28. Januar 2020

Esterisches Heilen

Wer heilt hat Recht:

Selbst wenn die Evidenz für die Wirkung des zugrundeliegenden Prinzips gering zu sein scheint.

Denn es gibt viele Patient*innen, die gesunden, wenn sie „esoterische“ Methoden“ nutzen. Deshalb erfreut sich diese Art des Heilens auch einer bleiben großen, oder besser wachsenden Nachfrage:

Im Vatikan diskutierten Anfang 2020 Vertreter der christlichen, islamischen und jüdischen Religionen über die Ethik geistlich-begleiteten Heilens (Sokol 2020), die Bundesärztekammer hält die Anwendung täuschender Medikamente weiterhin für ethisch gerechtfertigt (Jütte 2010, 2019), Ärzte erkennen die Wirksamkeit von „Geist-Heilungen“ (Gopichandran 2015), die Pharmaindustrie forscht an der Optimierung der Placebo-Wirkungen (www.placebo-competence.eu) und schließlich beschäftigt sich noch eine wissenschaftliche Zeitschrift mit diesem Thema:

Das „Journal of Religion and Health“ untersucht die zeitgenössischen Formen des religiösen und spirituellen Denkens mit besonderem Schwerpunkt auf ihrer Bedeutung für die aktuelle medizinische und psychologische Forschung.

Wer sich mit diesem Teil des Gesundheitsmarktes beschäftigen will, steht vor einem wuseligen „Geschwurbel“ unklarer, sich überlappender Begriffe, die Nebelschwaden ausdünsten. Wer sich mit diesem Teil des Gesundheitsmarktes beschäftigen will, steht vor einem wuseligen „Geschwurbel“ unklarer, sich überlappender Begriffe, die Nebelschwaden ausdünsten. Wenn z.B. eine Herangehensweise an ein Problem als „ganzheitlich“ angepriesen wird – weiß dann irgendjemand, was „eigentlich“ damit gemeint sein könnte? Ein „Ganzes“ wäre klar: Ein aus einem größeren Zusammenhang herausgegriffener und definierter Teil. Was aber könnte „…heitlich“ oder „… heitlichkeit“ bedeuten?

Und überhaupt: Gibt es „Schul- und Alternativ-Medizin?“ überhaupt als klar getrennte Bereiche des Medizinmarktes, oder sollte man nicht besser nur von „guter und schlechter Medizin“ sprechen? (s.u.)

Das Gemeinsame der esoterischen Heilverfahren

Der Begriff Esoterik stammt aus dem Griechischen und bezeichnete eine Lehre, die nur für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist. Eine ausgewählte Gemeinschaft strebt nach einer „tieferen Erkenntnis“, geht einen „spirituellen Weg“, folgt einem „höherem Wissen“, sucht „absolute Wahrheiten“ und „intensive Verbundenheit“ und arbeitet an der Vervollkommnung der Erkenntnis oder an der ultimativen „Erleuchtung“. Nach außen, gegenüber den Gläubigen werden einfache Wahrheiten, Regeln und Anweisungen verkündet. Ganz ähnliche Verhaltensmustern finden sich auch bei größeren Religionen und auch bei dogmatisch-universitären Wissenschafts-Modellen („Eminenz based Medicine“).

Der Ägyptologe Assman (s.Lit) spricht von der „doppelten Religion“: Sie besteht aus der Offenbarung, die der Herrschaftserhaltung dient. Und aus einer mysteriösen Ur-Erkenntnis, die nur den Eingeweihten zugänglich ist.

Warum sind esoterische Heilverfahren so attraktiv?

Mich beschäftigte diese Frage, seit ich in Afrika (für mich) erstaunliche Heilerfolge erlebte. Und später umso mehr, als ich verschiedene Formen indischer und chinesischer Bewegungsmethoden erlernte und trainierte, deren Philosophien eng mit esoterischen Heilkonzepten verwoben sind.

Da mich neugierig-kritische Fragen viel mehr interessieren, als „unzweifelhaft-wahre“ Antworten, bin ich völlig ungeeignet, einen esoterischen Heilungsweg zu begehen, geschweige denn selbst esoterisch-heilend tätig zu werden. Aber ich kann versuchen zu erkennen, was wirkt (wenn es wirkt), wo Gefahren verborgen sein können und ggf., wie die Rituale der Anwendung Patient*innen nutzen könnten.

