Keim-Theorie
Inhalt
- Kriege gegen Pest und Cholera
- Lasst uns etwas ausrotten!
- Frühe Gegner der Keimtheorie
- Schädlinge bekämpfen
- Öffentliche Gesundheit
- Literatur
Kriege gegen Pest und Cholera
Seit über einhunderttausend Jahren kümmerten sich Menschen um Verletzte oder Erkrankte und versorgten sie. Sie versuchten, ihr Leiden mit Heilpflanzen zu lindern. Und tödlich Bedrohte durch schamanistische Handlungen mit unbekannten Mächten zu versöhnen.
Im ersten Modell der Medizinphilosophen glaubte man, die Ursache von Krankheit in einem gestörten Gleichgewicht des Organismus zu erkennen, in Unfrieden und Krieg. Als Ziel der Heilkunst galt es, einen friedvollen Zustand innerer Harmonie zurückzugewinnen.
Im 19. Jahrhundert, geprägt von mechanischer Naturbeherrschung und Imperialismus, wurde die Suche nach innerer Gesundheit umgekehrt in die Bekämpfung äußerer Feinde. Gegen etwas Lebendig-Teuflisches.
Der Friede eines harmonisch fließenden Gleichgewichts vieler Faktoren, wurde ersetzt durch den Krieg gegen einen isolierten Feind: den Keim. Gesundheit bedeutete jetzt die Abtötung des Bösen.
So kämpft seit Ende des 19. Jahrhunderts die Medizin ‚gegen‘ alles Mögliche:
- gegen äußere Angreifer und Hemmnisse,
- gegen Feinde und Bedrohungen
- gegen Viren, Bakterien und Pilze
- gegen Krebszellen,
- gegen psychische Leiden, Sucht und Depression
- gegen Fettsucht und Verhaltensstörungen u. v. a.
Zuerst muss der Teufel erkannt werden, bevor er ausgetrieben werden kann.
Jeder Krieg beginnt damit, dass zuerst das Böse benannt werden muss. Aus der Vielzahl von Wechselwirkungen aus einer unüberschaubar komplexen Realität wird ein Faktor herausgenommen und zur Ursache aller Übel bestimmt. Erst dann kann eine Gruppe von Terroristen durch immer bessere Militärtechniken und Strategien vernichtet werden.
Die Idee, dass eine bestimmte Krankheit (zielgerichtet) bekämpft werden könne, ist eine logische Folge, dass nur ein einziger Faktor für die Störung gesunder Lebensabläufe verantwortlich sei.
Die Benennung eines Feindes führt zwangsläufig zum Krieg. Und der nutzt der Militär-Industrie. Bei der Keimtherapie ist es ähnlich. Sie ist das Lebenselixier der Pharmaunternehmen und Gerätehersteller. Sie verkaufen Tests, denen eine Diagnose folgt, die den Trend zur Medikalisierung eines Lebensproblems bahnt. (BMJ 2024)
Unvergessen ist mir eine Fallvorstellung eines erlauchten Professors in einem Studierenden-Seminar, der ein unglaublich verworrenes Patientenschicksal schilderte: ein afrikanischer Matrose eines drittklassigen Öltankers, gezeichnet von harter Arbeit, ausgezehrt, durch zahlreiche Konflikte gestresst, alkoholabhängig, kettenrauchend, von Hautausschlägen geplagt, mit leichtem Fieber, Müdigkeit, Verlust von Energie und Antrieb, Bronchitis u. s. w.
Der weißbekittelte Experte ließ uns über die Ursachen seiner Leiden rätseln: Giftstoffe? Tropische Infektionen? Sozialer Stress? Suchtkrankheit? Syphilis? … und präsentierte dann die überraschende Lösung: „Er hatte nichts weiter als eine einfache Tuberkulose.“ Wunderbar, denn jetzt war alles für den Krankheits-Militär sehr einfach:
Mikroben kann man mit Spritzen und Pillen beschießen und ausrotten. man muss nur kämpfen bis zum Sieg oder zum Tod.
Nur:
- Warum erkrankte der Matrose an Tuberkulose? Andere Matrosen aber nicht?
- Und vor allem: Wird er ohne Tuberkelbakterien gesund sein?
Krieg statt Frieden
Vor 150 Jahren setzte sich bei Ärzten und Pillenherstellern militärisches Denken durch. Seither verloren Ruhe, Besonnenheit, Ausgleich und lebenstaugliches Handeln an Bedeutung.

Früher gab es mal das WHO-Motto ‚Gesundheit für alle‘ (Verhaltens- und Verhältnis-Prävention). Heute ist es „Medizinprodukte für alle“ – öffentlich finanziert und ohne Haftung.
Anders in der Physik:
Dort wurde Ende des 19. Jh. das mechanische Denken von Ursache und Wirkung abgelöst, durch das Verstehen komplexer Wechselbeziehungen. Einzelfaktoren (Photonen) und Wechselwirkungen (Wellen) wurden als unterschiedliche Aspekte des Gleichen erkannt (Licht).
Seither sind der Naturwissenschaft scharfe Trennungen fremd.
Die Geburt der Keimtheorie.
Vor zwei Jahrhunderten war es sehr gefährlich, Ärzte aufzusuchen, wenn man gesund werden wollte.
Selbst John Snow, ein Chirurg, der entdeckte, dass Cholera durch Trinkwasser übertragen wird, verschlimmerte den Zustand seiner Patient:innen mit Aderlässen. Denn die damalige Schulmedizin (die alte Säftelehre) hatte bezüglich der neuen Krankheit nichts zu bieten.
Die erste tatsächlich direkt wirkende Behandlung erfand 1776 ein Kapitän. James Cook nutzte Sauerkraut und Hygienemaßnahmen als Vorbeugung vor einer Krankheit, die bei weltumsegelnden Matrosen durch Mangel- und Fehlernährung verursacht wurde. Die Ursachen von Skorbut (Vitaminmangel, Gifte in gammeligem Schiffszwieback u. a.) waren damals nicht bekannt. Deshalb wurden sie von den Ärzten mit dem bekämpft, was sie damals konnten: zur Ader lassen. Cook dagegen stellte die Ernährung seiner Besatzungen um und führte vielleicht auch Hygienemaßnahmen ein. Das ihm erst gelungen, so schrieb er, nachdem er „zuvor streng alle Ärzte von Bord gewiesen“ habe.
