8. Oktober 2024

Heilpflanzen

Inhalt

  • Reine Wirkung pflanzlicher Inhaltsstoffe
  • Nobelpreis für Beifuß-Extrakt gegen Malaria

Reine Wirkung pflanzlicher Inhaltsstoffe

Säugetiere speichern Erfahrungen, können aus ihrer Erinnerung Lösungsstrategien ableiten und geben sie im Rahmen sozialer Kommunikation weiter.

In der Evolution von Elefanten, Gorillas und Bonobos scheinen sich Tiere durchgesetzt zu haben, die in ihren sozialen Gruppen weniger zu direkter Aggression neigten. Die also eher fähig waren, den anderen nützliche Erfahrungen zu vermitteln (PNAS, 2023). Zum Beispiel, ob bestimmte Pflanzen nahrhaft oder giftig sind. Oder wie man sich mit vergorenem Obst berauschen kann. (Science 09.07.2015)

2022 wurde eine Selbstbehandlung bei einem Orang-Utan beobachtet. Er war bei einem Kampf im Gesicht verletzt worden, sammelte die Blätter eines Strauches, kaute sie lange und schmierte sich das Gemisch dann in die Wunde. Offenbar sehr erfolgreich, denn der Hautdefekt heilte reizlos ab. (Nature 2024)

Ein im Kampf verletzter Orang Utan kaute Blätter einer antispetisch wirkenden Pflanze (Akar Kuning – Fibraurea tinctoria) und schmierte das Gemisch in die offene Wunde. Mit Erfolg. Laumer: Nature (2024) 14:8932

Frühe Pflanzenkenner:innen

Die ersten menschenähnlichen Savannen-Affen lebten zunächst als Sammler und Verwerter von Aas. Erst allmählich entwickelten sie sich (mit ersten Distanzwaffen) zu gefährlichen Raubtieren.

Menschen unterschieden, wie andere Säuger auch, nahrhafte von giftigen Pflanzen. Möglicherweise wurden einige Grunderfahrungen genetisch eingeprägt. Babys und Kleinkinder mussten z.B. über Millionen von Jahren vor dem Kauen ihnen noch unbekannter (und möglicherweise giftiger) Kräutern bewahrt werden. Und bis heute ekeln sie sich vor grünlichem Gemüsebrei.

Sobald die Wirkung bestimmter Gifte verstanden war, begann man damit, Pfeilspitzen zu präparieren. Eher zufällig wird man auch Gifte entdeckt haben, die in niedrigerer Dosierung stark beruhigten, die Leistungsfähigkeit steigern oder in ferne Welten entführten: Kava-Kava, Betel, Bilsenkraut, Qat, Kampfer, Fliegenpilz, Cannabis, Pilze, Coca, Mohn (Brau 1969).

Allmählich wurde auch beobachtet, dass bestimmte Gifte in geringer Menge oder in verdünnter Form bei Krankheiten lindernd wirken können, oder bestimmte Auflagen oder Spülungen Wundheilungen begünstigen. Oder einige Pflanzenprodukte Bauchschmerzen verringern und Würmer vertreiben. Oder man den Geschmack des Gekochten durch Gewürze verbessern konnte, und bestimmte aufgekochte Pflanzenbestandteile als Teegenuss bereiten.

Heilpflanzen

Je nach Region wird man den Nutzen einfacher Heilpflanzen als Stammes-Wissen weitergegeben haben (Arnika, Johanniskraut, Kamille, Papaya, Kümmel u. v. a.).

Und auch die Art ihrer Zubereitung musste kulturell gelehrt werden.

Je nach Pflanze werden Wurzeln, Blättern, Blüten oder Säfte benutzt. Der Herstellungsprozess der wirksamen Darreichungsform Droge ist abhängig von der Art, wie die enthaltenen Wirkstoffe in der Pflanze vorkommen. Entweder müssen sie durch Abkochen gelöst werden, oder sie sind nur in sehr frische Pflanzensäften vorhanden, oder in alkoholischen Auszügen, oder in heraus gepresstem Öl.

