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5. November 2025

System-Medizin & Ethik

Inhalt

  • Mensch, Umwelt und Beziehung
  • Paradigmenwechsel in der Medizin
  • Etikoterapie
  • Literatur

Mensch, Umwelt und Beziehung

Lebewesen bestehen aus zahllosen inneren Systemen. Sie sind eingebettet in äußere Systeme, die sie durchdringen. Beziehungen und Wechselwirkungen beeinflussen ihr Gedeihen, ihr Wachsen und ihre Veränderung.

Integrierte Medizin betrachtet Gesundheit und Krankheit durch die Augen der Patient:innen. Sie regt Verhaltensänderungen an, die den Bedarf nach ‚Pharma-Shoppen und Doktor-Hoppen‘ verringern.

Eine systemisch orientierte Medizin wirkt darauf ein, wie sich die Verhältnisse im Umfeld von Beruf und Familie gesundheitsförderlicher gestalten können. Diese Art der Förderung von Leben und Gesundheit will primär keine Probleme lösen, sondern Entwicklungen, Veränderungen und Wachstum begleiten.

Lebendes (komplexes) Öko-System. Bild: Jäger 2019

Paradigmenwechsel der Medizin?

Die Medizin wird bis heute durch ein mechanistisches Medizin-Modell des 19. Jahrhunderts geprägt.

Ein Paradigmenwechsel, vergleichbar dem in der Physik von linearem zu systemischem Denken steht weiter aus.

Obwohl die Biologie unendlich viele Faktoren und Beziehungen beschreibt, die das Leben in wechselwirkenden Ökosystemen kennzeichnet.

Die komplexen Zusammenhänge der Entstehung vieler Erkrankungen, wie Autismus/Asperger, Entwicklungsverzögerungen, ADHS, psychogenen Auffälligkeiten, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes, Krebs oder Übererregbarkeit der Immunfunktion u. a. können bisher nur erahnt werden.

In den vergangenen Jahren mehren sich die Hinweise, dass sich frühe Störungen der normalen Wechselwirkungen der Zellen im späteren Erwachsenenalter als Krankheit bemerkbar machen können. Zum Beispiel, wenn die Entwicklung der Schwingungsmuster des Gehirns beeinträchtigt wurde, oder die Ausprägung der genetischen Information (Epigenetik) nachteilig beeinflusst wurde, oder die Ummantelung zentraler Nervenbahnen nach der Geburt.

Bei einer einfachen Erkrankung (wie Asthma) sind Interaktionen tausender Gene beteiligt, deren Funktion durch eine Vielzahl von Faktoren und die Interaktionen zwischen ihnen beeinflusst und gestört werden kann.

Im Zusammenhang mit Parkinson- und Alzheimererkrankungen werden zwei mögliche Zeitpunkte schädigender Ereignisse diskutiert: die ‚Two-Hit‘ Hypothese. Danach muss ein schädlicher Einfluss in der Schwangerschaft nicht unmittelbar nach der Geburt zu Erkrankungen führen, kann aber eine Schwächung der Anpassungsfähigkeit des Kindes bewirken, und damit im Erwachsenenleben die Entstehung von Krankheit begünstigen.

Gesundheit wird deshalb heute zunehmend als eine dynamisch-elastisch-anpassungsfähige Balance beschrieben: gekennzeichnet durch einen Rhythmus dämpfender und aktivierender Zellen, die sich in einem ausgewogenen Ökosystem von Bakterien, Viren und vielen nicht lebenden Umweltfaktoren ständig erneuern und wachsen. Krankheit entstehe dann, wenn die Belastungen zu groß werden, oder das Zusammenspiel zwischen inneren und äußeren Funktionen und Lebensformen gestört ist.

Das Verständnis für die komplexen System- und Entwicklungs-Zusammenhänge der Realität, für die vielen Möglichkeiten, sie negativ zu beeinflussen, und für die Folgen, die sich daraus ergeben, beginnt gerade erst zu entstehen.

Es wird zunehmend deutlich, dass unterschiedliche Patient:innen sehr verschiedene Formen der Unterstützung und Behandlung benötigen. Die Medizin müsste also personalisiert werden, da offenbar jede Krankheits-Situation einzigartig ist (Eisenstein 2014). Das gilt auch bei lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Krebs, da sich eine optimale Chemotherapie u. v. a. auch dem genetischen Profil der Patientinnen passen sollte.

