13. März 2022

Keimtheorie

Was haben Pocken, Pest, HIV und COVID-19 gemeinsam?

Es ist das „.. ideologische Festhalten an der maschinenparadigmatischen Ausrichtung in der Medizin und die damit verbundene eindimensionale und zeitlich begrenzte Sicht … Im Umgang mit Pandemien rein auf den stofflich-biologischen Aspekt des Erregers zu blicken und dabei Maßnahmen zu priorisieren, die auf das Ausmerzen des Erregers und die Isolation des Wirts abzielen, müssen scheitern, weil sie der Komplexität des Problems nicht entsprechen können.

Ein Paradigmenwechsel in der Medizin würde demgegenüber die komplexe Wechselwirkung zwischen Erreger, Mensch und Umwelt in den Vordergrund von Diagnose, Behandlung und Prävention von Pandemien stellen. Er würde den Menschen mehr in die Verantwortung nehmen und seine angeborenen und erworbenen, immunologischen Schutz- und Abwehrfähigkeiten, die über das Biologische hinaus in die psychologische und soziale, ja kulturelle Sphäre reichen, in den Vordergrund stellen.“ (Zitat: Prof. Christian Schubert, August 2021)

Die schwere Geburt der Keimtheorie

Vor zweihundert Jahren war es gefährlich, Ärzte aufzusuchen, wenn man gesund werden wollte. Selbst John Snow, der Chirurg, der entdeckte, dass Cholera durch Trinkwasser übertragen wird, verschlimmerte damals den Zustand seiner Patient:innen mit Aderlässen.

Sind die finsteren Zeiten der Medizin Geschichte?

Nicht ganz, denn auch die moderne Medizin wird bestimmt von einer Denkrichtung des 19. Jahrhunderts: von der so genannten Keimtheorie der Chemiker Louis Pasteur, Jacob Henle und Robert Koch (Henle-Koch-Postulate).

Ihr kriegerisches Krankheitskonzept beruhte auf der Vorstellung, dass Menschen solange gesund seien, bis sie von äußeren Feinden angegriffen würden. Infektionen, wie Tuberkulose, seien die Ursache (und nicht etwa die Folge) des Elends, in dem die Menschen der frühen industriellen Revolution lebten. Ihr einfaches Erklärungsmuster von „Gut und Böse“ entsprach dem Zeitgeist:

In den Kriegen des Imperialismus mussten Feinde erkannt, isoliert, bekämpft und vernichtet werden. Mediziner kämpften also (Seite an Seite mit den Kolonial-Offizieren) an einer anderen Front: gegen die Seuchen. Denn die bedrohten, wie die Schlafkrankheit, die Erträge aus den Kolonien. Die Entscheidungsträger der industriellen Revolution hatten dagegen kein Interesse an der Thematisierung von Umweltproblemen oder sozialen Zusammenhängen.

Deshalb sollten auch ihre Militärärzte Tuberkulose und Lepra bekämpften, und nicht nach den Hintergründen von Armuts-Erkrankungen forschen. Die damals bekannten alternativen Hypothesen der Entstehung von Krankheiten, wurden verdrängt und rasch vergessen:

verdrängt von den Kriegs-Helden im Kampf gegen die Seuchen:

Widerspenstige Heiden

Das neue, kriegerische Krankheitskonzeptes stieß trotzdem bei einigen Wissenschaftler:innen und Mediziner:innen auf vorübergehend ernst zu nehmenden Widerstand, der bekämpft werden musste. Am effektivsten, in dem man ihn lächerlich machte.

Max von Pettenkofer

Max von Pettenkofer wurde 1847 zum Professor für Chemie in München berufen. Er beobachtete, dass Infektionserkrankungen wie Cholera und Typhus in Stadtteilen mit feucht-moderigem Boden entstanden. Also in Elendsquartieren, in denen Abwasser und Fäkalien nicht abfließen konnten, und so die Trinkwasserversorgung gefährdeten. Mit großer Zähigkeit gelang es ihm, die Politik in München für den Bau einer flächendeckenden Kanalisation zu bewegen. Auf seine Initiative schuf die Universität München den Lehrstuhl Hygiene und berief ihn dafür als ersten Professor. Unter seiner Leitung zählte München dann bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu den saubersten Städten Europas.

