (bis nichts) begriffen habe:
„Es gibt bekanntes Wissen. Das sind Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie kennen. Wir wissen auch, dass es bekannt Unbekanntes gibt. Das heißt, wir wissen, dass es Dinge gibt, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch das unbekannt Unbekannte – das sind Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.“ (Donald Rumsfeld 2002)

1976 untersuchte eine Regierungskommission in den USA eine gewaltige Intervention in einen Zusammenhang, der noch nicht verstanden war. Die Ignoranz gegenüber unbekannten Risiken verschlimmerte die Situation. Daraus folgerte man: „Das, was bei der Planung des Programms nötig gewesen wäre, war ein Tag am Tisch, um mit Murphy’s Law ein Brainstorming zu veranstalten: ‚Wenn etwas schiefgehen kann, dann wird es das auch‘, um alle denkbaren Entwicklungsmöglichkeiten, die man sich vorstellen kann, zu diskutieren. Das hätte es getan. Es hätte sicherlich eine Menge der Dinge aufgefangen, die schiefgelaufen sind – schließlich war es gar nicht so schwer, an sie zu denken.“ (Jacoby MG: The Swine Flu Affair Decision-Making on a Slippery Disease BMJ 2005;331:1276)
Der Mathematiker und Börsenmakler Nicolas Taleb beschrieb in seinem Buch vom „Schwarzen Schwan“, den Irrglauben, dass jahrhundertelange desgleichen die Zukunft immer eindeutig festlegt. Bis dann, vollkommen ungeahnt, etwas auftaucht, was nicht sein kann, und dann ein ganzes Weltbild zusammenbricht.
All das ist bekannt, warum verhalten sich dann die Mächtigen doch wie in einem Wahn? Weil sie mit dem Rücken zur Wand stehen?
Brutale Interventionen in komplexe Zusammenhänge
Kriegslogik ist zielorientiert: einfach, schnell, definitiv, nachhaltig. Kollateralschäden spielen keine Rolle. Das, was getan werden muss, ist alternativlos. (TINA-Prinzip).
Was kommt dabei heraus?
„Enthauptung und Regimechange“? Durch: Ermordung der Führung von Politik, Wissenschaft, Militär. Ergebnis: Die überlebende Führungsriege erwies sich als noch kompromissloser.

„Massenaufstände auslösen.“?
Durch Zermürbung durch Verschlechterung der Lebensgrundlagen (u. a. Ökozid, Infrastruktur, Kultur) Ergebnis: kein Aufstand.
„Verbündete des Irans vernichten.“?
Durch massiven Waffeneinsatz. Ergebnis: Steigerung der Wut (und des potenziellen Terrorismus) bei allen Schi’iten. Ihnen gilt seit dem 28.02.2026 Ali Chamenei als Märtyrer.
„Islamische Atombombe in der Nähe von Israel verhindern“? Durch maximale Bombadierungen.
Ergebnis: Iran wird weiterhin versichern, keine Atomwaffen entwickeln zu wollen. Aber die Atommacht Pakistan wird Kampfflugzeuge in Saudi-Arabien stationieren. Ist die Welt jetzt sicherer?
„Freie Handelswege sichern.“?
Die Straße von Hormus war vor dem Krieg frei befahrbar. Durch den Krieg wurde sie geschlossen.
„China schwächen.“?
Ergebnis: China verhandelt ruhig und unaufgeregt im Hintergrund ohne Kriegsverluste. Im Go-Spiel befände sich China auf der Geeinnerstrasse.
„Midterm-Wahlen im November gewinnen“? Durch mehr Geld für alle und christliche Werte!