Einfache Heilkonzepte in Afrika

Mein erster Kontakt mit esoterischer Heilung begegnete mir als unerfahrener, überforderter, „Entwicklungshelfer“ in Tansania. Mit der traditionell ärztlichen Behandlung vieler Allerweltskrankheiten kam ich nach einer Weile durch „Learning by doing“ schlecht und recht klar. Aber von vielen Leiden hatte ich absolut keinen Schimmer, z.B. (u.v.a.) von Schlangenbissen oder Psychosen. Beides kam aber relativ häufig vor. Also war ich froh zu hören, dass in unserem Städtchen esoterisch-schamanistische Spezialisten gäbe, die beide Leiden „heilen“ könnten. Getrieben von Neugier (und Hilfslosigkeit) suchte ich die dann auf, befragte sie nach ihren Geheimnissen und begann schließlich mit ihnen zu kooperieren.

Der Schlangenexperte rettete Leben mit dem „Schwarzen Stein“. Der traditionelle „Psychiater“ besänftige geistig Verwirrte mit einer Vielzahl von Ritualen, u.a. dem Schlucken von Zetteln auf die Koran-Sprüche gekritzelt waren.


Mein schwarzer Stein, mit dem ich leider keine Schlangenbisse heilen kann. Denn die Opfer würden es mir nicht glauben, dass es sich um ein Original handele und bezweifelten, dass ich damit umgehen könne. Bild: Jäger

Beiden Formen von Wunderheilungen lagen erstaunlich ähnliche Grundprinzipien zu Grunde:

  • Anwender*innen und Heiler waren gleichermaßen zutiefst (d.h. frei von jedem Zweifel) davon überzeugt, dass das, was getan wurde, unzweifelhaft spezifisch wirke. Also punktgenau das Problem träfe: dass das Schlangengift neutralisiert oder der Teufel, der den Kranken tyrannisierte, vertrieben werde.
  • Die Kranken konnten jeweils sicher sein, einen lang-erfahrenen, hoch-kompetenten Experten vor sich zu haben und reine, unverfälschte, originale Produkte zu erhalten, eingebettet in kulturell vertraute Rituale.

Wurde also ein Bauer von einer kleinen, grünen, bösartigen Baumschlange gebissen, sah er sich dem Tode nahe. Folglich aktivierte er sein Stress-Überlebenssystem (Aktivierung von Herz, Atmung, Muskelanspannung …) Oder noch schlimmer: er geriet in Panik und brach schweiß-überströmt zusammen.

Gelang es rechtzeitig, den Schlangen-Schamanen herbei zu rufen, legte dieser seinen schwarzen Stein auf die Bisswunde. Den hatte er zuvor wochenlang aus Knochenmehl, Kalk, Holzkohle uva. nach alten Rezepturen mühsam hergestellt. Der Patient sah sich gerettet, weil sowohl der Zauberstein als auch der Schlangenexperte Wunder wirken würden.

Herzschlag und Blutdruck sanken, und er fiel erschöpft in eine schlaf-ähnliche Trance. Damit stiegen seine Chancen das Gift zu überleben, denn es wurde langsamer zum Herzen transportiert, das Immunsystem konnte beruhigt tätig werden, und das Gehirn war mit einem trance-bedingt-geringem Grundumsatz weniger empfindlich.

Die psychiatrische Heilung verlief ähnlich: Denn auch der arme Psychotiker war extrem gestresst, weil er sich von einem Dämon besessen glaubte. In diesem Zustand konnte er seine Hirnanteile nicht mehr koordinieren und hörte wirres Zeug. Folglich brauchte er vor allem Sicherheit, dass es jetzt gut werde. Deshalb ließ er sich gerne durch kultur-vertraute, „hochspezifischen“ Anti-Dämon-Rituale besänftigen und in Trance versetzen, um seine akute Krise auszuschlafen.

Diese Ur-formen der schamanistischen Heilung sind in vielen Kulturen viele Male untersucht worden. Menschen scheinen eine Erlaubnis zu brauchen, um zu heilen (Placebo-Paradox s.u.). Das macht evolutionär Sinn, denn wenn sie gebraucht werden, dürfen sie noch nicht sterben. Werden sie dagegen von der Gruppe zurückgelassen wäre ein schneller Tod besser. Schaman*innen, die ihr Wissen nur ein oder zwei (meist verweandte) Auserwählte weitergeben, tun deshalb zweierlei: sie kümmern sich und sie versöhnen (s.u. Ursprung der Heilkunst).