Ein Admiral des 15. Jh., (Zheng He), der siebenmal zwischen China und Afrika segelte, berichtete über vieles, aber nie über Fehlernährungen an Bord. Vermutlich lag das daran, dass er auf den vergleichsweise riesigen Schiffen seiner Schatzflotte Gemüse-Gärten und Stallungen für Tiere anlegen ließ.
Auch die Krankenschwester Florence Nightingale war erfolgreich, selbst bei der Cholera. Denn sie untersagte ärztliche Eingriffe in ihren Pflegeeinrichtungen. Stattdessen ließ sie ihre Patient:innen liebevoll pflegen und betreuen.
1852 entwickelte der Arzt Rudolf Virchow nach der Beobachtung einer Typhus-Epidemie die „Sozialhygiene“: Es seien mangelnde „Bildung, Wohlstand und Freiheit“, die die Entstehung von Krankheit begünstigten. Es sei Aufgabe der Ärzte, Störungen zu erkennen, und Aufgabe der Politiker, für geordnete, gesunde Verhältnisse zu sorgen.
Weil ihm aber auch die „Umwelthygiene“ wichtig war, setzte sich Virchow in Berlin für eine sichere Trinkwasserversorgung, und für eine Kanalisation zur Ableitung des Schmutzwassers ein. Wie sein Kollege Max von Pettenkofer in München glaubte er an die Gefahren krank machender Giftstoffe und deren Fernwirkungen (Morabia 2007)
Die Idee der Krankheitsentstehung durch tote Umweltgifte formulierte als erster der Grieche Galenos (129–201 n.u.Z.). Erweitert wurde die Theorie von Fracastorius (1478–1553) in Verona. Genial bestätigen konnte sie 1696 der „Ulmer Stadtphysikus“ Eberhard Gockel, dem es gelang, das Krankheitsbild des „Bauchgrimmen“ zu erklären. (Eisinger 1982)
Ein anderes bedeutendes Risiko für Krankheitsentstehung erkannte 1795 der englische Arzt Alexander Gordon: medizinische Interventionen. (Gould 2010, Dunn 1998) Aber erst 1847 wurde die ‚Händewaschung‘ mit Chlorkalklösung von Ignaz Semmelweis in der Gebärabteilung im AKH Wien eingeführt, gegen großen Widerstand der Ärzte. (Goddemeier 2011)
„Bazillen“ wurden erstmals 1850 von dem Chemiker Antoine Béchamp entdeckt. Er beobachtete beim Mikroskopieren, dass seine Labor-Pflanzen dann anfällig waren für „Besiedlungen“ mit Mikro-Tierchen, wenn er sie vernachlässigt oder gestört hatte. Wenn sie z. B. an Licht-, Wasser- oder Nahrungsmangel litten. Daraus schloss er, dass „Bazillen“ friedlich im Inneren gesunder Organismen lebten, und sich erst (nach außen sichtbar) infolge einer tieferen Krankheitsursache vermehrten.
Im Prinzip seien die Miniwesen harmlose oder sogar nützliche Mitbewohner gesunder Lebewesen (so wie wir heute das Mikrobiom und die Mitochondrien beschreiben).

Erst sein jüngerer Kollege Louis Pasteur verwandelte Béchamp‘s „Symbionten“ in Terroristen (Hume 1932), und erschuf damit die Keimtheorie. In Deutschland wurde sie begeistert aufgenommen, u. a. von Robert Koch (Hontschik 2022), Jacob Henle, und Paul Ehrlich, der das Böse zielgenau mit „Zauberkugeln“ wegbomben wollte. Im Zeitalter des Imperialismus war das eine geniale Idee, die Politikern und Kolonialoffizieren sofort einleuchtete.
Infektionen, wie Tuberkulose, seien nicht etwa die Folge des Elends, in dem die Menschen der frühen industriellen Revolution lebten. Sondern die Ursache, die man ausrotten könne, ohne am Elend und der Ausbeutung etwas zu ändern.
Im Großen (bei Revolten) und im Kleinen (bei Infektionen) konnte man jetzt gemäß gleicher Gesetzmäßigkeiten handeln: Gegner erkennen, benennen, isolieren, bekämpfen, vernichten, ausmerzen.
Jetzt wurden Einzelfaktoren benannt und dem Menschen gefährliche Leben vernichtet und die Beziehungs-Kunst der Hebammen, Pflegekräfte und Ärzt:innen und die medizinische Lebensphilosophie verdrängt und aus den Universitäten verbannt. Zum Goldstandard der Medizin erhoben wurde die Kriegsstrategie im Flexner Report (USA 1910).
Seither kämpft die Medizin mit immer besseren Waffensystemen gegen Viren, gegen Bakterien, gegen den Krebs oder gegen die Depression. (Gøtzsche 2023) Das einfache Erklärungsmuster der Keim-Theoretiker von „Gut und Böse“ entspricht bis heute dem kriegerischen Zeitgeist.
„Lasst uns etwas ausrotten!“
Die imperiale Kriegsmedizin wurde in den Tropen geboren. Denn dort, an den Eingeborenen, konnten die Waffensysteme getestet werden. Medikamente, die in Europa bis dahin nur in Tierversuchen ausprobiert worden waren, erhielten dann Menschen, die in Kolonialgebieten lebten.
Die Diagnose, die Benennung eines Teufels ist die Voraussetzung, dass anschließend eine Teufelsaustreibung veranstaltet werden kann.
Das erkannte Böse (der Keim, das Virus, das Bakterium, die Krebszelle) wurde isoliert, bekämpft und vernichtet. Dabei kämpften Mediziner Seite an Seite mit den Kolonialoffizieren. Die einen schlugen Aufstände nieder, die anderen erledigten die Seuchen, die die Erträge der Kolonien gefährdeten (Beispiel Schlafkrankheit). Zur Zeit der industriellen Revolution thematisierten nur wenige Romantiker Umweltprobleme oder soziale Zusammenhänge. Man verlachte sie als rückständig.

Die Militärärzte sollten Tuberkulose und Lepra bekämpfen und nicht nach den sozialen oder umweltbedingten Hintergründen von Erkrankungen von Menschen forschen, die im Elend lebten.
Die Wortwahl der frühen Infektiologen entsprach militärischer Kriegsrhetorik. Der Amerikaner William Gorgas, einer der ersten großen Public-Health-Offiziere, führte einen Feldzug gegen die Gelbfiebermücke.
