Gewaltfrei wirksam sein
Zusammenfassung
Die Anwendung von Gewalt ist gewandtem Handeln unterlegen. In allen Notsituationen. Auch in den medizinischen. Gewaltanwendung traumatisiert psychisch und körperlich, verschlechtert die ungünstige Dynamik der Ereignisse und endet mit Maximaleingriffen.
Oft entwickeln sich Übergriffe oder Handgreiflichkeiten nach einem anfangs ruhigen Vorgehen. Solange es gut geht, gibt es für die meisten Handelnden keinen Grund, gewalttätig zu werden. Das ändert sich manchmal schlagartig, wenn etwas ungeplant und plötzlich schiefläuft oder eine direkte Gefahr droht. Dann muss es schnell gehen. Dann entstehen zusätzliche Probleme, die es ohne vorschnelle, hektische, aggressive Interventionen nicht gegeben hätte.
Gewalt ist ein Anzeichen von Hilflosigkeit. Sie entsteht aus einer unpassenden psychischen Einstellung, ungeschickter (zeit- und ziel-fixierter) Handhabung, Verspannungen und Fehlhaltungen. Und auch aufgrund mangelhafter Ausbildung, gepaart mit einer Selbstüberschätzung des eigenen Könnens. Die Bedeutung der grundlegenden ersten beiden Aspekte wird bei Trainings zur Verbesserung der technischen Kompetenz überwiegend unterschätzt.
Summary
The use of force is inferior to skilful action. In all emergency situations. Including medical ones. The use of force causes psychological and physical trauma, exacerbates the unfavourable course of events and results in the most drastic interventions.
Often, assaults or physical altercations develop after an initially calm approach. As long as things are going well, most people involved have no reason to become violent. This can change abruptly when something goes wrong unexpectedly or a direct threat arises. Then the situation must be resolved quickly. This then creates additional problems that would not have existed without hasty, frantic, and aggressive interventions.
Violence is a sign of helplessness. It arises from an inappropriate mental attitude, clumsy (time- and target-oriented) handling, tension, and poor posture. It also stems from inadequate training combined with overestimating one’s own abilities. The significance of the first two fundamental aspects is usually underestimated in training aimed at improving technical competence.
Warum wird Gewalt angewendet?

Lebende Systeme wechselwirken, beziehen sich aufeinander und tauschen sich aus. Gesunde Ökosysteme leben in flexibel-stabil-friedvollen Gemeinschaften vieler Organismen. In der Natur ist die Anwendung von Gewalt begrenzt auf die direkte Befriedigung von Grundbedarfen, bei Nahrungssuche, Sicherheit oder Vermehrung.
Menschen zählen zu den Raubtieren. Sie töten, um zu überleben. Andererseits werden wir Frühgeborene, die ohne Bindung und Versorgung nicht aufwachen können. Genetisch, epigenetisch, durch Geburt und in der Frühkindheit geprägt sind Menschen liebenswerte Wesen, die von starker sozialer Beziehung abhängig und zu freundlichen Verbindungen fähig sind. Ohne diese Kompetenz hätte die Gattung Mensch nicht überleben können. Das sogenannte Böse, die Anwendung von Gewalt, um anderen zu schaden, entwickelt sich bei Menschen erst infolge der Vernachlässigung und durch die Einwirkung zerstörerisch wirkender gesellschaftlicher Verhaltensformen. So kann das kulturelle Umfeld Gewaltanwendung auch bei freundlich zugewandt gestimmten Menschen erzwingen. Ich erinnere mich noch gut an brutale, rückblickend unsinnige, Praktiken einer „programmierten Geburtsmedizin“, die ich erlernen und anwenden musste.
Ein anderer Grund, der Gewaltanwendung begünstigt, ist ein gestörtes oder schwaches Selbstbewusstsein, gepaart mit der Illusion, man könne sich durch die Erniedrigung anderer erhöhen.
Diesen Formen von Gewalt können Leitlinien, Regeln, Gesetze und Normen vorbeugen. Sie zu erarbeiten, zu aktualisieren und durchzusetzen, ist im Interesse der Betroffenen dringend notwendig. Aber es reicht nicht aus.
Denn zusätzlich muss in der Ausbildung heilender Berufe die Kompetenz gefördert werden, in Beziehung und Verbindung, empathisch und prozessorientiert zu handeln.