Die Zusammenhänge, die den afrikanischen Erlebnissen zugrunde-liegen sind inzwischen durch die Placebo-Forschung sehr gut entschlüsselt (s.u. Placebologie).

Komplizierte, verschulte, esoterische Heilverfahren

Aber wie steht es es mit den vielen, unendlich-komplizierten Heilsystemen wie Ayurveda-Unani (s.u.), Anthroposophie, „traditionelle chinesische Medizin“ (s.u.), Psychoanalyse, Phytotherapie, Homöopathie s.u.), … . Zumal bei diesem großen Erkenntnissystemen die Grenzen zur modernen Pharma-Medizin, Pflanzenmedizin, Physiotherapie, Religion, Wissenschaft und Psychotherapie fließen?

Xiushen Tu. Ein daoistische Zeichnung des menschlichen Körpers aus der Sicht innerer Alchemie und Kosmologie. Möglicherweise aus dem 10. Jhh., erhaltene Kopie aus dem 19. Jhh. Die Begriffe sind so vielgestaltig und mehrdeutig, dass es nur Exper*innen sie lesen können. Folglich werden sie von vielen anders interpretiert und geglaubt. Es gibt viel Sekten, Meister und Wahrheiten, und die „wirklichen Großmeister“, sind die, die eine höchste
Hierarchiestufe erreicht, und eine große Anhängerschaft um sich versammelt haben.
Dt.-Engl.-Text (ohne Garantie für Qualität des Inhaltes) Foto: Jäger 2020

Ich vermute, dass auch den scheinbar so unterschiedlichen (und zum Teil extrem verschulten) Heil-Systemen (zumindest einige) vergleichbare Prinzipien zugrunde liegen:

Das Modell, auf dem sie beruhen, muss in seinen Grundstrukturen so einfach sein, dass Patienti*innen an sie glauben können (s.u. Unani). Das Vorstellungsmodell der Heilung ist also wesentliche einfacher, als die dynamische chaotische Realität, die (unberechenbar und ungewiss) Angst einflößt. Durch geeignete Rituale kann dann das Unfassbare einfach benannt (Diagnose) und dann auch durch eine punktgenaue (esoterische) Therapie beherrscht werden.

Das esoterische Modell reduziert also die hochkomplex-undurchschaubare, quantenphysikalisch-wirre Dynamik auf einen nur noch „komplizierten“ Zusammenhang. Die „Kompliziertheit“ dieses Systems ist aber wiederum so hoch, dass es nur von spezialisiert-qualifizierten Expert*innen durchschaut werden kann.

Anamnese, Rituale, Berührungen, Symbole, Gespräche, Lehren uva. bringen Zusammenhänge ins Bewusstsein, auf die Patient*innen niemals selbst gekommen wären. Allein das hat an sich heilenden Charakter. Denn es setzt einen neuen Bezugsrahmens, in dem ein Problem völlig neu neu akzeptiert und betrachtet werden kann. Im Coaching wird diese Methode Umdeutung („Reframing“) genannt (s.u.).

Dabei wirkt allein die Diagnostik schon therapeutisch, weil das (bisher fremdartige) Problem einen Namen erhält und damit schon vertrauter erscheint, weil ja jetzt etwas getan werden kann:

„Niemand hatte bisher bei dir etwas gefunden, dabei ist es ganz einfach: Du hast eine XY-Schwäche, eine AB-Vergiftung, eine WZ-Stase, einen DE-Mangel, eine KL-Infektion, eine PQ-Disbalance …“

Für die Auslösung heilsamer „System-Effekte“ (die den gesamten menschlichen Organismus beeinflussen), ist es nicht nötig, dass etwas spezifisch wirkt. Die Belohnungszentren des Gehirns, die u.a. das Hormon Dopamin ausschütten, werden vielmehr schon dann aktiviert, wenn etwas Wichtiges in erreichbare Nähe rückt, so dass es scheinbar „sicher“ erreicht werden kann (aber noch nicht erreicht wurde).

Für den Erfolg von Heilritualen ist es deshalb wichtig, dass nicht nur die Empfänger, sondern auch die Anwender einer Methode „zutiefst“ davon überzeugt sind, dass sie punktgenau-spezifisch wirken wird. Das Belohnungssystem der Ärzt*innen muss Vorfreude auf den Erfolg ausstrahlen, damit diese Sicherheit von ihren Patient*innen unbewusst wahrgenommen und gespiegelt werden kann. Körperhaltung, Mimik und Sprachmelodie der Heiler*innen sind dabei von großer Bedeutung, da sie Wahrhaftigkeit vermitteln oder, wenn sie (unbewusst) widersprüchlich erscheinen, auf Betrug hinweisen würden.