Bei so gewonnenen Pflanzenprodukten fließen die Übergänge von nützlich, zu heilsam, bis zu giftig. Dabei ist die Toleranzspanne manchmal gefährlich eng. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Tollkirsche (Atropa belladonna). Ihr wichtigster Inhaltsstoff Atropin kann bei kenntnisreicher Anwendung krampflösend wirken, oder auch rasch zum Tod führen. Ähnlich verfällt es sich bei Ricinus, Fingerhut, Cassia u. v. a.

Eine nutzbringende Anwendung, entweder als Gift oder als Heilmittel, erfordert Erfahrungs-Wissen. Heranwachsende mussten von älteren Frauen oder Männern lernen, Verletzte oder Erkrankte im Stammeslager mit Tees, Pflanzenextrakten, Pulvern oder Auflagen versorgten. Je nach Klimazone z.B. mit AloeBeifuß (Artemisin), Baldrian, Eukalyptus, Hopfen, Johanniskraut, Kümmel, Melisse, Nelken, Pefferminze, Ringelblume, …

Kulturell erworbenes Wissen um Nutz- und Giftpflanzen war unverzichtbar für das Überleben der Gruppe. Es nahm stetig an Umfang zu. Und musste schließlich in einer Art von Ausbildung an ausgewählte Schüler:innen weitergegeben werden.

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Ein „mganga“ (Kräuter-heilkundiger) aus dem Volk der Massai. Er war (wie ein Apotheker) davon überzeugt, die direkte Wirkung seiner Mittels zu kennen. Und auch die Nebenwirkungen bei falscher Anwendung. Von Magie („uchawi“) verstand er nichts. Foto: Verkauf eines Mittels gegen die Covid-19-Infektion. Bild: Jäger, Tansania 2022

Starb eine Kräuter-heilkundige Frau, ohne ihr Wissen zuvor praktisch weitergegeben, war es für den Stamm für endgültig verloren. Folglich wird sie bis ins hohe Alter besonders geachtet und liebevoll unterstützt werden.

Das könnte einer der Gründe sein, warum es sich in der Selektion von Frühmenschen entwickelte, dass Frauen nach dem Ende ihrer Fortpflanzungsfähigkeit weiter leben. Im Gegensatz zu weiblichen Schimpansen, die nach ihrer Menopause versterben.

Die Großmütter der Frühmenschen werden, besonders bei Kindern, wichtige Pflegeaufgaben übernommen haben. Die Anwendung von Heilkräutern wird ihre Kompetenz vermittelt haben. Die Behandelten vertrauten ihrer Heilkundigen und schöpften neue Hoffnung. Sie beruhigen sind und konnten im Gefühl der Sicherheit gesunden.

Allmähliche Differenzierung der Heilsysteme

Ethnologische Untersuchungen noch existierender, frühzeitlicher Kulturen beschreiben, dass die ersten frühen Heilsysteme nicht nur liebevoll versorgten und Heilpflanzen anwenden, sondern auch die Lebenden mit dem Unsichtbaren versöhnten.

Pflegerin, Kräuter-Heilkundige oder Schamanin konnten ganz unterschiedliche Personen sein, die je nach Art oder Schweregrade der Erkrankung aufgesucht wurden.

Leichte, vorübergehende Alltagsprobleme heilten bei guter Versorgung und Pflege der Mutter oder der Großmutter von selbst.

Verletzungen, starke Schmerzen oder fiebrige Erkrankungen erforderten die Kompetenz der Kräuter-Heilkundigen. Das konnten Generalisten sein, oder auch Spezialisten für Schlangenbisse, oder Wunden, oder Geburtswehen oder Kopfschmerzen. Bei ihnen stand die Kenntnis der direkten Wirkung des jeweils verwendeten Pflanzenproduktes im Vordergrund: etwa Entzündungshemmung, Krampflösung, Schmerzlinderung oder Beruhigung.

