26. April 2020

SARS-CoV-2, Covid-19

Inhalt

  • Übersicht
  • Dicke Luft (Rauchen, Smog)
  • Selber-denken
  • Die Krise ist komplex
  • Zurück zum Bundes-Seuchengesetz?
  • Historischer Pandemie-Krimi
  • Pandemische Panik

Links

Übersicht zu Sars-CoV-2

25.04.2020

Viren und Bakterien sind Nutznießer von ungewöhnlichen Situationen, von Schwächen des Wirtes. Nur diese Formulierung lasse ich gelten – Kriegsvokabular nicht.“ (Karin Mölling. Supermacht Viren, München 2015, Seite 15)

Wer ohne akute Atemwegsinfektionen durch die Grippesaison kommen möchte, sollte

  • sich viel und entspannt bewegen,
  • ausgiebig schlafen (Caroll 2015, Prather 2015),
  • sich gesund ernähren,
  • stress-arm leben,
  • Menschenmassen meiden,
  • sich dem Sonnenlicht aussetzen,
  • Abstand zu Erkrankten halten,
  • auf Handhygiene achten, und
  • nicht rauchen.

Die Wirksamkeit dieser einfachen Verhaltens-Maßnahmen ist tausendfach belegt. In den Medien wurden sie, solange es bis Ende 2019 nur um die Vermarktung der „Grippe-Impfung“ ging, selten oder gar nicht erwähnt.

Influenza-Viren

Influenza-Viren und andere Viren, die das Krnakheitsbild Grippe auslösen (Corona-, ARI-, Rhino-, RSV-Viren) verändern sich relativ rasch. Daher können immer neue Virus-Varianten jährliche Pandemien auslösen. Diese ebben wieder ab, wenn ein Großteil der Bevölkerung „durchseucht“ wurde.

Bis in den Dezember 2019 wurde von RKI und BZgA geworben, sich gegen „Grippe“(!) impfen zu lassen. Diese Aussage war (bewusst) in-korrekt, denn Impfstoffe standen (und stehen noch) nur gegen Influenza zur Verfügung. Influenza-Viren machen etwa ein Fünftel der jährlichen Grippeviren aus. Die Wirksamkeit der Impfung gegen Influenza ist jedes Jahr nur mäßig, und bei älteren und kranken Personen wirkt sie schlechter:

Die …adjustierte Impfeffektivität gegen eine laborbestätigte Influenza in der Saison 2018/19 betrug 21% (Konfidenzintervall 13%-45% … Bericht zur Epidemiologie der Influenza 2018/19Weitere Saisonberichte

Eine Antwort, ob Influenza bei der SARS-Cov-2 Epidemie als Kofaktor mitbeteiligt war oder ist, ist mir nicht bekannt.

Sind sie jetzt alle super geschützt? Broschüre BZgA Herbst 2019
Influenza ist nicht harmloser als Covid-19! Leider schützt die Impfung nicht besonders gut, insbesonder die, die an einer Influenza schwerer erkranken würden.

Corona-Viren (u.a. SARS-CoV-2)

Corona-Viren zählen zu den influenza-ähnlichen Viren. Sie lösen ein mehr oder weniger schweres Bild einer Grippe aus, das sich klinisch nicht von einer durch Influenza verursachten Grippe unterscheidet. Sie machen etwa zwischen 5-20% der jährlichen, saisonalen Grippeviren aus.

2002 war durch ein neuartiges Corona-Virus ein „Schweres Akutes Atemnot Syndrom (SARS)“ ausgelöst ausgelöst worden. Die Sterblichkeitsrate betrug etwa 10%. Die Epidemie konnte aber rasch unter Kontrolle gebracht werden, weil das Virus fast nur von schwer-erkrankten Personen weitergetragen wurde.

2012 blieb ein Ausbruch eines anderen neuartigen Corona-Viruses (MERS) in Saudi-Arabien relativ begrenzt. Die Sterblichkeitsrate bei Mers liegt mit etwa 3%. Die meisten Personen infizieren sich im Kontakt mit Erkrankten.

Die Sterblichkeitsrate liegt bei Covid-19 (SARS-CoV-2) zwischen 0,1-1% bei nachweislich infizierten Personen

„Das COVID-19-Todesfallrisiko bei Menschen älter als 65 Jahre (während des Zeitraums der der Epidemie) entsprach dem Todesfallrisiko beim Fahren zwischen neun Meilen pro Tag in Deutschland und 415 Meilen pro Tag in New York City … Todesfälle bei Menschen unter 65 Jahre, ohne zugrunde liegende krankheitsverschlimmernde Zustände sind bemerkenswert selten“ Epidemiologe John Ioannides 10.04.2020

Obwohl die Covid-19-bedingte Sterblichkeit möglicherweise nicht höher liegt als die von Influenza, wurden schlecht vorbereitete Krankenhäuser in bestimmten Regionen überlastetet: u.a. weil viele Infizierte, die sonst über einen Saison verteilt (nach und nach) kämen, plötzlich in einer Woche die Notaufnahmen überfüllten:

Economist-Artikel vom 11.04. (freie Übersetzung): Influenza ähnliche Erkrankungen (ILI) ohne Influenza-Viren sind in den USA stark angestiegen ist. Der Anstieg hat das gleiche geographische Muster wie bei den Covid-19-Fällen … Insgesamt übertraf die geschätzte ILI-Grippe ohne Influenza vom 8. bis 28. März eine historische Grundlinie um 23 Millionen Fälle – das ist das 200-fache der Anzahl positiver Covid-19-Tests in diesem Zeitraum. Dies könnte die Ausbreitung von Covid-19 überbewerten, da die ILI-Grippe auch durch andere Viren verursacht wird. Sie könnte auch zu niedrig sein, da Personen mit asymptomatischem oder mildem Covid-19 nicht über einen grippalen Infekt berichten würden. … Covid-19 braucht 20-25 Tage, um Opfer zu töten. Die Publikation rechnet damit, dass sieben Millionen Amerikaner vom 8. bis 14. März infiziert wurden. Offizielle Daten zeigen 7.000 Todesfälle drei Wochen später. Die daraus resultierende Sterblichkeitsrate liegt bei 0,1%, ähnlich wie bei einer Influenza-Grippe. Das ist erstaunlich niedrig, nur ein Zehntel von einigen anderen Schätzungen. Vielleicht ist es einfach falsch, möglicherweise weil die Zahl der Todesopfer zu niedrig angegeben wurde. Vielleicht sind die New Yorker Krankenhäuser aber auch deshalb überfüllt, weil das Virus so ansteckend ist, dass es den Gegenwert eines Jahres an Grippefällen auf eine Woche zusammengepresste.“ Publikation: Silverman J MedRxiv 2020 www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.01.20050542v1.full.pdf – ergänzender Artikel vom 04.082020: https://reason.com/2020/04/08/mass-antibody-testing-in-this-rural-colorado-county-sheds-light-on-covid-19s-prevalence-and-lethality/

Andere Faktoren, die das Sterblichkeitsrisiko erhöhten waren örtlich vermutlich Feinstaubbelastungen in Megastädten und Industrieregionen , Vorschädigugen der Lunge zB durch Asbestose (Nord-Italien) und Fehlbehandlungen bei unzureichender Versorgugsqualität.

Das Virus kann auch von gesunden (unentdeckten) Personen weitergegeben werden, die keinerlei Grippe-Symptome zeigen. SARS-CoV-2 hat sich weltweit ausgebreitet. Die Meldezahlen gehen jetzt weltweit zurück. Die meisten Infektionen verlaufen unbemerkt oder mild. Bei 5% der Infizierten (meist älteren Personen mit anderen schweren Erkrankungen) entwickeln sich ernsthafte Krankheitsbilder. Kinder, Schwangere und gesunde Erwachsene sind in der Regel nicht gefährdet.

Krieg: Leicht zu beginnen, schwer zu beenden

Die massiven Interventionen zur Bekämpfung des Virus in nahezu allen Staaten der Welt, sind in ihren Auswirkungen unüberschaubar.

Die drohende Jahrhundert-Rezession (Spiegel 14.04.2020), war schon lange vor dem Shut-Down bekannt (IMF 27.03.2020 und IMF 24.02.2020). Sie wird sich durch die fehlend-konsequente Aufhebung der Maßnahmen auch in Deutschland weiter verschärfen.