Als Robert Koch 1884 den Cholera-Erreger isolierte, blieb Pettenkofer skeptisch. Er glaubt nicht, dass dieser Keim die alleinige Ursache von Epidemien sei. Auch bei der großen Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg, die der Keimtheorie zum endgültigen Durchbruch verhalf, zweifelte Pettenkofer an Kochs Theorie. Denn sie erklärte für Pettenkofer nicht schlüssig, warum nur bestimmte Stadtteile stark betroffen waren. Er vermutete vielmehr, dass Krankheiten durch komplexe Wirkungs-Zusammenhänge hervorgerufen würden. Die Gefährlichkeit von Keimen könne sich, seiner Meinung nach, durch Umweltbedingungen verändern. Und die Zufuhr bösartiger Keime allein, müsse bei körperlich gesunden Menschen nicht zwangsläufig zur Erkrankung führen. Also entschloss er sich zu einem Selbstversuch, und trank 1892 (im Alter von 74 Jahren) eine „Bouillon“ des Choleraerregers, der ihm aus Hamburg zugeschickt worden war. Anschließend beschrieb er akribisch seine körperlichen Reaktionen: den geringen Durchfall und das Unwohl, das ihn nicht daran hinderte, sein tägliches Viertel Rotwein zu genießen. Er fühlte sich darin bestätigt, dass die Krankheitserreger im Prinzip zunächst relativ harmlos seien. Im Rahmen von Umweltverschmutzung mit Fäkalien etc., führten sie aber zu etwas Bösartigem, das durch Gär- und Fäulnisprozesse Giftstoffe (Miasmen) erzeuge, die bei körperlich geschwächten Personen zu den Krankheiten führten.

Seine Miasma-These wurde von den modernen Keimtheoretikern verlacht. Hinsichtlich der Cholera behielt er allerdings (in wesentlichen Aspekten) Recht. Er unterschätzte zwar die Bedeutung des Lebensraums der Cholera-Bakterien im Wasser, aber der von ihm vermutete Zusammenhang der Entstehung der Cholera-Krankheit war korrekt (Morabia 2007).

Cholera-Bakterien sind ursprünglich normale Bestandteile gesunder Ökosysteme im Brackwasser tropischer Küstenregionen. Sie leben dort in kleinen Krebsen und sind hervorragend an diesen Wirt angepasst. Die Verwandlung in einen Infektionserreger vollzieht sich bei ihnen durch Veränderungen des Säuregehaltes des Wassers und seiner Anreicherung mit Fäkalien und Schmutzteilchen. Werden leicht veränderte Bakterien dieser Art geschluckt, überleben nur die, die in der Lage sind, eine Schleimschicht um ihren Bakterienverband herum zu erzeugen. Werden diese „hyper-infektiösen“ Schleimverbände wieder mit Trinkwasser aufgenommen, eröffnet sich den inzwischen sehr untypischen Bakterien die Chance einer neuen ökologischen Nische, indem sie sich an die Darmwände anheften und so starke Durchfälle erzeugen. Aber auch die harmloseren (nicht-schleimbildenden Varianten) der Cholerabakterien haben eine evolutionäre Chance, wenn kein Abwasser getrunken wird. Sie können sie sich der Wirtsflora anpassen und sind dann unauffällige Teile der Darmflora kerngesunder Menschen.

Die Bekämpfungsstrategien der Keimtheorie gegen Cholera (Trinkwasserbrunnen , Antibiotika) allein können daher die immer wieder ausbrechenden Cholera-Epidemien nicht verhindern. Denn die ökologischen und sozialen Zusammenhänge der Cholera-Krankheitsentstehung sind komplex (Reyburn 2011).

Hätte man Pettenkofer am Ende des 19. Jahrhunderts ernst genommen, wäre die Bedeutung der Seuchen-bekämpfung relativiert worden. Man hätte sich stattdessen mehr Gedanken gemacht, wie ökologisch nachhaltiges und menschenwürdiges Leben gefördert werden könnte.