Fühlt man sich intensiv oder gar lebensbedrohlich angegriffen und sah keinen direkten Feind vor sich, wurden die Expert:innen für das Unerklärliche aufgesucht. Diese Schaman:innen versöhnten die Ahnen und Geister, deren Zorn das Unglück verursacht hatte. Dafür benutzten sie andere Pflanzen, deren Inhaltsstoffe die Hirnchemie durcheinander wirbelten.

„Wir haben dem Rausch viel zu verdanken.“
Rückert G. Mosaik-Verlag 2023

Moderne Medizin mit Pflanzen in traditionellen Kulturen

Die Anwendung von Heil-Kräutern dient der Linderung körperlicher Beschwerden. Schamanismus beschäftigt sich mit dem „Geistigen“.

In (heute noch lebenden) traditionellen Kulturen werden die modernen (rein chemischen) Pharmaprodukte der Pflanzenheilkunde oder der (betrügerischen) Scharlatanerie zugeordnet. Sie werden als weniger bedeutend eingeschätzt, als die ernsthaft versuchte Beeinflussung des Unerklärbaren, zu der nur auserwählte, prophetisch begabte Menschen in der Lage waren.

Stellenwert der Pflanzenmedizin in modernen Medizintheorien

Zubereitungen von traditionellen Pflanzen-Extrakten und Pharmaprodukten unterscheiden sich (selbst wenn im Pharmaprodukt Moleküle pflanzlichen Ursprungs enthalten sind, wie Digitalis):

  • Phytopharmaka enthalten immer ein Gemisch vieler unterschiedlich stark und schwach wirkender Substanzen
  • Moderne Pillen transportieren nur eine (oder wenige) reine, chemisch aktive Verbindungen

Die spezifische, punktgenaue Wirkung ist bei Pflanzenprodukten relativ schwach (bei einer für Menschen verträglichen Dosierung). Sie besitzen aber oft starke (nicht spezifische) allgemeine Auswirkungen auf den ganzen Organismus. So wie die Auslösung eines Wärmeempfindens einer Salbe, oder eines Wohlgefühls beim Einsaugen des Duftes eines Tees oder die erlösende Entspannung in einem Aroma-Bad.

Ein reines, weißes, industriell hergestelltes Pulver enthält oft nur eine hochspezifisch und genau wirkende Molekülgruppe, die idealerweise nur wenige, nicht spezifische Neben-Wirkungen auslöst.

Beides (Behandlung mit reiner Chemie oder pflanzlichen Gemischen) hat Vor- und Nachteile.

Verwendung von Heilpflanzen bis heute

Direkte Pflanzenprodukte (als Gemisch unterschiedlicher Inhalts-Moleküle) können unterstützend wirken, wenn sich die Natur des Patienten noch selbst helfen kann.

Moderne Pharmaka (die auch Pflanzenprodukte enthalten können) sind dagegen unverzichtbar in Notsituationen, wenn Selbsthilfe ausgeschlossen ist.

Die meisten Heilpflanzen sind sogenannte Mehrzweckpflanzen, die für vieles benutzt werden können. So kann z. B. die Kamille innerlich und äußerlich angewandt werden, Papaya und Yams als Heil- und Nahrungsmittel, Knoblauch, Nelken und Kümmel als Heil- und Gewürzmittel, Kaffee als Heil- und Genussmittel. Kokospalmen sind besonders multifunktional. Sie liefern Kokosnüsse zum Essen, Öl zum Kochen, Milch zum Trinken, Fasern des Stammes zum Hausbau oder zur Seilherstellung und Blätter als Viehfutter.