Ergebnis: Beides verliert rasant an Überzeugungskraft. Die Kosten des Abenteuers steigen ins Unermessliche (https://irancost.com). Gläubige, die der Moral ihrer Religion vertrauen, wenden sich ab. (Guardian 17.4.2026, BZ 18.04.26). In seiner eigenen Bewegung wird der Möchte-gern-Imperator als irreligiös bezeichnet, also als das Gegenteil dessen, wofür ihn gläubige Christen gewählt zu haben glauben. (TCN 16.04.2026)
„Imperium statt Gemeinschaft.“? Durch den Zwang der ehemaligen Partner zur Unterwerfung: Beispiel: NATO-Chef und sein ‚Daddy‘ Trump (Welt 11.04.2026, BZ 20.04.2026). Ergebnis: Der ‚Werte-Westen‘, dessen Tod 2025 von Emmanuel Todd vorhergesagt wurde, liegt auf der Intensivstation.
Manchmal sehen Menschen ihr nacktes Überleben als Sieg an, und glauben, nichts mehr zu verlieren zu haben. Diese Verzweiflung kann sich als mächtiger erweisen als Waffen. Möglicherweise hat das der selbst ernannte Heiland, der droht, eine „ganze Zivilisation“ auszulöschen, erkannt. (AJ 07.04.2026).
Weiß er, was er meint, wenn er die Schiiten mit ihrer endgültigen Vernichtung bedroht?
Mehr
Gleiche Realität – unterschiedliche Sicht.
Während die einen Halt in stabiler, verfügbarer Nähe suchen,
finden ihn andere in der Ruhe fließender Dynamik.
Im Westen wird das Ding zerlegt, um es zu studieren.

Die Benennung der betrachteten Einzelteile verschafft Klarheit, denn das eine (z. B. ein Muskel) kann so von anderem (Faszien, Blutgefäßen, Nerven, Knochen) abgelöst werden. Allerdings geht dabei zwangsläufig der Funktionszusammenhang verloren. Das, was betrachtet wird, stirbt dabei, oder es ist bereits tot.
Spezialist:innen (des Gehirns, der Knochen, der Leber oder der Immunzellen) können bei lebenden Personen, das zu reparieren versuchen, was sie (oder ihre Lehrer) zuvor am toten Gewebe ausprobiert hatten.
Damit Probleme gelöst oder beseitigt werden, müssen die Expert:innen mit einer Bezeichnung oder einer Diagnose das Normale von dem Krankhaften trennen. Ein Kunstgriff, der mit einem Widerspruch verbunden ist, der kaum beachtet wird:

Ein untersuchter Mensch lebt. Präparate von Krebszellen, Laborwerte, Röntgenbilder, sind starr und leblos.
Diagnosen gründen sich auf toten Erkenntnissen, von denen man annimmt, dass sie nützlich sind bei Interventionen in komplexe, lebende, dynamisch-unvorhersehbare Zusammenhänge.
Aus der sicheren Diagnose folgt „im Westen“ die richtige Behandlung, die auf Wahrheit, Evidenz, Messbarkeit beruht. Dabei stehen die spezifischen, punktgenauen, problemfokussierten Wirkungen im Vordergrund. Die westliche Medizin des 20. Jahrhunderts ist daher den Gedankengängen Newtons verwandt, der mit seiner Physik Ursache-Wirkungsbezüge analysierte.
In der Realität aber gibt es keine Muskeln, Nerven, Gefäße, Faszien oder Knochen, sondern ungetrennt lebende Elemente, die miteinander zu Funktionseinheiten verwoben sind: Jede Zelle ist z. B. von feinen Fibrillen durchwebt, die über Kontaktstellen zu Nachbarzellen führen. Und alle Zellen sind mit allen anderen in einem gigantischen Informations- und Bewegungssystem verbunden. Bewegungsapparat, Gehirn, Darmbakterien, Stoffwechsel sind durch zahllose Rückkopplungen miteinander verschaltet und schwingen sich aufeinander ein. Körperzellen und das Gewimmel der sie umgebenden Bakterien kommunizieren miteinander nicht wie Sender und Empfänger, sondern in Überlagerungen quantenphysikalischer Wellen.
Im Osten sind Beziehungen und Zusammenhänge wichtig.

Während die europäischen Anatomen in der Renaissance Leichen zerschnitten, versuchte man in China, Leben als ein Wirk-System von Psyche, Körper und umgebender Umwelt zu verstehen: Beziehungen, Austausch, Selbstorganisation und Veränderungsdynamik standen dort im Zentrum des Interesses.
