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Nazis im bürgerlichen Mief

Oskar schreit. In einer Aura bürgerlichen Miefs. Vierzig Jahre später erhielt Günter Grass den Nobelpreis für den Blechtrommler. Für das grandiose Sittengemälde der Zustände, in denen der Faschismus gedeihen konnte. Ideologiefrei, ohne moralischen Zeigefinger oder Heroisierung des Guten.

Der Blechtrommler, Günter-Grass-Haus Lübeck. Bild Jäger 2026

Grass beschreibt innere Zerrissenheit. Er wagt es aber erst 2006, sich zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu bekennen.

Obwohl sein Oskar gegen Verdrängen und Vergessen trommelte. Gegen Scheinheiligkeit, Geschäftemacherei, Doppelmoral. Gegen die ekelerregende Re-Integration der Alt-Nazis in das neue Wirtschaftswunder. So, als sei nichts geschehen.

Erst 2006 bekennt er: „Das musste raus, endlich. … Für mich, da bin ich meiner Erinnerung sicher, war die Waffen-SS zuerst einmal nichts Abschreckendes, sondern eine Eliteeinheit, die immer dort eingesetzt wurde, wo es brenzlig war, und die, wie sich herumsprach, auch die meisten Verluste hatte.“ (Steidl-Verlag 2006, ISBN 3-86521-330-8)

Grass war, wie alle jungen Menschen, zu Begeisterung fähig. Aber warum konnte er den Wahnsinn nicht erkennen, der ihn da einsaugte? Was hinderte ihn daran, sein essenzielles psychisches Trauma zu thematisieren? Warum beschrieb er nur das furchterregende Versagen anderer? So, als sei er nur beobachtend beteiligt gewesen?

Fragen wie diese erinnern mich an meine Auseinandersetzungen mit meinem Vater. Sein passives Mitlaufen konnte ich nicht begreifen. Die „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) machte mir Angst. Vor mir selbst. Denn: Hätte ich anders gehandelt?

Dieser Frage ging, zeitgleich mit Grass, der Japaner Shūsaku Endō nach. In seinem Roman skizzierte er die Psychogramme „normaler“ Krankenschwestern und Ärzte, die in den Irrsinn hineingezogen wurden. Die sich immer mehr verstrickten. Und denen es schließlich nicht mehr gelang, sich aus der Dynamik des Verbrechens herauszulösen. Ursprünglich gut, entwickelten sie sich ganz allmählich zu Psychopathen.

Endō beschuldigte äußere Umstände, Ideologie, Dogma, Fortschrittsglaube, Verpflichtung, Normierung, Kommerz. Ein Gemisch aus Druck, Zwang und gesellschaftlichem Anreiz. Moralisches, ethisches Nachdenken und Handeln, sei angesichts solcher gesellschaftlicher Zwänge nicht möglich:

„Und wenn ich mit solchen Entscheidungen konfrontiert worden wäre? – Wer bin ich schon, um zu sagen, dass ich dann anders gehandelt hätte?“ (Endō Umi to Dokuyaku (海と毒薬), 1958, Übersetzung: Meer und Gift, Berlin 1976)

Ich bin weniger pessimistisch als Endō. Denn Menschen werden als sozial kompetente, zu Liebe fähige Wesen geboren.

Leserbrief RKZ am 24.01.2026 über Nazi-Freundschaften. Zitierte Links: AZ, RP: 23.01.2026. Tagesschau:17.101.2025, BPD 10.10.2024: 10.10.2024. DiRE 17.08.2022: 17.08.2022. Reuters: 27.06.2022. Körne: 13.11.2024. Merkur: 22.03.2024. BMBFSFJ 2024

Massenpsychologische Phänomene entstehen meist (zunächst) sehr langsam, aus kultureller Dynamik. Sie sind beeinflussbar.

Wenn sie frühzeitig erkannt werden. (Agamben 2020, Schrappe 2026)

Deshalb bin ich hellhörig (Leserbrief) und betrachte Möglichkeiten. Sie eröffnen sich gerade dann, wenn „das Meer so groß,
und das Boot so klein“ ist. (Fischergebet, Hokusai Die Woge)

Viktor Frankl sperrte man in ein Vernichtungslager ein. Er überlebte den Irrsinn. Weil er den Sinn gefunden habe, anderen Menschlichkeit zu zeigen. (NDR 02.09.2025)

Der Biologe Humberto Maturana beschrieb etwas Ähnliches:

„… Seltsamerweise entsteht Macht erst durch Gehorsam. Sie ist die Folge eines Akts der Unterwerfung, der von den Entscheidungen und der Struktur desjenigen abhängt, der sich unterwirft. Sie wird jemanden, der als Diktator auftritt, zugestanden, indem man tut, was er möchte. Macht gibt man einem Menschen, um etwas – das eigene Leben, die Freiheit, den Besitz, eine bestimmte Beziehung, den eigenen Arbeitsplatz usw. – zu erhalten, das man sonst verlieren würde. Kurz gesagt lautet meine These: Unterwerfung ist die Ursache, Macht ist die Folge. Wenn ein Diktator oder irgendein Mensch sein Gewehr auf mich anlegt und mich zu einer bestimmten Handlung zwingen will, dann bin ich es, der sich überlegen muss: Möchte ich diesem Menschen Macht geben? Vielleicht ist es für einige Zeit sinnvoll, seinen Forderungen Folge zu leisten, um ihn dann in einem günstigen Moment zu besiegen. …“ (TAZ-Interview Pörksen, 23.04.2001)

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben hätte Frankl und Maturana vermutlich zugestimmt und ergänzt, man solle eine „aufhebende (destituierende) Kraft“ kultivieren:

„… eine Kraft, die die Form einer konstituierten Gewalt schlechterdings nicht annehmen kann. … Revolutionen, Aufstände und neue Verfassungen, sie ist eine Gewalt, die neues Recht durchsetzt. Für die destituierende Kraft müssen völlig andere Strategien ersonnen werden … Wird die Macht nur von der konstituierenden Gewalt umgestürzt, geht sie unweigerlich aus der unausgesetzten, end- und ausweglosen Dialektik von konstituierender und konstituierter, rechtssetzender und rechtswahrender Gewalt in anderer Gestalt wieder hervor. … Ich glaube in der Tat, das Modell des Kampfes, das die politische Einbildungskraft der Moderne paralysiert hat, sollte durch das Modell des Auswegs ersetzt werden.“ (Zeit online, 27.08.2015)

Was könnte er mit Ausweg gemeint haben?

Vielleicht die Möglichkeit, authentisch zu leben. Und sich abzukoppeln von Fremdbestimmung.

Verhielten sich viele oder alle so, verlöre das Zerstörende an Macht.

Giorgio Agamben (quodlibet.it, 02.02.2026): „Per il tramonto dell’Occidente: Come a Napoli a capodanno, buttare tutto dalla finestra. Poi, per strada, raccogliere qualche coccio – i cocci portano fortuna. Il nuovo lo si fa con i cocci del vecchio. – Zum Untergang des Westens: Wie in Neapel zum Neuen Jahr alles aus dem Fenster werfen. Dann auf der Straße ein paar Scherben aufsammeln – Scherben bringen Glück. Das Neue entsteht aus den Scherben des Alten.“

Vollständiger Artikel


Letzte Aktualisierung: 23.02.2026