Antoine Béchamp

„Ich bin der Vorgänger von Pasteur, exakt so wie der Bestohlene der Vorläufer eines glücklichen und dreisten Diebes ist, der ihn verhöhnt und beleidigt“ („Je suis le précurseur de Pasteur, exactement comme le volé est le précurseur de la fortune du voleur heureux et insolent qui le nargue et le calomnie“). Brief vom Mai 1900 von Antoine Béchamp (Quelle: Nonclercq 1982)

Der Chemiker Antoine Béchamp entdeckte 1850 (~15 Jahre vor Louis Pasteur) „kleine Körperchen“ außerhalb von Zellen. Er nannte sie Mikrozyma. Damit müsste er, als Entdecker der Keime, eigentlich als Vater der Bakteriologie gelten. Sein jüngerer Chemie-Kollege Pasteur experimentierte damals noch an der These der „Krankheitsentstehung durch Vergärung“ herum. Aber er blieb damit erfolglos. Zunächst hielt er Béchamps Entdeckung lebender Wesen außerhalb der Zellen für Unsinn. Schließlich aber kopierte er die Kleinlebewesen-Idee von Béchamp, und gab sie als seine eigene aus. Béchamp war zwar der etablierte Gelehrte, aber Pasteur hatte die bessere Beziehungen zu den Mächtigen seiner Zeit. Folglich verlief der Plagiat-Streit für den älteren Forscher Béchamp nicht erfolgreich. (Hume 1942, Nonclercq 1982)

Béchamp stellte sich Bakterien als im Organismus und auch in den Zellen lebende Wesen vor. Zellen und die Miniwesen seinen miteinander verwoben und könnten in unterschiedlichen Erscheinungsformen auftreten (Pleomorphismus). Ginge es einem Organismus schlecht, würden die Miniwesen außer Kontrolle geraten.

Die „Mikrozymen“ seien also nicht Ursache, sondern Folge eines Krankheitsprozesses. Ginge es dem Organismus gut, lebte sein Ökosystem (mit verschiedenen Beteiligten) friedlich zusammen. Gerieten die Zellen und Organe dagegen in eine Krise, könnten sich die Miniwesen vermehren und sorgten für die weitere Verschlechterung des Krankheitsbildes.

Ähnlich wie Pettenkofers Thesen passten auch die von Béchamp nicht zum damaligen Zeitgeist. Wäre man seinen Vorstellungen gefolgt, hätte man sich intensiver mit der inneren Ökologie von Organismen und Zellen beschäftigen müssen. Es hätten nicht über 100 Jahre verstreichen müssen, bis Biologen erkannten, dass viele seiner Gedanken in eine richtige Richtung wiesen. Hätte man sein Thesen nicht ins Lächerliche gezogen, wäre die Komplexität des Zusammenlebens zwischen Zellen und Mitochondrien und zwischen Körperfunktionen und menschlichem Mikrobiom / Virom früher erforscht worden.

Vermutlich wäre auch die Frage, warum Menschen krank werden (Pathogenese), weniger überbetont worden gegenüber Forschungen, warum Menschen trotz widriger Umstände gesund bleiben (Salutogenese).

Streit unter Geschwistern

Bis heute bekämpfen sich die Anhänger der Keimtheorie und der Homöopathie: ideologisch und leidenschaftlich. Und das, obwohl der Grundgedanke der Homöopathie (Gleiches heilt Gleiches – similia similibus curentur) die theoretische Basis des Impfens bildet.

Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Medizin-Ideologien war und bleibt der Stellenwert, den sie medizinischen Interventionen beimessen. Die Keimtheorie begründete die Anlage ihres wachsenden Waffenarsenals, weil damit immer neue lebende Gegner (u.a. auch Krebszellen) spezifisch abgewehrt oder vernichtet werden können.

Hahnemann hatte dagegen (ohne dass es ihm und seinen Anhänger:innen bewusst wurde) den spezifischen Effekt seiner Medikamente auf absolut Null reduziert. Damit gelang es ihm absolut nebenwirkungsfreie Arzneimittel zu erzeugen. Denn wo nichts ist, kann auch nichts schaden. Das war z.B. bei der Cholerabehandlung in der Mitte des 19. Jahrhunderts sehr hilfreich, weil die klassische Medizin die Infektionskrankheit durch Aderlässe (und andere Foltern) verschlimmbesserte, und zusätzlich die Sterblichkeit erhöhte, weil die Betroffenen nichts trinken sollten. Die spätere Keimtheorie nahm bei der Anwendung ihrer spezifischen Hochleistungswaffen (wie Antibiotika) Kollateralschäden bewusst in Kauf. Die Nachfolger Hahnemanns, die sich dagegen empörten, nutzten (ohne es zu wissen oder gar so zu benennen), den reinen Systemeffekt der Arzt-Patient-Beziehung destilliert. Bei der Keimtheorie dagegen war (und ist) die zwischen-menschliche Beziehung weniger wichtig, weil ja die spezifische Chemikalie wirkt.