Beispiel: Public Health
William Gorgas gelang es in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, zuerst Havanna und dann auch die Panama-Kanalzone von Gelbfieber zu befreien. Seine Gegner waren die Aedesmücken. Gegenüber den Lebensbedingungen, dem das Wohlergehen und die Rechte der Menschen, in deren Umwelt die Mücke brütete, vollkommen gleichgültig waren. Militärisch planend, rücksichtslos und mit brachialer Gewalt sanierte er Elendsquartiere, versprühte Tonnen von Kerosin und setzte Zwangs- und Quarantänemaßnahmen durch.
Mit dieser Strategie war er sehr erfolgreich: Die Gelbfiebererkrankungen wurden tatsächlich verdrängt. (Packard 2016) Allerdings lebten die Menschen anschließend weder besser noch gesünder. Aber immerhin verstarben sie nicht mehr an Gelbfieberviren.
Sehr lange hielten die Erfolge nicht an. Denn die Aedesmücken konnten sich im Rahmen der Verstädterung weltweit immer weiter verbreiten, und sie übertragen heute u. v. a. Dengue- und Zikaviren. Gelbfieberviren kommen nur deshalb nicht mehr so häufig vor, weil sie aus tierischen Reservoirs in Regenwaldgebieten stammen, die werden immer weiter abgeholzt.
Soziale, ökonomische oder psychologische Zusammenhänge für ein friedliches Miteinander in gedeihlichen Ökosystemen waren für die Kämpfer gegen einzelne Krankheitserreger uninteressant.
Ebenso wenig Menschenrechte, Umwelt, Wohlergehen. Nicht infektiöse Leiden verloren an Bedeutung, bis heute, obwohl sie sich durch Verschlechterung der Lebensumstände, Kriege oder Umweltzerstörung verschlimmern. Man wollte kurzfristig Cholera bekämpfen, dachte aber nicht über langfristig nachhaltig Zusammenhänge der Trinkwasserversorgung nach.
Beispiel: Einen Erreger bekämpfen
Der Chemiker Robert Koch hatte die Theorie seines Kollegen Louis Pasteur, der die Krankheitsursachen außerhalb des menschlichen Körpers ansiedelte, begeistert aufgenommen.
Koch isolierte Bacillus anthracis, den Erreger des Milzbrandes. Ferner konnte er den Cholera-Erreger im Mikroskop nachweisen. Waffensystem gegen solche Keime hatte er nicht. Aber er war aber überzeugt, die geeigneten Mittel finden zu können.
Denn ihre neue Bakteriologie war aus der (Chemie (griechisch „chemeia“) erwachsen. Aus der Nutzbarmachung der Erkenntnisse der Alchemie (arabisch al-Kimiya) für die moderne Pharmakologie (Maas 1995). Einer der wesentlichen Vertreter dieses Denkens war Paracelsus
„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift.
Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“
Theophrastus Bombastus von Hohenheim (Paracelsus) 1532
Vor Paracelsus beruhte die Heilkunde auf (psychologisch wirksamen) rituellen Handlungen, auf Heilkräutern oder Produkten tierischen Ursprungs. Seine „Chemiatrie“ dagegen fußte auf der Anwendung von Metallen, wie Antimon, Quecksilber, Arsen u. a.
Ärztliche Kunst sei es, die leblosen Gifte in eine Arznei zu verwandeln, die den Körper vom Bösen reinige. So ähnlich wie es Alchemisten gelänge, unedles Metall in Gold zu verwandeln:
„Das auß dem Antimonio eine Tinktur werd / ubd das er bereyt werde in ein artzney / also das das selbige gleich so wol das im menschen thu / das er thut im Gold / und zugleicherweiß wie er im Gold reynigt / also reynigt er auch im menschen.“ Wunderarztney des Paracelsus, Augsburg 1537
Robert Koch griff diese Idee auf.
Er hatte zunächst versucht, lebende Bakterien mit Bestandteilen toter Bakterien in Gyzerin zu bekämpfen. Dieses Tuberkulin, mit dem nach Versuchen mit Meerschweinchen Tuberkulosekranke geimpft wurden, erwies sich nach einer anfänglichen Euphorie als ein Fiasko, das den Kranken nichts nützte, sondern schadete.

Nach dem Misserfolg seines therapeutisch gedachten Impfungsversuchs, verlegte er sich, wie später sein Kollege Paul Ehrlich, auf die Suche nach der magischen Kugel, d. h. nach einer punktgenauen Munition, mit der man Erreger vernichten könne. Einer der hoffnungsvollsten Substanzgruppen dafür erschienen ihm Arsenverbindungen (Riethmiller 2005).
In Afrika testet Robert Koch dann eines dieser Arsenpräparate (Atoxyl). In Deutschland waren ihm ähnliche Versuche nicht gestattet worden. Die englischen Kolonialbehörden erlaubten ihm aber in ihrem Mandatsgebiet Uganda ein Internierungslager für Schlafkrankheitspatient:innen einzurichten, um dort mit unterschiedlichen Dosierungen seines Mittels zu experimentieren. (Koch DMW 1907).
Er glaubte, mit Atoxyl ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Schlafkrankheit und vielleicht zu ihrer Vorbeugung gefunden zu haben.
Allerdings erwies es sich als unnütz. Stattdessen führte es zu schweren Erkrankungen, Erblindungen und Todesfällen. (siehe Literatur)
Ein halbes Jahrhundert später versuchte man erneut man dann in den französischen Kolonien die Schlafkrankheit mit einer ähnlichen Strategie auszurotten.

Man glaubte, ein wirksameres Wundermittel gefunden zu haben, das auch vorbeugend eingesetzt werden sollte.
Diese Substanz (Lomidine/Pentamidin) wurde im Rahmen von Massenkampagnen zwangsweise gespritzt. Der Nutzen war gering. Dafür erkrankten viele Patient:innen an dem „kleinen Piks“. Andere verstarben an den Krankheitsfolgen.
Erst 1957 wurden diese Menschenversuche eingestellt. (Lachenal 2014, Lowes 2018).