Denn ein weiterer, häufiger Grund für (unbeabsichtigte, unbewusste) Gewaltanwendung in der Geburtshilfe ist die Überbetonung antrainierter, zeit-, technik- und zielorientierter Geschicklichkeit.
Mir wurde dieser Zusammenhang erstmals bewusst, als ich einen herausragenden Chirurgen fragte, wieso er schneller operiere als andere. Weil er langsamer sei. Durch sein bedächtiges Vorgehen verletzte er weniger gesundes Gewebe. Folglich blutete es weniger und er musste nichts korrigieren. Außerdem sei er nicht schnell, sondern sofort. Er sei im Prozess verbunden mit vorauslaufender Aufmerksamkeit, etwa wie beim Vorlesen. Und weil sich die meisten Störungen ankündigten, erlebte er so weniger Überraschungen, auf die er reagieren musste. Und außerdem, riet er mir, solle ich zusehen, dass das, was ich tue, für Dritte schön aussieht, dann sei es auch meistens richtig.
Er setzte damals in mir den Keim einer Sehnsucht. Und zugleich frustrierte er mich. Weil er meine Unfähigkeit offenbarte, gewandt zu handeln. Zwar begann auch ich mein Tun freundlich, optimistisch und zugewandt. Allerdings nur, solange es gut ging. Bei einer Störung, einem Problem oder einer Gefahr entstand zuerst Angst und dann Drang, etwas zu erzwingen. Und so erzeugte ich immer wieder Probleme, die ohne mein Handeln nicht entstanden wären.
Unbewusst gewaltsames Vorgehen entsteht aus Hilflosigkeit. Je schwächer oder verwirrter sich der innere Zustand anfühlt, desto mehr müssen nach außen gerichtete Kräfte aktiviert werden.
Diese Art des Reagierens auf äußere Belastungen wird in unserer Zivilisation betont. Es scheint uns normal zu sein, gegen etwas vorzugehen: gegen Bakterien, gegen Viren, gegen Feinde, gegen Süchte, gegen Krankheiten oder gegen beliebige weitere Bedrohungen aller Art. Weil die Alternative gewaltlosen Handelns, Kapitulation, Zusammenbruch oder gar Tod sei. Ist das so?
Beispiel: Handeln im Notdienst
Tief in der Nacht klingelt das Telefon. Die Kollegin der Rufbereitschaft müsse sofort kommen. Im Kreißsaal herrsche Chaos und Leben sei in Gefahr. Damit bieten sich zwei Möglichkeiten an:
- Sie könnte im Halbschlaf fragen, warum ihre Anwesenheit denn so wichtig sei. Und ob man das Problem nicht auch telefonisch lösen könne. Sie erfahre dann, worum es sich genau handele. Wäre die Gefahr erheblich (z. B. bei einer Blutung), würde sie sich eilig auf den Weg machen. Sie würde die Treppen hinaufspringen und dabei versuchen, alle Details der passenden Handlungsleitlinie in Erinnerung zu rufen. Sie öffnete entschlossen die Kreissaaltür und handelte zielgenau, schnell, entschlossen und effizient. Durch genaue Anwendung dessen, was bei Standardsituationen getan werden muss.
- Sie sicherte zu, sofort zu kommen, und legte auf. Ohne zu hetzen, machte sie sich zügig auf den Weg. Und fragt sich, ob es ihr gut ginge. Natürlich nicht! Denn sie befand sich bereits, obwohl nur halb wach, in einem Handlungstunnel. Sie spürte, wie sie flach atmete und ihre Schultern verspannte. Außerdem ärgerte sie sich über die vielen Nachtdienste. Sie lauschte auf innere Sinnesorgane. Langsam ausatmend nahm sie das Treppenhaus um sich herum wahr, und ging in ihrem Rhythmus folgend. Sie richtete sich auf, räkelte sich. Dann öffnete sie, hellwach und gelassen, die Tür, betrachtete die Zusammenhänge, passte sich dem Geschehen an. Und tat dann, was die Situation erforderte: besonnen, ruhig, effektiv und freundlich.
Das erste Verhalten orientierte sich an einem Problem, an seiner Bedeutung und am Ziel seiner Beseitigung. Dazu ist es wichtig, sich vorzubereiten, und sich kompetent und wehrhaft aufzustellen. Und sich an antrainierten Standardabläufen orientieren. Um (gut gewappnet) dann schnell, stark, trickreich und geschickt zu handeln. Zielorientiertes Tun bleibt gewaltfrei, solange es gut geht. Entwickelt sich eine Situation ungünstig, wird ein übergeordneter Zweck auch andere, entschlossene Zwangsmaßnahmen heiligen. Dann hängt die Lösung des Problems nur noch von der Qualität der Intervention ab.