Die Verarbeitung der unzähligen Fakten, Informationen und Begriffe, die auf Ärzt:innen einströmen, erfordert neuartige Strategien, die man als „Landkarten malen“ bezeichnen könnte. Gemeinsam ist diesen innovativen Techniken (Translationales Mapping, System-Biologie, Semantisches Web, …) die Erkenntnis, dass bei jedem Zusammenhang viele unterschiedliche Expert*innen erheblich andere Sichtweisen haben können. Alle Blickwinkel (oder „Landkarten“) sind aber gleichermaßen bedeutsam und könnten, so als würde man Klarsichtfolien übereinanderlegen, ein Gesamtbild ergeben.

Mediziner:innen sollten also psycho-soziale, genetische, epigenetische, mikrobiologische, psycho-somatische, umwelt-toxikologische und pharmakologische Informationen gleichzeitig wahrnehmen, und zudem über einen kompletten Überblick über alle wichtigen Studien und Leitlinien verfügen.

Mechanische (komplizierte) Struktur. Bild Jäger 2019

Ist das unmöglich?

Jeder moderne Laptop würde bei dem Versuch abstürzen, die Billionen der Verknüpfungsmöglichkeiten aller Datenbankinhalte zu bewerten. Vielleicht wären „Quanten-Computer“ dazu fähig.

Der leistungsfähigste und vor allem serienmäßig gebaute Rechner dieser Art ist der menschliche Körper. Seine Zellen stehen in ständiger Kommunikation untereinander und in Beziehung zu all dem, was sie umgibt.

Mit seinem hochleistungsfähigen Beziehungsorgan Gehirn ist er im Prinzip in der Lage, das, was gerade entsteht, ohne Zeitverzug unmittelbar zu erfassen und auch sinnvoll zu beeinflussen.

Würde das Gehirn nur auf Einzelinformationen reagieren und daraufhin Befehle erzeugen, kämen wir fast immer zu spät. Dagegen gleicht das, was Sinnes-, Nerven- und Bewegungs- und Stoffwechselzellen erzeugen, eher den Klängen von Instrumenten, deren Musik und Rhythmen sich schlagartig verändern können.

Beispiel:

Lebendes (komplexes) Öko-System. Bild: Jäger 2019

Eine Patientin kann hoffnungsfroh gestimmt sein, weil sie eine Besserung ihres Leidens erwartet. Sie betritt ein Behandlungszimmer und fühlt sofort, dass ihr „dieser Arzt“ nicht sympathisch ist. Weil er durch seine Haltung und seinen Gesichtsausdruck signalisiert, dass er gerade an etwas anderes zu denken scheint, und deshalb unfähig ist, eine unmittelbare Blick-Beziehung zur Patientin herzustellen. Das Gefühl der Patientin schlägt damit unvermittelt von „interessiert-hoffend“ auf „misstrauisch-abwehrend“ um. Sie wird sich diesem Arzt nicht mehr offenbaren. Deshalb wird Wesentliches nicht zur Sprache kommen, und die getroffene Diagnose wird, vielleicht auf der Basis von Laborwerten, die Situation nur teilweise erfassen.

Schlagartig „Alles“ verstehen, erspart Zeit und Mühe

Die Funktion des Gehirns kann von einem „Analog-Rechner“ (der 1 + 1 + 1 + 1 zählt) auf einen „Quanten-Computer“ umgeschaltet werden, der alles wahrnimmt.

Der griechische Philosoph Epiktet nannte das, „die Einstellung zu den Dingen verändern“.

Die „analoge“ Denk-Strategie des Gehirns besteht darin, „die Dinge“ eins nach dem anderen zu analysieren und zu bewerten, um sie anschließend zu manipulieren.

In der schlagartigen „Quanten-Funktion“ enthalten die Schwingungsmuster des Gehirns alle Billionen Einzelinformationen gleichzeitig: das Gesehene, Gehörte, Gefühlte, Erspürte, Erinnerte usw. Die inneren Bilder erfassen sofort das Wesen einer Gestalt, erkennen einen Sinnzusammenhang und entdecken Unstimmigkeiten. Etwa so wie ein Musiker, der darauf lauscht, wie sein Instrument in einem bestimmten Konzertsaal klingt.

Weil beide Arten, die Welt zu betrachten, die Analog- und die Quantenfunktion des Gehirns, gleich nützlich sind, besitzen wir unterschiedliche Hirnfunktionen, die je nachdem, was nötig ist, die Führung übernehmen können.

