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20. Januar 2025

Systemisch oder spezifisch?

Realität pulsiert. Komplexe Systeme durchdringen und beeinflussen sich.

Wirklichkeit ist nicht. Sie wird. (Tonneli, 2024, Zeilinger, 2023, Capra, 2014)

Nur die Medizin klammert sich noch an die Illusion der Mechanik und organisiert ihre Kriege. Sie überschätzt die Bedeutung punktgenauer Munition (Magic bullets) und verdrängt die Kollateralschäden, die sie anrichtet.

Heilung geschieht in Frieden: Sie verlangt nach Mitmenschen, die sich kümmern, damit die Natur sich normalisieren kann. (Laranjeira, 2022, Sharot, 2011, Humphrey, 2012).

Folgen von Handeln und Behandeln

Interventionen in lebende Organismen können einen Zielpunkt treffen oder ihn verfehlen, oder Streuwirkungen auslösen oder die Dynamik des ganzen Systems verändern (Jäger 2015):

  • Spezifisch: Rezeptor-genau und präzise im anvisierten Ziel
  • Schwach spezifisch: im Ziel-Umfeld oder Nebenwirkungen erzeugend
  • Systemisch auf ein Umfeld wirkend: wie eine Mutter auf ihr Baby

Messung spezifischer Effekte

einfach nur kompliziert

Die Beobachtung der spezifischen Auswirkungen verlangt klassische, in die Zukunft gerichtete Studien (RCT), die darauf ausgelegt sind, spezifische Effekte zu messen. Dabei wird eine zielgenaue Intervention mit scheinbar nichts verglichen.

Die Pharmaindustrie hat ein Interesse daran, zu belegen, dass ein Produkt, das sie verkaufen will, besser wirkt als kein Produkt. Daher werden in ihren Studien den Kontrollpersonen sogenannte „Placebo“ oder „Pseudoplacebo“ verabreicht. Die Letzteren enthalten dann statt eines „Nichts“ ein „Etwas“, das in diesem Zusammenhang bedeutungslos zu sein scheint. Oder eine Placebo-Kontrolle kann die gleichen (Nebenwirkung auslösenden) Zusatzmittel enthalten, wie die Verum-Gruppe (Villa 2005/2006), was zu Ergebnissen führt, die in der Vermarktung genutzt werden.

Beide Varianten des scheinbaren „Nichts“ werden angewendet und lösen so psychologische Effekte aus. Verändert man das Ritual einer Anwendung, kann der Effekt verstärkt oder abgeschwächt werden, oder auch ins Negative kippen („Nocebo“) (Benedetti, 2013).

Messung systemischer Effekte

Lebendes in Lebendem

Systemische Wirkungen können auch durch hochspezifische Geräte oder chemische Produkte hervorgerufen werden (z. B. Zusatzstoffe, die auf spezifische Rezeptoren abzielen, 3D-„Baby-Fernsehen“-Ultraschall, Vagusnerv-Stimulation …). Diese Produkte (die auf systemische Wirkungen abzielen) sind weniger kontrolliert als spezifische Interventionen.

Die Auslösung von Systemeffekten kann beobachtet und gemessen werden. (Relton 2010). Bei solchen Cluster-Cohorten-Studien (cmRCT, uva) werden vor dem Hintergrund einer Grundgesamtheit Gruppen mit und ohne Intervention verglichen.

Dabei kann man Lerneffekte beobachten. Es ist möglich, subjektive Qualität (durch die Augen des Patienten) zu erfragen oder Auswirkungen auf die Nachfragen nach Gesundheitsleistungen, oder Verhaltensänderungen oder qualitative Erfahrungen usw. Auch bei der Anwendung hochspezifischer Interventionen wäre es möglich, die Systemwirkungen des Eingriffes zu messen.

So wäre es 2021 möglich gewesen, zu beobachten, wie die Auslösung von Todes-Angst und anschließendes Angst-Lösen durch ein schmerzhaft-einprägsames Ritual sich unspezifisch auf die Psyche der Geimpften ausgewirkt haben mag. Solche prospektiven Phase-IV-Cluster-Studien wurden aber während der Produkt-Vermarktung nicht durchgeführt.

Beispiel: Homöopathie

Die Wirksamkeit der Auslösung von Systemeffekten wurde vor fast zwei Jahrhunderten entdeckt. Damals verbreitete sich in Europa eine neue, unbekannte Durchfallkrankheit. Die Sterblichkeit bei der asiatischen Cholera lag im 19. Jahrhundert bei etwa 40 %. Die (im geglaubten Medizinkonzept) hochspezifische Standardbehandlung (mit Aderlass und Flüssigkeitsrestriktion) erhöhte die Sterblichkeitsrate auf etwa 60 %. Einer der Ärzte (Hahnemann) experimentierte mit einem der Stoffe, die spezifisch wirken sollten (Kampfer), und berichtete von besseren Ergebnissen, wenn er die spezifische Wirkung auf Null verdünnte. Damit gelang es ihm, alle Nebenwirkungen von Kampfer auszuschalten. Zusätzlich durften seine Patienten so viel trinken, wie sie wollten, und er quälte sie nicht mit Aderlass (Hahnemann, 1831). Er verzichtete also auf den spezifischen Effekt und beließ es bei dem Systemeffekt einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Kommunikation. Florence Nightingale ging sogar noch weiter und konzentrierte sich ganz auf die systemische Heilwirkung (Pflege ohne Glaubenssystem).

