9. Dezember 2014

Grippe, Ebola, HIV, Hep C

Inhalt

Letzte Überarbeitung: 23.08.2019

Desinfektionslauge und Hühner. Ebola-Projekt in West-Afrika. Bild: Schmiedel BNI 2014

Grippe (Flu)

Covid-19. Mers, Influenza, ua.

„Viren und Bakterien sind Nutznießer von ungewöhnlichen Situationen, von Schwächen des Wirtes. Nur diese Formulierung lasse ich gelten – Kriegsvokabular nicht.“ (Karin Mölling: Supermacht des Lebens – Reisen in die erstaunliche Welt der Viren. CH Beck München 2015, Seite 15)

Sind die jetzt alle super geschützt? Broschüre BZgA Herbst 2019

Wer ohne akute Atemwegsinfektionen durch den nass-kalten Winter kommen möchte,

sollte

  • sich viel und entspannt bewegen,
  • ausgiebig schlafen,
  • sich gesund ernähren,
  • stress-arm leben,
  • Menschenmassen meiden,
  • sich dem Sonnenlicht aussetzen,
  • Abstand zu Erkrankten halten,
  • auf Handhygiene achten, und
  • nicht rauchen.

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Ebola: Warum?

Bekämpfen allein reicht nicht

It is not Ebola … it’s the systems.“ (Barbiero 2014)

Kaum wird ein Ebola-Ausbruch durch immer bessere Bekämpfungs-Maßnahmen besiegt, bricht schon der nächste aus, und dann um so schlimmer:

Gesundheitsbehörden rechnen bereits damit, dass die Ebola-Epidemie sich im Kongo zu einem bleibenden (endemischen) Problem auswachsen könnte (CDC 06.11.2019)

Plakat zur Epidemie eines anderen Affen-Virus in Afrika: HIV. Der Unterschied: Ebola tötet schnell. HIV schadet langsam und bleibt über Jahre unbemerkt. Gemeinsam ist beiden: ohne typisches menschliches Verhalten gäbe es diese Epidemien nicht. Beide werden in Afrika in maroden Gesundheitseinrichtungen übertragen. Interventionen zur Verbesserung der Gesundheitsstrukturen könnten die Übertragungsrisiken im Gesundheitswesen senken und helfen, Kranke besser zu identifizieren, zu informieren, und zu betreuen. Bild: Schmiedel, BNI, Tamale 2001

Ebola ist ein gesellschaftliches Problem

Ebola wird durch ein Virus verursacht (Familie Filoviridae). Es wird von Wildtieren auf Menschen übertragen. Infizierte verbreiten das Virus anschließend über Körperflüssigkeiten auf andere Menschen. Häufig geschieht das in Gesundheitseinrichtungen. 30-90% der Infizierten sterben, abhängig von Qualität ihrer allgemeinen Versorgung.

In den Ökosystemen der Regenwälder wimmelt es von Mikroorganismen und Viren. Menschen dringen brand-rodend oder jagend in diesen Lebensraum ein, verletzen sich durch Bisse, pferchen gefangene Tiere auf Märkten neben anderen Arten ein, und sie kommen mit Blut und Speichel der Tiere in Berührung.

Wenn sich so ein von einem Flughund gebissener Wilderer mit Ebola-Viren infiziert, steckt er vielleicht einige Familienmitglieder an, die seine Leiche versorgen. Dann sterben im Dorf wenige Personen, aber die Epidemie kommt schnell zum Erliegen. Meist wird der Patient aber in die nächstgelegene marode Krankenstation transportiert. Dort ist „Fieber“ nichts besonderes. Oft bekämpft man dann irrtümlicherweise eine vermeintliche „Malaria- oder Bakterien-Infektion“ mit Injektionen oder Pillen, die Ebola-Kranken nicht helfen, aber den Viren reichlich Gelegenheit bieten, weitergetragen zu werden.

Die Verbreitung des Ebola-Virus wird also durch menschliches Verhalten begünstigt: Vordringen in den Urwald, Brandrodung, Kleintierjagd, Armut, Krieg, unhygienisches Fehlverhalten, gefährliche Gesundheitsleistungen.