Es ist nicht einfach, in der Corona-Krise Ruhe zu bewahren und nach zuverlässigen, nicht-ideologischen, kritisch-wissenschaftlichen, überprüfbaren Daten zu suchen, und sie nicht sofort in „richtige“ oder „falsche“ Wahrheiten zu sortieren.

„Wissenschaft“ ist (für mich) nicht irgendetwas „besser zu wissen“ oder „Recht zu haben“. Also nicht ideologisches Ge-Glaube von „Experten“, mit dem wir (aus unterschiedlichen Richtungen) z.Z. überschwemmt werden. Viel wichtiger ist es (für mich), immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir vieles nicht wissen. Deshalb wären saubere, nüchterne, wissenschaftliche, umfassende, unvoreingenommene, epidemiologische Studien nötig, die das, was ohne ausreichende Datengrundlage getan wird, hinterfragen. Die also neugiergig sind auf das „unbekannt Unbekannte“. Und die nicht nur mit hektisch zusammengesuchten Informations-Schnippseln und dramatischen Bilder, das, was wir (jeweils unterschiedlich) fest zu wissen glauben, bestätigen sollen.

Sicher ist: Das Ökosystem, in dem sich ein Virus verbreitet, die Menschen, mit denen es in Kontakt kommt, und die sozialen-rechtlichen-ökonomischen Beziehungen sind hoch-komplex und verändern sich dynamisch. Wissenschaftliche Untersuchungen, Diskurse, Debatten sollten daher (offen, ruhig, sich respektierend und ohne Schere im Kopf) möglichst viele Aspekte dieser Komplexität abbilden und Wechselwirkungen und Beziehungen erfassen.

Die monokausale Tunnelblick-Fixierung auf ein Virus, gegen das wir uns angeblich „im Kampf oder gar im Krieg“ befinden, ist unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ein fahrlässige Reduzierung der Realität, weil sie Ko-Faktoren, Kollateralschäden und alle uns heute noch völlig unbekannten Systemwirkungen komplett ausklammert – so als gäbe es sie nicht. Und weil die Kriegsrethorik leicht missbraucht werden kann (und schon wurde), für andere, anti-demokratische Zwecke.

Wissenschaft fragt (nach). Kritische Ärzte sollten das auch tun, und nicht nur an die Wahrheit von Antworten glauben.     

„If we decide to jump off the cliff,
we need some data to inform us about the rationale
of such an action and the chances
of landing somewhere safe.“ Ioannides 2020

Weitere Artikel

Covid19-Risiko: Dicke Luft

22.04.2020

Warum kein Verbot von Tabak-Werbung?

„Mediziner warnen: Wer raucht, ist verstärkt gefährdet,
bei einer Infizierung mit dem Coronavirus
an der Lungenkrankheit Covid-19 zu erkranken.“ FAZ 20.04.2020

Das Sars-CoV-2-Virus wird über Tröpfchen der Atemluft übertragen. Bei ~20% der Infizierten entwickeln sich Beschwerden. Das Krankheitsbild Covid-19 verläuft dann schwerer bei Personen, bei denen u.a. die Lungen-und die Immunfunktionen vorgeschädigt sind. (WHO 2020)

Rauchen und E-Smoke schaden doppelt

  • Nikotin beeinträchtigt die Funktionen des Vagus-Nerven, die das Herz, die Atmung und Immunsystem beruhigen.
  • Abfallprodukte, die beim Rauchen anfallen, werden in den Lungenbläschen abgelagert und stören deren Funktion.

Beides fördert die Entwicklung von Krebs und anderen chronischen Erkrankungen.

Selbst in gut gelüfteten Räumen sind Menschen erheblichen Schadstoffkonzentrationen ausgesetzt, wenn Rauchern anwesend sind, selbst wenn diese nicht rauchen. (Sheu 2020) Kinder, deren Eltern rauchen, sind folglich bei Ausfall von Kindergarten und Schule länger und intensiver Passiv-rauch ausgesetzt, als zu normalen Zeiten.

Auch beim Tragen von Gesichtsmasken muss damit gerechnet werden, dass die Sauerstoffversorgung (bei vorgeschädigten Lungen) eingeschänkt sein kann, und Kohlendioxid (ggf. mit Schadstoffen) wieder eingeatmet werden (Butz 2005).

Folglich müsste im Rahmen drastischer Präventionsmaßnahmen die Reklame für Tabak-Produkte verboten und der Verkauf eingeschränkt werden. (Simons 2020)

Tabak-Werbung und Verkauf in Zeiten des Shutdown, Bild: Jäger, März 2020

Warum wird Rauchen bei der Covid-19-Pandemie ignoriert?

Vielleicht,

Oder besitzen sie einfach einen „guten Draht“ zur Bundesregierung?

„…Gesundheit ist ein Menschenrecht und es ist die Pflicht des Staates, die Gesundheit der Menschen zu schützen. Das muss wichtiger sein als Überlegungen zur Wirtschafts-förderung oder zum Steueraufkommen. Allerdings gibt die Tabaklobby offen zu, „über Jahrzehnte einen guten Draht zur Politik aufgebaut“ zu haben. In Deutschland sei es wie in keinem anderen Land so einfach, mit der Politik ins Gespräch zu kommen…“ Kleine Anfrage im Bundestag Drucksache18/11368, 03.03.2017

Rückgang der Luftverschmutzung in Nord-Italien von Februar auf März 2020: https://www.youtube.com/watch?v=6Sro2j5A65M — Video-ESA-Aufnahmen: http://www.esa.int/Space_in_Member_States/Germany/Coronavirus_Rueckgang_der_Stickstoffdioxid-Emissionen_ueber_Italien

Umweltbelastung und Covid-19

Rauchen ist im Zusammenhang mit Covis-19 besonders dort riskant, wo die Lungen- und die Immunfunktion bereits durch Umweltbelastungen geschädigt sind. In Nord-Italien besteht zum Beispiel ein erhebliches Problem mit Asbest-Altlasten, das seit Jahrzehnten bekannt ist (Spiegel 10.12.2009). Ein wesentlicher Hinweis auf die Asbestose-Erkrankung ist dort die Häufigkeit des (sonst) selten Lungenkrebses Mesotheliom (Corfiati 2015).

Covid-19 Erkrankungen verliefen zudem auch in Industrie-Regionen und Megastädten besonders schwer, die eine sehr schlechte Luftqualität aufwiesen.

„… von den 4443 Todesfällen entfielen 3487 (78%) auf fünf Regionen in Norditalien und Zentralspanien. Darüber hinaus weisen dieselben fünf Regionen die höchsten NO2-Konzentrationen in Kombination mit einer nach unten gerichteten Luftströmung auf, die eine effiziente Ausbreitung der Luftverschmutzung verhindert. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die langfristige Exposition gegenüber diesem Schadstoff möglicherweise einer der wichtigsten Verursacher der durch das COVID-19-Virus verursachten Todesfälle in diesen Regionen und möglicherweise in der ganzen Welt ist.“ (frei übersetzt: Ogen 2020, Hinweise auf weitere Studien: SD 23.04.2020)

Relativ für in der SARS-CoV-2-Pandemie, wurde dieser Zusammenhang in Wuhan thematisiert (Eurasiareview 01.02.2020), und seither vielfach (u.a. in Nord-Italien und in Madrid) bestätigt (Dt. Allianz Klimawandel 20.03.2020).

Quantifiziert wurde der Zusammenhang erstmals im April 2020 in den USA:

“ … Ein geringer Anstieg der langfristigen Feinstaub-Exposition .. führt zu einem starken Anstieg der COVID-19-Todesrate … Die Studienergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, die bestehenden Vorschriften zur Luftverschmutzung weiterhin durchzusetzen, um die menschliche Gesundheit sowohl während als auch nach der COVID-19-Krise zu schützen.“ Xiao 2020

Tabak-Werbung und Verkauf in Zeiten des Shutdown, Bild: Jäger, März 2020

Eigentlich müsste viel getan werden,

um

  • Tabak und E-Smoke-Konsum zu verringern
  • Luftqualität zu verbessern

Was kann man tun, damit das auch geschieht?

Literatur

Covid 19: Selber-denken?