Erklärungsmodelle waren eher Symbole einer in ihrer Komplexität nicht erfassbaren Realität. Dieser Ansatz entspricht eher der quantenphysikalischen Auffassung eines „modellabhängigen Realismus“ (Hawkins), bei dem entweder ein Teilchen oder eine Welle angenommen wird, um in einem Experiment so zu tun, als gäbe es dieses, oder beides: Welle und Teilchen.
Für den Philosophen Konfuzius waren vor 2.500 Jahren die spezifischen Wirkungen offensichtlich, und daher banal und uninteressant. Es lohne nicht zu fragen, warum Fleisch nahrhaft sei, da es eben so sei. Ihn interessierten dagegen die „nicht-spezifischen“ Wirkkräfte, die das ganze System betreffen, und die z. B. durch den Vollzug eines Rituals freigesetzt werden. Er wollte durch Rituale beruhigend auf die Psyche der Menschen wirken. Dafür sei es notwendig, dass sowohl der Betroffene als auch der segnende „Opferpriester“ an die Wirksamkeit des Rituals glaubten. Es sei aber nicht nötig, fest daran zu glauben, dass es z. B. „Geister“ (personifizierte unspezifische Wirkkräfte) tatsächlich gäbe. Wichtig sei nur, dass man so handeln solle, „als ob“ es sie gäbe (Littlejohn).
Das Lebende musste „im Osten“ an nicht zerstückelten Objekten studiert werden, und das Wahrnehmbare konnte nur ein Teil weit größerer Wirk-Zusammenhänge sein.

Für die östliche Betrachtung der Welt war ein Einzelfaktor, eine Zelle, ein Organ so bedeutungslos wie eine gewöhnliche Person in einem großen Staatswesen. Wichtig war nur, wie etwas reibungslos in einem größeren Ganzen gesund miteinander zusammenwirken konnte. Man stellte sich den Menschen ähnlich wie ein bäuerliches Reich vor, das blüht und gedeiht, weil es vor Kriegen, Armut, Hunger und sozialen Wirren bewahrt wird. Eine Skizze dieser Philosophie, die vermied, etwas von etwas anderem zu trennen, ist das Neijing Tu. (s. Bild oben)
Es ist der Versuch einer symbolischen Repräsentation des menschlichen Körpers und geistiger Kräfte, die im Inneren und Äußeren wirken. Möglicherweise stammt es aus dem 15. Jahrhundert, oder es ist ggf. noch älter. Das uns heute erhaltene Bild wurde 1886 im Tempel der Weißen Wolke in Peking in Stein gemeißelt.
Das Neijing Tu versucht, holzschnittartig ein lebendes System zu beschreiben, das sich ständig umbaut, anpasst und selbst erneuert. Dabei geht es weniger um eine „westliche“ Wahrheitssuche, wie es „tatsächlich“ ist. Vielmehr wird Nützlichkeit angestrebt, um durch Symbole Hinweise zu geben, wie die Veränderungsdynamik im Menschen durch Übungen und punktuelle Anregungen günstig beeinflusst werden könne. Bei der Betrachtungsweise des Neijing Tu gleichen Störungen nicht unveränderlichen Problemen, sondern Blockaden, die Funktionsabläufe behindern, die in einem Gesamtorganismus eingebettet sind.
Diese Vorstellungen teilten auch antike griechische Gesundheits-Philosophen. Auch sie waren eher an dem Erhalt gesunden Lebens interessiert, als an der Reparatur von Problemen.

West und Ost sind sich manchmal weniger fremd, als es den Anschein hat.
Geht der Westen unter?
Seit über hundert Jahren wird Spenglers düstere Vision des „Untergangs des Abendlandes“ (1918) von der Geschichtswissenschaft verrissen. U. a. von Karl Popper, der darauf hinwies, dass es in der Geschichte „geschlossene Gesellschaften“ nicht geben kann. („Das Elend des Historizismus“)
Zudem schwang sich die Leitkultur des Abendlandes (freier Fluss von Produkten, Finanzmitteln, Kapital und Arbeitskräften) im 20. Jahrhundert erfolgreich in schwindelnde Höhen auf. Alle realen oder denkbaren Alternativen zur westlichen Marktwirtschaft brachen im 20. Jahrhundert in sich zusammen.