Vor dem Hintergrund des heutigen systembiologischen Wissens sind beide Ideologien gleichermaßen veraltet und museal.

Mehr

Geschichte des Krieges gegen Keime

Die moderne Medizin stammt aus dem Kolonialismus

Jim Downs : “Maladies of Empire: How Colonialism, Slavery, and War Transformed Medicine” Harvard Univ Press, 2021.

Während des amerikanischen Bürgerkrieges (Ende des 19. Jahrhunderts) sammelten und testeten Ärzte der den Südstaaten Pocken-Material an versklavten Säuglingen und Kindern:

… Southern doctors tested smallpox vaccines and harvested that material within enslaved infants and children during the Civil War. …“ Jim Downs, (Medizinhistoriker) 2021

In französischen Kolonien versuchte man in den 1950iger Jahren, die Schlafkrankheit auszurotten. Dabei setzte man große Hoffnungen auf ein neues Medikament: Lomidine oder Pentamidin.

Lomidine/Pentamidin wurde im Rahmen von Massenkampagnen zwangsweise gespritzt. Der Nutzen war allerdings gering. Dafür erkrankten viele Patient:innen an diesem „kleinen Pieks“. Andere verstarben an den Krankheitsfolgen. Erst 1957 wurden diese Menschenversuche eingestellt. Anschließend tat man alles, um die angerichteten Schäden zu vertuschen. (Lachenal 2014) Das Misstrauen der Bevölkerung blieb (Lowes 2018).

Eine folgenreiche Verseuchung mit Hepatitis C fand in Ägypten statt. Dort begann man vor über sechzig Jahren damit, die Pärchenegel-Wurmerkrankung zu bekämpfen, deren Inzidenz zunahm als 1964 der schnell fließende Nil durch den Assuan-Staudamm gezähmt wurde. Das Gesundheitsministerium ließ große Teile der Bevölkerung mit Injektionen behandeln, die Antimon-Kalium-Tartrat enthielten. Diese giftige Antimon-Verbindung, die damals für das einzig wirksame Mittel gegen die Würmer gehalten wurde, wird heute selbst in der Tiermedizin nicht mehr verwandt. Erst ab 1980 wurde sie, auch in Ägypten, langsam durch ein nebenwirkungs-ärmeres (aber relativ teures) Medikament ersetzt. Einige Jahrzehnte nach dem Beginn der Kampagne fiel in Ägypten eine Epidemie von Hepatitis C auf, für die es zunächst keine Erklärung zu geben schien. Dann stellte sich aber heraus, dass die meisten der an Hepatitis C Erkrankten Anti-Wurm-Spritzen erhalten hatten.

Es hat manchmal auch rationale Gründe, warum viele Menschen in ökonomisch und sozial schwachen Ländern Präventionsmaßnahmen aus dem Weg zu gehen versuchen.

„Lasst uns etwas ausrotten!“: Geburt der imperialen Kriegs-Medizin

G. Lachenal: The Lomidine Files 2016

Die kriegerische Wortwahl früher Infektiologen, wie uva. William Gorgas, entsprach dem Zeitgeist des Imperialismus. Man musste „Seuchen“ bekämpfen und ausrotten, weil sie die Kolonialtruppen bedrohten, und die Erträge der Plantagen gefährdeten. Soziale oder psychologische Zusammenhänge, oder ein friedliches Gedeihen von Ökosysteme interessierte nicht. Ebenso wenig Menschenrechte oder nicht-infektiöse Leiden, die sich durch Lebensumstände, Kriege oder Umweltzerstörung verschlimmerten.

William Gorgas gelang es in den 30iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, zuerst Havanna und dann auch die Panama-Kanalzone von Gelbfieber zu befreien. Seine Gegner waren die Aedesmücken. Lebensbedingungen, Wohlergehen und Bürgerrechte der Menschen, in deren Umwelt die Mücke brütete, ließen ihn gleichgültig. Militärisch planend, rücksichtslos und mit brachialer Gewalt sanierte er Elendsquartiere, versprüht Tonnen von Kersosin und setzte Zwangs- und Quarantänemaßnahmen durch.

Mit dieser Strategie war er sehr erfolgreich: Die Gelbfiebererkrankungen wurden tatsächlich verdrängt. (Packard 2016) Allerdings lebten die Menschen anschließend weder besser, noch gesünder.