Zum Beispiel kann eine Ärztin Expertin für „Gallensteine“ sein, oder auch schlagartig erkennen, dass vor ihr ein Mensch sitzt, der lebt. Der Patient erwartet von der Ärztin beides, Detailkenntnis und Verständnis für seine gesamte Situation. Um zwischen beidem zu wechseln, muss sie ihre Einstellung verändern können. Denn für die Situation des Patienten wäre sie plötzlich keine Expertin mehr. Angesichts des Menschen verliert „der Gallenstein“ an Bedeutung, während die Bescheidenheit der Ärztin zunimmt: Sie erkennt vor sich einen anderen Experten, den Patienten, der seine Situation deutlich anders erfährt und beurteilen kann.

Aus ärztlichen Beziehungen, die durch Aufmerksamkeit und Empathie geprägt sind, kann sich etwas Neues entwickeln. Dann gewinnen Entwicklungsperspektiven an Bedeutung.

Den Blick von „einer Krankheit“ zum Erleben eines „leidenden Menschen“ zu erweitern, ist für viele, der im Medizindenken des 19. Jahrhunderts trainierten Ärzt:innen ungewohnt. Trotz des immer größeren Schatzes an Einzelwissen wird ihnen aber zunehmend klar, dass die Komplexität der Realität sich ins Unendliche ausdehnt.

In anderen Lebensbereichen können Menschen damit gut umgehen. Zum Beispiel kann eine erfahrene Seglerin ihr Verhalten „intuitiv“ an Wind und Wellen anpassen. Sie erfasst den Zusammenhang der Situation mit allen Informationen zu seinem Boot (das Innere) und zu allem, was darauf einwirkt (das Äußere). Weil er sich der Situation anpasst, tut sie genau das, was sinnvoll ist. Ein Nachdenken über Einzelfaktoren (exakte Windstärke der Böe, Wellengang, Dehnungsgrad des Mastes …), würde sie stören.

Die „medizinische Wissenschaft“ kennt sich mit wirksamen Strategien zur Beeinflussung lebender (komplexer) Systeme bisher nicht besonders gut aus. Stattdessen wird meist versucht, die Systeme zu beherrschen, d. h. sie gedanklich in Maschinen zu verwandeln, die wie tote Objekte repariert werden können.

Systemmedizin betrachtete Menschen, als das, was sie sind: eigen dynamisch veränderliche Lebewesen. Sie nimmt die komplexe Realität von Systemen und deren Beziehungen wahr. Die Sorge um Patienten (Care) ist ihr deshalb ebenso wichtig, wie die Behandlung.

Menschen können darin befähigt und trainiert werden, ihre eigenen Selbstlösungsstrategien zu entwickeln. Besonders nützlich sind Formen der Kommunikation, bei denen viele Meinungen die vielen Möglichkeiten aufzeigen, die sich bieten. Das geschieht z. B. in Teams, die multidisziplinär und multikulturell zusammengesetzt sind, und bei denen Männer und Frauen sich gleichermaßen einbringen.

Systemmedizin könnte also, sofern sie sich auf Empathie und Beziehung gründet, tatsächlich zu einer neuen Qualität der Arzt-Patient-Kommunikation führen.

Denn sie wäre ethisch begründet und frei von Kommerz, Täuschung und Betrug.

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Etikoterapie

2025 lernte ich auf einem Kongress in Prag Dr. Vladimír Vogeltanz. Die Referierenden vor ihm hatten zu belegen versucht, warum das, was sie taten, erfolgreich gewesen sei. Angesichts ihrer Lösungen seien die Probleme, die ihre Patient:innen plagten, geschrumpft oder verschwunden. Wie bei lösungsorientiert gehaltenen Vorträgen üblich, beeindruckten sie durch die Form und Zahlen. Das, was ihr Theorie-Modell hätte stören könnte, erwähnten sie nicht.

Vogeltanz dagegen hatte nur eine Folie mitgebracht. Darauf stand das Wort „Etikoterapie“ neben dem Foto eines 1956 verstorbenen tschechischen Arztes (Ctibor Bezděk).

