13. August 2020

Impfungen

Impfungen sind medizinische Eingriffe wie andere auch

Für alle medizinische Maßnahmen (Arzneimittelverschreibungen, Impfungen und Operationen) gilt: Ihr Einsatz kann nach dem Stand der aktuellen Theorie gut begründet sein oder auch nicht. anchmal sind Behandlungen unvermeidbar und heilsam, oder hin und wieder auch völlig unnötig und schädlich.

Die Art und Häufigkeit ihrer Anwendung hängt nicht nur von der wissenschaftlichen Evidenz ab, sondern auch von vielen anderen Faktoren: u.v.a. von Marktgesetzen, Interessen, Lobby.

Wissenschaft fragt

Wenn ich den Begriff „Wissenschaft“ verwende, meine ich intelligentes, kritisches, skeptisches, offenes Fragen: Das Eingeständnis, etwas nicht zu wissen, gepaart mit der Neugier, etwas herauszufinden.

Die jeweiligen Antworten (die sich aus Experimenten und Ausprobieren ergeben) spiegeln für mich nützliche Momentaufnahmen eines stetig veränderlichen Informationsstandes. Angelesenes und erfahrenes „Wissen“ erscheinen mir daher gleichermaßen als relativ, und sie führen bei mir, wie in den Naturwissenschaften, zu neuen Fragen. Statische Wahrheiten, die geglaubt werden müssen, helfen mir nicht dabei, komplexe Entwicklungsdynamiken zu verstehen, wie sie die Physik und die Biologie der letzten Jahre beschreiben.

Ich stehe allen (modernen oder traditionellen, universitären oder alternativen Methoden) gleichermaßen skeptisch gegenüber, wenn sie von Ideologien, Moden oder Markt-Dynamiken beeinflusst werden. Das gilt für die Chirurgie, die Psychiatrie, die Gynäkologie und die Kinderheilkunde, und u.a. ebenso für Impfungen. Bei allen medizinischen Methoden unterstütze ich das, was sich als nützlich, wirkungsvoll und nebenwirkungsarm erwiesen hat. Und ich warne vor Produkten oder Dienstleistungen, bei denen Risiken den Nutzen überwiegen könnten. Und ich orientiere ich mich am Vorsorgeprinzip.

Da ich seit 1978 als Arzt tätig bin, erinnere ich mich noch gut die Appelle zur „Verhaltens-“ und zur „Verhältnis-Prävention“, die die WHO noch 1987 für die Grundlagen gesunder Entwicklung hielt (Ottawa Charta 1986). Der Schutz vor Krnakheiten (u.a. durch Impfungen) kann für mich nur einen Ergänzung sein zur Förderung, Schutz und Pflege einer gesunden, natürlichen Entwicklung der Immunkompetenz

Um Infektionen wirksam vorzubeugen, und um das Risiko schwerer Krankheitsverläufe abzumildern, darf, aus meiner Sicht, die Bedeutung von Maßnahmen zur Stärkung gesundheitsförderliches Verhalten gegenüber sinnvollen Impfstrategien nicht unterbewertet werden.

Ich kläre Personen, die ich berate oder unterrichte, transparent auf. Insbesondere auch darüber, was ich nicht weiß, und was ich nicht wissen kann. Z.B bin ich als Geburtshelfer weder ein Befürworter noch ein Gegner von Kaiserschnitten, sondern halte sie für manchmal indiziert und manchmal nicht, je nach Art der Situation und der Qualität der Behandlung. Hinsichtlich des Themas Impfungen halte ich es nicht anders.

Medizinische Produkte, die unklare Risken bergen und deren Nutzen umstritten ist, kritisiere ich. Aus guten Gründen bin ich selbst vielfach hochkompetente medizinische Hilfe in Anspruch genommen. Und ich bin geimpft. Mit 16. Jahren musste ich erleben, dass mein acht Jahre älterer Bruder (wie ich damals uneimpft) mit 16. Jahren an Polio verstarb. ich hatte Glück.

Später in der Entwcklungszusammenarbeit und in der Landesgesundheitsbehörde in Hamburg war ich langjährig auch im Rahmen von Impfstrategien und deren Umsetzung tätig.  

Peter C. Gøtzsche: Vaccines: truth, lies and controversy, Kindle 2020. Dt.: Für und Wider (inkl Cocid 19). Riva-Verlag 2021Review: Donald W Light, Ind Journ of Med Ethics, 04.04.2020

Geschichte des Impfens

Impfen ist aus dem mittelhochdeutschen Wort impfeten abgeleitet, das pfropfen oder veredeln bedeutet. Wortherkunft verweist darauf, dass etwas Gesundes in seiner Kompetenz, mit den Widrigkeiten des Lebens klarzukommen, gestärkt werden soll.