… Ausländer, Fremde, sind es meist – Die unter uns gesät den Geist – Der Rebellion. … Vertrauet Eurem Magistrat – Der fromm und liebend schützt den Staat – Durch huldreich hochwohlweises Walten – Euch ziemt es, stets das Maul zu halten. Heinrich Heine, Krähwinkels Schreckenstage, 1854

Wem darf man glauben?

Expert*innen kennen die „Wahrheit“. So auch in der Corona-Krise 2020. Politiker*innen leiten aus ihren Aussagen Handlungs-Zwänge ab. Das Vorgehen sei so wissenschaftlich legitimiert und folglich „alternativlos“. Die Bevölkerung erduldet es. Und hofft auf „wissenschaftlich begründete“ Entscheidungen.

In der gefährlichen weltweiten Corona-Krise scheint kein Raum zu sein für Zweifel. Die Menschheit ist bedroht von einer Naturgewalt, die ganze Gesellschaften in den Abgrund ziehen wird.

Wirklich?

Krise: Gefahr (links) und Möglichkeit (rechts). Bild: Wikipedia, oben alt-chinesische, unten vereinfachte Schrift

In jeder Krise stecken Möglichkeiten.

Eine der Möglichkeiten der Corona-Krise könnte zum Beispiel darin bestehen, dass mehr Menschen den Mut aufbringen, selber zu denken.

Selber-denken?

Meist denken wir bei komplizierten Zusammenhängen das, was andere, die es besser wissen müssen, aufgeschrieben oder gesagt haben. Wenn wir dann anderen „unsere Meinung“ mitteilen … wiederholen wir in der Regel etwas zuvor Gehörtes. Aber wir könnten auch kreativ und intuitiv aus unser Erfahrung Gedanken wahrnehmen, die neu und „unerhört“ wären.

In Angst ist das nicht möglich. Denn dann muss lösungsorientiert nach Sicherheit gesucht werden. Man hält sich im schlingernden Chaos lieber an Bewährtes und das von Expert*innen Gesagte.

Manchmal wird Angst aber auch von einer Überraschung abgelöst. Und dann entsteht eine Frage:

Das Killer-Virus ist gefährlicher als die jährliche Grippe!

Expert*innen versichern, das SARS-CoV-2-Virus verursache viel mehr Todesfälle als die jährlichen Pandemien mit den Influenza-Viren. Dort liegt die Sterblichkeitsraten weit unter 1% der Infizierten. Betroffen sind überwiegend ältere Menschen, die viele Vorerkrankungen aufweisen.

Weil Covid-19 deutlich häufiger zu Todesfällen führe als Influenza, seien Quarantäne-Maßnahmen, Grundgesetz-Einschränkungen, Kindergarten-Schul-Schließungen nötig. Und man müsse auch die rasante Talfahrt in eine Rezession in Kauf nehmen.

Ist das so?

Für die Annahme der großen Gefährlichkeit von SARS-CoV-2 sprechen die Zahlenangaben der „renommierten John Hopkins-Universität“ (Zitat aus den täglichen Tagesschau-Nachrichten). Danach wird die Sterblichkeit bei Covid-19 Patient*innen in Deutschland auf 2,64% geschätzt (Stand 15.04.2020). Die WHO gibt die Sterblichkeitsrate der positiv getesteten Fälle weltweit sogar mit 3-4% an (WHO 06.03.2020) Sicher deutlich mehr, als bei Influenza-Viren zu erwarten wäre. Mitte März wurde sogar noch Schlimmeres befürchtet: „In neun Tagen sind wir Italien! (Ruhrbarone 12.03.20). Dort lag die Todesrate der Infizierten mit dem gleichen Virus bei 7.2%! (Jama 17.03.20).

Allerdings …

Zwei Wochen später errechnete das RKI die Sterberate in Deutschland nur auf 0,8%-1% (Ärzteblatt 31.03.20RKI 09.03.2020). Man glaube aber, die wirkliche Zahl sei höher, weil noch nachgemeldet werde. Allerdings war die Zahl der Atemwegserkrankungen in Deutschland bereits „abrupt“ zurückgegangen (RKI 03.04.20). In der europäischen Sterbestatistik war für Deutschland nichts Ungewöhnliches erkennbar. Und auch in Nachbarländern war der Trend der Sterblichkeit nicht höher als in anderen schweren Grippeepidemien und bereits wieder rückläufig (Euromomo, 14 KW). Anfang April schätzte eine Untersuchung der ersten epidemischen Verbreitung von SARS-CoV-2 in Gangelt (NRW) die Sterblichkeit der Personen, die Covid-19 positiv getestet worden waren, auf 0,37%, was bezogen auf die Sterblichkeit der Bevölkerung 0,06% ausmachen würde (Steeck 09.04.20).

„Das COVID-19-Todesfallrisiko bei Menschen älter als 65 Jahre (während des Zeitraums der der Epidemie) entsprach dem Todesfallrisiko beim Fahren zwischen neun Meilen pro Tag in Deutschland und 415 Meilen pro Tag in New York City … Todesfälle bei Menschen unter 65 Jahre, ohne zugrunde liegende krankheitsverschlimmernde Zustände sind bemerkenswert selten“ Epidemiologe John Ioannides 10.04.2020

Eigentlich kann das nicht sein …

Die Bilder in den Nachrichtensendungen von völlig überlasteten Leichenbestattern trügen doch nicht. Oder?

Eine Studie aus den USA bietet eine naheliegende Erklärung: Die Covid-19- bedingte Sterblichkeit liege nur bei 0,1%, und dennoch seien (schlecht vorbereitete) Krankenhäuser in bestimmten Regionen überlastetet. Besonders dann, wenn alle Infizierten, wie sonst über einen Saisonverteilt, plötzlich in einer Woche die Notaufnahmen überfüllen:

Economist-Artikel vom 11.04. (freie Übersetzung): Influenza ähnliche Erkrankungen (ILI) ohne Influenza-Viren sind in den USA stark angestiegen ist. Der Anstieg hat das gleiche geographische Muster wie bei den Covid-19-Fällen … Insgesamt übertraf die geschätzte ILI-Grippe ohne Influenza vom 8. bis 28. März eine historische Grundlinie um 23 Millionen Fälle – das ist das 200-fache der Anzahl positiver Covid-19-Tests in diesem Zeitraum. Dies könnte die Ausbreitung von Covid-19 überbewerten, da die ILI-Grippe auch durch andere Viren verursacht wird. Sie könnte auch zu niedrig sein, da Personen mit asymptomatischem oder mildem Covid-19 nicht über einen grippalen Infekt berichten würden. … Covid-19 braucht 20-25 Tage, um Opfer zu töten. Die Publikation rechnet damit, dass sieben Millionen Amerikaner vom 8. bis 14. März infiziert wurden. Offizielle Daten zeigen 7.000 Todesfälle drei Wochen später. Die daraus resultierende Sterblichkeitsrate liegt bei 0,1%, ähnlich wie bei einer Influenza-Grippe. Das ist erstaunlich niedrig, nur ein Zehntel von einigen anderen Schätzungen. Vielleicht ist es einfach falsch, möglicherweise weil die Zahl der Todesopfer zu niedrig angegeben wurde. Vielleicht sind die New Yorker Krankenhäuser aber auch deshalb überfüllt, weil das Virus so ansteckend ist, dass es den Gegenwert eines Jahres an Grippefällen auf eine Woche zusammengepresste.“ Publikation: Silverman J MedRxiv 2020 www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.01.20050542v1.full.pdf

Eine Arbeitsgruppe der Standfort Universität (USA) schätzt, dass

„… die Prävalenz (Häufigkeit) von SARS-CoV-2-Antikörpern in Santa Clara County, basierend auf Seroprävalenz-Proben einer großen regionalen Bevölkerung, Anfang April zwischen 2,49% und 4,16% lag. Auch wenn diese Prävalenz weit unter der theoretischen End-Größe der Epidemie liegen könnte, deutet dies darauf hin, dass die Zahl der Infektionen 50-85-mal größer ist als die Zahl der derzeit im Bezirk Santa Clara festgestellten Fälle.“ Bendavid 2020 COVID-19 Antibody Seroprevalence in Santa Clara County, California , www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.14.20062463v1)

Lieber kluge Fragen stellen, als schlauen Antworten glauben

Manchmal sind Antworten, wie hier hinsichtlich der Gefährlichkeit von SARS-CoV-2, nicht eindeutig. Das zwingt dazu, der einen oder der anderen Seite zu glauben, oder selber nachzudenken. Oft beginnt Selber-Denken mit Fragen. Bei mir z.B. mit diesen:

  • Gibt es in einigen Regionen andere Faktoren, die die Ausbreitung von SARS-Cov.2 begünstigten, und die den Verlauf verschlimmerten (Umwelt, Luft, Medizinqualität …)?
  • Was sagen Meldezahlen aus?
  • Ist die angekündigte Jahrhundert-Rezession in Europa eine Folge der Corona-Pandemie, wenn sie schon lange vor dem Shut-Down bekannt war (IMF 24.02.2020 und IMF 27.03.2020?
  • Waren die Quarantäne Maßnahmen wirksam gegenüber Ländern, die einen Shut-down vermieden haben?
Schweden: https://en.wikipedia.org/wiki/2020_coronavirus_pandemic_in_Sweden –
https://www.folkhalsomyndigheten.se/smittskydd-beredskap/utbrott/aktuella-utbrott/covid-19/bekraftade-fall-i-sverige/ –
https://www.krisinformation.se/en/hazards-and-risks/disasters-and-incidents/2020/official-information-on-the-new-coronavirus/aktuellt-om-covid-19 –
Island: https://de.wikipedia.org/wiki/COV
ID-19-Pandemie_in_Island –
Niederlande: https://de.m.wikipedia.org/wiki/COVID-19
-Pandemie_im_K%C3%B6nigreich_der_Niederlande

Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen muss man sie beseitigen.
If the facts do not conform, to the theory, they must be diposed of.
Murphys Law

Inproportion 18.04.2020

Eigene Fragen?

Mehr

Die Krise ist komplex

Jaeger 7. April 2020 BlogEdit

Menschen können (wie viele andere Tiere auch) Situationen aus zwei verschiedenen Perspektiven beobachten:

  1. Einzelfaktor fokusiert oder
  2. den dynamisch veränderlichen Zusammenhang betrachtend.

Video: https://iainmcgilchrist.com/videos

Beide Arten des Denkens sollten sich idealerweise ergänzen und abwechseln.

Gefahrensituation verändern sich sehr schnell, chaotisch und eigendynamisch. Sie erfordern Weitblick: die Wahrnehmung von Beziehungen und Wechselwirkungen. Die tunnelblickartige Konzentration auf Einzelfaktoren und mikroskopisch-kleine Details, ist dann weniger nützlich. 

In hochriskanten, bisher noch nie dagewesenen Situationen steht man vor „unbekanntem Nichtwissen“.

Complex problems have simple, easy to understand
wrong answers. Murphy’s Law

Also sollte, wer in ein komplexes Systeme intervenieren will, vorher

  • genau prüfen, was geschehen soll (d.h. man sollte wenigstens eine ausreichende Datenbasis und durch Erfahrung erworbene Kenntnisse besitzen, bevor man massiv eingreift),
  • sich an das Vorsorgeprinzip (s.u.) halten,
  • das Vorsorgeprinzip nicht umkehren (s.u.),
  • wenn nötig, vorsichtig und kontrolliert intervenieren,
  • unbedingt klären, wer haften wird, wenn es schief geht. Und niemals Menschen entscheiden lassen, die hinterher weder haften wollen noch zur Verantwortung gezogen werden können,
  • ruhig, gelassen, klug, rational) vorgehen, so dass man sich jederzeit von einer Aktion kontrolliert zuückziehen kann.
Meist wissen wir nicht was wir nicht wissen
https://fooledbyrandomness.com/pp2.pdf

Umsichtiges, vorsorgendes Vorgehen sollte eigentlich der Standard sein, wenn bei Menschen interveniert werden muss: durch Operationen, geburtshilfliche Eingriffe, Krebsbehandlung uva.

Bei gesellschafts-weiten Gefahrensituationen, wie bei der Covid-19-Krise 2020, müsste eigentlich ähnliches gelten: Je nach dem, ob man die mikrobiellen, individuellen, sozial-lokalen, ökonomischen oder globalen Systeme betrachtet.

Schaut man auf „Das Virus“, ergeben sich mono-kausale diagnostische, therapeutische, präventive, ordnungspolitische Konsequenzen. Deren Erfolg wird dann gemessen nur an den Auswirkungen auf diesen einen Faktor gemessen werden („Verdopplungsrate der Test-positiven“). D.h. man interessiert sich nicht für Wirkungen, die außerhalb des „viralen“ Fokus liegen.

Betrachtet man dagegen die veränderliche Gesundheit (einer Person, Gesellschaft, Menschheit), dann ist „das Virus“ nur ein Faktor von vielen, der mit anderen (ungünstig) wechselwirkt.

Das Virus als Indikator für Widerstandsfähigkeit (Resilienz):

Manche Menschen bleiben gesund und andere brechen unter (zu) vielen Belastungen zusammen. Andere beteilgte Faktoren könnne dabei sein

  • Umweltbelastungen (bei SARS-CoV-2: Feinstaub und Asbest wie in der Lombardei, vielleicht aber auch Metalle, Pestizide u.ä.?),
  • chronische Erkrankungen, die das Immunsystem beeinträchtigen,
  • psychisch-psychiatrische Aspekte (bei SARS-CoV-2 Angst / Stress / Panik / Depression),
  • Medikamentenwechselwirkungen,
  • Mischinfektionen (mit anderen Grippe-Viren oder mit opportunistischen Bakterien),
  • Rauchen,
  • im medizinischen Einrichtungen erworbene (nosokomiale) Infektionen,
  • gefährliche (unsachgemäß ausgeführte, ungünstige) Therapien
  • uva. …

Alles Faktoren die zu mehr Anfälligkeit und Instabilität führen (Fragilität).

Resilienz in gesellschaftlich-ökonomischer Systeme

Wenn ein Virus das globale Wirtschafts-System umpusten kann, war dieses vermutlich vorher schon krank.

Betrachtung des Zusammenhangs

Schaut man auf die vielen durch die Virus-Bedrohung und durch die Bedrohungsabwehr ausgelösten Wechselwirkungen, sieht man was sich in allen relevanten Bereichen verändert. Man ist also nicht also nicht nur Zahlenkolonnen, wie „Test-positive/Tote“ fixiert, sondern betrachtete Hinweise für die Veränderung von Gesundheit (Krankheitsmeldungen, Sterblichkeitszahlen), insbesondere bei Alten, den psychiatrisch Kranken, den Krebspatienten, und vor allem auch die Entwicklungsverzögerungen bei den Kindern.

Der Aspekt „Kampf“ oder noch schlimmer „Krieg“ gegen einen Faktor wird in der Corona-Krise 2020 überbetont, und von politisch-blindem Aktionismus begleitet.

Vernachlässigt wird es, ökonomische-soziale-physiologische Zusammenhänge und deren Dynamik zu verstehen. Und erst dann ruhig und besonnen zu handeln, wenn man verstanden hat, was man tut.

Mehr

Zurück zum Bundes-Seuchen Gesetz?

26.03.2020

Unbegrenzte Erächtigung?
Das neue Infektionsschutzgesetz stellt die Gesetzesbindung
von Regierung und Verwalung
weitgehend zur Disposition. FAZ 26.03.2020

Die aktuelle Corona-Krise liefert den Anlass für eine einschneidende Veränderung des Infektions-Schutzgesetzes. Ich war am Prozess der Novellierung des Bundesseuchengesetzes aktiv. Und fürchte einen deutlichen Rückschritt zu längst überwunden geglaubten Fehlern der Seuchenkontrolle.

Bekämpfung der Infektionserreger noch ohne Gesetz

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Bakterien entdeckt. Man hielt sie zunächst für harmlose Bestandteile des Lebens. Bei Krankheiten, die sich epidemisch verbreiteten, wie die Cholera, war der bakterielle Ursprung lange umstritten. Sozial-Hygieniker glaubten diese Seuchen durch gesundheitsförderliche gesellschaftliche Entwicklungen beherrschen zu können:

  • Für saubere Wohnverhältnisse und ausreichende Ernährung sorgen,
  • Böden rein halten, und
  • Trink- und Abwasser trennen.

Gegen Ende des 19. Jahrhundert setzte sich im Rahmen der Kolonialpolitik der Gedanke der Kriegsmedizin durch: Einen feindlichen Erreger erkennen, nachweisen, ihn isolieren, abwehren, bekämpfen und vernichten.