Welcher Teil der Pflanze als Heilmittel genutzt wird, ist je nach Pflanze unterschiedlich. Bei einigen werden Wurzeln, bei anderen Blättern, Blüten oder Säfte benutzt. Die Droge kann aus getrockneten Pflanzenteilen wie Blättern oder Blüten, aus frischen Säften der Pflanze oder aus den Wurzeln gewonnen werden. Der Herstellungsprozess der Droge ist abhängig von den in den verschiedenen Pflanzenteilen enthaltenen Wirkstoffen, den verwendeten Pflanzenteilen und der beabsichtigten Darreichungsform. Es werden Tees als Abkochung oder Aufgüsse, frische Pflanzensäfte, wässrige oder alkoholische Auszüge und ätherische Öle zubereitet.

Heute werden Heilpflanzen von fast allen medizinischen Systemen angewandt. Ihre Anwendung unterscheidet sich nach Art der Diagnosefindung, Klassifizierung und Dosierung in dem jeweils angewandten Medizinmodell.

Die Annahme, dass Heilpflanzen weniger Neben-Wirkungen aufwiesen, und damit weniger gefährlich seien als chemische Präparate, ist falsch. Die Übergänge von heilsamer zur giftigen bis tödlichen Wirkung sind auch bei Pflanzenprodukten fließend und vor allem eine Frage der Dosis.

Heilpflanzen können auf einem Fleckchen Erde u. a. von Kleinst- und Kleinbäuerinnen, von Hausfrauen und Müttern angepflanzt und nicht nur als Fertigpräparate in der Apotheke gekauft werden. Als selbst angebaute Pflanzen sind sie leicht herstellbar, billig, vielen zugänglich. In einigen Ländern werden Heilpflanzen auch in großen landwirtschaftlichen Betrieben zum Handel oder zum Export angebaut (cash crop), wie die riesigen Nelkenplantagen auf Sansibar oder Pyrethrum-Farmen in Kenia.

Untersuchungen auf Rückstände von Schadstoffen findet bei „natürlichen Heilmitteln“ oft nicht statt. Sie werden aber manchmal in bleihaltigen Kesseln zusammengerührt oder in Lagern mit Insekten-Vernichtungsmitteln bedampft. Dann bergen sie mehr toxische Risiken, als sie bei scheinbar natürlichen ‚alternativen‘ Anwendungen als Nutzen bringen könnten.

Nobelpreis für Artemesinin

Beifuß (Artemisin), Bild: ronin@posteo.de

Der chinesischen Pharmakologin Youyou Tu gelang es, aus einem Pflanzenextrakt den Wirkstoff Artemesinin zu gewinnen. Dafür erhielt sie den Medizin-Nobelpreis 2015.

Artemesinin beseitigt u. a. die Erreger der gefährlichen Malaria tropica (Plasmodium falciparum) aus dem Blut. Das kann lebensrettend sein. Normalerweise sind bei 95 % der Malariapatienten innerhalb von zwei Tagen nach Beginn der Artemesininbehandlung keine Malariaerreger im Blut mehr nachweisbar.

An Malaria sterben jährlich 850.000 Menschen, besonders Kinder unter fünf Jahren. Die Zahl geeigneter Medikamente nimmt wegen zunehmender Resistenzen ab. Daher war die Einführung war die Markteinführung von Artemesinin ein Segen.

Allerdings führt Artemesinin ohne Kombination mit anderen Präparaten nicht zur Ausheilung der Malaria-Infektion. Außerdem kann der Wirkstoff wegen seiner kurzen Wirkungsdauer auch nicht zur Vorbeugung eingesetzt werden.

Pro Jahr werden laut WHO weit mehr als 360 Millionen Therapien auf Basis von Artemesinin durchgeführt, meist in Kombination mit anderen Wirkstoffen. Die Substanz ist mittlerweile so erfolgreich, dass es in vielen Regionen als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung der Malaria gilt.