Aber immerhin verstarben sie nicht mehr an Gelbfieberviren.

Sehr lange hielten die Erfolge nicht an. Denn die Aedesmücken konnten sich im Rahmen der Verstädterung weltweit immer weiter verbreiten, und sie übertragen heute  u.v.a. Dengue- und Zikaviren. Gelbfieberviren kommen nur deshalb nicht mehr so häufig vor, weil sie aus tierischen Reservoiren in Regenwaldgebieten stammen, und die werden immer weiter abgeholzt.

Dann wurde das Pestizid DDT erfunden, und man glaubte nun endlich die ganz große Seuche Malaria vernichten zu können. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte sie zu ihrem Hauptgegner und ließ weltweit viele Tonnen des neuen Giftes versprühen.

Schädlinge ausrotten, um die Produktion zu steigern

Auf den französischen Antillen wurde Chlordécone, eine organische Chlorverbindung, versprüht. Sie weist östrogenartige Eigenschaften auf und wird biologisch nicht oder kaum abgebaut. Zwischen 1981 bis 1993 wurde Chlordécone (gemeinsam mit der toxischen Ammoniumverbindung Paraquat) in großen Mengen eingesetzt, um einen Bananenschädling zu bekämpfen, obwohl seit 1979 bekannt war, dass Chlordecone Krebs auslösen kann. Für das französischen Festland wurde deshalb 1990 der Chlordécone-Gebrauch verboten. Erst zwei Jahre später auch auf den Inseln, wo es aber weiterhin lange Zeit illegal weiter genutzt wurde. 1999 wurde erstmals über eine hundertfach über dem oberen Grenzwert liegende Konzentrationen von Chlordecone im Grundwasser berichtet. Bei Untersuchungen im Jahr 2005 wies 99% des Trinkwassers hohe Schadstoffkonzentrationen auf. Chlordécone gelangt (oder abgebaut zu werden) in die Nahrungskette, findet sich heute  in hohen Konzentrationen in Gemüse und Nutztieren. Der ökologische Schaden ist unumkehrbar: Die Halbwertzeit von Chlordécone beträgt 60-100 Jahre. (BEH 2011)

In den kontaminierten Regionen leben etwa 80.000 Personen und 13.000 von ihnen führen sich über Nahrung und Wasser über 0,5µg/kg/Tag zu. (Franceinfo 19.12.2017)

Chlordecone wirkt schädlich auf Leber- und Nierenzellen, es hemmt die Spermaproduktion und führt zu Schwangerschaftskomplikationen und beeinflusst die Entwicklung der Ungeborenen. Die Substanz bindet u.a. in der Prostata an einem Rezeptor für Östrogene, über den verstärktes Zellwachstum und eventuell auch Malignität vermittelt wird. Ein Zusammenhang zwischen Schadstoffbelastungen und den im Vergleich zu anderen Ländern hohen Raten an Prostatakarzinomen auf den Antilleninseln wurde spätestens seit 2007 vermutet und in einer Studie untersucht. 40% der Proben von Milch stillender Mütter in den betroffenen Regionen sind mit Chlordécone belastet, was bereits zu messbaren Folgen führt (Saunders 2014). Das umgebende Meer sorgt bei den Inseln dafür, alle Störwirkungen von außen abgeschirmt und die Schadstoffbelastung über Generationen gleich bleiben wird (HAL 2017, Nedellec 2016)

Public Health

Vor vierzig Jahren glaubten engagierte Ärztinnen und Ärzte, sie könnten die weltweiten Gesundheitsprobleme durch ein verbessertes Gesundheitssystem günstig beeinflussen. Polio war damals, wie Cholera, Krieg oder Hunger, nur ein Problem unter vielen anderen. Man war sich sicher, allen Menschen wirksame Behandlungen in sehr einfacher Form zugänglich machen zu können. Diese Idee eines „Basis-Gesundheitswesens“ (Primary Health Care) löste weltweit eine Aufbruchsstimmung aus, die viele engagierte junge Menschen mit sich riss. U.a. auch mich.

Wir waren damals überzeugt, die Welt zu verändern. Ich zog als begeisterter Gastarbeiter nach Tansania, weil sich dessen Regierung der PHC-Idee ganz verschrieben zu haben schien. Primary Health Care galt als offizielle Politik der internationalen Organisationen (Deklaration von Alma Ata 1978). Ein Jahrzehnt später wurde das Konzept dann noch erweitert um Empfehlungen zur Verhaltens- und Verhältnis-Prävention (Ottawa Charta 1986 zur Gesundheitsförderung).