Hepatitis C in Ägypten
Vor über sechzig Jahren wurden in Ägypten viele gesunde Menschen mit Hepatitis C infiziert. Dort hatte man begonnen, eine Pärchenegel-Wurmerkrankung zu bekämpfen. Die Zahl der Neuerkrankungen war gestiegen, weil 1964 der schnell fließende Nil durch den Assuan-Staudamm gezähmt wurde. Das Gesundheitsministerium ließ daraufhin große Teile der Bevölkerung mit Injektionen behandeln, die Antimon-Kalium-Tartrat enthielten
Diese giftige Antimon-Verbindung, die damals für das einzig wirksame Mittel gegen die Würmer gehalten wurde, wird heute selbst in der Tiermedizin nicht mehr verwandt. Erst ab 1980 wurde sie, auch in Ägypten, langsam durch ein nebenwirkungsärmeres (aber relativ teures) Medikament ersetzt. Einige Jahrzehnte nach dem Beginn der Kampagne fiel in Ägypten eine Epidemie von Hepatitis C auf, für die es zunächst keine Erklärung zu geben schien. Dann stellte sich aber heraus, dass die meisten der an Hepatitis C Erkrankten Anti-Wurm-Spritzen erhalten hatten.
Es hat manchmal auch rationale Gründe, warum viele Menschen in ökonomisch und sozial schwachen Ländern versuchen, Präventionsmaßnahmen aus dem Weg zu gehen.
Frühe Gegner der Keimtheorie
Rudolf Virchow
Der Sozialhygieniker Rudolf Virchow erkannte die Bedeutung der Zellen als grundlegende Bausteine des Lebens. er ist einer der Begründer der modernen Biologie (der Wissenschaft der Lebensformen). Im Rahmen der Beobachtung einer Typhusepidemie entwickelt er die Sozialhygiene: Lebten die Menschen in „Wohlstand, Bildung und Freiheit“, seien ihre Gesellschaften gegen Epidemien geschützt. („Die Noth im Spessart“, 1852).
Ergänzend ist eine allgemeine Umwelthygiene nötig, insbesondere hinsichtlich der Trinkwasserversorgung und der Abwasserableitung. Beides konnte er in Preußen sehr erfolgreich umsetzen. Daher blieben Berlin und Altona von Cholera verschont, im Gegensatz zu Hamburg, wo man bis 1973 glaubte, Elbwasser sei für die Armen gut genug. (Karte der Erkrankten in Hamburg und Altona)
Max von Pettenkofer
Max von Pettenkofer wurde 1847 zum Professor für Chemie in München berufen. Er beobachtete, dass Infektionserkrankungen wie Cholera und Typhus in Stadtteilen mit feucht-moderigem Boden entstanden. Also in Elendsquartieren, in denen Abwasser und Fäkalien nicht abfließen konnten, und so die Trinkwasserversorgung gefährdeten. Mit großer Zähigkeit gelang es ihm, die Politik in München für den Bau einer flächendeckenden Kanalisation zu bewegen. Auf seine Initiative schuf die Universität München den Lehrstuhl Hygiene und berief ihn dafür als ersten Professor. Unter seiner Leitung zählte München dann bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu den saubersten Städten Europas.
Als Robert Koch 1884 den Cholera-Erreger isolierte, blieb Pettenkofer skeptisch. Er zweifelte daran, dass dieser Keim die alleinige Ursache von Epidemien sein könne. Auch bei der großen Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg, die der Keimtheorie zum endgültigen Durchbruch verhalf, argumentierte Pettenkofer gegen Kochs Theorie. Denn sie erkläre nicht schlüssig, warum nur bestimmte Stadtteile stark betroffen waren. Er vermutete vielmehr, dass Krankheiten durch komplexe Wirkungs-Zusammenhänge hervorgerufen würden. Die Gefährlichkeit von Keimen könne sich, seiner Meinung nach, durch Umweltbedingungen verändern. Und die Zufuhr bösartiger Keime allein müsse bei körperlich gesunden Menschen nicht zwangsläufig zur Erkrankung führen. Also entschloss er sich zu einem Selbstversuch, und trank 1892 (im Alter von 74 Jahren) eine „Bouillon“ des Choleraerregers, der ihm aus Hamburg zugeschickt worden war. Anschließend beschrieb er akribisch seine körperlichen Reaktionen: den geringen Durchfall und das Unwohl, das ihn nicht daran hinderte, sein tägliches Viertel Rotwein zu genießen. Er fühlte sich darin bestätigt, dass die Krankheitserreger im Prinzip zunächst relativ harmlos seien. Im Rahmen von Umweltverschmutzung mit Fäkalien etc., führten sie aber zu etwas Bösartigem, das durch Gär- und Fäulnis-Prozesse Giftstoffe (Miasmen) erzeuge, die bei körperlich geschwächten Personen zu den Krankheiten führten.
Seine Miasma-These wurde von den modernen Keimtheoretikern verlacht. Hinsichtlich der Cholera behielt er allerdings (in wesentlichen Aspekten) Recht. Er unterschätzte zwar die Bedeutung des Lebensraums der Cholera-Bakterien im Wasser, aber der von ihm vermutete Zusammenhang der Entstehung der Cholera-Krankheit war korrekt (Morabia 2007).
Cholera-Bakterien sind ursprünglich normale Bestandteile gesunder Ökosysteme im Brackwasser tropischer Küstenregionen. Sie leben dort in kleinen Krebstieren und sind hervorragend an diesen Wirt angepasst. Die Verwandlung in einen Infektionserreger vollzieht sich bei ihnen durch Veränderungen des Säuregehaltes des Wassers und seiner Anreicherung mit Fäkalien und Schmutzteilchen. Werden leicht veränderte Bakterien dieser Art geschluckt, überleben nur die, die in der Lage sind, eine Schleimschicht um ihren Bakterienverband herum zu erzeugen. Werden diese „hyperinfektiösen“ Schleimverbände wieder mit Trinkwasser aufgenommen, eröffnet sich den inzwischen sehr untypischen Bakterien die Chance einer neuen ökologischen Nische, indem sie sich an die Darmwände anheften und so starke Durchfälle erzeugen. Aber auch die harmlosen (nicht schleimbildenden Varianten) der Cholerabakterien haben eine evolutionäre Chance, wenn kein Abwasser getrunken wird. Sie können sie sich der Wirtsflora anpassen und sind dann unauffällige Teile der Darmflora kerngesunder Menschen.
Die Bekämpfungsstrategien der Keimtheorie gegen Cholera (Trinkwasserbrunnen , Antibiotika) allein können daher die immer wieder ausbrechenden Cholera-Epidemien nicht verhindern. Denn die ökologischen und sozialen Zusammenhänge der Cholera-Krankheitsentstehung sind komplex (Reyburn 2011).