Epidemien

Die erste noch kleine Ebola-Epidemie wurden 1976 im Kongo beobachtet. Seither kam es immer wieder zu begrenzten sporadischen Ausbrüchen.

2014 wurden dann zahlreiche Fälle aus West Afrika gemeldet (Guinea, Liberia, Sierra Leone, Nigeria). Etwa 11.000 Personen verstarben. 2018 kam es erneut zu einem Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo. Bis Anfang Juli 2018 wurden 53 Infizierte gemeldet, von denen 29 verstarben.

Beseitigung einer Toten, Bild: Schmiedel BNI, Tamale, Ghana, 2001

2019 wurden bis zum 16. August in der Demokratischen Republik Kongo in den Bürgerkriegs-Provinzen Kivu und Ituri über 2.800 Ebola-Fälle gemeldet, die meisten davon labordiagnostisch bestätigt. Weit über 1.900 dieser Patienten verstarben.

Ebola-Ausbrüche sind eine „Folge der Vernachlässigung der Gesundheitssysteme.“ (Kieny 2014).

„Schwache, unterfinanzierte, unterbesetzte und fragmentierte Gesundheitssysteme sind nicht in der Lage, mit einem großen Ausbruch einer Infektionskrankheit fertig zu werden, und sie könnten sogar zu ihrer Ausbreitung beigetragen haben.“ Peter Piot 2015

The cumulative number of confirmed/probable cases among health workers is 153 (5% of all confirmed/probable cases), including 41 deaths. (ProMED, Kongo 20.08.2019)

2015 wurde in einer Sonderausgabe Sonderausgabe von Nature gefragt, ob wir aus der Epidemie in Westafrika gelernt hätten. Die Antwort war: Nein. 2018 mussten dann erneut die gleichen Fragen gestellt werden:

… health facilities with inadequate infection control procedures can amplify outbreaks of Ebola virus disease, and serves as a reminder of the importance of providing sufficient training and equipment for health-care workers to protect themselves. Ahmadou 2018

2019 schreiben langjährig erfahrene Ebola-Experten schon wieder Forderungen auf, die eigentlich längst bekannt sind, u.a. dass man die allgemeinen Gesundheitsdienste langfristig sichern müsse (und nicht nur wenn gerade wieder ein Ausbruch aufgepoppt sei). Und dass man sich um die allgemeinen Bedürfnisse der Bevölkerung im Rahmen einer friedvollen Regionalentwicklung kümmern sollte. (Piot 2019, Kittelsen 2019)

Ebola-Epidemien sind angekündigte Katastrophen

Voraussetzungen für Seuchen sind Armut, Kriege, soziale Instabilität, mangelnde Bildung und miserable Wohn- und Ernährungsverhältnisse. Das Auftreten von Epidemien beruht folglich auf dem Vernachlässigen von Ursachen, die langfristig zwangsläufig zu Seuchen führen müssen (Bild: Sierra Leone).

Wenn wieder einmal eine Epidemie droht, wird meist mit Problem-Bekämpfungs-Aktionismus versucht, möglichst einfach, ggf. mit „heroischen“ Freiwilligen-Einsätzen“, einen Feind zu erschlagen. Niemand denkt dann gerne an System-Zusammenhänge, zu denen u.a. eine für viele Länder nachteilige Weltwirtschaftsordnung gehört.

Was müsste eigentlich geschehen?

Um nachhaltig das Aufflammen von Seuchenausbrüchen in Afrika (und anderswo) zu verhindern, müsste das komplexe System der Beziehungen und Zusammenhänge, die die Verbreitung von Ebola, Gelbfieber, Lassa, Malaria, HIV u.v.a begünstigen, besser verstanden und beeinflusst werden. (Barbiero 2014, Azuine 2014).