Das alternative Vorgehen konzentrierte sich auf die Notwendigkeit, optimal mit einem Geschehen eine Verbindung aufnehmen zu können. Das erfordert Ruhe, wie die eines Piloten, der bei starken Turbulenzen landet. Die Wahrnehmung muss weit und offen sein und alle beteiligten Dynamiken erfassen. Der Drang, einen Faktor zu fokussieren, der im Zentrum zu stehen scheint, wird beruhigt durch den Überblick über die Gesamtdynamik einer Situation. Um sie besonnen zu beeinflussen, ohne sie zu erzwingen. In vielen Kulturen wird dieses Verhalten mit dem Bild einer (scheinbar schwachen) Frau symbolisiert, die ihr (scheinbar starkes) Reittier in eine günstige Richtung lenkt.
Prozessorientierter Verbundenheit ist Gewalt fremd. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil sie unwirksam wäre. Der Stimmigkeit des Gehens eines Weges wird stärker betont als die Erreichung eines Zieles. Auch wenn der Prozess dabei scheinbar länger dauern sollte. Durch aufmerksames Abwarten bei hellwacher, empathischer Aufmerksamkeit und einer Verbindung mit dem Geschehen kann u. a. auch frühzeitig erkannt werden, ob andere hinzugezogen werden müssen oder ob eine rechtzeitige Verlegung nötig ist. Damit an einem anderen Ort das Geschehen gewaltfrei weiter begleitet werden kann.
Ist Gewaltanwendung immer bewusst?
Noch im letzten Jahrhundert glaubten wir, das Gehirn verarbeite äußere und innere Informationen (Input), treffe Management-Entscheidungen und erteile dann dem Körper Befehle (Output). So als ordne er z. B. gewaltsames Handeln oder nicht.
Heute wissen wir, dass Nervenzellen nur ein Bestandteil des Bewegungsorgans sind. Sie helfen anderen Körperzellen, sich auf Möglichkeiten oder Gefahren einzustellen und Beziehungen vorzubereiten.(Wolpert 2026, Llinas 2002)
Zentrale Nervensysteme sind sich selbst genügende Systeme, die zahllose Frequenzmuster, Rhythmen und Schwingungen erzeugen. Diese Klangmuster sind mit allen anderen Zellen verschaltet und beeinflussen deren Rhythmen. Die Rückmeldungen über den Effekt eines Herausreichens in die Umgebung kalibrieren das Gesamtsystem, inklusive des Nervensystems. Informationen werden nicht als einzelne Signale zwischen Sender und Empfänger übertragen (wie in Geräten), sondern als Modulationen von Gesamtklängen. Etwa wie sich Töne einzelner Instrumente in den Klangkörper eines Orchesters einfügen. (Buzsáki 2026)
Informationsverarbeitung bedeutet zudem weit mehr als die Verarbeitung elektrischer Aktionspotenziale (wie in Rechnern). Denn bei ihnen sind eine Vielzahl anderer (physikalischer, thermodynamischer, chemischer und mechanischer) Prozesse beteiligt. (Drukarch 2023)
Im Laufe der Evolution entstanden immer komplexere Nervenreaktionsmuster, die entwicklungsgeschichtlich ältere Programme der Informationsverarbeitung überlagerten. Die Aufgabe neuer Hirnprogramme ist es zunächst, schneller auslösende archaische Programme zu dämpfen und zu beruhigen. Erst dann können intelligentere Hirnprozesse ungestört wirksam werden. Versuchten entwicklungsgeschichtlich jüngere Programme wie die Bewusstheit, ältere, grundlegendere Rhythmen des Körpers zu dominieren, wie die Spannung und das Lösen des Zwerchfells, gelänge ihnen das höchstens vorübergehend. Geschähe es zu häufig, führte es zu Verkrampfung.