Ein nicht-spezifisches Ritual wirkt daher besonders intensiv, wenn es von Personen angewandt wird, die durch jahrzehntelanges Training in ihrem Glaubens-Modell „absolut sicher“ zu wissen glauben, dass ihre Handlung punktgenau und spezifisch wirke. Das Training im jeweiligen schamanistischen Glaubenssystem muss möglichst komplex und schwierig sein, damit die gläubigen Anwender*innen (nach hohem Zeit- und Kostenaufwand) die Grundannahme des Denkmodells nicht mehr in Frage stellen.

Wenn die Heiler*innen einen Gesundungs-Effekt beobachten, bestätigt sie das in ihrem Modell-verständnis. Denn ihre Heilslehre sei in ihrer Wahrheit bestätigt worden. Ist das nicht der Fall, dann muss es daran liegen, dass bei der Anwendung wohl ein kleiner Fehler aufgetreten sei, der das nächste Mal sicher ausgebügelt werde. D.h. ein schamanistische Glaubensprinzip wird durch jedes Ergebnis bestätigt.

Wenn die Realität der Theorie einmal widerspricht:
Umso schlimmer für die Realität! Watzlawick

Die großen esoterischen Behandlungssysteme wurden im Laufe der Jahrzehnte (oder Jahrhunderte) immer komplizierter. Damit stiegt die Bedeutung der Expert*innen, die eine bestimmte hierarchische Höhe erklommen haben müssen, um Meister*in oder Großmeister*in genannt werden.

Da die Zahl der im Modell verwendeten Begriffe (und Beziehungen zwischen ihnen) inflationär anstieg, können die Anwender*innen heute immer weniger verstehen, und müssen daher umso intensiver glauben. Lernerfolge, die zu Verhaltensänderungen führen könnten sind daher eher ungewiss.

Trotzdem: Kann moderne Medizin von esoterische Heils-Systemen lernen?

Ich denke: ja. Denn die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen geistigen und körperlichen Faktoren müssten in der Medizin ernst-genommen werden. Die mechanische Kriegs-Medizin des 19. Jahrhunderts müsste durch eine System-Medizin abgelöst werden, die dem Stand naturwissenschaftlichen Denkens entspräche. Der Gesamtzusammenhang, in dem Probleme und Störungen auftreten, könnte viel mehr an Bedutung gewinnen. Und man könnte mit den Betroffenen gemeinsam suchen, wie die Zahl ihrer Handlungsmöglichkeiten erhöht werden könnte. Und wie sie selbst ihr Lebens-Schiff besser steuern.

Dazu müsste sich die Qualität der Kommunikation zwischen Ärzt*innen und Patient*innen deutlich verbessern. Und zwar transparent und offen, denn

  • Täuschung und Hokuspokus wären für die Erfolge esoterischer Heilverfahren (eigentlich) nicht nötig, und
  • wer lernen will, um sich und sein Umfeld sinnvoll zu verändern, muss mehr fragen und weniger glauben.

Links

Literatur

  • Assmann J: Religio duplex. Verlag der Weltreligionen 2017
  • Gopichandran V: Faith healing and faith in healing. Indian J Med Ethics. 2015
  • Jütte R (2019): Selbst eingebildete Pillen können wirken Dtsch Arztebl 2019; 116(31-32): A-1426 / B-1181 / C-1165 h-ps://www.aerztebla-.de/archiv/209146/Placeboforschung-Selbst-eingebildete-Pillen-koennen-wirken
  • Jütte R et al.(2014): Placebo: Wirkungen sind meßbar, DÄB 2014, 21: 802-804, www.aerzteblatt.de/14936
  • Jütte R. et al. (2010): Placebo in der Medizin 22.12.2010, Deutscher Ärzte Verlag, http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Placebo_LF_1_17012011.pdf. „Pseudo-Placebo“ s. Seite 182 Die Zeitschrift „Journal of Religion and Health“ untersucht die zeitgenössischen Formen des religiösen und spirituellen Denkens mit besonderem Schwerpunkt auf ihrer Bedeutung für die aktuelle medizinische und psychologische Forschung.
  • Sokol D: Religion and spirituality in medicine: friend or foe? Religion may be profoundly important to some patients but is not a trump card BMJ 2020;368:m106
Letzte Aktualisierung: 28.01.2020