Artemesinin stammt aus der Pflanze Artemisia Annua, die im Deutschen als einjähriger Beifuß und im Chinesischen als Qing hao gezeichnet wird. Sie wurde erstmals in einem über 2.000 Jahre alten Dokument erwähnt, das in den Siebzigerjahren in dem Grab Mawangdui in Hunan gefunden wurde.

Damals kannte die chinesische Medizin etwa 240 Rezepturen, die bis zum 16. Jahrhundert auf etwa 60.000 Vorschriften anwuchsen. (Unschuld 2015)

Um 1960 begann in China eine intensive Suche nach effektiven Malariawirkstoffen, um Vietnam während des Krieges gegen die USA zu unterstützen.

Das Team um die Pharmakologin Youyou Tu wählte insbesondere Beifußpflanzen für ihre Tests aus, weil sie in alten Rezeptur-Handbücher zur Behandlung  von Krankheitserscheinungen wie „Sumpffieber“ empfohlen wurden, die der modernen Beschreibung der Malaria ähnelten.

Als es dann tatsächlich gelang, den Wirkstoff Artemesinin in reiner Form herzustellen, stand plötzlich ein Mittel zur Verfügung, dass selbst bei Resistenzen gegen andere Substanzen punktgenau wirksam eingesetzt werden konnte.

Alles, was bei der Anwendung der traditionellen pflanzen medizinischen Rezepturen eine wichtige Bedeutung hatte, wie die schamanistischen Rituale der Anwendung, die Beimischungen anderen Substanzen und die unterschiedlichen Aufbereitungsarten, wurde von Vouyou Tu zur Seite geschoben. Ihr und ihren Auftraggebern lagen der reine spezifische Effekt am Herzen, und nicht die eher psychologischen Systemwirkungen.

Deshalb geht der Nobelpreis in diesem Fall sicher nicht an die „TCM“, zumal eine TCM als medizinisch-philosophisch-religiöser Methoden-Mix gar nicht definiert ist.

Ausgezeichnet wurde vielmehr eine, inzwischen auch in China erfolgreiche, Strategie der westlichen Medizin. Ähnlich, wie es auch schon lange zuvor gelungen war, aus traditionellen Giften lateinamerikanischer Ureinwohner den reinen Malaria-Wirkstoff Quinin zu isolieren.

Die Artemesinin-Geschichte noch geht weiter

2008 wurde erstmals über Resistenzen gegen Arteseminin im westlichen Kambodscha berichtet (Noedl). Auch die Resistenzen gegen andere Medikamente wie Chloroquin oder Sulfadoxin-Pyrimethamin hatten einst ihren Ursprung in West-Kambodscha und verbreiteten sich von dort weltweit.

Dann wurde 2009 für den Bereich der nordwestlichen Grenze Thailands, etwa 800 Kilometer von Westkambodscha entfernt, über Therapieversager der Kombination Artesunate/Mefloquin beobachtet. (Carrara). Und schließlich wurden dann ab 2012 Artemesininresistenzen auch in Afrika beobachtet. (WHO 2015)

Resistenzen entwickeln sich durch Selektion von wenigen Erregern, die eine ansonsten möglicherweise erfolgreiche Behandlung überleben und sich zu neuen Stämmen entwickeln. Das geschieht bei Malaria häufig, wenn nur eine Substanz, ggf. falsch dosiert, in der Behandlung angewendet wird. Oder wenn das eingesetzte Medikament von schlechter Qualität war oder gar gefälscht wurde. Oder wenn es missbräuchlich bei „Kopfschmerzen“ oder „Grippe“ eingenommen wurde.

Studien in Tansania zeigen, dass Routinelabore 53 % der untersuchten Blutausstriche als positiv testeten, während der Erreger lediglich bei zwei Prozent der untersuchten Proben tatsächlich vorlag. (Kahama-Maro 2011) Viele Menschen erhalten daher eine falsch-positive Malaria-Diagnose. Oder sie werden vielleicht in Endemie-Gebieten erst gar nicht untersucht und gleich unnötig behandelt, nach dem Motto: „Viel hilft viel: sicherheitshalber. Es schadet nichts“.