Erste erworbene Notfall-Programme
Lebewesen sind weder nach innen noch nach außen eindeutig abgegrenzt. Sie wechselwirken mit dem Umgebenden. Alles, was sie ausmacht, Zellen, Bakterien, Viren und andere Aspekte ihres Seins (wie Psyche oder Körper), ist eingebettet in größere System-Zusammenhänge. Unmittelbar um die Körpergrenze der Haut lebt eine Bakterienwolke, die für den Körper ebenso typisch ist wie der Abdruck eines Fingers. Ein weitreichendes Terrain stellt einen (individuell sehr unterschiedlich) Sicherheitsraum dar. Diese Umgebung (im Abstand von mindestens einer Armlänge) wird ununterbrochen (unbewusst) auf mögliche Gefahren geprüft, solange wir wach sind.
Berühren sich Sicherheitsgebiete unterschiedlicher Lebewesen, kann eine Kommunikation oder ein Austausch entstehen. Durch zugewandtes Herausreichen und Annehmen. Droht das Überschreiten der subjektiv klar wahrgenommenen Grenze des eigenen Terrains, werden unbewusst (schnelle) Notfallmuster ausgelöst, die den Körper vorbereiten, um auf eine Gefahr zu reagieren. Das einfachste dieser Muster des Umgangs mit großer Belastung, ist das Erstarren oder Zusammenbrechen. So ist es bei der Geburt für das Neugeborene lebensnotwendig, absolut nichts zu tun. Denn Zappeln würde seine Lage nur verschlimmern.
Unmittelbar nach der Geburt wird dann die nächstgünstige, archaische Bewegungsform aktiviert: sich ausdehnen und sich wehren. Das Neugeborene weckt alle Nerven- und Bewegungsfunktionen durch einen Schwall aktivierender Hormone. Damit ist es bereit für die Grundmuster reptilienartiger Reaktionen: Angriff oder Flucht. Dieser Ur-Stress des Neugeborenen wird durch die Bindung zur Mutter beruhigt. Durch die Bindung werden intelligentere Bewegungsmuster gebahnt, zu denen Neugeborene bis dahin nicht in der Lage sind: ausatmend zu entspannen und in Verbundenheit zu saugen.
Zudem erlernen Ungeborene ganz körperliche Bewegungen, die sich im Tages- und Nachtverlauf rhythmisch abwechseln. Ist die Mutter aktiv und signalisieren ihr Herzschlag, Atemrhythmus und Anspannung der Bauchdecken, dass sie sich mit Belastung in der Umwelt auseinandersetzen muss, rollt sich der Fötus ein. Zappeln würde jetzt die Anstrengung der Mutter behindern. In dieser Körperhaltung ist die Peripherie (Arme, Beine) weich und die Stabilität des Lebens ist auf das Zentrum konzentriert.
Spürt das Ungeborene ein Nachlassen der Spannung der Bauchmuskeln (gepaart mit ruhiger Ausatmung und Herzfrequenz), streckt es seine Füße aus und tastet mit den Fußsohlen. Die Bewegung der unteren Extremität zieht an Bauchdecken, und der entstehende Unterdruck lässt Fruchtwasser in den Rachen des Feten eindringen. Diese Flüssigkeit wird reflexartig und später spielerisch ausgestoßen. Reife Neugeborene können daher bei der Geburt ausatmen.
Diese Bewegungsmuster des Schließens (oder Kuschelns in Sicherheit), und des Öffnens (Ausstrecken und Herausreichen in das Umfeld) bleiben zeitlebens erhalten.
Wenn Kinder im Laufe ihres Aufwachsens Zuwendung, Schutz und Liebe erfahren, können sie sich später selbst beruhigen. Und das Muster des Öffnens aufrufen, wenn die Aufmerksamkeit für die Außenwelt an Bedeutung gewinnt, oder das Muster des Schließens, wenn es die Ruhe im Inneren erfordert.
Oft werden aber in Gefahr oder bei Belastungen vollkommen unbewusst, krokodilartige Verhaltensweisen ausgelöst: gegen etwas kämpfen, etwas aushalten, weglaufen, erstarren oder kollabieren. Der Scheinwerfer der Psyche fokussiert dann nur einen Punkt, während die Bühnenbeleuchtung ausfällt. Und die äußere Grenze wird immer gewaltiger aufgepumpt, solange sie nicht platzt. (Porges 2023)
Einstellung
Eine Psyche kann den Vorstellungen eines bewussten Willens folgen, der eine Realität verändern will. Die Erzeugung eines „willentlichen Ichs“ (im vorderen Teil des Gehirns) ist eine energieverbrauchende Leistung, der unbewusste Reaktionsmuster vorausgehen. U. a. die Aktivierung archaischer Muster, wenn der oder das andere sich dem eigenen Willen nicht fügt.