Es reicht nicht aus, die in vielen Regionen zusammengebrochene Basisgesundheits-Versorgung wiederzubeleben (UNDP 2015, Difäm 2016). Und auch Impfstoffe werden das Problem nicht lösen, wenn sich nicht zugleich auch die allgemeinen Lebensbedingungen verbessern. (Davis 2013)

Insbesondere müsste die Sicherung hygienischer, gesunder, stabiler, friedlich-gedeihender Lebensverhältnisse in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Dazu gehört u.a. zum Beispiel die Sicherung ausreichender Ernährung und die Beseitigung von Ursachen für Krieg und Terror. Im Kontext einer langfristigen Entwicklung gemeinde-naher Strukturen im ländlichen und im städtischen Raum müsste auch  in integrierte und qualitativ hochwertige Basisgesundheitssysteme investiert werden. Und das zu Lasten der aktuellen, voneinander isolierten Ausrottungsprogramme einzelner Infektionserkrankungen (Kieny 2014) Zudem müssten hochgefährliche und weitgehend unkontrollierte Medizineinrichtungen grundsaniert oder geschlossen werden.

Aus gutem Grund verlangte daher 2015 die damalige Präsidentin von Liberia, Ellen Johnson Sirleaf,  einen Marshall-Plan für Westafrika, der die Gesamtsituation der betroffenen Länder beeinflussen sollte.

Dieser kluge, aber nur wenig beachtete Vorschlag wertete Ebola (ähnlich wie Cholera) nur als einen Indikator desolater Verhältnisse. Folglich könne es nicht nur um die Lösung eines Einzelproblems (von vielen) gehen. Stattdessen müssen sich Regionen als Ganzes und in allen Bereichen gleichermaßen, nachhaltig-gesund entwickeln. Denn schließlich bewirkten Verelendung, Verdreckung und Verseuchung in Entwicklungsändern nicht nur lokale, sondern auch globale Folgen, wie Wanderungsbewegungen.

Die Weltgemeinschaft sollte also langfristig denken und handeln, und sich nicht nur auf technische Maßnahmen verlassen, wie jetzt auf die Wirksamkeit noch wenig getesteter Impfkampagnen.

Statt an einzelnen Problemen herumdoktern, müsste man sich darauf konzentrieren, die Entwicklung ganzer Regionen (z.B. Ituri im Kongo) in zugleich allen Bereichen günstig und friedlich entwickeln können. Dann sinken auch die Risiken für Epidemien. (Dolin 1997)

Ebola ist nur eines von vielen globalen Krankheitszeichen

Industrienationen wie Deutschland müssten eigentlich aus Eigeninteresse heraus, einen großen Teil ihres Reichtums, den sie auf Kosten anderer erworben haben, in „nachhaltige Entwicklungsziele“ investieren.

Sie müssten konsequent und langfristig handeln und für Sicherheit sorgen, insbesondere in Kriegen, in denen Stellvertreterkriege um Bodenschätze geführt werden. Solange das nicht geschieht, werden gutgemeinte, kurzfristige Epidemiebekämpfungsmaßnahmen, die nur auf das medizinisch Machbare begrenzt sind, reine Makulatur bleiben.

Angesichts eines Krankheitssymptoms wie Ebola wirksam handeln, würde allerdings sehr teuer sein, und würde daher den parteiübergreifend gewünschten Wachstumszielen unserer Gesellschaften widersprechen. Deshalb wird es frühestens geschehen, wenn eine Ebola-Epidemie auch Industrieländer bedrohen könnte.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich in Afrika immer mehr Menschen auf den Weg nach Norden machen, um ihrem Elend zu entfliehen.