Er sehne sich nach einer grundlegenden Ethik in der Medizin und habe sich daher als klassisch kurativer Arzt vom Behandeln-Wollen verabschiedet. Sowohl von klassischen, als auch von alternativen Heilmethoden. Stattdessen interessierten ihn nicht die einzelnen, messbaren Faktoren oder Teile, sondern die Beziehungen, Wechselwirkungen und Störungen zwischen ihnen.

Die von C. Bezděk vorgeschlagene (und von ihm angewendete) Etikoterapie suche die Ursachen für menschliche Krankheiten in gestörten Beziehungen zu sich selbst und zu anderen. Er betrachte Krankheit als materiellen Abdruck einer kranken Seele, die noch keinen Weg in eine ethische Ordnung gefunden habe. Ein Ethiktherapeut sei nur ein passiver Spiegel, der einen spirituellen Einblick in die Lebenssituation des Kranken erleichtere. Ein Zuhörer, ein Moderator, ein Begleiter. Jemand, der wie bei einem aufgeschüttelten Glas trüber Flüssigkeit, Bedingungen schaffe, damit sich der aufgewirbelte Staub von allein, langsam und in Ruhe als Bodensatz absetzen könne.

Der Kranke fände, durch empathische Begleitung einen Ort, an dem er oder die Gesamtsituation vom „Gesetz der Liebe und Einheit“ abgewichen sei. Erst, wenn grundlegende, krankmachende Überzeugungen und Einstellungen im Inneren gefunden und vergangen wären, und der Kranke selbst begänne, seine Lebensweise zu ändern, könne es zu einer Heilung der „Seele“ (oder des Gesamtzusammenhangs) kommen, und damit auch zum Verschwinden der materiell-sichtbaren Symptome. Die Etikoterapie heile nicht. Sie sei „nur“ eine Handreichung im Prozess der Genesung durch sich selbst. Sie unterstütze selbstbestimmtes, spirituelles Wachstum, wenn Menschen Verantwortung für ihr Leben in ihre eigenen Hände nehmen und aus sich selbst gesunden wollen.

Auf seiner Web-Site schreibt er:

„Fünfzehn Jahre lang habe ich als Arzt in einem Krankenhaus gearbeitet. Ich habe operiert und die kranken Körper meiner Mitmenschen mit Methoden der Schulmedizin behandelt. Seit 1990 habe ich gleichzeitig viele Methoden der sogenannten Alternativmedizin ausprobiert. Ich habe sie studiert, praktiziert und allmählich aufgegeben, wobei ich nur das Wesentliche des Wissens beibehalten habe. Ich kam zu dem Schluss, dass die wissenschaftliche Medizin und die meisten alternativen Methoden einen gemeinsamen Nenner haben – die Aktivität des Heilenden und die Passivität des unwissenden Kranken.”

Vogelsang betont eine (meist übersehene) Gemeinsamkeit) universitär-gelehrter Medizin und ihrer neo-schamanistischer Alternativen. In beiden Fällen

  • ist neben (spezifischen) Interventionen auch die Art ihrer (systemischen) Anwendung wirksam.
  • beruhen sie auf jeweiligem „Expert:innen-Wissen“.
  • folgt einer Diagnose (im jeweiligen Krankheitsmodell) eine Therapie aus dem zum Modell passenden Werkzeugkasten: d. h., wer einen Hammer besitzt, sorgt dafür, dass genagelt wird.
  • haben Patient:innen durch „die Heilung“ (oder die Symptomlinderung) nichts gelernt.

Ctibor Bezděk betrachtete (früher als andere im Westen) Menschen als psycho-soma-soziale Einheit, die eingebettet sei in einen größeren pantheistischen Kontext. Er bestritt die Getrenntheit der Dinge und wurde dabei u. a. beeinflusst durch Nikolai Lossky, einen russischen Philosophen, der die Bedeutung der „Intuition“ betonte. Darunter verstand er eine Wissensgrundlage, die weit über das empirische, mathematische und rational Denkbare hinausgehe, und Spiritualität, christliche Religion und Ethik einbeziehe. (Naldoniová 2021)

Der ungarische Psychologe Laszlo Merö nannte „Intuition“ eine Fähigkeit, die Experten von Meistern unterscheide. Beim Schach zum Beispiel rechneten die Experten und versuchten, aus der großen Vielzahl angeeigneten Einzelwissens die Situation zu ihren Gunsten zu verändern. Ein Meister dagegen betrachte den Zusammenhang auf dem Spielfeld, verbinde sich mit der Dynamik des Geschehens und handle intentional aus dem Verstehen des Sinnzusammenhanges und wähle das, was störungsfrei zu dem Gesamtbild passe. (Merö 2002)

Bezděk nahm weiter an, dass es eine Lebenskraft gäbe (in anderen Kulturen Pneuma, Anima oder Seele genannt), die bei der rein materialistischen oder empirischen Betrachtung der Realität ignoriert werde. Daraus entwickelte Bezděk seine Vorstellung, die Welt sei ein organisches Ganzes, und das wissende Subjekt sei eng mit der ganzen Welt verbunden. Ähnlich dem, was die Naturwissenschaft beschreibt.