Physikalisch betrachtet sind Körper, Geist, Umfeld und damit auch „das andere“ eins. Daher kann es weder ein von anderem getrenntes Ich noch einen „freien“ Willen geben. (Glenberg 2010)
Es sei denn als Illusion: Mit der (aktiv erzeugten) Vorstellung des Wollens wird versucht, eine Situation anders zu gestalten, als sie sich dynamisch entwickeln würde. Das erzeugt eine Gegen- oder Quer-Kraft, die schiebt, zieht oder blockiert.
Die Illusion eines „freien Willens“ stört eine absichtslose Einstellung. Sie verlangt nach einer suggerierten Realität, die anders ist, als sie sich entwickelt, und die deshalb erzwungen werden muss. Angesichts einer Bedrohung werden durch bewusstes Wollen, (unbewusst) archaische Reaktionsmuster getriggert wie Angreifen, Aushalten, Widerstehen, Fliehen oder Erstarren.
Häufig arbeiten dann zwei Drittel des inneren Teams an Plan A („Cool bleiben!“) und das Übrige an Plan B („Gewinnen!“). Die resultierende Handlungsdynamik gleicht einem Rad, das in der Nabe eiert, und das wesentlich besser liefe, wenn es zentriert wäre.
Versucht das Gehirn willentlich, den Körper (nach einem auswendig gelernten Muster) im Detail zu steuern, gestaltet sich die Bewegung linkisch, weil Reaktionen auf ein Geschehen immer zu spät kommen. Bewusste Bewegungssteuerung ist deshalb nur sinnvoll, um Bewegungsabläufe zu unterbrechen (zum Beispiel beim Verlernen von Fehlhaltungen und ungünstigen Bewegungsmustern)
Bei einer ruhigen, freundlichen Einstellung, die zu einer optimalen Verbindung mit dem Geschehen führen soll, ist kein Platz für die Dominanz eines „Willens“ und dessen Sorgen. Gerade in Situationen großer Gefahr.
Oder unter Belastung sollten Bewegungsfolgen und Handlungen reibungslos fließen. Dem Gehirn kommt dann eine integrierende Rolle zu, die das Spiel des Körpers wohlwollend begleiten und betrachten kann, so wie ein Dirigent Rhythmus und Dynamik beeinflusst. Das Gehirn folgt dann der Vorstellung, was geschehen könnte oder sollte. Die Ausführung der Handlung bleibt dabei ungestört dem unbewussten Körper überlassen, der so handelt, wie er es kann, oder er es sich durch Training und Anwendung eingeprägt hat.
Vor jedem Handeln ergibt es Sinn, einen Moment innezuhalten und die Weite von Raum und Zeit zu erleben.
Ist die Einstellung angesichts einer schwierigen oder gefährlichen Situation wach, offen, ruhig und freundlich, können sich die Bindegewebe (ohne Störung durch Gedanken oder Vorschriften) in ihrer natürlichen Grundelastizität aufspannen. (Tensegrity, siehe Meyers: Anatomy trains, 2025).
Diese gelassene, elastische Struktur verformt sich durch äußere oder innere Einwirkungen als Ganzes: Faszien und alle anderen Bindegewebe dehnen sich auf und gleiten wieder zurück in eine optimal energiearme Form. Sofern sie nicht durch Fehlhaltungen daran gehindert werden.
„Innehalten“ und „Ruhe finden“ beruhigen die grundlegenden archaischen Reaktionsmuster des Stammhirns. Die Bewertung der Realität (u. a. durch das Mittelhirn), erfolgt realistisch und unaufgeregt. Wenn dann auch noch die Konstruktion des Ich (u. a. durch das Großhirn) an Bedeutung verliert, entsteht eine wache Verbindung mit dem Fluss des Geschehens (Flow). Oder, in intensiverer Form: Trance. Wie im Tanz oder bei der Musik oder Kunst. Dann beobachtet das Bewusstsein nur, wie gut die Bewegung abläuft: ungesteuert und, aus sich heraus, natürlich gelassen.
Intension
Intention könnte als ein integrierendes psychologisches Element betrachtet werden: als Annehmen und Verstehen dessen, was geschieht. Um widerspruchsfrei zu handeln, weil erkannt wird, was die Situation erfordert. So, als würde man zuerst den Sternenhimmel aufgehen lassen, dann einen Stern auswählen, um erst dann das Fernrohr auszurichten.