„Kochs Triumph war danach nicht allein seiner wissenschaftlichen Überlegenheit zuzuschreiben, sondern der Übereinstimmung seines Konzepts mit den politischen Vorgaben der Reichsgründung.“ Hansen: Geschichte der DTG

Das Reichs-Seuchengesetz

Der gesetzliche Rahmen für die kriegerische Sicht der Seuchenbekämpfung wurde am 30. Juni 1900 mit dem „Gesetz zum Schutz vor Epidemien“ erlassen.

Die Bestimmungen diese Reichsseuchengesetzes 1900 regelten den Umgang mit Erkrankungen tropischer Regionen: Lepra, Cholera, Fleckfieber, Gelbfieber, Pest und Pocken. Im Vordergrund der Maßnahmen standen: Meldung, Kontrolle und konsequentes Intervenieren.

Das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten

Nach dem zweiten Weltkrieg folgte in der BRD dem Reichsseuchengesetz zunächst das

Der Leitgedanke dieses Gesetzes war die Kontrolle von Prostituierten und Personen mit ungewünschtem („gesundheitsgefährlichem“) Sexualverhalten. Im Vordergrund der Regelungen standen Pflicht-Untersuchungen, Identifizierung von Infizierten, Erreger-Nachweis, Zwangsmaßnahmen zur Isolierung zu verpflichtender Behandlung.

Das Bundesseuchengesetz

1961 wurde das Reichsseuchengesetz abgelöst durch das

Auch hier wurde die Infektions-Kontrolle betont. Förderung individueller Vorbeugung oder gesellschaftlicher Veränderungen zur Verbesserung des Infektionsschutzes wurden nicht berücksichtigt.

Beide Gesetze waren Ende der 1989-iger Jahre nicht mehr zeitgemäß:

  • Die Weltgesundheitsorganisation forderte 1986 Maßnahmen der „Verhaltens-“ und der „Verhältnis“-Prävention (Ottawa-Charta), und
  • im Rahmen der HIV/AIDS-Epidemie entstand eine sehr aktive Präventions-Bewegung, die sich gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung von Infizierten zur Wahr setzte, und das klassische Zwangs-Instrumentarium der Infektionskontrolle leidenschaftlich und erfolgreich ablehnte. (Deutsche AIDS-Hilfe)

Der lange Weg zum Infektionsschutzgesetz

1992 wurden schließlich Arbeitsgruppen des Bundes- und der Ländergesundheitsministerien eingerichtet, die Vorschläge für eine Novellierung des BSeuchG und des GeschlechstskrG. Die AG 5 (GeschlechtskrG) wurde von mir geleitet.

Es bestand in diesen Arbeitsgruppen rasch Einigkeit, dass der Gedanke der klassischen Seuchenbekämpfung weniger stark betont werden, und dafür Präventionsmaßnahmen einen wesentlich höheren Stellenwert erhalten sollten. Das GeschlechtskrG sollte abgeschafft und in eine neues, modernes auf Vorbeugung orientiertes „Bundes-Infektionsschutzgesetz“ integriert werden.

Die sehr weitgehenden Vorschläge dieser Arbeitsgruppen hinsichtlich der Verhaltens- und (sehr zaghaft) auch zu Verhältnis-Prävention, und auch zu subsidiärer Gesundheitsvorsorge als staatliche Aufgabe, konnten sich nur in beschränktem Maß durchsetzen.

Das heute gültige Infektionsschutzgesetz wurde am 10.01.2001 verabschiedet

Droht jetzt ein Gesundheits-Kontrollgesetz?

Anlässlich der Corona-Krise plant das BMG jetzt eine radikale Novellierung, die u.a. eine Ausweitung von Kontrollmaßnahmen erleichtern, Persönlichkeitsrechte beschränken und die Bestimmungen zur Zulassung pharmazeutischer Produkte erleichtern soll:

Der Prozess zur Novellierung des BSeuchG zum IfSG zog sich über zehn Jahre hin. Jetzt sollen ähnlich weitgehende Veränderungen innerhalb weniger Wochen als Notverordnungen verabschiedet werden?

Ohne grundsätzliche gesellschaftliche Diskussion? Warum gerade jetzt? Weil alle, wie gelähmt, auf die täglichen Todes-Meldungen starren?

Historischer Pandemie-Krimi

25.03.2020

Die Geschichte der Schweinegrippe Epidemie 1976 bleibt zeitlos aktuell. Sie schildert die Einstellung von Menschen, die, unter enormem Handlungsdruck, in gutem Glauben in hochkomplexe Systeme intervenierten. Und damit Verschlimmbesserungen auslösten.

The Swine Flu Affair
Decision-Making on a Slippery Disease
(Entscheidungsfindung bei einer schlüpfrigen Krankheit)

Rezension Jacoby MG:
BMJ 2005;331:1276 https://www.bmj.com/content/331/7527/1276.1
Freie Übersetzung aus dem Englischen

„Im Januar 1976 kam es auf dem Militärstützpunkt Fort Dix in New Jersey zu einem Ausbruch von Erkrankungen der oberen Atemwege. Der leitende Epidemiologe des Bundesstaates wettete mit dem zuständigen Sanitätsoffizier in Fort Dix, dass man sich mitten in einer gewöhnlichen Grippeepidemie befinde. Zur Abrechnung der Wette schickte der medizinische Offizier Kulturen an das staatliche Labor. Er verlor. Die Kulturen zeigten ein nicht identifiziertes Grippevirus, das an die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta geschickt wurde und sich als Schweinegrippe herausstellte.

Richard E Neustadt, Harvey V Fineberg, The Swine Flu Affaire, University Press of the Pacific, ISBN 1 4102 2202 0

Damals glaubte man, dass jede Antigenverschiebung, wie es hier der Fall war, der mögliche Vorläufer einer Pandemie sei. Der damalige Direktor der CDC, David Sencer, bereitete ein Memorandum für David Mathews, den damaligen Sekretär für Gesundheit, Bildung und Wohlfahrt, vor. Das Memorandum bot vier Optionen, die in der Regierung üblich sind: drei, die vom Leser abgelehnt werden sollten, und eine vierte, die vom Verfasser gewünscht wurde.

  • Die erste war „nichts tun“,
  • die zweite „minimale Reaktion“,
  • die dritte ein „Regierungsprogramm“
  • und die vierte ein „kombinierter Ansatz“, der dem privaten Sektor eine Rolle zuwies.

Dieses Aktionsmemorandum war absichtlich so konzipiert, dass eine positive Reaktion einer bedrängten Regierung erzwungen werden sollte, die es sich nicht leisten konnte, es abzulehnen, um es dann durchsickern zu lassen. Das Memorandum wurde bei einem Treffen mit Mathews am 15. März vorgestellt, bei dem Sencer Mathews stark unter Druck setzte. Mathews war der Ansicht, dass es politisch unmöglich sei, Nein zu sagen, selbst wenn das Risiko weit entfernt zu sein schien. Obwohl die Risiken gering waren, drängte Sencer auf die starke Möglichkeit einer Pandemie, die antigenetisch mit der Grippe von 1918 zusammenhing. Es musste innerhalb von zwei Wochen eine Entscheidung getroffen werden, um Zeit für die Vorbereitung, Prüfung und Verabreichung des Impfstoffs vor der nächsten Grippesaison zu geben.

Theodore Cooper, stellvertretender Sekretär für Gesundheit, Bildung und Wohlfahrt, war beeindruckt und machte sich die Sache von Sencer zu eigen.

Am 22. März fand ein Treffen mit Präsident Ford statt, an dem Mathews und Cooper und andere Mitglieder der Verwaltung teilnahmen. Vor sechs Dingen wurde der Präsident nicht gewarnt:

  • Probleme mit schwerwiegenden Nebenwirkungen,
  • mit der Dosierung von Kindern,
  • mit der Haftpflichtversicherung,
  • mit der Expertenmeinung,
  • mit der Öffentlichkeitsarbeit des öffentlichen Gesundheitsdienstes
  • und mit seiner eigenen Glaubwürdigkeit.