Die Arzneimittelmärkte werden in vielen Schwellen und Entwicklungsländern kaum und z.Z. nicht kontrolliert. Deshalb können auch korrekt hergestellte Medikamente, die schließlich in Krämerläden oder auf Marktständen landen, durch die falsche Lagerung unbrauchbar oder vielleicht auch giftig geworden sein. Patienten in Ghana und Kamerun hatten bei einer Untersuchung nur eine Chance von etwa 60 %, Malariamedikamente in guter Qualität zu erhalten. Und in Nigeria scheinen nur 36 % verkauften Malariamedikamente dem internationalen Standard (WHO 2011). Gefälschte Malariamedikamente werden (u. a. in Indien und in China) sehr professionell hergestellt, sodass sie für Patienten kaum erkennbar sind. (Newton 2011). Bei über 1.400 zufällig und repräsentativ ausgewählten Medikamentenproben in sieben Ländern Südostasiens waren bei mindestens 35 % die Inhaltsstoffe unterdosiert oder gar nicht vorhanden. Von 919 untersuchten Verpackungen stellten sich 46 % als gefälscht heraus. In 21 Ländern im subsaharischen Afrika waren die Inhaltsstoffe bei 35 % fehlerhaft. (Nayyar 2012)

Gesundheitsmarkt in Schwellen- und Entwicklungsländern ist eben häufig ein Krankheits-Markt. (Wilson 2012, Weisser 2008).

Artemesinin im Kontext übergeordneter Medizinsysteme

Die „Traditionelle chinesische Medizin“ ist ein Methoden-Gemisch aus

  • aus einem philosophischen Konzept, das darauf zielte, Menschen dabei zu helfen, gesund zu bleiben,
  • aus schamanistischen Versöhnungsritualen mit den Geistern und Ahnen,
  • aus der Anwendung magischer und psychoaktiv wirkender Substanzen
  • aus lindernd wirkenden Pflanzenextrakten.

Alle Behandlungen, die aus diesen Wurzeln entstanden, beruhten auf nicht spezifischen oder systemischen Wirkungen. Und diese Effekte wurden bei der spezifischen Anwendung der Rein-Substanz Artemesinin bewusst vernachlässigt.

Das philosophische Grundkonzept des Heilens ist aber wichtig, weil bei der rein kommerziellen Vermarktung eines industriell gefertigten Medikamentes die Behandlung leicht ihren Beziehungssinn verlieren kann. Geistlose „Waren-Medizin“ mit hochwirksamen Substanzen kann dann hochgefährlich sein. Eigentlich müsste die Pharmakologie der ärztlichen Ethik dienen, und nicht umgekehrt. Wo das so ist, wächst das Interesse für die Lebensumstände der Patienten. Die Fragen, warum Malariaerreger übertragen werden, und wie Personen, die besonders gefährdet sind, besonders geschützt werden können, gewinnen dann an Bedeutung. Artemesinin ist nur dann hochwirksam, wenn „ein Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“. Effektiver wäre es natürlich, darüber nachzudenken, wie es möglichst nicht hineinfällt.

Die schamanistische Heilung ist auch in gewisser Weise von Bedeutung. Sie versöhnt mit Tabus, die überschritten wurden, und sie lindert Stress als psychologische Ursache von Krankheit. Das kann hochwirksam sein: Deshalb heilt scheinbar „nichts“, wenn das Gefühl entsteht, dass es „gut werde“.

Diese sogenannte „Placebo“-Wirkung kann als „Individuelle Gesundheitsleistung“ profitabel genutzt werden, wobei in Malaria-Gebieten auch sehr spezifisch wirksame Substanzen, selbst Artemesinin, kommerziell als „Pseudo-Placebos“ eingesetzt werden können, z. B. bei „unklarem Unwohlsein“. Für das Auslösen heilsamer System-Effekte sind Täuschung oder Schein-Rituale vollkommen überflüssig, sofern eine optimale Arzt-Patienten-Beziehung besteht. Und die ist auch dann unverzichtbar, wenn hochspezifisch-wirksame Substanzen wie Artemesinin eingesetzt werden.