Oder in einem anderen Bild: Intention gleicht dem Vorausahnen des Lehms, den eine Töpferin spürt, bevor sich ihre Hand mit ihm verbindet. Wie ein Vorschlag, der sich aus einer Öffnung ergibt und die Art des Begreifens mit der Hand justiert. Und das Geschehen dorthin begleitet, wo es günstig ist. Dafür sind Detailinformationen weniger wichtig als das Verstehen der Entwicklungsdynamik, der Gegebenheiten, der Beziehungen, der Wechselwirkungen und der Möglichkeiten. Intentionales Handeln sehnt sich nach Stimmigkeit. Das erfordert Selbstvertrauen, Geduld und Beharrlichkeit, denn sonst wird der Sog behindert oder unterbrochen.
Die so entstehende effektivste und eleganteste Form der Bewegung ist die unbewusst-gelassene.
Faszienorgan und Tensegrity
Einstellung und Intention bilden die Voraussetzungen für gewandtes Handeln in Beziehungen. Ohne Gewalt. Die überwiegenden Prozesse, die bei der Kommunikation von Bedeutung sind, sind allerdings vollkommen unbewusst und nicht von Nerven gesteuert. Der Einfluss von „Einstellung und Intention“ ist also sehr begrenzt.
Dafür tut der Körper (oder genauer, das Faszienorgan) bereitwillig und von selbst das Richtige, das Energie einsparende, wenn er gelassen wird. Alles Lebende besteht aus „Tensegrity“-Strukturen.
Über strukturgebenden Zellbestandteilen und über Organverbänden spannen sich zelt- und gummibandähnliche Membranen auf. Sie sind in sich biegsame Formen, miteinander verbunden oder „integriert“, berühren sich aber nicht direkt. Sondern werden von Membranen und Faserzügen unter Spannung zusammengehalten. (englischer Begriff: tension)
Jedes lebende Element ist indirekt mit allen anderen Elementen zu einem Ganzen verbunden. Zur Beschreibung dieses Phänomens wurde der Begriff „Tens-e-grity“ erfunden, der sich zusammensetzt aus tension (Spannung) und integrity (zu einem Ganzen verbunden sein).

Typisch für eine Tensegrity-Struktur ist, dass Druck oder Zug sich an einer Stelle zugleich auf alle beteiligten Anteile auswirken. Bewegungsenergie (u. a. durch Schwer- oder Fliehkräfte) wird in Faserdehnungen gespeichert und entlädt sich anschließend wieder hochwirksam und präzise. Alle Zellen und Organe verformen sich, verdrehen sich spiralig und passen sich flexibel an Herausforderungen an. Dabei verbrauchen sie nur wenig Energie für den Erhalt ihrer elastischen Struktur.
Zuglinien im Körper sind wie Spiralfedern organisiert. Das gilt für Blutgefäße, Nervengeflechte, Luft- und Harnwege, Darm und natürlich für das gesamte Bewegungssystem. Betrachtet man einfache Tensegrity-Strukturen (z. B. von Zelten), wird klar, dass aus ihnen nur wenig Energie erzeugt werden könnte, wenn man an ihren inneren elastischen Elementen zerren würde. Tensegrity-Strukturen zu schubsen, oder zu drücken, würde wenig Energie erzeugen. (Scarr 2011, Myers 2014).
Stattdessen müssen die inneren Fasern durch Verformung des Ganzen (in ruhigem Fluss) aufgedehnt, angepasst, justiert, ausgezogen und angepasst werden. Fasern „tun“ dabei nichts: Sie werden nur in Dehnung passiv aufgeladen, um die Dehn-Energie anschließend durch Loslassen elastisch wieder abgeben zu können. Das kann dadurch erzeugt werden, dass sich Muskeln zusammenziehen („Kontraktion“). Muskelkontraktion dient in solchen Strukturen dazu, das Gebilde durch die Erzeugung von Vorspannung zu verformen, anzupassen oder für eine Handlung vorzubereiten.
Tensegrity-Verbindungen ermöglichen so eine „exzentrische“, „negativ-dynamische“ oder nachgebende Faser-Muskel-Arbeit. Diese ist um ein Vielfaches höher als „konzentrische“ (sich zusammenziehende) Muskelarbeit. Bei intelligentem Sporttraining wird daher „Konzentrik“ überwiegend genutzt, um den Körper durch dynamische Dehnungen mit Energie aufzuladen – etwa wie ein Motor, der einen Wagen auf den höchsten Punkt einer Achterbahn zieht. Die eigentlichen hocheffizienten Energieübertragungen erfolgen dann durch Entdehnung („Lösen der Bremsen“).