Am 24. März um 15.30 Uhr fand im Kabinettsraum eine weitere Sitzung mit externen Wissenschaftlern statt, darunter die eingefleischten Gegner Jonas Salk und Albert Sabin. Kurzfristig ins Weiße Haus einberufen und eingeschüchtert, vertraten die meisten Anwesenden die Auffassung, dass es „programmiert“ und „inszeniert“ sei und dass die Entscheidungen getroffen worden seien. Sie waren der Meinung, dass „wir benutzt wurden“. Durch Handzeichen wurde das Programm einstimmig angenommen. Ford bat um eine Ablehnung, aber es gab keine. Der Präsident sagte daraufhin, er werde die Sitzung unterbrechen und sich ins Oval Office begeben, wo jeder, der Zweifel hat, mit ihm unter vier Augen sprechen könne. Niemand tat dies. Der Präsident ging zurück in den Kabinettsraum, nahm Salk als auch Sabin mit und ging in den Presseraum, wo er das 135 Millionen Dollar teure Programm zur Impfung gegen die Schweinegrippe ankündigte, mit dem jeder Mann, jede Frau und jedes Kind im Land geimpft werden soll.

Der Impfstoff wurde als sicher und wirksam angesehen.

Der Rest der Geschichte ist bekannt:

  • die Probleme bei der Herstellung des Impfstoffes,
  • die Weigerung der Versicherungsgesellschaften, Haftpflichtversicherungen auszustellen,
  • die nur mäßige Reaktion der Öffentlichkeit auf das Impfprogramm,
  • das Auftreten des Guillain-Barré-Syndroms und, was am auffälligsten war, das Nicht-Erscheinen eines Ausbruchs der Schweinegrippe.

Die ganze Affäre, die in diesem Buch so gut beschrieben wird, ist ein gutes Beispiel für die Fehlbarkeit der Expertenmeinung und die Fehlbarkeit der Regierung.

Dei Analyse „Schweinegrippe-Affäre“ wurde von Mitgliedern der Harvard School of Government and Public Health im Auftrag des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialministeriums in Auftrag gegeben und 1978 erstmals veröffentlicht.

Sie ist unterhaltsam geschrieben und spannend wie jeder gute Detektiv- oder Science-Fiction-Roman.

Sie sollte für Ärzte und Politiker Pflichtlektüre sein, da die US-Regierung heute vor den gleichen Problemen steht wie vor fast 30 Jahren.“ (Jacoby 2015)

Zitate aus The Swine Flu Affaire
Richard E Neustadt, Harvey V Fineberg,
freie Übersetzung aus dem Englischen

  • „… Wenn die Erfahrung mit der Schweinegrippe uns etwas lehren kann, dann ist es wichtig, dass wir sie lernen. Wenn es Fehler oder Fehltritte gegeben hatte – wie auch immer gut gemeint – wäre es wichtig, sie zu lernen, damit wir sie nicht wiederholen, weder in der Impfpolitik noch in anderen, ähnlichen Entscheidungs-Zusammenhängen.“
  • „… Wenn Entscheidungen auf der Grundlage sehr begrenzter wissenschaftlicher Daten getroffen werden müssen, sollte die Bundes-Gesundheitsbehörde Schlüsselpunkte festlegen, an denen das Programm formell neu bewertet werden sollte.“
  • „… Es war keine leichte Entscheidung, angesichts all der (unbekannten) Unbekannten. Sie erschien uns als eine vernünftige Entscheidung, bei der alle Risiken sorgfältig abgewogen wurden. Was uns aber fast ebenso eindringlich auffiel, war die weit offene Art und Weise, wie sie getroffen wurde – der „Sonnenschein-Ansatz“, wenn man so will.“
  • „… Das, was bei der Planung des Schweinegrippe-Programms nötig gewesen wäre, war ein Tag am Tisch, um mit Murphy’s Law ein Brainstorming zu veranstalten: „Wenn etwas schief gehen kann, dann wird es das auch“, um alle denkbaren Entwicklungsmöglichkeiten, die man sich vorstellen kann, zu diskutieren. Das hätte es getan. Es hätte sicherlich eine Menge der Dinge aufgefangen, die schief gelaufen sind – schließlich war es gar nicht so schwer, an sie zu denken.“

Download (2MB)

Weitere Buchempfehlungen

Kluge, zeitlos aktuelle Bücher, die grundsätzliche Aspekte von Epidemie-Bekämpfungen beleuchten.

Medikamentöses Massenprogramm

Die „Lomidine Files“ schildern das Fiasko einer brachialen Intervention zur Schlafkrankheits-Ausrottung in Westafrika. Ohne nachweisbaren Nutzen und mit langfristigen Folgen.

Le médicament qui devait sauver l’AfriqueParis 2014. Englisch: JHU Press 2017

Links

Die Logik des Mißlingens

Immer wieder geschehen die gleichen Fehler. Menschen intervenieren in Systeme, die sie nicht verstehen. Sie halten komplexe Zusammenhänge für einfach oder höchstens für kompliziert. Und dann intervenieren sie zielgenau und sind oft sogar kurzfristig erfolgreich. Dann aber erleben sie ungeahnte Überraschungen, weil sie zuvor nicht wussten, was sie nicht wussten. Und so erzeugen sie immer wieder (manchmal heftige) Verschlimmbesserungen.

Dietrich Dörner: Die Logik des Mißlingens, rororo 2003, Interview

Die Geschichte des Öffentlichen Gesundheitswesens

Das Öffentliche Gesundheitswesen geht auf die großen Sozial-Hygieniker Virchow und Pettenkofer zurück, die im 19. Jahrhundert u.a. die Wasserversorgung Berlins und Münchens erfolgreich sanierten. Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich dann die kriegerische Auffassung der Medizin durch, dass man äußere Feinde isolieren, abwehren, bekämpfen und vernichten müsste.

Ich kenne kein Buch, das diese Ursprungsgeschichte der „Interventionen in das Leben anderer“ so gut recherchiert hätte.

Randall M. Packard: A History of Global Health – Interventions into the lives of other people. JHU Press 2016. ISBN 987654321

Die eigene Haut riskieren

Viele Katastrophen geschehen, weil Menschen komplexe Zusammenhänge nicht verstehen oder deren Eigendynamik unterschätzen. Wenn man „nach hinten schaut (in die Vergangenheit, in der alles gut war)“ und dabei „nach vorne (in die Zukunft)“ rudert, kann man plötzlich (völlig überraschend) an einen Fels krachen und untergehen. Geschehen solche Ereignisse immer nur aus Unkenntnis oder Dummheit? Nicht unbedingt, denn die Mächtigen, die die Entscheidungen treffen, riskieren meist nicht ihre eigene Haut. D.h. sie sind nicht verantwortlich, wenn es schief geht und haben zuvor dafür gesorgt, dass sie nicht haften werden.

„One should never do anything without skin in the game. If you give advice, you need to be exposed to losses from it.“ (Man sollte nie etwas tun, ohne die eigene Haut risikieren zu müssen. Wenn man Ratschläge gibt, muss man sich den Verlusten aussetzen, die sich daraus ergeben“. Taleb 2018

Nassim N Taleb: Skin in the Game: Hidden Asymmetries in Daily Life, New York 2018 Interview, Web-Site: https://www.fooledbyrandomness.com/

Die Supermacht des Lebens

Die meisten der Viren sind für uns harmlos, nützlich oder unentbehrlich. Die Erfolgsgeschichte der Viren begann vor 3,5 Milliarden Jahren. Sie sind der Motor der Evolution. Ohne sie gäbe es uns nicht. Es sind meist nicht die Viren, die uns krankmachen, sondern der ineffiziente Umgang mit ihnen, durch ein gestörtes Immunsystem.