Aber seit dem 21. Jahrhundert schwächelt die auf Wachstum gegründete euro-nordamerikanische „Wertegemeinschaft“. Zwar ist die Militär- und Wirtschaftsmacht „des Westens“ immer noch tonangebend. Aber Folgen der Ideologie des unbegrenzten Wachstums und der endlosen Kriege werden immer deutlicher: die Meere verdrecken, das Klima erwärmt sich, die Artenvielfalt nimmt ab, die Böden versauern.
Aber solange es noch gut geht, besteht parteiübergreifend Einigkeit, so wie bisher weiter zu wirtschaften und aufzurüsten.
Im Westen nichts Neues?
Bei Spengler beginnt das Abendland um 900 n. u. Z. in Europa. Das trifft nicht zu, u. a. weil die abendländische Leitkultur des Kreuzes wesentlich älter ist und u. a. in den östlichen Religions-Philosophien wurzelt. Das Christentum wurde zusammengerührt aus römischem Muttergotteskult, jüdischer Schriftlehre, indischen und griechischen Weltentsagungs-Religionen und den keltisch-indisch-germanischen Doppel-Hierarchien, bei denen dem Heerführer ein (für das Spirituelle zuständiger) Druide-Brahmane-Priester zur Seite stand. Damit bildeten das west- und das oströmische Christentum (Katholizismus und Orthodoxie) den idealen geistigen Überbau für den Feudalismus, und (später) auch für den Kolonialismus, der sich auf Territorialmacht und die Ausbeutung von Ländereien gründete.
Damit die feudal unterjochten Massen wirksam im Glauben zusammengehalten wurden, wurde ihnen durch einprägsame Rituale das vermittelt und verkündet, was sie verstehen sollten und tun mussten. Nur wenigen Auserwählten wurden die Mysterien in inneren, geschlossenen Zirkeln offenbart (Assmann: Religio duplex). In der christlichen „Doppelreligion“ (Rituale fürs Volk und Geheimlehren für Insider) war es vollkommen unnötig, lateinische Bibeltexte zu übersetzen, denn das Volk sollte nur glauben und folgen, aber nicht versuchen, etwas zu verstehen.
Mit der Entwicklung der Produktivkräfte taumelten die Feudalsysteme und ihre Kirchen in eine Sinnkrise, wie sie der Roman Don Quichote schildert. Geld und Waren verlangten zunehmend nach freiem Austausch, und schließlich mussten auch die Leibeigenen und Sklaven befreit werden, damit sie als beliebig einsetzbare Lohnarbeiter dorthin verschoben werden konnten, wo das Kapital sie benötigte. Für diese veränderte gesellschaftliche Ordnung mussten neue Formen des ideologischen Überbaus entstehen, die sich, wie die protestantische und die jüdische Ethik, dem unbegrenzten Wachstum des materiellen und finanziellen Kapitals besser anpassen konnten. (Weber 1905)
Solange es dann Europa und Amerika, stetig wachsend, immer besser zu gehen schien, bildeten sich besonders nach dem 2. Weltkrieg auch Werte heraus, die das Leben im Westen heute so angenehm machen: Meinungsfreiheit, Liberalität, sozial abgefederte Marktwirtschaft, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Rechtssicherheit, Umweltschutz, Bildung …
All das war und ist teuer, aber es sorgte „im Westen“ für Ruhe, relativ stabile Lebensbedingungen, hohes Konsumverhalten und für die ergänzende Ablenkung durch Medien, Events, Spiele, Web 2 und Genuss- oder Suchtmittel. Zunehmend aber kam trotz dieses Wohlstandes unmerklich der Sinn abhanden:
„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Helmut Schmidt 2009
Ohne ideologischen Überbau, der (wie ein Gott oder eine positive Zukunftsphantasie) über den Herrschenden steht, und einen Gemeinsinn vermittelt, verhalten sich erfahrungsgemäß die Massen bei ernsthafteren Erschütterungen unangenehm. Denn sie suchen sich irrationale Führer, die sie verstehen können und denen sie glauben, und fegen möglicherweise das weg, was ihnen im Weg steht.