Mehr zu Ebola

Literatur

Links

Hepatitis C

Transforming Treatment of hepatitis C. Lancet 28.07.2018
Milliarden-Übernahme durch Gilead  (12 Mrd. US$) , Finanzen.net 28.08.2017

Die gute Nachricht: Hepatitis C Infektionen scheinen heilbar zu sein

Seit 2016 empfiehlt die Weltgesundheitsbehörde die Behandlung der Hepatitis C Infektion mit dem MittelSofosbuvir. Es hemmt effektiv ein Enzym, das bei der Vermehrung des Virus besonders wichtig ist (die so genannte NS5B-Polymerase)

Die Herstellerfirma verlangt dafür einen extrem hohen Preis, und

„.. die Öffentlichkeit bezahlt zweimal: für die Pharmaforschung und für den Kauf des Produktes. Die enormen Gewinne fließen an die Gilead-Aktienbesitzer.“ Roy BMJ 2016, 354:i3718

Einige Länder (wie Argentinen) versuchen daher gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um das Medikament auch lokal legal herstellen und vertreiben zu können:

In Argentina INPI rejected a key patent on Sofosbuvir. 05.12.2017

Allerdings gründet sich die Vermutung, dass das neue Medikament heilend wirke, bisher nur auf Kurzzeit-Studien. Da kontrollierte Langzeitbeobachtungen fehlen, ist eine Beurteilung lebenslanger Auswirkungen auf Krebsentwicklung und Sterblichkeit z.Z. noch nicht möglich:

Direct-acting antivirals (DAA) may reduce the number of people with detectable virus in their blood, but we do not have sufficient evidence from randomised trials that enables us to understand how SVR (sustained virological response: eradication of hepatitis C virus from the blood) affects long-term clinical outcomes. SVR is still an outcome that needs proper validation in randomised clinical trials. Cochrane 18.09.2017

Von Hepatitis C besonders betroffen ist Ägypten.

Dort wurde mit Gilead Massen-Rabatte ausgehandelt. Und damit war der Grundstein gelegt, für ein besonders lukratives Geschäft (mit einer Katastrophe).

Tour’n Cure: Die profitable Ausrottung eines Problems, das es ohne die Medizin nicht gäbe.

Schlechte Nachricht: Ohne Nadeln und Spritzen gäbe es keine Hep. C

Etwa zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung  sind mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) infiziert. Von diesen 130-170 Mio. Menschen versterben daran jährlich 350.000. Betroffen sind meist die Bewohner von Entwicklungs- und Schwellenländern, aber auch in Deutschland werden mehr als eine halbe Million HCV-Infektionen registriert.

Die HC-Viren verursachen Leberentzündungen, die bei mehr als siebzig Prozent der Infizierten chronisch verlaufen. D.h. sie heilen nach einer Infektion nicht vollständig aus. Nach einem oder vielleicht zwei Jahrzehnten kann die geschädigte Leber dann versagen, oder es entsteht Krebs. Auch mit moderner Maximal-Medizin  sind die Überlebenschancen in solchen späten Krankheitsstadien gering.

Weil HC-Viren gegenüber Umwelteinflüssen sehr empfindlich sind, werden sie fast ausschließlich durch Blut- oder Blutprodukte oder unsaubere Spritzen übertragen. Im Gegensatz zu HIV und Hepatitis B sind HCV-Infektionen bei sexuellen Kontakten selten. Deshalb ist die die Häufigkeit von HCV-Erkrankungen ein guter Indikator für einen gefährlichen Umgang mit Nadeln, Spritzen und anderen medizinischen Instrumenten oder Produkten, die zu einem direkten Blutkontakt führen.

Denn Neuerkrankungen von HCV wurden mit großer Wahrscheinlichkeit in Gesundheitseinrichtungen erworben, oder durch intra-venösen Drogenkonsum.

Erkrankten helfen und Neuinfektionen verhindern 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte 2016 angekündigt, dass sie nach den Pocken, Ebola, Malaria, Zika, Polio u.v.a. jetzt auch die Hepatitis-C „bekämpfen“, und möglichst bis 2030 ganz „ausrotten“ will (s.u. WHO 2017).

Eine reale Chance dafür erkennt die WHO in der Vermarktung des Medikamentes Sofosbuvir. Weil dieser Wirkstoff in klinischen Studien bis zu neunzig Prozent der betroffenen Patienten geheilt haben soll, wurde der Wirkstoff  von der WHO in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel aufgenommen.