Das Problem bei der heutigen Homöopathie ist, dass der Arzt, der sie anwendet, absolut davon überzeugt sein muss, dass die Wirkung tatsächlich „spezifisch“ sei. Diese starke Überzeugung wird vom Patienten gespiegelt, der daher überzeugt ist, dass die Zukunft positiv sein wird. Die Homöopathie ist also ein Glaubenssystem, das systemische Wirkungen hervorrufen kann, ohne „spezifischen“ Schaden anzurichten. So weit, so gut, aber die Patienten lernen nichts dabei, wenn sie die Kügelchen einnehmen.

Pharma-Auslösung von Systemeffekten

Heute entwickeln Pharmakologie und Gentechnik hochspezifische Moleküle, die starke systemische Wirkungen auslösen. Beispiel: die Stimulierung des Toll-like-Rezeptors, der das Immunsystem in Alarmbereitschaft versetzt. Das wird z. B. beabsichtigt, wenn die Wirksamkeit eines Impfstoffes erhöht werden soll.

In modernen Impfstoffstudien (bei denen die kleinen Antigenschnipsel keine Immunantwort hervorrufen können) muss das Adjuvans (das eine System-Antwort hervorruft) im Verum und in der Kontrolle vorkommen. In neueren „placebo-kontrollierten“-Studien enthält die Null-Kontrolle also nicht „nichts“, sondern „etwas“, das spezifische Nebenwirkungen hervorrufen kann (Gøtzsche 2016). Z. B.: Narkolepsie-Inzidenz 2009: ~1: 10.000 Pandemrix-Impfungen. (Sturkenboom 2015, Ahmed 2015)

Der Medizinmarkt nimmt systemische Effekte zunehmend ernst und erforscht „Die Macht der Erwartung“ für ein effektiveres Produktmarketing als „Placebo-Kompetenz 2.0“.

Es wäre aber auch möglich, wie man den Bedarf nach Medizinprodukten senken könnte, wenn es gelänge, Menschen durch professionelle Zuwendung zu helfen, lernend anders (effektiver) mit ihnen umzugehen.

Beispiel: Taiji

Taiji ist eine Form natürlicher Bewegung, die in China entwickelt wurde. Gelehrt wird, wie von außen einwirkende Kräfte angenommen, genutzt und geleitet werden können. Schonend und entspannt. Und wie man damit aufhören kann, Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Ohne etwas auszuhalten, zu kämpfen oder zu fliehen.

Spezifische Wirkungen bei Taiji (wenn es sie gäbe) wären schwierig zu messen. Dagegen könnten von längerem Taiji-Training System- und Lerneffekte ausgehen, die die Entwicklung des ganzen Menschen betreffen. Und die Prozesse der körperlichen und psychischen Weiterentwicklung gleichermaßen günstig beeinflussen. Es ist denkbar, dass im Austausch mit anderen Menschen Verhaltensmodifikation möglich sind, denn Körper und Bewusstsein werden angesprochen. Das Umlernen ungünstiger Reaktionsmuster und Haltungen könnte sich direkt und indirekt günstig auf gesunde Entwicklungen, sowohl im sozialen Feld als auch auf die körperliche Gesundheit auswirken. (s. GKV-Handbuch Evaluierung)

In der Zeitschrift British Medical Journal wurde eine Untersuchung zur Wirkung von Taiji publiziert. (Wang 2018) Die untersuchten Personen litten an einer komplexen Erkrankung. Der eine Störung des Immunsystems zugrunde liegt: Fibromyalgie. Neuronale Störungen der Immunfunktion (besonders ein Übermaß an Stress), ein ungünstiges Zusammenspiel mit dem Mikrobiom des Darmes, Fehlfunktionen nach Infektionen oder Schadstoffeinwirkungen und Störungen des Bewegungsapparates und der Schmerz-Verarbeitung gelten als Auslöser.

Spezifische medikamentöse Behandlungen sind dabei in der Regel wenig wirksam. Fibromyalgie gilt als eine Vorstufe rheumatischer Erkrankungen und könnte als Übererregbarkeit des Immunsystems aufgefasst werden. Das Ergebnis der Studie zeigte (Zitat): „Taiji Geist-Körper-Training führt bei Patienten mit Fibromyalgie zu einer ähnlichen oder größeren Verbesserung der Symptome als aerobisches Training. Längere Dauer des Taiji zeigte größere Verbesserungen und kann als therapeutische Option in der multidisziplinären Behandlung angesehen werden.“ (frei übersetzt, Wang 2018). Zu gleichen Ergebnissen kam bereits eine frühere Studie bei Patient:innen, die an Parkinson litten. (Li 2012, Huston 2016, Solloway 2016)