Wenige Jahrzehnte später fiel die Überprüfung unserer Arbeit in den so genannten „Gesundheits-Distrikten“ ernüchternd aus: Zwar hatten die Gesundheitsprodukte („Die Pillen“) tatsächlich die letzten Winkel der Erde erreicht. Jeder Dorf-Krämerladen, der Tabak, Toilettenpapier und Dosenfleisch verkauft, verhökert heute auch Antibiotika, Psychopharmaka und Schmerzmittel.

Gesundheit hängt aber nicht von (oft zweifelhaften) Produkten des Gesundheitsmarktes, sondern in erster Linie von sozialen Faktoren ab (Dolin 1997).

Solche Zusammenhänge waren für Personen, die über die Mittel entscheiden, zu komplex. Die Primary Health Care Programme hatten gezeigt, dass eigentlich nachhaltig-gesunde Regional-Entwicklungen zur Verbesserung der Lebensqualität aller Bereiche der Gesellschaft nötig wären, inklusive Ernährung, Bildung, Frauenförderung, sozialem Frieden, Gerechtigkeit, Kultur und Ökonomie. Das aber war nicht umsetzbar. Es wäre zu teuer geworden, hätte Integration und Koordination vieler Interventionsansätze erfordert, und es hätte vor allem nicht zu kurzfristige messbaren Resultaten geführt.

Im engen Horizont der Politik und der Marktinteressen waren und sind langfristige Ziele zur Verbesserung der Lebensqualität nicht „sexy“. Erfolge müssen während einer Amtsperiode erkennbar sein und sich in Bilanzen belegen lassen. Und die Wahrnehmung ganzer sozialer Systeme in ihrer Dynamik überfordert die meisten, die sich damit beschäftigen müssten.

Diejenigen, die über die Mittel verfügen, brauchen stattdessen kleinere Probleme, die mit einer klaren Intervention in einem sehr engen Zeitraum ab-rechenbar erreicht werden können.

Daher war das Ende von Primary Health Care nach nur wenigen Jahren absehbar. Im Rahmen ökonomischer Sanierungsprogramme wurde der teure Personalüberhang in staatlichen Gesundheitseinrichtungen abgebaut und das Wachstum der Medizin als Marktwirtschaft begünstigt. Der öffentliche Bereich konzentriert sich seit Ende des letzten Jahrhunderts auf Einzelziele zur Beseitigung bestimmter Krankheiten, die sich aus taktischen Gründen anbieten, und die gegenüber den Geber-Zentralen in Berichten, Statistiken und Dokumenten abgerechnet werden konnten.

Der Basisgesundheit folgte die Ausrottung

„Öffentliches Gesundheitswesen“: Die Geschichte der Interventionen in das Leben anderer Leute. Packard R

Nachdem alle Bemühungen die Malaria durch intensiven Einsatz von DDT und anderen Pestiziden auszurotten, gescheitert waren, verlegte man sich nicht etwa auf die Verfolgung nachweislich erfolgreicher gemeinde- und behandlungs-bezogene Konzepte, wie 1941 in Tennessee (USA), sondern suchte sich ein anders Ausrottungsziel: die Pocken.

Dieses Virus wird ohne Zwischenwirt von Mensch-zu-Mensch übertragen. Daher war seine „Vernichtung“ durch eine Impfung und Isolations-Maßnahmen von Kranken realistisch (Pocken-Eradication). Heute „lebt“ das Pockenvirus nur noch tiefgekühlt in einigen Militärlaboren.

Seither knüpfen alle sogenannten Eradikations-Programme an dem Erfolg der Pockenausrottung (1966-1986) an.

Komplexe Bekämpfungsstrategien (u.a. gegen Malaria) wurden vorübergehend weniger intensiv verfolgt, die Überträgermücken zogen sich aber aus anderen Gründen (Verstädterung, Umweltverschmutzung, Abholzung) immer mehr zurück. Die Blut-Parasiten entwickelten aber immer häufiger Resistenzen gegen die gegen sie eingesetzten Kriegsmittel (weiterhin DDT und andere Pestizide) und gegen Chemotherapeutika. Deshalb wird bis heute immer wieder nach neuen Waffen und militärischen Kriegszügen gerufen. Was oft kurzfristig sehr erfolgreich war, besonders wenn man ein relativ begrenztes Ziel, dass es durchaus möglich ist, ein relativ kleines Ausrottungsziel auswählte (wie den Guinea-Wurm in Westafrika).

