Magie und Esoterik
Magie: Das Schicksal bezwingen
Seit Jahrtausenden versuchen Menschen, den Verlauf des Geschicks zu beeinflussen.
Die Nomaden, die dem Zug der Herdentiere folgten, waren den Naturgewalten hilflos ausgeliefert. Aber sie erkannten allmählich bescheidene Handlungsmöglichkeiten, um ihre Umwelt zu beeinflussen.

Sie nutzten das Feuer, entwickelten Distanzwaffen, kochten, erahnten den Rhythmus von Wetterereignissen und konnten Krankheitsverläufe lindern.
Erste Heilverfahren
Bereits vor vielen Jahrtausenden konnten sich Menschen versorgen, sich kümmern und pflegen. Sie wendeten Heilpflanzen an und erlernten die Wirkkräfte des schamanistischen Heilens.
Bis schließlich vor über 2500 Jahren Gesundheitsphilosophen eine erste Theorie von Gesundheit und Krankheit erfanden, die ‚Fünf Elemente oder fünf Phasen‘.
Aus diesem Weltbild entwickelten sich in späteren Jahrhunderten komplizierte Mischsysteme wie Unani, Ayurveda, chinesische Medizin und Alchemie. Die Wissensmodelle wurden in die frühen religiösen Vorstellungen in Ägypten und Persien importiert und schließlich u. a. mit dem Christentum, dem Buddhismus, dem Islam und dem Daoismus vermengt. Im 19. Jh. wucherten die Erklärungstheorien der Medizin in undurchschaubaren Formen mit Hygiene- und Keimtheorie, Psychoanalyse, Homöopathie, Anthroposophie und einzelfaktorbezogene Medizinwissenschaft u. v. a.
Vielen der über Generationen entstandenen, unterschiedlichen, ‚verschulten‘ Heil-Systeme liegen ähnliche Prinzipien zugrunde:
- Ein schlichtes Modell der Realität.
Die Grundannahmen der Lehre müssen so einfach sein, dass Patient:innen sie nachvollziehen können, um daran zu glauben. - Handlungen, die im Modell sinnvoll erscheinen, um die Realität zu beeinflussen. Das Meer bleibt unberechenbar, chaotisch und ungewiss, aber durch kleine, geschickte Handhabung von Kompass und Steuerruder kann das Schiff auf Kurs gehalten werden. Das beruhigt ungemein.
- Ein Meister an der Spitze eines Heilsystems.
Expert:innen für etwas, was einfachen Menschen unfassbar erscheint, wurden über viele Jahrzehnte ausgebildet. Sie wissen später aus Erfahrung, was sie tun. Daher können sie innerhalb ihres Glaubensmodells eine eindeutige Diagnose stellen. Damit klärt sich ein diffus wabernder Problemnebel auf, und es zeigt sich eine Ursache des Leidens, die im jeweiligen Erklärungssystem einen Sinn ergibt. - Zielgenaues Handeln: Wurde das Problem erst einmal mit einem Namen versehen, glauben die Expert:innen zu wissen, wie es gestaltet ist. Durch eine scheinbar ‚punktgenaue‘ Therapie kann es beherrscht werden: durch eine magische Pille, einen hautverletzenden Eingriff, ein heilsames Ritual.
In religionsähnlichen Heilsystemen wird das Abbild einer Realität behandelt. In der Hoffnung, dass sich damit auch die Wirklichkeit beeinflussen lasse.
Heil-Modelle dieser Art reduzieren die hochkomplex-undurchschaubare, quantenphysikalisch-wirre Dynamik des tatsächlichen Geschehens auf einen nur „komplizierten“ (also manipulierbaren) Zusammenhang.
Allerdings ist auch die „Kompliziertheit“ der meisten Heilsysteme so ausgeprägt, dass sie nur von spezialisierten Expert:innen durchschaut werden.
Anamnese, Rituale, Berührungen, Symbole, Gespräche, Lehren u. v. a. veranschaulichen den Patient:innen Zusammenhänge, die sie so nie gesehen hätten. Allein solche „Aha“-Effekte beeinflussen die Heilung. Denn sie setzen einen neuen Bezugsrahmen, in dem ein Problem vollkommen neu akzeptiert und betrachtet werden kann. Im Coaching wird dieses Phänomen ‚Umdeutung‘ oder „Reframing“ genannt.