„Viren sind Nutznießer ungewöhnlicher Situationen – dann entstehen Krnakheiten. Nur diese Formulierung lasse ich gelten – Kriegsvokabular nicht.“ Mölling 2015

Karin Mölling: Die Supermacht der Viren. CH BEck 2015, ISBN 973406669699, Web-Site: moelling.ch ; Interview 14.03.2020

Mehr:

Pandemische Panik

20.03.2020

Virus-Pandemie und Pandemische Panik

„Infodemic .. the spread of false or baseless pieces of information. .. misinformation can be more viral than the virus ..“ VeraFiles 28.01.2020

Pandemic Panic („Berge aus Maulwurfshügeln“): David McCandless (TED 2010). Graphik: informationisbeautiful.net Bildauschnitt vom 05.02.2020 (Corona-Virus-Hype fehlt noch)

Womöglich nur eine vorübergehende Hysterieepidemie. Vielleicht ja nur eine kurzlebige Aufwallung spätmoderner Katastrophenlust, die sich nach heftiger medialer Erregung, demonstrativer politischer Umtriebigkeit und kurzfristiger Realisierung pharmaindustrieller Extraprofite auch wieder verläuft – wie schon bei Vogel-, Schweine- und anderen Grippen. Vielleicht … Womöglich (aber) ist das „Unheimliche“ auch das eigentlich Ansteckende am Coronavirus: Vielleicht sind wir ja schon infiziert von der Ahnung, dass die guten Zeiten vorbei sind, und es uns an den Kragen geht. In der Tat, da kann einem der Atem stocken. St. Lessenich, SZ 07.03.2020

Info-demie

Eine Infektion mit Sars-VoV-2 verläuft bei den meisten Erkrankten ohne schwere Krankheitserscheoinungen, und sie heilt folgenlos ab. So wie jedes Jahr die „Grippe“. Trotzdem löste die Covid-19-Erkrankung eine Panik-Welle aus. Mit immensen sozialen und ökonomischen Folgen.

Und ernsten psychologischen Auswirkungen (u..a durch Isolationsmaßnahmen, drohende Arbeitslosigkeit oder Existenz-Krisen) (Brooks 2020)

Da das Virus auch unbemerkt weitergegeben werden kann, werden immer intensivere Isolationsmaßnahmen seine Ausbreitung nicht verhindern können. Aber mit Zunahme Personen, die ernster oder lebensbedrohlich an von Covid-19 erkrankt sind könnte die Funktionsfähigkeit des Medizin-Systems gefährdet werden. Das Virus wäre dann für Patient*innen weniger bedrohlich, als ein durch den Umgang mit der Epidemie ausgelöster Versorgungsmangel.

Bild: Versuch nicht zu atmen. Artikel im Guardian Weekly, 19.04.2019. Aktualisiert: The Guardian (Air Pollution 2020). Neun von zehn Menschen auf der Erde atmen (laut WHO) Luft mit zu hohen Schadstoffmengen. Luftverschmutzung soll eine höhere Sterblichkeit verursachen als Rauchen, AIDS, Diabetes und Verkehrsunfälle zusammengenommen. In China sind von der Smog-Endemie insbesondere Kinder betroffen: CCCEH.

Die Chronik der pandemischen Panik 2020

Ende Dezember 2020 glaubte ein Arzt in Wuhan Hinweise für einen SARS-ähnlichen Ausbruch gesehen zu haben. Man verwarnte ihn, versuchte die Fälle zu vertuschen, und verlor so wertvolle Zeit.

SARS (Schweres Akutes Atemnot Syndrom) war 2002 ebenfalls durch ein Corona-Virus ausgelöst worden. Die Sterblichkeitsrate betrug damals etwa 10%. Die Epidemie konnte aber rasch unter Kontrolle gebracht werden, weil das Virus fast nur von schwer-erkrankten Personen weitergetragen wurde. Isolationsmaßnahmen erwiesen sich damals als hoch-effektiv.

Hätte es sich also am 01.01.2020 um einen SARS-ähnlichen Ausbruch gehandelt, hätte man sofort und konsequent betroffene Patienten isolieren müssen. Die Epidemie wäre dann rasch unter Kontrolle gewesen.

Etwa so ähnlich wie bei dem Corona-Virus-Ausbruch (MERS) in Saudi-Arabien, der seit 2012 relativ begrenzt blieb. Die Sterblichkeitsrate bei Mers liegt mit etwa 3%. Die meisten Personen infizieren sich im Kontakt mit Erkrankten. Eine gute medizinische Versorgung konnte und kann daher die Verbreitung dieses Virus eindämmen, wenn auch nicht ganz beseitigen.

Die internationale Medien nahm das Thema („Neues Coronavirus = SARS“) gerne auf. Schreckens-Geschichten verkaufen sich gut, und die Schadenfreude über ein mögliches Einknicken der chinesischen Wirtschaft war, besonders in den USA unüberhörbar. Außerdem schienen die anfänglichen Fehler der Lokalpolitik die Unfähigkeit der chinesischen Bürokratie zu belegten.

Sars-CoV-2 verhielt sich aber unerwartet anders als SARS.

Die Sterblichkeitsrate liegt bei Covid-19 unter 1% bei nachweislich infizierten Personen. Das Virus kann auch von gesunden (unentdeckten) Personen weitergegeben werden, die keinerlei Grippe-Symptome zeigen. Isolationsmaßnahmen, Desinfektions-Orgien und die Meidung öffentlicher Kontakte hatten nur eine begrenzte Wirksamkeit: Das Virus breitet sich pandemisch aus.

Chinas Regierung handelte Anfang Januar sehr rasch, medial und politisch hocheffizient. Das Virus wurde zum Staatsfeind erklärt. D.h. man überhöhte seine Bedeutung weiterhin als „SARS-ähnlich“, und sagte ihm den massiven Kampf an. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Unmassen von Desinfektionsmitteln versprüht und ein lückenloses System der Überwachung installiert. Das Corona-Virus war plötzlich zu einem willkommenen Anlass geworden, mit der die neo-konfuzianische Staats-Elite ihre, bisher schon massive, Kontrolle über jeden einzelnen Bürger intensiv ausweiten konnte. Ohne auf Widerstand zu stoßen. Nebenbei beruhigte sich so auch die Lage in Hongkong. Und kaum jemand interessierte sich noch für die reale Gefahr der Belastungen mit Feinstaub in chinesischen Megastädten. Obwohl sie zu Atemwegserkrankungen führen, die natürlich auch bei Infektionen der Luftwege und bei der Verbreitung von „Grippe“-Viren eine wesentliche Rolle spielen.

Die Konzentration auf einen äußeren, schicksalhaft aufgetretenen Feind erleichterte es, „heldenhaft-konsequentes Handeln“ propagandistisch auszuschlachten. So ist man heute auch sicher, dass der sich verkündete militärische Sieg ind China durch sinkende Fallzahlen belegt sei.

In anderen Weltregionen (mit weniger gleichgeschalteten Gesellschaften) ist diese vorexerzierten Art eines massiven Krieges gegen einen Infektionserreger (noch) nicht möglich. Aber China soll bereits bereits Entwicklungshelfer*innen nach Italien schicken.

Aus politischen Gründen war die Überhöhung der Gefährdungslage der Epidemie in China rational nachvollziehbar. Denn die Digitalisierung der Überwachung konnte so um ein Vielfaches verbessert werden. Die Pandemie bot eine willkommene Chance die Lückenlose Kontrolle der Bevölkerung weiter zu perfektionieren („Big Brother is watching you!“).

Die Folge war allerdings die Auslösung einer weltweiten Panik-Welle, erkennbar am Ausverkauf von Gesichtsmasken, die eine verängstigte Psyche besänftigen, aber die Virusverbreitung natürlich nicht verlangsamen können.

Gepostete Bilder aus sozialen Netzwerken Mitte März 2020

 „… there does not seem to be anything special
 about this particular epidemic of influenza-like illness.
 … we should wash our hands all the year round, not just now.
(Jefferson 2020)

Großanzeige der BZgA in der SZ vom 07.3.2020:
Was an dieser Information bezieht sich genau (und nur) auf Corona-Viren? Gilt das Gesagte nicht für alle Grippe-Erreger? Ist Händewaschen nicht zeitlos sinnvoll, und gerade dann, wenn (wie jedes Jahr) ein Grippe-Virus umgeht?

Normale Grippe ohne Influenza?

WHO, Gesundheitsbehörden und die von ihnen informierten Behörden versäumten es, rechtzeitig das Gefährdungs-Szenario als das zu bezeichnen, was es ist. Eine jährliche Grippe-Welle (wenn auch mit einem ungewöhnlichen Erreger), angesichts der man das tun sollte, was immer Sinn macht:

Gesundheitsförderliches Verhalten ist unspektakulär aber wirksam. Daher müsste es eigentlich Jahr für Jahr für alle Wintermonate empfohlen werden (und nicht nur die „Grippe-Impfung“). Das aber wurde fast 10 Jahre lang versäumt, weil es ausschließlcih darum, die „Grippe“-Impfung (die nur gegen Influenza wirkt) als wirksamsten Schutz zu vermarkten.