Hätte man Pettenkofer am Ende des 19. Jahrhunderts ernst genommen, wäre die Bedeutung der Seuchenbekämpfung relativiert worden. Man hätte sich stattdessen mehr Gedanken darüber gemacht, wie ökologisch nachhaltiges und menschenwürdiges Leben gefördert werden könnte.
Antoine Béchamp
„Ich bin der Vorgänger von Pasteur, exakt so wie der Bestohlene der Vorläufer eines glücklichen und dreisten Diebes ist, der ihn verhöhnt und beleidigt“ („Je suis le précurseur de Pasteur, exactement comme le volé est le précurseur de la fortune du voleur heureux et insolent qui le nargue et le calomnie“). Brief vom Mai 1900 von Antoine Béchamp (Quelle: Nonclercq 1982)
Der Chemiker Antoine Béchamp entdeckte 1850 (etwa 15 Jahre vor Louis Pasteur) „kleine Körperchen“ außerhalb von Zellen. Er nannte sie Mikrozyma. Damit müsste er, als Entdecker der Keime, eigentlich als Vater der Bakteriologie gelten. Sein jüngerer Chemie-Kollege Pasteur experimentierte damals noch an der These der „Krankheitsentstehung durch Vergärung“ herum. Aber er blieb damit erfolglos. Zunächst hielt er Béchamps Entdeckung lebender Wesen außerhalb der Zellen für Unsinn. Schließlich aber kopierte er die Kleinlebewesen-Idee von Béchamp, und gab sie als seine eigene aus. Béchamp war zwar der etablierte Gelehrte, aber Pasteur hatte die bessere Beziehungen zu den Mächtigen seiner Zeit. Folglich verlief der Plagiat-Streit für den älteren Forscher Béchamp nicht erfolgreich. (Hume 1942, Nonclercq 1982)
Béchamp stellte sich Bakterien als im Organismus und auch in den Zellen lebende Wesen vor. Zellen und die Miniwesen seien miteinander verwoben und könnten in unterschiedlichen Erscheinungsformen auftreten (Pleomorphismus). Ginge es einem Organismus schlecht, würden die Miniwesen außer Kontrolle geraten.
Die „Mikrozyten“ seien also nicht Ursache, sondern Folge eines Krankheitsprozesses. Ginge es dem Organismus gut, lebte sein Ökosystem (mit verschiedenen Beteiligten) friedlich zusammen. Gerieten die Zellen und Organe dagegen in eine Krise, könnten sich die Miniwesen vermehren und sorgten für die weitere Verschlechterung des Krankheitsbildes.
Ähnlich wie Pettenkofers Thesen passten auch die von Béchamp nicht zum damaligen Zeitgeist. Wäre man seinen Vorstellungen gefolgt, hätte man sich intensiver mit der inneren Ökologie von Organismen und Zellen beschäftigen müssen. Es hätten nicht über 100 Jahre verstreichen müssen, bis Biologen erkannten, dass viele seiner Gedanken in eine richtige Richtung wiesen. Hätte man seine Thesen nicht ins Lächerliche gezogen, wäre die Komplexität des Zusammenlebens zwischen Zellen und Mitochondrien und zwischen Körperfunktionen und menschlichem Mikrobiom und Virom früher erforscht worden.
Vermutlich wäre auch die Frage, warum Menschen krank werden (Pathogenese), weniger überbetont worden gegenüber Forschungen, warum Menschen trotz widriger Umstände gesund bleiben (Salutogenese).
Samuel Hahnemann
Der Grundgedanke der Lehre Hahnemanns (die er Homöopathie nannte) ist es, „Gleiches mit Gleichem“ zu heilen (similia similibus curentur). Der theoretische Ansatz ähnelt dem Impfgedanken: den Körper anzuregen, sich selbst zu helfen.
Der wesentliche Unterschied zwischen seiner Theorie und den Bekämpfungsstrategien, die Hahnemann Allöopathie nannte) war der Stellenwert, den er medizinischen Interventionen beimaß. Die Keimtheorie verlangte nach einem wachsenden Waffenarsenal, um immer neue lebende Gegner spezifisch abzuwehren oder vernichten zu können.
Hahnemann reduzierte (ohne dass es ihm bewusst war) den spezifischen Effekt seiner Medikamente auf absolut null. So erzeugte er absolut nebenwirkungsfreie Arzneimittel. Denn wo nichts ist, kann auch nichts schaden. Das war z. B. bei der Cholera Behandlung in der Mitte des 19. Jahrhunderts sehr hilfreich, weil die klassische Medizin die Infektionskrankheit durch Aderlässe (und andere Foltern) verschlimmbesserte, und zusätzlich die Sterblichkeit erhöhte, weil die Betroffenen nichts trinken sollten.
Die spätere Keimtheorie nahm bei der Anwendung ihrer spezifischen Hochleistungswaffen (wie Antibiotika) Kollateralschäden bewusst in Kauf. Die Nachfolger Hahnemanns, die sich dagegen empörten, nutzten (ohne es zu wissen oder gar so zu benennen), den reinen Systemeffekt der Arzt-Patient-Beziehung. Bei der Keimtheorie dagegen war (und ist) die zwischen-menschliche Beziehung weniger wichtig, weil ja die spezifische Chemikalie wirkt.
Schädlings-Bekämpfung
DDT
Als das Pestizid DDT erfunden wurde, glaubte man endlich die Malaria-Seuche vernichten zu können. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte sie zu ihrem Hauptgegner und ließ weltweit viele Tonnen des neuen Giftes versprühen.
1992 erschien dann das Buch von Rachel Carson „Der stumme Frühling“, der die katastrophalen Schäden nach Massensprühaktionen beschrieb. Weil DDT auch die Populationen des amerikanischen Wappentieres bedrohte, erschraken selbst Politiker und Geschäftsleute. Tatsächlich wurde die DDT Produktion weltweit reduziert. Inzwischen ist DDT von der WHO aber längst wieder zur „Malaria-Bekämpfung zugelassen.
Bei der DDT-Katastrophe erscheine ihm eine Lehre besonders wichtig zu sein: „Es gibt keine Allzweckwaffe, wenn es um die Schädlingsbekämpfung geht.“ (DDT & Silent Spring 50 years later. 2021) Nur diese Lehre wurde schnell verdrängt, den DDT ist leicht herzustellen und konkurrenzlos billig.