Allerdings zeigte eine Untersuchung eines Ausrottungsprogramms bei einer relativ einfach eingrenzbaren Infektionskrankheit (Trachom), dass diese auch in einer Nachbarprovinz ohne Interventionsprogramm verschwand, weil sich in beiden Provinzen die allgemeinen Lebensbedingungen verbessert hatten (Dolin 1997)

Die amerikanischen und Europäischen Entwicklungsprogramme (während der Präsidentschaft von Bill Clinton) beglückten Afrika, Asien und Lateinamerika mit massiven Familienplanungs-programmen, bei dem vor allem langwirkende Produkte wie u.a Depo-Provera DMPA zum Einsatz kamen, die die Frauen selber nicht kontrollieren konnten, und die ggf. zu ernsten Nebenwirkungen führten.

Diese sogenannten vertikalen Programme, die Keime, Armut oder Bevölkerungswachstum bekämpfen sollten) hatten und haben einen wertvollen indirekten Effekt: jemand muss die Mittel (die Munition) der Eradikation herstellen (die Pharmaprodukte), und das sichert Arbeitsplätze in den Geberländern. Diese Logik deckte sich insbesondere mit den Interessen privater, wirtschaftlich orientierter Geber wie „Bill & Milinda Gates“, die heute einen großen Teil der Mittel für weltweite Gesundheitsprogramme vergeben. Die Basis-Gesundheitshelfer wurden umgeschult zu Teams, die durch die Dörfer zogen und impften.

Nach der anfänglichen Euphorie über den Erfolg der Ausrottung der Pocken, folgten mit den Lepra- und Tuberkulose-Eradikation-Versuchen die ersten Ernüchterungen. Solche Bakterien waren, wie viele andere auch, nicht ausrottbar, und Neuerkrankungen gibt es immer wieder. Ob und wie häufig hängt vor allem von sozialen Faktoren ab, und die Frage der frühen Behandlung hat, wie schon in den alten PHC-Zeiten bekannt war, etwas mit Bildung, Frauenrechten, Ernährung und vielem anderen zu tun.

Lepra und Tuberkulose sind Probleme, bei denen ein funktionierendes Distrikt-Gesundheitswesen mitwirken muss, die es aber allein niemals in den Griff bekommen kann. Das gilt auch für so tödliche Infektionserkrankungen, wie Ebola.

Werden die Gesundheitssysteme kaum noch gefördert, und nicht mehr kontrolliert, bröckelten sie vor sich hin. Es wird dann still um die Ausrottung „schwieriger Seuchen“, wie u.v.a. der Schlafkrankheit. Denn, wo keine kurzfristigen Erfolge oder ökonomische Vorteile winken, schmelzen erfahrungsgemäß die Budgetposten ab.

Man konzentrierte sich bei der WHO stattdessen lieber mit aller Kraft auf die Polioausrottung, weil hier ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stand. Diese Infektion sollte bis spätestens 2005 endgültig beseitigt sein. Aber irgendwie klappt es nicht.

Integrieren und entwickeln statt bekämpfen

Die Notwendigkeit der Integration von Eradikations-Programmen in regionale Entwicklungs-Anstrengungen wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder vernachlässigt (Habib 2017), uva. auch bei den Epidemien von Cholera (Haiti 2010), Ebola und Zika.

Solange Menschen aber in Krisengebieten in absoluter Armut leben, werden Epidemien von Infektionserregern, die sich über das Wasser, über Moskitos oder von Mensch zu Mensch ausbreiten, immer wieder ausbrechen können.

Besonders für Kriegsgebiete wie den Jemen gilt: Hätten alle Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser,
gäbe es keine Cholera mehr.“ Science 09.02.2018

Ethik-Dumping

Der

Es gibt bis heute „Gegenden ohne medizinische Ethik“ (medical ethics free zones) (NEJM 2013). Ärzte überwachen Folter und Exekutionen, oder sind an illegalem Organhandel (BMJ 2015) beteiligt.

Die Standard der Studiengestaltung und -durchführung sind in vielen Ländern sehr niedrig, was es für Konzerne attraktiv macht, neue Produkte dort auszutesten. Menschen werden dann als Versuchskaninchen benutzt (SomoCNN, Pandemrix).