Vorspannung und Aufnahme äußerer Belastung speichern in Tensegrity-Strukturen Energie, die anschließend wirksam übertragen wird. Im Prinzip wie bei einer Bogensehne: Aufdehnung (in der dem Ziel entgegengesetzten Richtung), Entspannen der Fingerkuppe, Vorschnellen des Pfeils vorschießen lassen. Armkontraktionen „um den Pfeil gegen das Ziel zu schieben“ wären viel weniger wirksam.
Bei Reha-Sport, Gymnastik, aber auch bei der Geburt, wird oft die Bedeutung der kontrahierenden Funktion äußerer Muskeln betont („Krafttraining“). Exzentrisch-spiralige Dehnungen sind jedoch um ein Vielfaches effektiver hinsichtlich der Kraftübertragung. Werden die Verbindungen aller Elemente in ihren Gesamtfunktionen gestärkt, gelingt es den Zellen wesentlich besser, innere und äußere Belastungen elastisch aufzunehmen, die Energie in Faszien-Dehnungen zu speichern und elastisch wieder abzugeben.
In der Geburtshilfe senkt ein Verständnis für diese Aspekte elastisch-entspannter Bewegung den Bedarf, zwingend oder gewaltvoll, in natürliche Bewegungsabläufe eingreifen zu wollen. Dagegen wächst die Kompetenz, natürlich-flexible Bewegungen zu bahnen und wirksam zu unterstützen. Besonders hinsichtlich der Funktionen von Beckenboden, Uterus, des Beckens und der Schultergelenke, der Wirbelsäule und der Atemphysiologie.
Theoretisch sind uns diese Funktionen oft sehr vertraut. Sie im eigenen Körper wahrzunehmen, sie fühlend zu bewerten oder sie gar spürend als reine Meldungen innerer Sinne zu spüren, ist dagegen für viele oft sehr überraschend.
Kontakt und Verbindung
Die Hand ist eines der wichtigsten Kommunikationsorgane des Menschen. Sie fühlt ertastend in etwas hinein, offenbart sich gestikulierend und vermittelt berührend Aufmerksamkeit, Anteilnahme, Mitgefühl und Sicherheit.
Die Techniken der Informationserhebung durch die Hände (fühlendes Handwerk) werden aber zunehmend durch sehr genaue bildgebende Verfahren abgelöst. Der räumliche Eindruck, der durch die Hände im Inneren eines Untersuchers entsteht, verblasst gegenüber bunten zweidimensionalen Bildern, die auf Papier gedruckt werden können.
Bevor eine tastende Hand mit ihren Sinnen herausreicht, entsteht eine Vorstellung von dem, was berührt werden soll. Dann folgt eine aktive Bewegung zum Untersuchungsgegenstand hin. So als würde ein Blinder seinen Stock ausstrecken. Er sucht Kontakt, so leicht und störungsfrei wie möglich. Er nimmt die feinen Vibrationen seiner Stockspitze wahr, die in ihm ein Bild der Umwelt entstehen lassen. Er spürt und fühlt mit dem Stock, und nicht etwa mit der Handfläche, die den Stock hält. Weil alle Bewegungsmelder seines Körpers beteiligt sind, entsteht der Eindruck, die Stockspitze sei ein Teil seines Körpers.
Damit ein solches „Herausreichen“ optimal gelingen kann, ist es unerlässlich, den eigenen Körper in seiner Struktur zu „lassen“. Handwerklich gewandt zu handeln, erfordert, dass der eigene Körper flexibel genug ist, um einen störungsfreien Kontakt eingehen zu können.
Eine Hebamme, die ein Baby untersuchen will, muss ihre Hand zuerst dem Kind nahebringen und sich vorstellen, wie es wäre, wenn sie es berühren würde. Dazu muss sie (vor der Berührung) eine Atmosphäre vermitteln, in der Vertrauen entstehen kann, denn wenn das Baby die Hand als Gefahr empfände, wäre anschließend die Informationsausbeute wegen der Abwehrspannung des Kindes sehr mager. Viele bevorzugen deshalb elektronische Untersuchungsmethoden, weil die selbst dann Bilder liefern, wenn der Patient nicht kooperieren will.