Aber auch deshalb, weil immer neue noch wirksame Waffensystem gegen Kleinlebewesen erfunden wurden:
Chlordécone
Auf den französischen Antillen wurde Chlordécone, eine organische Chlorverbindung, versprüht. Sie weist östrogenartige Eigenschaften auf und wird biologisch nicht oder kaum abgebaut. Zwischen 1981 und 1993 wurde Chlordécone (gemeinsam mit der toxischen Ammoniumverbindung Paraquat) in großen Mengen eingesetzt, um einen Bananenschädling zu bekämpfen, obwohl seit 1979 bekannt war, dass Chlordecone Krebs auslösen kann. Für das französische Festland wurde deshalb 1990 der Chlordécone-Gebrauch verboten. Erst zwei Jahre später auch auf den Inseln, wo es aber weiterhin lange Zeit illegal weiter genutzt wurde. 1999 wurde erstmals über eine hundertfach über dem oberen Grenzwert liegende Konzentrationen von Chlordecone im Grundwasser berichtet. Bei Untersuchungen im Jahr 2005 wies 99% des Trinkwassers hohe Schadstoffkonzentrationen auf. Chlordécone gelangt (oder abgebaut zu werden) in die Nahrungskette, findet sich heute in hohen Konzentrationen in Gemüse und Nutztieren. Der ökologische Schaden ist unumkehrbar: Die Halbwertszeit von Chlordécone beträgt 60–100 Jahre. (BEH 2011)
In den kontaminierten Regionen leben etwa 80 000 Personen und 13 000 von ihnen führen sich über Nahrung und Wasser über 0,5 µg/kg/Tag zu. (Franceinfo 19.12.2017)

„The social construct of ‘Global Health’ is a direct descendent of tropical medicine and colonial impositions, and therefore, practitioners and governments must acknowledge the deeply racist roots of the field and how these impact the implementation of healthcare measures and how they are received.“ Melissa Grayboyes et. al.: „Histories of Global Health in Africa,“ Health & Place 77 (2022), 102863.
Chlordecone wirkt schädlich auf Leber- und Nierenzellen, es hemmt die Spermaproduktion und führt zu Schwangerschaftskomplikationen und beeinflusst die Entwicklung der Ungeborenen. Die Substanz bindet u. a. in der Prostata an einen Rezeptor für Östrogene, über den verstärktes Zellwachstum und eventuell auch Malignität vermittelt wird. Ein Zusammenhang zwischen Schadstoffbelastungen und den im Vergleich zu anderen Ländern hohen Raten an Prostatakarzinomen auf den Antilleninseln wurde spätestens seit 2007 vermutet und in einer Studie untersucht. 40 % der Proben von Milch stillender Mütter in den betroffenen Regionen sind mit Chlordécone belastet, was bereits zu messbaren Folgen führt (Saunders 2014). Das umgebende Meer sorgt bei den Inseln dafür, alle Störwirkungen von außen abgeschirmt und die Schadstoffbelastung über Generationen gleich bleiben wird (HAL 2017, Nedellec 2016)
Öffentliche Gesundheit
Vor vierzig Jahren glaubten engagierte Ärztinnen und Ärzte, sie könnten die weltweiten Gesundheitsprobleme durch ein verbessertes Gesundheitssystem günstig beeinflussen. Polio war damals, wie Cholera, Krieg oder Hunger, nur ein Problem unter vielen anderen. Man war sich sicher, allen Menschen wirksame Behandlungen in sehr einfacher Form zugänglich machen zu können. Diese Idee eines „Basis-Gesundheitswesens“ (Primary Health Care) löste weltweit eine Aufbruchsstimmung aus, die viele engagierte junge Menschen mit sich riss. U. a. auch mich.
Wir waren damals überzeugt, die Welt zu verändern. Ich zog als begeisterter Gastarbeiter nach Tansania, weil sich dessen Regierung der PHC-Idee ganz verschrieben zu haben schien. Primary Health Care galt als offizielle Politik der internationalen Organisationen (Deklaration von Alma Ata 1978). Ein Jahrzehnt später wurde das Konzept dann noch erweitert um Empfehlungen zur Verhaltens- und Verhältnis-Prävention (Ottawa Charta 1986 zur Gesundheitsförderung).
Wenige Jahrzehnte später fiel die Überprüfung unserer Arbeit in den sogenannten „Gesundheits-Distrikten“ ernüchternd aus: Zwar hatten die Gesundheitsprodukte („die Pillen“) tatsächlich die letzten Winkel der Erde erreicht. Jeder Dorfkrämerladen, der Tabak, Toilettenpapier und Dosenfleisch verkauft, verhökert heute auch Antibiotika, Psychopharmaka und Schmerzmittel.
Gesundheit hängt aber nicht von (oft zweifelhaften) Produkten des Gesundheitsmarktes, sondern in erster Linie von sozialen Faktoren ab (Dolin 1997).
Solche Zusammenhänge waren für Personen, die über die Mittel entscheiden, zu komplex. Die Primary Health Care Programme hatten gezeigt, dass eigentlich nachhaltig gesunde Regionalentwicklungen zur Verbesserung der Lebensqualität aller Bereiche der Gesellschaft nötig wären, inklusive Ernährung, Bildung, Frauenförderung, sozialem Frieden, Gerechtigkeit, Kultur und Ökonomie. Das aber war nicht umsetzbar. Es wäre zu teuer geworden, hätte Integration und Koordination vieler Interventionsansätze erfordert, und es hätte vor allem nicht zu kurzfristig messbaren Resultaten geführt.
Im engen Horizont der Politik und der Marktinteressen waren und sind langfristige Ziele zur Verbesserung der Lebensqualität nicht „sexy“. Erfolge müssen während einer Amtsperiode erkennbar sein und sich in Bilanzen belegen lassen. Und die Wahrnehmung ganzer sozialer Systeme in ihrer Dynamik überfordert die meisten, die sich damit beschäftigen müssten.
Diejenigen, die über die Mittel verfügen, benötigen stattdessen kleinere Probleme, die mit einer klaren Intervention in einem sehr engen Zeitraum abrechenbar erreicht werden können.
Das Ende von Primary Health Care war nach nur wenigen Jahren absehbar. Im Rahmen ökonomischer Sanierungsprogramme wurde der teure Personalüberhang in staatlichen Gesundheitseinrichtungen abgebaut und das Wachstum der Medizin als Marktwirtschaft begünstigt. Der öffentliche Bereich konzentriert sich seit Ende des letzten Jahrhunderts auf Einzelziele zur Beseitigung bestimmter Krankheiten, die sich aus taktischen Gründen anbieten, und die gegenüber den Geber-Zentralen in Berichten, Statistiken und Dokumenten abgerechnet werden konnten.