Der „Westen“ ist bedroht: Die Ideologie der alten Kirchen verliert an Glaubwürdigkeit. Und die Ersatzreligionen (wie u. a. der Fußballgott), lenken zwar erfolgreich ab, weisen aber nicht in eine erstrebenswerte Zukunft. Andere Ideologen (die sich nicht um Demokratie scheren) verfügen sehr wohl über Visionen und nutzen auch die modernen Formen der ameisenhaft gesteuerten Lenkung zunehmend für ihre Zwecke (Jaron Lanier: TED Vortrag)
In Russland und Polen wird versucht, die alten christlichen Kirchen für moderne Formen der Machtausübung und Kontrolle wiederzubeleben. Dort segnen Popen mit mittelalterlichem Ritual-Gehabe Raketen, oder Minister des 21. Jahrhunderts knien, wie im Wahn, ergriffen vor Maria. Beides wirkt aufgepfropft, und hat mit der gottlosen Kapitaldynamik, die auch in diesen Ländern die Märkte beherrscht, nichts zu tun, sondern sorgt nur für etwas Stabilität in unsicheren Zeiten.
Die Mullahs und Scheichs versuchen sich an einen mittelalterlichen Islam zu klammern, und ihn der Dynamik der Kapital-Märkte überzustülpen. Aber solange der Islam noch auf eine modernisierende Reformation wartet, steht er prinzipiell im ideologischen Widerspruch zur Unterordnung aller Werte unter das Gewinnstreben, das aber genau diese islamo-kapitalistischen Gesellschaften beherrscht. (Todd 2024)
Die Stabilität der islamischen Theokratien beruht nur auf dem Verkauf fossiler Brennstoffe, die zufällig unter ihrem Territorium herumliegen, und da sie trotz konservativer Religiosität zunehmend ethisch verarmen.
Sie werden zeitnah einmal (beschleunigt durch den Irankrieg 2026?) implodieren oder von Revolutionen durchgeschüttelt werden, aus denen dann zwangsläufig neue (aus dem Islam erwachsene?) Ideologieformen entstehen müssten.
Steigt „der Osten“ auf, wenn „der Westen“ untergeht?
In China wächst klammheimlich und weitgehend unbemerkt eine neue (und zugleich alte) Ideologie, die den Kapitalismus zu integrieren versucht, um ihn so zu dominieren. Man könnte sie mit dem alten chinesischen Bild „Auf dem Tiger reiten“ beschreiben.

Nach den Schrecken und Hungerjahren der Kulturrevolution, wurde in China ein raubtierartiger, brutaler Frühkapitalismus entfesselt, der zu entsetzlichen Umweltzerstörungen führte. Der Wahnsinn der Bilderstürmerei hatte die ideale Basis geschaffen, für ungehindert freies Wachstum des Kapitals. Alles, was sich im „Westen“ als nützlich und produktiv erwiesen hatte, wurde erfolgreich kopiert, und scheinbar kritiklos übernommen. Mit Erfolg: Deng Xiao Pings Katze fing tatsächlich Mäuse. In Peking bekämpft man zwar immer noch den Smog, aber die Wirtschaftsmacht Chinas wächst immer stärker.
Warum gelang es dem „Westen“ nach der Kulturrevolution nicht, so wie in den Opiumkriegen im 19. Jahrhundert, China wieder zu unterjochen?
Statt das am Boden zerstörte Großreich an den „Westen“ auszuliefern oder, wie in Russland, an Oligarchen zu verhökern, besannen sich die chinesischen „Kommunisten“ um Deng Xiao Ping auf die zweitälteste Staatsreligion der Erde: den Konfuzianismus. Er entstand etwa 300 Jahre nach der Gründung des ersten Gottesstaates im persisch-medischen Großreich, das von dem Monotheismus des Zarathustra zusammengehalten wurde.