Im 18. Jahrhundert war beobachtet worden, dass eine Einfügung von Blatternmaterial (von milde verlaufenden Pocken) in eine künstliche Stichwunde vor einer Infektion schützen konnte. 1796 übertrug der Landarzt Jenner Kuhpockenmaterial über einen Schnitt in den Oberarm und erreichte damit eine Schutzwirkung gegen Pocken. Abgeleitet vom lateinischen Wort für Kuh (vacca) nannte er seine Methode dann Vaccination. Um 1850 entdeckte der Biologe Antoine Béchamp erstmals Bakterien. Er hielt sie für lebende Untermieter eines Organismus, also als das was wir heute als Mikrobiom bezeichnen. Ihr massenhaftes Auftreten z.B. auf Laborpflanzen erkärte als die Folge einer Störung oder eines Mangels, nicht aber als deren Ursache.

Sein jüngerer Kollege und Widersacher, der Chemiker Louis Pasteur, hielt zunächst an einer Gär-Theorie von Infektionen fest. Als er schließlich die Existenz von Bakterien akzeptierte, schrieb er ihnen aber (in der von ihm 1864 formulierten Keimtheorie) die Rolle der Krankheitsverursacher zu. Dem Arzt Robert Koch gelangen dann tatsächlich Nachweise der eindeutigen Krankheitserreger von Milzbrand (1881) und Tuberkulose (1876). In Deutschland verpflichtete 1874 das Reichsimpfgesetz, Kinder im Alter von einem und zwölf Jahren gegen die Pocken impfen zu lassen. 1890 wurde diese neue Medizintheorie und -praxis von Paul Ehrlich, Emil von Behring und Shibasaburo Kitasato genutzt, um passiv gegen Diphtherie und Wundstarrkrampf zu impfen.

Weitere Impfversuche im 19. Jahrhundert (gegen Pest, Cholera, Typhus, Tollwut) waren nicht erfolgreich. In den 30iger Jahren des 20. Jhh. wurden aktive Impfungen gegen Tuberkulose, Tetanus und Keuchhusten entwickelt und erstmals auch Zusatzstoffe als Impfverstärker eingesetzt. Ziel der Impfungen war die Ausrottung einer Infektion, nicht aber die allgemeine Verbesserung von Gesundheit. Denn die hängt von vielen anderen (insb. sozialen) Faktoren ab, auf die Rudolf Virchow hingewiesen hatte. Da systematische Untersuchungen zu en Gesundheits-Entwicklungen Geimpfter und Nicht-Geimpfter nicht durchgeführt wurden, ist es umstritten, welchen Anteil Impfungen am Rückgang der Infektionskrankheiten im 20. Jahrhundert hatte.

Die größten Erfolge des Impfen sind die Beseitigung der Pocken um 1977 und die Zurückdrängung von Masern, Mumps und Röteln.

Impfungen sollen im Allgemeinen keine schon eingetretenen Probleme beeinflussen (Ausnahmen von der Regel sind Covid-19 Impfungen, die auch bestehende Infektionsverläufe abmildern sollen. In der Regel werden aber Impfungen an gesunde Personen verabreicht. Das Risiko ernsthafter Folgen eines eventuell später eintretenden Krankheitsereignisses muss hoch sein. Die Impfung muss eine messbar günstige Wirkung entfalten, und unmittelbare und spätere Gefahren des Eingriffes sollten gering sein.

Der erste größere und dokumentierte Impfunfall ereignete sich 1930 in Lübeck als zahlreiche Kinder nach einer Tuberkuloseimpfung verstarben.

Bei Impfungen muss deshalb das Vorsorgeprinzip („Zuerst nicht schaden“) noch sorgfältiger beachtet werden, als bei chirurgischen Maßnahmen, die ein schmerzhaften, bedrohlichen Notzustand beseitigen sollen.

Die Wahrscheinlichkeiten auftretender Ereignisse bei Interventionen in komplex-eigendynamische Zusammenhängen und deren Auswirkungen zu verstehen, ist aber nicht einfach. Denn sie lösen neben der beabsichtigten spezifischen auch nicht-spezifische Wirkungen aus (Nebenwirkungen und Systemeffekte auf Immunsystem, Gehirn, Stoffwechsel.

Verkauf der Illusion „maximaler Sicherheit“. Reklame für ein Produkt gegen eine Infektion, die bei Reisenden praktisch nicht vorkommt. Das wirklich Wichtige wird bei kommerziellem Piecksen häufig vergessen: Ein Verständnis für Zusammenhänge und sicheres Verhalten.

Will man Nutzen und Nachteile bestimmter Impfstoffe oder Impfstrategien nüchtern (und frei von Ideologien oder Interessen) beurteilen, muss man sich an die überprüfbare Evidenz halten:

  • Zahl der Personen, die geimpft werden müssen, damit ein Krankheitsfall verhindert wird.
  • Zahl der Schadens- oder Todesfälle bei Nicht-geimpften und bei Geimpften.
  • Messung der nicht-spezifischen Wirkungen in Anwendungsbeobachtungen über lange Zeiträume nach dem Vermarktungsbeginn

Studien zu solchen harten Daten liegen häufig nicht vor. Die stattdessen übliche Messung von Surrogatmarker der Wirksamkeit, wie die AK-Produktion, von der man annimmt, dass sie im Infektionsfall schützen werde, ist unsicher, insbesondere bei älteren oder immunsystem-beeinträchtigten Personen.

Hintergrundinformationen

Evidenz basierte Abwägung von Nutzen und Risiken

Letzte Aktualisierung: 21.06.2021