Das für uns nicht Erkennbare, in dem unsere Realität aufgehoben ist, gilt in der vorherrschenden westeuropäischen Auffassung für viele als nicht existent. Nur das, was uns unsere Sinne und unsere Maschinen über die Welt erzählen, gilt als wahr. Die Realität wird auf das Erkennbare reduziert. Sie ist seelenlos. Angesichts komplexer, lebender Zusammenhänge müssen Patient:innen auf Expertenwissen vertrauen, das ein weit größeres Spektrum an Wissen überblicke, als ihnen das möglich sei.

Demgegenüber behaupten esoterische oder neo-schamanistische Systeme, zu wissen, wie es genau in den Dimensionen des Nicht-Erkennbaren aussähe und sich anfühle. Sie seien daher in der Lage, die Ursachen verborgener Probleme genau zu erkennen und sie durch rituelle Handlungen zu beseitigen.

Die Etikoterapie, deren Renaissance Vogelsang vorschlug, gehe einen anderen Weg. Er glaube, die Unterstützung von Menschen könne heilsam sein, wenn sie ihnen helfe, herauszufinden

  • was ihre einzigartige Natur sei,
  • der Sinn in ihrem Leben, und
  • wie sie Achtsamkeit für sich selbst und ihr Lebensumfeld entwickeln können.

Vogelsang war bewusst, dass er überwiegend in ratlose Gesichter blickte. Die ihn etwas hilflos anschauenden suchten nach klassischen oder alternativen Problemlösungen. Über mein Interesse freute er sich, aber die Verständigung war aufgrund beiderseitig mangelhafter Sprachkenntnisse nicht möglich. Auch sein Buchgeschenk konnte mir nicht vermitteln, was er tatsächlich und praktisch mit seinen Klient:innen und deren Lebensproblem tat, denn Tschechisch kann ich nicht lesen.

Trotzdem beschäftigte mich seine Herangehensweise an die Medizin während der gesamten Rückfahrt aus Prag. Vermutlich, weil ich ihn durch seine Körpersprache und Ausstrahlung als offen, ruhig, bescheiden und authentisch erlebt hatte.

Die Etikoterapie scheint vielleicht dem Ursprung der Medizin zu gleichen, als ein Medico noch als ein Weiser galt, der einen guten Kurs kennt, begleitet, harmonisiert und versöhnt. So wie die frühen Medizin-Philosophen (Celsus Cornelius oder der Autor des Huang Di Nei Jing) forderte er gesunde Verhältnisse und Einstellungen im Einklang aller offensichtlichen und nicht wahrnehmbaren Einflussfaktoren. Die Be-Handlung überließen sie damals den Kräuterheilkundigen, Friseuren und Schamanen, so wie Vogelsang heute den Verschulten oder den Alternativen im Medizinbusiness.

2025 untersuchte eine Arbeitsgruppe um Laszlo Merö, ob es Zusammenhänge gäbe, zwischen fühlender Selbst-Achtsamkeit und Indikatoren für emotionale Belastung oder Wohlbefinden. Höhere Grade von Selbstwahrnehmung waren mit höheren Leveln von Wohlbefinden assoziiert. Und bei dysfunktionaler Selbstwahrnehmung war es umgekehrt. Diese Ergebnisse sprächen für Selbstmitgefühl-Angebote, um Kälte (self-coldness) sich selbst gegenüber zu vermindern, um so Wohlbefinden zu verbessern und Leiden zu verringern.

Das passt zum Grundgedanken der Etikoterapie (so wie ich sie verstanden habe): Heilung erfordert Frieden. Zuerst mit sich selbst, und dann mit allen und allem anderen.

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Literatur

Etikoterapie

Complexity in Health Care:

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Letzte Aktualisierung: 05.11.2025