Erstaunlicherweise wirkt allein eine Diagnostik therapeutisch, weil ein bisher fremdartiges Problem einen Namen erhält und damit vertrauter erscheint, weil ja jetzt etwas getan werden kann. Etwa so:
„Niemand hatte bisher bei dir etwas gefunden. Sie behaupteten schon, dein Problem sei psychosomatisch bedingt. Oder noch schlimmer psychisch eingebildet. Nein, das ist Unsinn! Du hast einfach eine XY-Schwäche, eine AB-Vergiftung, eine WZ-Stase, einen DE-Mangel, eine KL-Infektion oder eine PQ-Disbalance …“

Für die Auslösung heilsamer „System-Effekte“ (die den gesamten menschlichen Organismus beeinflussen) ist es nicht nötig, dass etwas spezifisch zu wirken scheint. Die Belohnungszentren des Gehirns, die u. a. das Hormon Dopamin ausschütten, werden bereits aktiviert, wenn etwas Wichtiges in erreichbare Nähe rückt, sodass es scheinbar „sicher“ erreicht werden kann.
Bei Heilritualen müssen nicht nur die Empfänger, sondern auch die Anwender einer Methode „zutiefst“ davon überzeugt sein, dass sie punktgenau-spezifisch wirkten. Das Belohnungssystem der Ärzt:innen muss Vorfreude auf den Erfolg ausstrahlen, damit ihre Sicherheit von ihren Patient:innen unbewusst wahrgenommen und gespiegelt werden kann. Körperhaltung, Mimik und Sprachmelodie der Heiler:innen sind dabei von großer Bedeutung, da sie Wahrhaftigkeit vermitteln oder, wenn sie (unbewusst) widersprüchlich erscheinen, auf Betrug hinweisen würden.
Ein nicht spezifisches Ritual wirkt besonders intensiv, wenn es von Personen angewandt wird, die durch jahrzehntelanges Training in ihrem Glaubensmodell „absolut sicher“ zu wissen glauben, dass ihre Handlung punktgenau wirke.
Das Training im jeweiligen schamanistischen oder religionsähnlichen Glaubenssystem ist komplex und schwierig. Und vermittelt durch die Verschulung den Patient:innen den Eindruck hoher Qualität. Und die jahrelang trainierten gläubigen Anwender:innen wagen es (nach Aufwand von viel Zeit und Kosten) nicht mehr, die Grundannahme des Denkmodells infrage zu stellen.
Wenn die Heiler:innen einen Gesundungs-Effekt ihrer Methode beobachten, sehen sie die Wahrheit ihrer Heilslehre bestätigt.
Misserfolge verweisen dagegen auf mangelhafte Durchführung, auf Anwenderfehler oder auf eine „Anfangs-Verschlimmerung“, die Gutes verheißen soll und hoffen lässt.
Viele Anwendungen müssen so lange durchgeführt werden, bis es doch zu einem Erfolg kommt, oder aber die Nutzer wegbleiben. Wirklich negative Rückmeldungen, die das ganze System gefährden würden, kann es dann nicht geben.
Der Spezialisten-Glaube beruht auf jahrelanger Erfahrung, Auswendiglernen und mühevollem Training. Die Expert:innen sind sich der Perfektion des jeweiligen Systems gewiss. Nur falsche Anwendung kann nachteilig sein. Daher bestätigt jedes (positive oder negative) Ergebnis einer Heilbehandlung ihre tiefe Überzeugung, zweifellos richtig und gut zu handeln.
Man muss ein Ereignis nach einer Behandlung nur richtig interpretieren und dann ggf. das Erklärungsmodell etwas modernisieren. So wachsen esoterische, alternative und schulmedizinische Behandlungssysteme im Laufe der Jahrzehnte oder Jahrhunderte zu immer komplizierteren Gebilden. Das Wuchern immer größerer Theorieblasen fördert die Bedeutung der Expert:innen weiter. Haben sie dann aber eine bestimmte hierarchische (und oft auch kommerzielle) Höhe erklommen, und werden Professor, Dekan oder Großmeister genannt, ist ihr Wort über jeden Zweifel erhaben.
weiter:
- Schul-, Alternativ- oder ‚gute Medizin‘?
- Esoterik: Von Meistern geleitet
- Beispiele: Psychoanalyse, NLP, Anthroposophie, CIM, Pasos mágicos
- Ungesunder Glaube.
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