Der Herstellerfirma Gilead eröffnet sich damit ein riesiger globaler Markt mit hohen Gewinnmargen (s.u. WIPO 2015): Eine Behandlung kostet in den USA 84.000 US$ und in den Niederlanden etwa 46.000€. Die Produktionskosten für eine Medikament-Anwendung werden dabei auf höchstens 140 US$ geschätzt. (‘t Hoen 2016)

Die meisten von Hepatitis C betroffen Menschen sind mittellos. Sie erfahren jetzt durch die Medien, dass ihr Leiden geheilt werden könnte, und zugleich, dass diese Lösung für sie unerreichbar zu sein scheint. Folglich werden sie die notwendigen Mittel aus humanitären Gründen einfordern und von ihren Staaten verlangen. Damit rechnet Gilead, und setzt sich international erfolgreich dafür ein, dass die Substanz nicht lizenzfrei (etwa 100 mal billiger) hergestellt und verkauft wird: So haben z.B. die indischen Behörden 2016 einen Lizenzvertrag mit Gilead abgeschlossen, der dem Konzern auch auf diesem Subkontinent gewaltige Gewinne garantieren wird. (‘t Hoen 2016)

Wenn große Gewinne winken, steigt Risiko für Arzneimittelfälschungen

In Indien ist die Forderung, die Produktion des Hepatitis C Medikamentes im „nationalen Interesse“ lizenzfrei zu erlauben, nicht nur aus juristischen Gründen riskant. Denn Indien ist der weltweit führende Hersteller von gefälschten Medikamenten, die genauso aussehen wie echte, aber im günstigsten Fall nichts, oder auch Gift enthalten. So sind etwa 35% der der Malariamittel auf dem afrikanischen Markt gefälscht oder unbrauchbar, und stammen dann meist aus Indien oder China (s.u. Link und Literatur zu Fake drugs).

In Ägypten winkt jetzt ein lukrativer und vor allem international nachgefragter Markt. Daher wird es nicht lange dauern, bis dort auch die ersten gefälschten Sofosbuvir-Präparate angeboten werden.

Die Geschichte der Hepatitis-C-Epidemie in Ägypten.

Die vermutlich folgenreichste Verseuchung mit Hepatitis C fand in Ägypten statt. Dort begann man vor über sechzig Jahren damit, die Pärchenegel-Wurmerkrankung (Schistosomiasis) zu bekämpfen. Diese Parasiten verursachen zahlreiche Gesundheitsstörungen im Bereich der Beckenorgane und in seltenen Fällen auch Krebs. Die Wurmlarven schwimmen in stehendem Wasser, das durch menschliche Ausscheidungen verunreinigt wurde. Sie warten dort auf Menschen, deren Haut sie durchbohren, um ins Blutsystem zu gelangen.

Die Häufigkeit dieser Pärchenegel-Infektion nahm rasant zu, als 1964 der schnell fließende Nil durch den Assuan-Staudamm gezähmt wurde. In relativ kurzer Zeit wurden zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung mit den Parasiten besiedelt. Das Gesundheitsministerium ließ daraufhin große Teile der Bevölkerung mit Injektionen behandeln, die Antimon-Kalium-Tartrat enthielten. Diese giftige Antimon-Verbindung, die damals für das einzig wirksame Mittel gegen die Würmer gehalten wurde, wird heute selbst in der Tiermedizin nicht mehr verwandt. Erst ab 1980 wurde sie, auch in Ägypten, langsam durch ein nebenwirkungs-ärmeres (aber relativ teures) Medikament ersetzt.

Einige Jahrzehnte nach dem Beginn der Kampagne fiel in Ägypten eine Epidemie von Hepatitis C auf, für die es zunächst keine Erklärung zu geben schien. Dann stellte sich aber heraus, dass die meisten der an Hepatitis C Erkrankten Anti-Wurm-Spritzen erhalten hatten.

Die Infizierten wurden natürlich auch wegen anderer Erkrankungen in Gesundheitseinrichtungen behandelt, wo dann das Virus an weitere Patienten übertragen wurde. Heute sind (nach unterschiedlichen Schätzungen) drei bis zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung mit Hepatitis C infiziert: Jährlich versterben etwa 40.000 Personen an der Infektion.