Rational abwägende Wissenschaftler*innen haben es in panischen Zeiten schwer (siehe Kommentare). Denn, wer verängstigt ist, kauft und hortet Toilettenpapier, aber kann nicht nüchterne Information verarbeiten. Dafür sehnt er sich nach der Vermarktung von Produkten, die ihm seine Angst wieder nehmenkönnen.

Dem Tsunamie der Angst, der z.Z. durch alle Medien schwappt, wird (wie so oft) – früher oder später – ein zweiter Tsunami der Vermarktung von Dienstleistungen und Produkten folgen. Milde Erkrankungsverläufe bei Covid-19 erfordern zwar keine gezielte Therapie, und bei schweren Krankheits-Verläufen sind intensiv-medizinische Behandlung erforderlich, die Vitalfunktionen der Patient*innen stabil halten (d.h. nicht spezifisch „gegen das Virus“ wirkende Produkte.

Es werden experimentelle Anti-virale Meidkamente eingesetzt. Und es wird intensiv an der Herstellung von Impfstoffen geforscht. Und man wirbt bereits dafür, dass man angesichts der Katastrophe die Sicherheitsstandards der Zulassung senken müsse.

Überstürzte Produktvermarktungen, wie bei der Influenza-Pandemie 2009, nicht mehr schaden als nutzen könnten (BMJ-Tamiflu-Campaign, Doshi 2018, Ahmed 2017)

Die Erfahrung mit der vergleichbaren Influenza-Impfung zeigt zudem, dass sie nur einen „mäßigen“ Schutz gegen die Viren bot, vor denen sie bewahren sollte (Cochrane 2018). Und selbst, wenn eine tatsächlich effektivere Impfung gegen das jetzt umlaufende Sars-CoV-2 schützen würde, könnte es nicht Epidemien mit neuen (bisher unbekannten) „Grippe“-Viren verhindern, die uns ab 2021 bevorstehen werden (seien es Corona-, Influenza- oder andere Viren).

Kommentare & persönliche Einschätzungen

„If we decide to jump off the cliff,
we need some data to inform us about the rationale
of such an action and the chances
of landing somewhere safe.“ Ioannides 2020

Gastbeitrag: “ Medienhype“

Der folgende Beitrag wurde zwölf Monate vor der Corona-Epidemie geschrieben. Er bezog sich auf eine ander Welle medizinischen Marketings. Der Autor war ein hervorragender Journalist und ein guter Freund. Ich vermisse ihn sehr. Gerade jetzt hätte ich seinen Rat gebraucht um die Info-demie besser zu verstehen.

Jan Bollwerk (*1953-+2020), Artikel: 20.02.2019

Wir alle wissen, dass die Emotionen an allen Entscheidungen nicht nur beteiligt sind, sondern eine zentrale Rolle spielen. Daher ist es das Bestreben in jedem Verkaufsprozess, die Emotionen so zu beeinflussen, dass der Mensch ihnen glaubt. Und, so funktioniert der Mechanismus, dass die Emotion dem Verstand signalisiert: Dieses Produkt ist gut – diese Information ist wahr. Der Verstand meldet dies wiederum der Emotion zurück – und in diesem Hin und Her entsteht die Entscheidung, die positiv fürs Produkt ausfällt.

Glauben. Alle diese Prozesse wurden und werden immer wieder haarklein untersucht und beschrieben. Auftraggeber sind dafür u.a. große Public Relations (PR)- und Werbeagenturen und Unternehmensberatungen. Sie machen Milliardenumsätze.

Die Big Player unter ihnen agieren weltweit. Viele auch „nur“ in Deutschland bzw. Europa. Sie werden von Unternehmen beauftragt, ihnen werden von Seiten der Wirtschaft Milliardenetats zur Verfügung gestellt, um definierte Inhalte zu kommunizieren. Definierte Inhalte: Es geht nicht um Wahrheit, sondern um wirtschaftliche Ziele bzw. Produkte, mit denen Ziele erreicht werden. Ziele können sein: die Marktführerschaft in einem Bereich, die Übernahme von Konkurrenten, Umsatzsteigerungen, eigene Bereinigungen. Häufig sind Ziele auch politisch motiviert, häufig hängt beides zusammen. Die Kommunikation erfolgt auf verschiedenen Kanälen.

Da werden tausende Artikel ins Internet geschleust: auf eigenen Websites, in Blogs, auf Landingpages, in sozialen Netzwerken. Geschleust bedeutet: Inhalte/zu transportierende Fakten, Tonalitäten, „unterliegende“ Botschaften werden von Unternehmen bzw. den beratenden Kommunikationsagenturen vorgegeben; viele voneinander unabhängige, bezahlte Schreiber formulieren aus diesen grundsätzlichen Vorgaben große Mengen an kurzen und langen Nachrichten, Features, Berichten, großen und kleinen Stories, People-Geschichten.

In der Suchmaschinen-Optimierung werden die Begriffe, auf die es bei dem Suchen und Finden im Web ankommt, untereinander vernetzt. Immer wieder wird eine aufwendige Keyword-Optimierung gefahren: Es wird geprüft, welche Begriffe gesucht werden, daraufhin werden die Berichte und Meldungen und Stories mit diesen Begriffen versehen, überarbeitet und ins Web geschleust. Auf diese Weise tauchen die gesuchten Begriffe in und mit den gewünschten und vorgegebenen Inhalten auf. Daher erscheinen scheinbar überall und dadurch offenkundig glaubwürdig die gleichen Antworten auf dieselben Fragen. Scheinbare Wahrheiten zementieren sich auf diese Weise in den Köpfen und – vor allem – Emotionen der Menschen.

Zusätzlich werden Anzeigen mit den korrespondierenden Inhalten und Aussagen und selbstverständlich auch herkömmliche Werbung geschaltet: in Zeitungen/Zeitschriften, im Web auf Seiten, wo die Zielgruppe unterwegs ist, auf Bahnhöfen, Plakatwänden, etc. Dann laufen im Rundfunk und im TV entsprechende Features und auch Anzeigen.

Dies ist im Prinzip die gleiche Geschichte wie die fürs Web. Die „Vervielfältiger“ (Journalisten, Fachjournalisten, PR-Profis) können recherchieren wie sie wollen – wo sollen sie objektive Informationen bekommen? Wie sollen sie dabei in der Lage sein, die tatsächlichen Fakten gegeneinander abzuwägen?

Wichtig ist weiterhin:

Jedes Medium – insbesondere Redaktionen – sind sog. Tendenzbetriebe. Sie dürfen tendenziell berichten.

Sehr viele Chefredakteure, Ressortleiter begreifen sich als Zuträger für eine gesunde wirtschaftliche Lage ihres jeweiligen Mediums. Meistens werden deshalb Mehrheitsmeinungen transportiert.

Mehrheitsmeinungen werden ganz stark von Presseagenturen (z.B. dpa, Reuters, AP, AFP) gebildet, die ihrerseits ebenfalls von PR-Agenturen – und selbstverständlich von den großen Playern – mit Inhalten befeuert werden. Viele kleine und regionale Zeitungen können oder wollen sich eigenes journalistisch geschultes Personal nicht mehr leisten, sondern greifen auf Agenturleistungen (die selbstverständlich bezahlt werden müssen) zurück. Auf diese Weise geraten deren Inhalte auch ins letzte Dorf.

Am Ende der Skala gibt es unzählige viele allgemeine Anzeigenblätter, fachbezogene Anzeigenblätter (Apotheken-Rundschau), Branchenblätter. Auch hier erscheinen die gewünschten Inhalte irgendwann.

Wenn man das alles versucht zu verstehen, fragt man sich am Ende, wo eigene Informationen übers Weltgeschehen, die Wirtschaft, Gesundheit, Impfen, Währungen etc. herkommen …

Es gibt Zusammenschlüsse von Journalisten und Redaktionen, die sich ihrer ursächlichen Aufgaben bewusst sind und recherchieren und aufdecken. Sie werden schnell in die Ecke der Panikmacher und Verschwörungs-Theoretiker gestellt. Und, auch das ist so, auch diese Spezies gibt es; letztlich ist deren Vorgehen das gleiche wie das der Wirtschaft, denn deren Interessen sind letztlich die gleichen wie die oben beschriebenen.

Letzte Aktualisierung: 27.04.2020