Die Studien von Wang u. a. zeigen, dass die Zugangsformen Qigong und Taiji in den Händen geeigneter Lehrer:innen Systemerkrankungen günstig beeinflussen können und in einigen Bereichen anderen Methoden überlegen sein könnten. Möglicherweise, weil Achtsamkeit und entspannte Bewegung gleichermaßen trainiert werden. Diese Zusammenhänge erwiesen sich auch bei der Anwendung ähnlicher Ansätze als wirksam. (Bravo 2018, Hollinghorst, 2008, Little, 2008) Die besondere Qualität von Qigong und Taiji könnte darin begründet sein, dass körperliches, psychisches Erleben, Erfahren und Lernen des gesamten Menschen stimuliert werden (Leung, 2021)

Schlussfolgerung

Es ist nötig, systemische Wirkungen besser zu verstehen und sie wissenschaftlich zu beobachten und zu untersuchen. Gesundheitsergebnisse könnten so verbessert, und es könnten weniger spezifische Behandlungen eingesetzt werden. Dadurch senkten sich die Kosten, ebenso wie die Notwendigkeit von Überdiagnosen, Überbehandlungen und Medikalisierung.

Wir benötigen neue Studiendesigns, um die Auswirkungen spezifischer pharmakologischer Substanzen, die systemische Effekte auslösen, bei Krebs-Behandlungen, Impfungen, in der Psychiatrie u. v. a.

Jede Methode, die damit wirbt, Gesundheit zu verbessern, sollte bei Markteinführung durch standardisierte, in die Zukunft gerichtete Langzeitbeobachtungen begleitet werden.

Der Begriff Placebo gehört in die Grusel-Museen der Medizingeschichte. Placebo-Behandlungen, -Impfungen oder -Operationen sollten unterlassen werden. In Deutschland werden sie heute noch ethisch akzeptiert. (BÄK 2010) Das muss sich ändern.

Mehr

Literatur

  • Benedetti F: Placebo and the New Physiology of the Doctor-Patient Relationship. Phys Rev 2013, 93(3):1207-46
  • Benedetti F: Placebo effects: From the Neurobiological Paradigm to Translational Implications, Neuron 2014, 84: 623-637
  • Capra F et al.: The Sysrems view on life, Cambridge University Press 2014
  • Hahnemann, Heilung von der asiatischen Cholera und Schützung vor derselben, 1831
  • Humphrey N et al.: The evolutionary psychologiy of healing: a human success story. Curr Biol. 2012 Sep 11;22(17):R695-8
  • BÄK 2010: Placebo in der Medizin: www.bundesaerztekammer.de/aerzte/medizin-ethik/projektbezogene-themen/pl…
  • Bravo C.: Basic Body Awareness Therapy in patients suffering from fibromyalgia. in Physiotherapy Theory aud Practice 2018, 3 1-11
  • GKV: Handbuch des individuellen Ansatzes: https://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/praevention_selbsthilfe_beratung/praevention_und_bgf/evaluation/evaluation.jsp
  • Hollinghurst et al: Randomised controlled trial of Alexander technique lessons, exercise, and massage (ATEAM) for chronic and recurrent back pain: economic evaluaon. BMJ 2008;337:a2656
  • Huston P: Health benefits of tai chi: What is the evidence? Can Fam Physician 2016, 62(11):881-890.
  • Jäger H: A dose of humility, BMJ 20.07.2015
  • Laranjeira C et al.: Hope and Optimism as an Opportunity to Improve the „Positive Mental Health“ Demand, Front Psychol. 2022;13:827320
  • Leung KW et al.: Mind-Body Health Benefits of Traditional Chinese Qigong on Women: A Systematic Review of Randomized Controlled Trials. Evidence based Complementary and Alt. Med 2021, article 7443498
  • Li F. et al.: Tai Chi and Postural Stability in Patients with Parkinson‘s Disease. The New England Journal of Med. 2012
  • Little et al: Randomised controlled trial of Alexander technique lessons, exercise, and massage (ATEAM) for chronic and recurrent back pain, BMJ 2008; 337:a884
  • Relton C (2010): Rethinking pragmatic randomised controlled trials: introducing the “cohort multiple randomised controlled trial” design, BMJ 2010; 340:c1066340
  • Sharot T.: The optimism bias. Curr Biol 2011, 21, R941-945
  • Solloway M et al. An evidence map of the effect of Tai Chi on health outcomes. Systematic Reviews 2016. (5) article 126
  • Tonneli G: Die illusion der Materie,C.H. Beck 2024
  • Villa LL et al. (2005): Lancet Oncol 2005 6(5):271-8 : „The study had two placebo groups with adjuvant doses of 225 μg or 450 μg for appropriate safety comparisons.“ . Br J Cancer. Dec 4, 2006; 95(11): 1459–66: „The placebo contained the same adjuvant and was visually indistinguishable from vaccine …“
  • Wang C. Effect of tai chi versus aerobic exercise for fibromyalgia: comparative effectiveness randomized controlled trial. BMJ 2018, 360:k85
  • Zeilinger A: Einsteins Spuk. Pantheon 2024
Letzte Aktualisierung: 03.02.2025