Die Idee, Artemesinin, dem Konzept der modernen Medizin entsprechend, als Reinsubstanz zu vermarkten, führte zwangsläufig zu Resistenz-Entwicklungen. Schon bald stellte sich heraus, dass eine Kombination von Wirkstoffen die Entstehung von Resistenzen wirkungsvoll verhindern kann. (Cui 2011). Und dann wurde klar, warum Malaria-Erreger über 2.000 Jahre lang keine Strategien gegen Beifuß-Anwendungen entwickeln konnten:

Weil Auszüge aus ganzen Pflanzen, also Molekülgemische aus spezifischen und nicht spezifischen Wirkstoffen, angewendet wurden, und damit das Risiko für Resistenzentwicklungen sinkt. (Elfawal 2015)

Mehr

Literatur

Allgemein

Artemesinin

  • Elfawal M et al: Dried whole-plant Artemisia annua slows evolution of malaria drug resistance and overcomes resistance to artemisinin, PNAS 2015, 112(3)821–826
  • Gaudiana MC, Di Maggio A, Cocchieri E, et al. Medicines informal market in Congo, Burundi and Angola: counterfeit and sub-standard antimalarials. Malar J 2007; 6: 22.
  • Nayyar G et al.: Poor-quality antimalarial drugs in southeast Asia and sub-Saharan Africa, 2012, The Lancet Infectious Diseases, 12(6):488-496,
  • Newton P et al.: Poor quality vital anti-malarials in Africa. An urgent neglected public health priority, Malaria Journal 2011, 10:352
  • Newton PN, Fernández FM, Plancon A, et al. A collaborative epidemiological investigation into the criminal fake artesunate trade in South East Asia. PLoS Medicine 2008; 5: e32.
  • Weiser T et al.: An estimation of the global volume of surgery: a modelling strategy based on available data, The Lancet 2008, 372:139-144
  • WHO 2010: Assessment of medicines regulatory systems in sub-Saharan African countries An overview of findings from 26 assessment reports
  • WHO 2011: Survey of the quality of selected antimalarial medicines circulating in six countries of sub-Saharan Africa
  • Wilson R et al.: Patient safety in developing countries: retrospective estimation of scale and nature of harm to patients in hospital. BMJ 2012;344:e832, Page 1-14, 13.03.2012
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  • Cui W. WHO urges the phasing out of artemisinin based monotherapy for malaria to reduce resistance. BMJ 2011; 342:d2793.
  • Kahama-Maro J, D´Acremont V, Mtasiwa D, Genton B, Lengeler C. Low quality of routine microscopy for malaria at different levels of the health system in Dar es Salaam. Malaria Journal 2011; 10: 332.
  • Newton PN, Green MD, Mildenhall DC, et al. Poor quality vital anti-malarials in Africa – an urgent neglected public health priority. Malaria Journal 2011; 10: 352.
  • Noedl H, Se Y, Schaecher K, et al. Evidence of artesiminin-resistant malaria in Western Cambodia. N Engl J Med 2008; 359: 2619-20.
  • Phyo AP, Nkhoma S, Stepniewska K, et al. Emergence of artemisinin-resistant malaria on the western border of Thailand: a longitudinal study. The Lancet 2012; 5. April
  • Unschuld P: Süddeutsche 09.10.2015 –  Wahre chinesische Medizin, 2012  – Akupunktur 2004
  • WHO 2015: Q&A on artemisinin resistance
  • WHO 2011: Untersuchung zur Qualität der Malariamedikamente in sechs afrikanischen Ländern
Letzte Aktualisierung: 27.04.2025