Ablösung der Basisgesundheit durch Ausrottungsprogramme
Nachdem alle Bemühungen, die Malaria durch intensiven Einsatz von DDT und anderen Pestiziden auszurotten, gescheitert waren, verlegte man sich nicht etwa auf die Verfolgung nachweislich erfolgreicher gemeinde- und behandlungsbezogener Konzepte, wie 1941 in Tennessee (USA), sondern suchte sich ein anderes Ausrottungsziel: die Pocken.
Dieses Virus wird ohne Zwischenwirt von Mensch zu Mensch übertragen. Daher war seine „Vernichtung“ durch eine Impfung und Isolationsmaßnahmen von Kranken realistisch (Pocken-Eradication). Heute „lebt“ das Pockenvirus nur noch tiefgekühlt in einigen Militärlaboren.
Seither knüpfen alle sogenannten Eradikationsprogramme am Erfolg der Pocken-Ausrottung an (1966–1986) an.
Komplexe Bekämpfungsstrategien (u. a. gegen Malaria) wurden vorübergehend weniger intensiv verfolgt, die Überträgermücken zogen sich aber aus anderen Gründen (Verstädterung, Umweltverschmutzung, Abholzung) immer mehr zurück. Die Blut-Parasiten entwickelten aber immer häufiger Resistenzen gegen die gegen sie eingesetzten Kriegsmittel (weiterhin DDT und andere Pestizide) und gegen Chemotherapeutika. Deshalb wird bis heute immer wieder nach neuen Waffen und militärischen Kriegszügen gerufen. Was oft kurzfristig sehr erfolgreich war, besonders wenn man ein relativ begrenztes Ziel, dass es möglich ist, ein relativ kleines Ausrottungsziel auswählte (wie den Guinea-Wurm in Westafrika).
Allerdings zeigte eine Untersuchung eines Ausrottungsprogramms bei einer relativ einfach eingrenzbaren Infektionskrankheit (Trachom), dass diese auch in einer Nachbarprovinz ohne Interventionsprogramm verschwand, weil sich in beiden Provinzen die allgemeinen Lebensbedingungen verbessert hatten (Dolin 1997)
Die amerikanischen und europäischen Entwicklungsprogramme (während der Präsidentschaft von Bill Clinton) beglückten Afrika, Asien und Lateinamerika mit massiven Familienplanungsprogrammen, bei denen vorwiegend lang wirkende Produkte wie u.a Depo-Provera (DMPA) zum Einsatz kamen, die die Frauen selbst nicht kontrollieren konnten, und die ggf. zu ernsten Nebenwirkungen führten.
Diese sogenannten vertikalen Programme, die Keime, Armut oder Bevölkerungswachstum bekämpfen sollten) hatten und haben einen wertvollen indirekten Effekt: Jemand muss die Mittel (die Munition) der Eradikation herstellen (die Pharmaprodukte), und das sichert Arbeitsplätze in den Geberländern. Diese Logik deckte sich insbesondere mit den Interessen privater, wirtschaftlich orientierter Geber wie „Bill & Milinda Gates“, die heute einen großen Teil der Mittel für weltweite Gesundheitsprogramme vergeben. Die Basis-Gesundheitshelfer wurden umgeschult zu Teams, die durch die Dörfer zogen und impften.
Nach der anfänglichen Euphorie über den Erfolg der Ausrottung der Pocken, folgten mit den Lepra- und Tuberkulose-Eradikation-Versuchen die ersten Ernüchterungen. Solche Bakterien waren, wie viele andere auch, nicht ausrottbar, und Neuerkrankungen gibt es immer wieder. Ob und wie häufig hängt vorwiegend von sozialen Faktoren ab, und die Frage der frühen Behandlung hat, wie schon in den alten PHC-Zeiten bekannt war, etwas mit Bildung, Frauenrechten, Ernährung und vielem anderen zu tun.
Lepra und Tuberkulose sind Probleme, bei denen ein funktionierendes Distrikt-Gesundheitswesen mitwirken muss, die es aber allein niemals in den Griff bekommen kann. Das gilt auch für so tödliche Infektionserkrankungen wie Ebola.
Werden die Gesundheitssysteme kaum noch gefördert, und nicht mehr kontrolliert, bröckeln sie vor sich hin. Es wird dann still um die Ausrottung „schwieriger Seuchen“, wie u.v.a. der Schlafkrankheit. Denn, wo keine kurzfristigen Erfolge oder ökonomischen Vorteile winken, schmelzen erfahrungsgemäß die Budgetposten ab.
Man konzentrierte sich bei der WHO stattdessen lieber mit aller Kraft auf die Polioausrottung, weil hier ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stand. Diese Infektion sollte bis spätestens 2005 endgültig beseitigt sein. Aber es klappt nicht.
Lernen aus Kriegs-Katastrophen?
Eher nicht.
Eradikationsprogramme wurden (und werden bis heute) nicht im Rahmen regionaler Zusammenhänge gesehen. (Habib 2017, Beispiel Tansania). immer wieder neu steht jeweils nur ein Faktor im Fokus der Kriegsmedizin, bis er zerstört wurde.
Die sehr begrenzte Wirkung dieses Vorgehens ist bei der Cholera gut untersucht. Deren Ausbruchsbekämpfung in Hamburg brachte den Keimtheoretiker Robert Koch und Bernhard Nocht schlagartig Berühmtheit ein. Eingedämmt wurde der Ausbruch aber durch Maßnahmen der Sozial- und Umwelthygiene, von denen die Berliner und Münchner Ärzte Rudof Virchow und Max von Pettenkofer mehr verstanden. Die Kriegsmedizin hatte damals gegen Cholera nichts zu bieten.