Untersuchen aber die Hände, muss der eigene Körper vor der Berührung elastisch entspannen: die gesamte Haltung, die Schulter, den Ellenbogen, das Handgelenk, die Finger. Erst dann kommt es zum Kontakt, bei dem die einzige Kraft, die zu wirken scheint, die Schwerkraft ist. Es entsteht eine für beide Seiten angenehme Berührung, aus der sich über die Hand ein Dialog entwickeln kann.
Die Gestik der Hand reicht weiter hinaus, in den ganzen Körper des anderen. Sie fühlt weit mehr als das zu untersuchende Körperteil. Sie nimmt wahr, wie sich die Psyche des anderen loslässt, und sich Spannung verliert. Umgekehrt wirkt die Bewegung des anderen, z. B. infolge seiner Atmung, in die Untersucherin und beeinflusst sie. Denn auch der andere wird befähigt, fühlend in die Untersucherin, „hinauszureichen“.
Es ist so, als flössen zwei Informationsströme gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung: hinaus und hinein gleichermaßen. Gelungene Verbindung ist immer wechselseitig. Im Bereich der Berührung verschwimmen die klaren Grenzen, und aus Trennung wird Gemeinsamkeit. Die Hand und die Fläche, auf der sie ruht, werden zu einem System, das sich verändert, und das in seinen nunmehr inneren Beziehungen wechselwirkt.
Erfahrene Handwerker:innen benötigen sehr wenig Zeit, um sich mit dem, was sie gestalten wollen, zu verbinden, und um sich gewandt (prozessorientiert) zu bewegen. Die resultierende Gestaltungs-Kunst erstaunt, weil sie mühelos erscheint. Wer das nicht erfahren konnte, wird versuchen, mehr oder weniger geschickt zu hantieren oder zu manipulieren. Dabei bleibt ihm das Objekt, das verändert oder untersucht werden soll, fremd und von seinem Subjekt getrennt.
Das mag zur Erreichung kurzfristiger Ziele reichen, ist aber oft unschön.
Gewaltfreies Handeln lernen
Die Kunst gewaltfreien Handelns keimt aus einer Überraschung: Gewaltlosigkeit kann hochwirksam sein. Es ist nicht nötig, zu kämpfen. Dann kann Neugier entstehen: wie man gewandtes Handeln erlernen kann. Und vielleicht auch eine Sehnsucht, friedvollen, heilsamen Beziehungen zu wirken.
Die Grundprinzipien gewaltfreier Kommunikationstechnik können theoretisch einfach erfasst werden. Die Entwicklung körperlicher Gewandtheit, beinhaltet aber vieles, was nicht direkt bewusst gesteuert werden kann, weil es im ganzen Körper eingeprägt wird. Dazu zählen auch Einstellung, Intention, Herausreichen, Tasten, Fühlen und Gestalten in Beziehung und Verbindung. Besonders unter Belastung konsequent gewaltfrei zu handeln, erfordert persönliche Erfahrung.
Gewandtheit entsteht aus dem Tun, durch immer wieder neues, direktes Erleben. Und aus dem ständigen Abgleich zwischen aktiv-handelnder und passiv-fühlender Sinneswahrnehmung. Oft über viele Jahre.
Die Selbstsicherheit gewaltfreien Handelns erwächst aus der Praxis. Bei achtsamer, geduldiger Selbstwahrnehmung und unter Begleitung erfahrener und wertschätzender Mentor:innen.
Mehr
Literatur
- Buzsáki G: 2026: buzsakilab.com/wp/publications/, Video: www.youtube.com/watch?v=1vbItd0l1r0)
- Drukarch B: Thinking about the action potenzial, Front. Cell. Neurosci., 2023, Sec. Cellular Neurophysiology. Vol. 17)
- Glenberg A: Embodiment as a unifying perspective for psychology, Cogn Sci 2010 1 586–596)
- Llinás R: The I of the Vortex: From Neurons to Self, Bradford, 2002
- Myers T: Anatomy Trains, Churchil Livingston 2001. Reprint 2014
- Porges St: The vagal paradox: A polyvagal solution. Comprehensive Psychoneuroendocrinology Volume 16, November 2023
- Scarr G.: Helical tensegrity as a structural mechanism in human anatomy, International Journal of Osteopathic Medicine 2011;14:24-32,
- Wolpert D.: Publikationen und Video: https://zuckermaninstitute.columbia.edu/our-science