Konfuzius, ein ritualverliebter Opferpriester, benötigte für seine formal strenge, ritualisierte und regulierte Religion keinen Gott. Vielmehr sollten die heiligen und symbolischen Handlungen so ausgeführt werden, als ob es Götter, Geister oder Ahnen gäbe. Damit Menschen, harmonisch und „human“ handelten, benötigten sie strikte Regeln, Kontrollen und eine ernsthaft straff organisierte hierarchische Führung.
Mit diesem Mix aus Raubtierkapitalismus und konfuzianischem Ritual entwickelte sich tatsächlich ein chinesisches Wirtschaftswunder, ohne Ausbruch sozialer Widersprüche und Aufstände. Maximale Ausbeutung, Umweltverseuchung und schlimmes Unrecht, lösten keine Klassenkämpfe aus und führten nicht einmal zur Gründung von Gewerkschaften. Die das Land führende Organisation nannte sich weiterhin kommunistisch, und dass sie es nicht ist, wird behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Gäbe es „Kommunisten“, die von ihrer Partei die Durchsetzung ihrer Ideale (z. B. Arbeiterrechte) verlangten, würden sie vermutlich als gefährlich-subversive Elemente bekämpft werden.
Gemeinsam sind dem modernen und dem klassischen Konfuzianismus die höchste Autorität des Kaisers oder des Parteivorsitzenden. Allerdings bildete der Neukonfuzianische Beamtenapparat vor 2000 Jahren den Staat, während heute die Macht ausübende KPCh parallel zu Staat und Wirtschaft organisiert ist, und so von keiner anderen übergeordneten Autorität kontrolliert werden kann. Nicht von den Parlamenten, von keinem Gericht und von keiner Regierung. Idealerweise kann sie so das Volk effektiv lenken, den inneren „Frieden“ bewahren, die zerstörerischen Effekte des explosiven kapitalistischen Wachstums im Zaum halten und die Auslieferung an das westlich bestimmte Kapital verhindern. Das Modell Hongkong, in dem der „ideologisch sinnentlehrte Westen“ seine Finger im Spiel hat, ist deshalb für Peking langfristig perspektivlos.
Der Konfuzianismus war und ist eine starke und eifersüchtige Religion, die vielfach bewiesen hat, dass sie effektiv für Ordnung, Harmonie und Stabilität sorgt, die Massen zusammenhalten kann und schon im Ansatz Rebellionen, Unruhen, Streiks und Aufstände verhindert. Individuelle Freiheiten (oder gar Demokratie) sind ihm ebenso fremd wie mystische, spirituelle oder jenseitsbezogene Glaubenssysteme (Daoismus, Islam, Christentum, Buddhismus). Und wie vor 2 500 der alte Opferpriester, machen sich jetzt moderne Konfuzianer daran, durch ein lückenloses Sozialkontrollsystem einen neuen Menschen zu erziehen.
Westlern mag dabei ein Schauer des Entsetzens über den Rücken laufen, aber immerhin scheinen in dieser neokonfuzianischen Theokratie keine Psychopathen oder Narzissten zu regieren, sodass in der Weltlage China wie ein Hort der Stabilität und Ruhe erscheint.
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Literatur
- Hawkins S, Mlodinow L: Der große Entwurf, rororo 2011
- Littlejohn R: Kongzi on Religious Experience, South East Review of Asisan Studies 2007, 29:225-32
- Tripp E: Wie funktioniert die Akupunktur? Shiatsu Newsletter 153, 01.02.2009
- Tripp E: Die Entwicklung der Chinesischen Medizin auf dem Hintergrund von Geschichte und Kultur, Shiatsu-austria, Magazin, 105
- Unschuld P: Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst. Beck. 2003
- Unschuld P: Forgotten Traditions of Ancient Chinese Medicine: A Chinese View from the Eighteenth Century, Paradigm Publications, 1998
- Weitere Literatur