Auch die später erfundenen Waffensysteme verschlimmerten die Krankheitsverläufe nur. Bekämpfte man Cholera mit modernsten Antibiotika, zerfielen die Bakterien und setzten dabei die Giftstoffe frei, die die Krankheit verursachen. Impft man, glauben arme Menschen, geschützt zu sein (was nur manchmal zutrifft), trinken weiter Abwasser und erleiden dann andere schwere Formen von Durchfallerkrankungen, wenn man das gleiche Abwasser trinkt. Überzieht man das Land Brunnen geringer Tiefe, entwickelt sich nach Jahrzehnten ein um ein Vielfaches größeres Problem (Beispiel: Bangladesch u.a.). Keine Kriegsmethode erwies sich bei Cholera als erfolgreich. Im Gegensatz zu friedvollen Entwicklungen, die die allgemeinen Lebensumstände verbesserten.
Ein anderes Beispiel für die Irrationalität der Bekämpfung eines einzelnen Faktors innerhalb eines Ökosystems ist die „Grippe“. Verursacht wird dieses Krankheitsbild durch ein Gemisch verschiedener Viren und Keime, die (jeweils unterschiedlich zusammengesetzt) in der Atemluft herumschwirren.
Wer
- vor 2020 daraufhin verwies, dass die „Grippeimpfung“ (wenn überhaupt) nur vor Influenzaviren schütze. Und dass Influenza, neben Coronaviren-Viren u. v. a. nur 15 % aller Grippeviren ausmache, galt als Impfgegner. Denn er störte das Geschäft mit der „Grippeimpfung“.
- aber wer es zwischen 2020 und 2022, zu erwähnen, dass auch Influenzaviren (u. v. a.) gefährlich seien, und sogar Todesfälle verursachen könnten, galt Querdenker oder Schwurbler. Denn jetzt war es wichtig, gebannt auf politisch aufgeblasene Corona-Meldezahlen zu starren.
Manchmal gelingt es tatsächlich, in den medizinischen Kriegen (gegen etwas) einen Schädling zu vernichten. Dabei wird dann aber oft im Ökosystem der unendlich vielen Keime eine neue Mikrobe selektioniert, die sich dann weiterentwickeln kann und wird (Antibiotikaresistenz).
Folglich müssten wir, statt nur immer neue Symptome zu bekämpfen, radikal neu denken. Krankheit und Gesundheit sind die Ergebnisse vielgestaltiger Wechselwirkungen lebender Systeme. Sie haben immer viele Ursachen und Einflussfaktoren.
Immer mehr Menschen leben heute in Kriegs- und Krisengebieten oder/und in absoluter Armut. Epidemien von Infektionserregern, die sich über das Wasser, über Moskitos, durch die Umwelt oder von Mensch zu Mensch ausbreiten, werden immer wieder ausbrechen. Sie sind ein Symptom, dass wir in einer Klemme stecken, die die Weiterexistenz unseres Ökosystems gefährden kann (Wallace 2020)
Viele Kritiker der Keimtheorie gelten als Vorläufer einer Erkenntnis, die später zur Salutogenese (Antonovski) erweitert wurde. Wir erkennen heute, dass Lebewesen aus komplexen Systemen bestehen, und in übergeordneten Systemen eingebettet sind. Krankheit wird daher, biologisch betrachtet, als Störung von Wechselwirkungen, Kommunikationen und Beziehungen aufgefasst.
Mehr
- Medizinische Katastrophen –
- Mikrobiom –
- Homöo- und Allöopathie
- Patientenunsicherheit –
- AIDS in Afrika –
- Covid-19-Pandemie
Literatur
zu Robert Koch
- Bauche M: Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika, Freiburg, post-kolonial.de
- Keely Collins: Deconstructing memories of Modern Medical Heroes: Robert Koch and the Bugalla Sleeping Sicknes Camp 1900–1910, Masterarbeit, 2023
- Koch R: Schlußbericht über die Tätigkeit der deutschen Expedition zur Erforschung der Schlafkrankheit. DMW 1907
- Bernd Hontschik: Wer war Robert Koch, Frankfurter Rundschau 05.02.2022
- Jürgen Zimmerer: Der berühmte Forscher und die Menschenexperimente (Spiegel 27.05.2020)
- Manuela Bauche: freiburg-postkolonial.de„
- Riethmiller St: From Atoxyl to Salvarsan: Serching for the Magic bullet, Chemotherapy 2005, 51:234-242
Weitere Literatur:
- Cook J: The Method Taken for Preserving the Health of the Crew of His Majesty’s Ship the Resolution during Her Late Voyage Round the World, Phil. Trans. R. Soc. Lond. 1776, 66
- Collins K: Deconstructing memories of Modern Medical Heroes: Robert Koch and the Bugalla Sleeping Sicknes Camp 1900-1910, Master-Arbeit, 2023, weitere Literatur dazu: freiburg-postkolonial.de
- Dolin PJ et al: Reduction of trachoma in a sub-Saharan village in absence of a disease control programme.Lancet. 1997; 349: 1511-1512
- Downs J: „Maladies of Empire: How Colonialism, Slavery, and War Transformed Medicine“ Harvard Univ Press, 2021
- Dunn P: Dr. Alexander Gordon (1752–99) and contagious puerperal fever, Arch Dis Child Fetal Neonatal Ed 1998;78:F232-F233
- Eisinger J: Lead and wine. Eberhard Gockel and the colica Pictonum Med Hist. 1982 July; 26(3): 279–302
- Gordon A: A Treatise on the Epidemic Puerperal Fever of Aberdeen. London, I795, pp. 36-37. In: William Campbell: A Treatise on the Epidemic Puerperal Fever as it Prevailed in Edinburgh in 1821-22. Edinburgh, Bell and Bradfute, 1822
- Hume D: Bechamp or Pasteur: A Lost Chapter in the History of Biology, 1942: https://archive.org/details/bechamporpasteur00hume_0/page/72/mode/2up
- Lachenal G: The Lomidine Files: The Untold Story of a Medical Disaster in Colonial Africa. 2017
- Nonclercq M: Antoine Béchamp 1816–1908. L’Homme et le savant, originalité et fécondité de son œuvre. Maloine, Paris 1982
- Morabia A: Epidemiologic Interactions, Complexity, and the Lonesome Death of Max von Pettenkofer, American Journal of Epidemiology 2007, 166(11)1233-1238
- Packard R: A History of public Health, 2016
- Reyburn R. et al. (2011): Climate Variability and the Outbreaks of Cholera in Zanzibar, East Africa: A Time Series Analysis. Am J of Trop Med & Hyg, 2011, 84(6)
- Riethmiller St: From Atoxyl to Salvarsan: Searching for the Magic Bullet, Chemotherapy (2005) 51 (5): 234–242.
- Wallace R: On the origins of Covid-19, 2020