Weil viele PatientInnen infiziert sind, ist heute das Risiko für Hepatitis C Infektionen in ägyptischen Gesundheitseinrichtungen selbst bei optimalen, hygienischen Bedingen deutlich höher als in Ländern, in denen Hepatitis C bei Patienten relativ selten vorkommt. Mittel für moderne medikamentöse Behandlungen oder gar Leber-Transplantationen stehen in Ägypten nicht zur Verfügung. (Strickland 2006, WHO 2014)

Hepatitis C Epidemie in Industrieländern

Ägypten ist kein Einzelfall.

In England musste sich 2015 die Regierung für die Infektion von fast 3.000 Personen entschuldigen, die zwischen 1970 und 1990 infizierte Blut-Produkte erhalten hatten (Wise 2015).

In den USA wird heute von einer „verdeckten Epidemie“ gesprochen, weil vor einigen Jahrzehnten zeitweise 300.000 Menschen pro Jahr infiziert wurden, und diese jetzt nach und nach schwere Leberstörungen entwickeln werden. Bei deren Behandlung (in den USA und anderswo) besteht dann das Risiko, dass erneut Virus-Übertragungen stattfinden (Ward 2013, Warner 2015, CDC 2015, RKI 2015, Pozzetto 2014).

Spritzen und Blut-Produkte sind gefährlich, 

wenn man unsachgemäß mit ihnen umgeht, oder wenn sie eingesetzt werden, obwohl es nicht nötig wäre.

Deshalb wurde schon in der Anfangszeit des AIDS-Epidemie gefordert, auf vermeidbare therapeutische Hautverletzungen, Injektionen und Transfusion zu verzichten, und dort wo es wirklich nötig ist, für strikte Qualitätskontrollen zu sorgen (Jäger 1990-1992)

Die Lösung vergleichsweise harmloser Gesundheits-Problem kann, so zeigt die HCV-Verbreitung, zu deutlich größeren Problemen führen. Bei gedankenlosen Interventionen in komplexe Systeme „beißen die Dinge eben manchmal zurück“ (Tenner 1997, Dörner 2003).

Das Problem der HCV-Epidemie wurde durch das Gesundheitssystem verursacht, und durch seine Abfallprodukte, die in falsche Hände gelangen.

Insbesondere die weltweite Einführung von Einmalspritzen und -nadeln und ihre inflationäre Anwendung hatten zur Verbreitung von Viren wie HCV und anderen beigetragen, weil sie in unkontrollierten Einrichtungen „natürlich“ mehrmals benutzt werden (Jäger 1990-92).

Der WHO wird es allein durch Behandlungs-Strategien nicht gelingen, die Hepatitis-C auszurotten. Denn die WHO und die staatlichen Gesundheitseinrichtungen ärmerer Länder sind zurzeit nicht in der Lage, gefährlich-rein-kommerzielle Medizin zu verhindern, oder auch nur ansatzweise zu kontrollieren.

Sicher werden im Rahmen der WHO-Kampagne viele im Gesundheitswesens Unsummen einfordern und auch verdienen. Aber eine Senkung der Infektionszahlen wäre nur möglich, wenn es gelingt, „schlechte Medizin“ (s.u.) einzudämmen, und zugleich für frühe Hilfen für Kinder zu sorgen, damit diese nicht drogensüchtig werden.

Unnötige Medizin ist riskant und sollte unterbleiben.

Das gilt besonders für Reisende, die erwägen, sich im Ausland billig operieren, verschönern, botoxen, piercen oder tätowieren zu lassen (s.u. Medizintourismus).

Und es betrifft natürlich die Menschen, die in sozial schwachen Regionen leben. Sie müssten durch Bildung unterstützt werden, ihren Bedarf nach Produkten des Gesundheitsmarktes zu senken. U.a. indem sie lernen, „gute“ von „schlechter“ Medizin zu unterscheiden.

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Literatur

Hepatitis C

Letzte Aktualisierung: 15.05.2021