Menschen werden dann als Versuchskaninchen benutzt (SomoCNN, Pandemrix). U.a. wie die > 800.000 Kinder, die in den Philippinen von 2016 bis 2017 einen nicht ausgereiften Impfstoff erhielten. (BBC 03.02.2018Mehr)

Die Standard der Studiengestaltung und -durchführung sind in vielen Ländern sehr niedrig, was es für Konzerne attraktiv macht, neue Produkte dort auszutesten. Wie bei den Kindern, an denen der Malaria-Impfstoff Mosquirix über Jahrzehnte ausprobiert wurde und wird (DLF 17.12.2020):

„… In dieser Studie wurden 7200.000 Kinder nichtsahnend und ohne Einverständnis ihrer Eltern zu Probanten. das ist nicht nur eine Verletzung der internationalen Ethikregeln . Es ist sogar eine Menschenrechtsverletzung. Und im Forschungskontext ist es die die größte Verletzung der Menschenrechte von Kindern, die mir bekannt ist.“ Charles Wejer, Bio-Ethiker, in Koloniales Denken in der Wissenschaft – Ethik-Dumpig, DLF, 27.12.2020

Was haben wir aus Kriegs-Katastrophen gelernt?

Wenig.

Freitag am 09.12.2021: Zitat: „Eine gesunde Welt ist möglich … Impfstoff global: Die Idee ist simpel und einfach: Wenn alle geschützt sind, ist die Pandemie vorbei“ Früher gab es mal Gesundheit für alle durch Verhaltens- und Verhältnis-Prävention. Heute ist es „Injections for all“, was neben (staatlich subventionierter) Patentfreigabe das große Geschäft mit der Kühlinfrastruktur mit sich bringen wird. Über die Risiken von Infektionen, die durch Blut übertragen werden (HIV, Hep C) und über Haftungsfragen redet man nicht gern. Und selbst wenn dieser Schädling vernichtet wäre: Was geschieht dann in einem Ökosystem von unendlich vielen keimen? Wie soll die nächsten Mörder-Mikrobe bekämpft werden, die zwangsläufig kommen wird, wenn wir die Biospäre (immer schneller wachsend) zerstören: Rob Wallace: On the origins of Covid-19, 2020

Die Bekämpfungsstrategien gehen nach gleichen Prinzipien immer weiter.

Und auch bei Pandemien wie Covid, geht es nicht um das Verstehen komplexer Zusammenhänge, sondern um das Ausrotten von „Problem-Bären“.

Bekämpfungsstrategien sind weiterhin (und erheblich verstärkt seit 2020) der wesentliche Motor der Medikalisierung von Gesundheit und Krankheit.

Die kriegerische Keimtheorie wurde im 20. Jahrhundert auf viele andere medizinische Gebiete ausgedehnt. Immer geht es darum, durch eine Diagnose einen Feind zu erkennen und ihn dann zu bekämpfen. Das nutzt sowohl den medizinischen Armeen, als auch den Waffenherstellern.

Die auf der Keimtheorie basierenden wissenschaftliche Erkenntnissen der Infektiologie oder der Krebsbehandlung sind nicht falsch. Aber sie zeigen nur einen Teilaspekt eines wesentlich größeren komplexeren Zusammenhangs (Mikrobiom).

Krankheit und Gesundheit sind die Ergebenisse vielgestaltiger Wechselwirkungen lebender Systeme. Sie haben immer viele Ursachen und Einflussfaktoren.

Viele Kritiker der Keimtheorie vor 100 Jahren waren Vorläufer einer Erkenntnis, die später zur Salutogenese (Antonovski) erweitert wurde, und die heute zum Standardwissen der System-Biologie gehört: Lebewesen bestehen aus komplexen Systemen, und sie sind eingebettet in Ökosysteme. Krankheit kann deshalb als Störung von Wechselwirkungen, Kommunikationen und Beziehungen aufgefasst werden.

Davon abgeleitet entsprechen viele moderne Überlegungen zur Gesunderhaltung den Gedanken der ersten Medizinphilosoph:innen:

Man sollte sein Leben und die Lebensverhältnisse möglichst so gestalten, dass man die Produkte und Dienstleistungen der Schamanen und der Kräuterapotheken nicht benötigt.

Mehr

Literatur

Letzte Aktualisierung: 14.03.2022